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Charlie Mariano: Die Saxophon-Nadel im Heuhaufen

Ein Highlight beileibe nicht nur des »Jazzfrühlings in Reutlingen«: Charlie Mariano, der Grandseigneur der europäischen Saxophon-Szene, wurde jetzt im völlig ausverkauften »Foyer U3« von den zu Recht restlos begeisterten Fans frenetisch beklatscht.

Es ist schon nicht selbstverständlich, dass ein 80-jähriger Musiker-Star überhaupt noch auftritt. Ganz selten kommt’s vor, dass solche Konzerte dann – ohne jeglichen Nostalgie-Bonus – zu musikalischen Ereignissen werden.

Dass so ein Glanzlicht dann auch noch in Reutlingen (und auf einer so vergleichsweise kleinen Bühne wie der des »Foyers«) stattfindet, entspricht sozusagen der berühmten Nadel im Heuhaufen. Der »Jazzclub in der Mitte« und das »Nepomuk« haben dieses Konzert mit der Gruppe Nassim möglich gemacht.

Nicht nur die Zuhörer haben sich wohl gefühlt (na klar!), auch Mariano und seine Mitmusiker strahlten. An dem Abend war nämlich außer den Smahi-Brüdern auch Edel-Bassist Dave King mit von der Partie. Er ist sonst unter anderem beim »United Jazz & Rock Ensemble« beschäftigt.

King und Trommler Yahia Smahi harmonierten einfach traumhaft miteinander, wechselten die Stile zwischen Okzident (höchst funkiger Jazz) und Orient (höllisch komplizierte Rhythmik) virtuos wie Schumi die Gänge. Und auf der melodischen Seite warfen sich Mariano, der immer noch wie eh und je gleichermaßen einen starken, höchst expressiven wie gleichzeitig »lyrisch« fragilen Ton besitzt, und Chaouki die solistischen Bälle zu, als ob sie nie was anderes gemacht hätten.

Wer nicht dabei war, aber die entsprechenden, legendären Session-Aufnahmen Rabih Abou-Khalils kennt, weiß ungefähr, wie toll das im Foyer U3 geklungen hat.

Wir sind vermessen genug zu behaupten, dass Mariano, die Smahis und King bei diesem »Jazzfrühling«-Ereignis noch dichter, homogener, abwechslungsreicher und spannender gespielt haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Theaterhaus-Jazztage Stuttgart: Musikalischer Gemischtwarenladen

Die selbst ernannten Gralshüter des »wahren Jazz« mögen Zeter und Mordio schreien – Zeitgeist und mehr noch finanzielle Möglichkeiten der Jazz-Veranstalter sind so, wie sie sind: Auch die renommierten österlichen Jazztage des Stuttgarter Theaterhauses präsentierten sich jetzt, bei der 17. Auflage, als musikalischer Gemischtwarenladen.

Kein durchweg mit Stars gespicktes Programm gab’s diesmal an vier Abenden, sondern eine stilistisch kunterbunte Mischung, die stark auf den europäischen, speziell Stuttgarter Nachwuchs setzte, und im übrigen aus Veranstaltersicht vermeintlich »sichere« Zugnummern präsentierte. Die Reduktion an großen Namen ist nur teilweise gewollt: Weil das SDR-Fernsehen nicht mehr mitproduziert, sind die Kosten für das Theaterhaus enorm gestiegen, zudem scheint das Interesse an dem, was man landläufig unter Jazz versteht, im Moment längst nicht so groß wie vor zehn Jahren.

Vom Publikum immer wieder gern gehört und auch in Stuttgart freundlich empfangen wurde Pianistin Aziza Mustafa Zadeh. Die Musikerin aus Baku (Aserbaidschan) hat seit ihrem spektakulären Erscheinen auf der westeuropäischen Szene nichts von ihrer stilübergreifenden technischen Brillanz verloren. Den Folk ihrer Heimat vermischte sie auch jetzt wieder im Theaterhaus ohne ungewollte Brüche mit Avantgarde und afroamerikanischen Roots. Aber auch hier klang Zadehs Spiel unterkühlt bis unbeteiligt ihr Blues kam garantiert keimfrei daher.

Ganz anders Richard Gallianos Piazzolla-Programm am letzten Abend: Wie auch bei seinem Gastspiel bei den letzten Tübinger Jazz- und Klassik-Tagen verband der französische Akkordeonvirtuose technische Meisterschaft sowie tiefgehendes Piazzolla-Verständnis mit seiner eigenen musikalischen Sprache: Hochspannend.

Eher wie alte Bekannte mögen manchem dagegen Wolfgang Dauner, Charlie Mariano und Dino Saluzzi am Ostersamstag vorgekommen sein. Dieses legendäre Jazz-Trio hat Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre mit dem Live-Mitschnitt »One Night in ’88« und »Pas de Trois« mächtig Furore gemacht – die Scheiben zählen heute zu Klassikern der europäischen Jazzentwicklung, das Konzert vor eineinhalb Jahrzehnten gilt als legendär. Dementsprechend laut war der Jubel über die drei, die anscheinend blindes Verständnis füreinander haben, jetzt wieder. Der Abend mit dem Stuttgarter Pianisten und Theaterhaus-Förderer seit Gründungstagen war aus Sicht der Festivalbesucher sowieso das Glanzlicht. Nicht nur mit dem berühmten Trio, auch im (viel zupackenderen, viel erdigeren) Quintett mit Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, Christof Lauer und Sebastian Haffner war Dauner zu hören: Eine souverän und lässig musizierende All-Star-Riege, die da im Theaterhaus -vermutlich zum Sonderpreis – ein mitreißendes Konzert hinlegte. Solo, das zeigte sich zu Beginn des Abends, reduziert Dauner sein Spiel und die Akzente immer mehr, ein »Vielschwätzer« war Dauner sowohl am Klavier wie auch verbal sowieso nie.

Neben der New Yorker Partyband »Dem Brooklyn Burns« und einem Trio des jungen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson gab’s bei den »17. Internationalen Theaterhaus Jazztagen« alte Bekannte aus der Gegend zu hören: Die Brüder Lorenzo und Franco Petrocca vermischten gekonnt wie immer Italo-Folk mit Jazz, und Drummer Daniel Messina (des öfteren in Reutlingen zu Gast) brachte mit Uli Möck und Frank Kroll argenti-
nisch eingefärbten Jazz.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jazz meets Klassik, JazzOpen Stuttgart 2001: Beliebigkeit im Crossover

Kreuzungsversuche zwischen Jazz und Klassik hat es schon oft gegeben – in den seltensten Fällen kam etwas musikalisch Fruchtbares dabei heraus. Auch die »Jazz meets Klassik«-Nacht unter Bernd Ruf (der ja durchaus einen glänzenden Namen als Klassiker ohne Scheuklappen hat) zum Abschluss der Stuttgarter »Jazzopen« hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. über weite Strecken liefen nämlich beide Musiksparten nebeneinander her – und wirklich spannend war der rund dreistündige Marathon nur selten.

Die »Backing Band«, um’s mal in populärmusikalischen Begriffen zu formulieren, bildeten die Stuttgarter Philharmoniker. Zwischen ihnen, Christof Lauer und dem ersten Jazz-Stargast Randy Brecker brauchte es eine ganze Weile, bis die Chemie stimmte. Vor der Pause, bei einem Stück seines Bruders Michael, brillierte Randy dann zum ersten Mal.

Den Abend sozusagen überstrahlt hat mal wieder Charlie Mariano, der immer noch beeindruckend präsente und energetische Altsaxophonist. Seine Duo-Improvisationen zusammen mit Richie Beirach machten manche Durststrecke wieder wett.

Gregor Hübner – regelmäßiger Gast auf den Jazz-Bühnen der Region – hatte den Bogen zwischen Jazz und Klassik an diesem Abend am besten ‚raus: Nicht nur, dass der Violinspieler wiedermal als exzellenter Techniker und einfallsreicher (Jazz-)Improvisator überzeugte – der bei den »Jazzopen« uraufgeführte erste Satz seines ersten Violinkonzerts verschmolz tatsächlich Elemente von Klassik und Jazz nahtlos.

Im Großen und Ganzen war das Treffen zwischen den Welten aber auch diesmal nur bedingt harmonisch, am besten klang die Musik, wenn sich die Genres nicht vermischten. Und: Der große alte Mann der europäischen Jazz-Szene hat allen anderen mal wieder die Schau gestohlen: Gegen Charlie Mariano wirken selbst Routiniers wie Brecker bemüht
und angestrengt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Charlie Mariano Group: Seelenvoll

Wenn Charlie ruft, strömen die Fans: Beim Gastspiel des Grandseigneurs der europäischen Sax-Szene im Tübinger »Zentrum Zoo« wollten rund 200 Besucher dabei sein. Und natürlich waren das grösstenteils Fans und Kenner, die sich wieder mal – von dem intelligent-seelenvollen Spiel Marianos wie auch seiner hervorragenden Gruppe ziemlich angetan zeigten.

Die Reutlinger haben schon eine Ahnung davon, wie gut die aktuelle Vierer-Formation des musikalisch immer noch höchst agilen Mittsiebzigers zusammen, mit- und untereinander spielt – letztes Jahr waren Charlie Mariano, der deutsche Ausnahme-Bassist Dieter Ilg, Vic Juris an der Gitarre und Schlagzeuger Jeff Hirshfield auf Einladung Tobias Festls im »Maximilian« unter der Achalm zu Gast, lieferten ein Konzert der Spitzenklasse.

Und jetzt das – womöglich identische – »Remake« im »Zoo«? Mitnichten.

Im direkten Vergleich waren die Konzerte in beiden Städten ziemlich unterschiedlich. Waren im »Maximilian« eher verhaltene Spielereien angesagt, gab die »Charlie Mariano Group« im Schleifmühleweg ziemlich Gas. Mag sein, dass der Bandchef äusserlich sehr ruhig, gelassen und auch ein bisschen gesetzter als früher wirkt – sein gleichzeitig sehr kontrolliertes und doch hitziges Spiel mit dem unverkennbaren, nach wie vor ungemein klaren Ton straft alle jene Lügen, die irgendwas von »Schatten der Vergangenheit« murmeln.

Auch Marianos Mitmusiker zeigten sich im »Zoo« wieder von ihrer besten, sehr ausdrucksvollen Seite. Als erster sei da der Freiburger Dieter Ilg genannt, der auf seinem Kontrabass mal leichte Sanglichkeit, mal knurrige, federnde Grooves zeigte – und auch mit seiner breiten Klangpalette ganz wesentlichen Anteil an dem durch und durch souligen Gesamtcharakter des Konzerts hatte.

Die beiden anderen bei der »Charlie Mariano Group« lieferten dasselbe solide Handwerk wie im »Maximilian«. Hirshfields kleine Verzierungen auf den Becken mögen zwar nicht so auffällig sein wie das Soundspektakel von Mariano und Ilg – sie gaben dem Gastspiel aber, wie auch das querköpfige Verständnis der Blues- Harmonik von Vic Juris, zusätzli-
che Würze. (-mpg)

Theaterhaus-Jazztage ’99 Stuttgart: Orient und Okzident

Viele alte Bekannte kamen zu den »15. Theaterhaus-Jazztagen« nach Stuttgart. Juliette Greco, Jan Garbarek und Charlie Mariano mit dem indischen »Karnataka College Of Percussion« wurden von den Fans frenetisch bejubelt. Beim »Stuttgart Jazz Network«abend gaben sich Wolfgang Dauner, Gregor Hübner oder Jörg Reiter ein Stelldichein.

Wie bei (fast) allen bisherigen Festivals gab’s aber auch dieses Jahr frischen Ohrenkitzel – Gratwanderungen zwischen Orient und Okzident diesmal. Die Marokkanerin Safo brachte zeitgenössische arabische Lieder mit traditionell instrumentiertem Orchester – nicht nur, aber ganz besonders für westliche Hörer ein exotisches Hörerlebnis.

Ungewohnt und ungewöhnlich auch das, was Pharaoh Sanders, Weggefährte von John Coltrane und Free-Jazz-Ikone, zur Eröffnung des »Total Global«-Abends hören liess. Der ehemalige Harmonie-Zerpflücker schwelgte geradezu in Zurückgezogenheit, liess seinen beiden algerischen Mitmusikern Chaouki (Oud, Gesang) und Yahi (Percussion) Smahi weitgehend den Vortritt. Sehr ruhig klang diese Bühnenpremiere des Trios.

Bedächtig und wunderbar atmosphärisch tönten nur die ersten zwei Stücke beim Auftritt von Renaud Garcia-Fons. Ansonsten zeigte der französische Bass-Virtuose – manche Jazzfans kennen ihn vielleicht durch seine Zusammenarbeit mit Rabih Abou-Khalil – pure Virtuosität. Garcia-Fons spielt seinen Kontrabass mit der Behendigkeit eines Violinisten, setzt seinen Bogen mit höchst erstaunlicher Kontrolle für groovige perkussive Phrasen ein. Dabei hat der Bassist auch kompositorisch die Nase ziemlich weit vorn. Zusammen mit seiner Oriental Bass Band brachte der Stilwanderer alle möglichen Tempi-, Rhythmus- und Harmoniewechsel in seine suitenartigen Kompositionen: Ein Wechselbad der Musik-Stimmungen, vergleichbar mit der Herangehensweise eines Frank Zappa.

Die gefeierte Klezmer-Truppe »Kol Simcha« – erst kürzlich im Tübinger »Sudhaus« zu erleben – brachte zwar mächtig Stimmung ins »Theaterhaus«, klang aber längst nicht so vielschichtig und abwechslungsreich wie die beiden anderen Acts des Abends. (-mpg)