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Württembergische Philharmonie, 536. Werkkonzert: Philharmonie entdeckt die Filmmusik

Württembergische Philharmonie goes Hollywood: Mit seinem 536. Werkkonzert stellte das Reutlinger Orchester in der gut besuchten Listhalle wieder mal seine Vielseitigkeit unter Beweis. Das Konzert mit »Filmmusik-Highlights« (Programmtitel) unter Bernd Ruf geriet tatsächlich zum glanzvollen Abend – und dass der sich ziemlich dramatisch gestaltete, lag nicht nur (aber natürlich auch) in der Natur der Stoffs, sondern auch an der geschickten Auswahl und der liebevoll-kompetenten Umsetzung durch Ruf und die Philharmonie.

»Aushängeschild« des Programms: der zweite Satz des Mozart’schen Klarinettenkonzerts in A, sattsam bekannt beileibe nicht nur aus Sidney Pollacks Hochglanz-Epos »Jenseits von Afrika«. Uwe Stoffel, der Soloklarinettist der Württembergischen Philharmonie, spielte seinen Part wunderbar zart – mit einem Ansatz, der aus dem Nichts zu kommen schien, und doch pointiert und präzise.

Stichwort Genauigkeit: Die Reutlinger Klassiker zeigten sich auch erstaunlich fit im »fremden« Pop-Revier, wo ja mit der rhythmischen Präzision das Meiste steht und fällt. Die aus heutiger Sicht heiter-nostalgisch anmutenden Sixties-Offbeats des Titelthemas von »Miss Marple« zauberten in die Listhalle überzeugend jenes musikalische Flair, das man gerne mit dem Begriff »Swinging London« assoziiert – und bei der Ouvertüre zu den »Glorreichen Sieben« setzten Ruf und die Philharmonie die zahlreichen Country ’n‘ Western-Zitate ebenfalls ansprechend und voll rhythmischer Spannung (Popfans finden das dann »groovig«) um.

Zwei Stunden lang gab’s Evergreens und Hits. Aus Stanley Kubricks ScienceFiction-Klassiker »2001 – A Space Odyssey«, von Johann Strauß die »Schöne blaue Donau«, nicht weniger schmissig als beim derzeit so beliebten »Walzerkönig« Andre Rieu, und von Richard Strauss die Zarathustra-Fanfare. Witzig, voll Verve und hochdynamisch die Zusammenstellung der griffigsten Melodien moderner Sternen-Kinoepen: Das Medley mit Musik aus »Star Trek«, »E.T.« und vor allem »Star Wars« war – legt man den Applaus des Publikums als Messlatte an – der »Knüller« des Konzerts. Sehr gut gerieten auch die »Themes From James Bond«.

Musikalisch (auch, weil eben noch nicht -zigmal gehört) vielleicht am spannendsten die Suite aus verschiedenen Filmmusik-Takes des aktuellen Horror-Thrillers »Anatomie« mit Franka Potente. Bernd Ruf, der schon in der Vergangenheit (unter anderem als Begleiter von Pop-Barde Chris de Burgh, als Musicaldirigent und auch im Jazzbereich) seine scheuklappenfreie Einstellung zeigte, brachte im Gespräch mit dem anwesenden Komponisten des »Soundtracks«, dem in München lebenden Marius Ruhland, den Besuchern die Arbeitsweise eines Filmmusik-Komponisten näher. Wer hätte schon gewusst, dass da eine Stunde Musik in vier Wochen (!) entstehen muss, dass das Orchester nach erbarmungslos per Computer via Kopfhörer eingespeisten Metronom-»Clicktracks« millisekundengenau auf die Einzelbilder des Films, die »Frames« spielen muss? Mal ganz abgesehen davon, dass »Regisseure einem gerne jede einzelne Note in die Partitur ‚reinreden wollen« (O-Ton Ruhland).

Die Musikausschnitte zu »Anatomie« waren – dem Horror-Genre und der gruseligen Handlung entsprechend – teilweise mit Methode (und musikpsychologischer Raffinesse) bewusst »unschön« komponiert und gegen den Strich gebürstet: Höchst dramatisch, hochinteressant – und für die Orchestermusiker sicher auch eine spieltechnische Herausforderung. Auch diese vergleichsweise schrägen Töne im ansonsten ohrenschmeichelnden Evergreen-Programm bekamen von den Werkkonzert-Besuchern kräftigen Beifall.

 

Jazz meets Klassik, JazzOpen Stuttgart 2001: Beliebigkeit im Crossover

Kreuzungsversuche zwischen Jazz und Klassik hat es schon oft gegeben – in den seltensten Fällen kam etwas musikalisch Fruchtbares dabei heraus. Auch die »Jazz meets Klassik«-Nacht unter Bernd Ruf (der ja durchaus einen glänzenden Namen als Klassiker ohne Scheuklappen hat) zum Abschluss der Stuttgarter »Jazzopen« hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. über weite Strecken liefen nämlich beide Musiksparten nebeneinander her – und wirklich spannend war der rund dreistündige Marathon nur selten.

Die »Backing Band«, um’s mal in populärmusikalischen Begriffen zu formulieren, bildeten die Stuttgarter Philharmoniker. Zwischen ihnen, Christof Lauer und dem ersten Jazz-Stargast Randy Brecker brauchte es eine ganze Weile, bis die Chemie stimmte. Vor der Pause, bei einem Stück seines Bruders Michael, brillierte Randy dann zum ersten Mal.

Den Abend sozusagen überstrahlt hat mal wieder Charlie Mariano, der immer noch beeindruckend präsente und energetische Altsaxophonist. Seine Duo-Improvisationen zusammen mit Richie Beirach machten manche Durststrecke wieder wett.

Gregor Hübner – regelmäßiger Gast auf den Jazz-Bühnen der Region – hatte den Bogen zwischen Jazz und Klassik an diesem Abend am besten ‚raus: Nicht nur, dass der Violinspieler wiedermal als exzellenter Techniker und einfallsreicher (Jazz-)Improvisator überzeugte – der bei den »Jazzopen« uraufgeführte erste Satz seines ersten Violinkonzerts verschmolz tatsächlich Elemente von Klassik und Jazz nahtlos.

Im Großen und Ganzen war das Treffen zwischen den Welten aber auch diesmal nur bedingt harmonisch, am besten klang die Musik, wenn sich die Genres nicht vermischten. Und: Der große alte Mann der europäischen Jazz-Szene hat allen anderen mal wieder die Schau gestohlen: Gegen Charlie Mariano wirken selbst Routiniers wie Brecker bemüht
und angestrengt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Tango Five: Urkomisches Quartett

Begeisterung rundum bei den Besuchern des Tübinger »Sudhauses«: Musikalische wie komisch unterhaltende Qualitäten zeigten die vier von »Tango Five« (ist das schon der erste Witz?) ausgiebig, souverän — und auf hohem Niveau.

»Huhn Madagaskar« heißt das neue Programm der in den Sparten »Ton« und Comedy gleichermaßen begabten Stuttgarter Musiker. Da gab’s Salonmusik und Schlager vergangener Jahrzehnte zu hören, technisch ohne Fehl und Tadel gespielt und gesungen, mit teilweise umwerfendem Witz präsentiert. Oder schwermütig Osteuropäisches, das die »Tango Five«-Mitglieder sinnigerweise auf Bierflaschenkisten sitzend darboten.

Nach dem tiefen Schluck aus der Flasche grölt der eine dann den anderen an: »Es ist so schön, verliebt zu sein« — und als der sich von dem Schock erholt hat, vergreift er sich in der stimmigen Restaurant-Kulisse erstmal an dem Teller mit den Hühnchenschlegeln. Das anschließende Gesangs-Quartett mit berstend vollen Backen ist ein Kunstgenuß der besonderen — und besonders witzigen — Art.

Um musikalische Stilgrenzen kümmern sich Gregor und Veit Hübner (beide gleichermaßen als Jazz- und Klassiker-Musiker bestens bekannt), Bernd Ruf (Dirigent des Kammerorchesters Stuttgart oder auch Begleiter von Chris de Burgh) und der Film- und Theatermusiker Karl Albrecht Fischer einen Dreck.

Locker und atmosphärisch immer stimmig pendeln die vier zwischen (wenig) europäischer »E«-Musik und viel »U«-Tönen aus aller Herren Länder hin und her. Egal ob Tango, italienischer Belcanto, wie er schmalziger kaum vorzustellen ist, südamerikanische Salsa (echt scharf . . .), Jodler oder neugetextete Jazz Standards: Im neuen Programm von »Tango Five« klingt das alles immer weitgehend authentisch und selten angestrengt-bemüht.

Vom besagten Huhn sind — siehe oben – nur noch die Schlegel übrig, als der Gast in diesem Restaurant der »vier original lustigen Ober« am Ende des Programms endlich eintrifft. Sebastian Studnitzky, der Tübinger Jazz-Trompeter für (fast) alle Gelegenheiten, darf sich nach seinem gutgespielten kurzen Musikauftritt setzen, kriegt nix zu essen, dafür aber eine mit einem Solo für mechanische Schreibmaschine erstellte ellenlange Rechnung. Und die Musiker bekommen von dem ziemlich hingerissenen Publikum im ausverkauften großen »Sudhaus«-Saal logischerweise heftigen Applaus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

 

Tango Five: Hinreißende Musik-Komiker

Überaus komisch und witzig, manchmal albern, dann wieder berührend sentimental: Die vier Musik-Komödianten von »Tango Five« (dies ist schon der erste Witz . . .) boten auf Einladung der Landesgirokasse erstklassige Unterhaltung, bunt und turbulent, überaus abwechslungsreich und dabei stellenweise noch von einer musikalischen Tiefe, wie man sie bei Komödianten nur selten antrifft.

Die überragende Qualitäten dieser Künstler haben andere lange vor den begeisterten 150 Besuchern des aktuellen Programms »Der 5. Mann« im Reutlinger Alber-Haus bemerkt:

Vor elf Jahren gegründet, heimste das Quartett aus lauter exzellenten Multi-Instrumentalisten 1991 den Oberschwäbischen Kleinkunstpreis ein, den des Landes ein Jahr später. Und bei der Expo ’92 in Sevilla waren die vier offizielle Botschafter Baden-Württembergs.

Im vierten Programm nahmen Gregor und Veit Hübner, Bernd Ruf und »KAB« Fischer die Zuschauer auf eine hochspannende, manchmal wahnwitzige musikalische Reise mit. In rund dreissig (!) Einzelnummern deckten die vier sowohl klassisch wie auch jazzig Geschulten mit sprühender Spiellaune und Tempo ein verblüffend weites Spektrum verschiedener Stile ab.

Sie tun das so kompetent, daß sie sich sogar erlauben können, den »A-Train« von Duke Ellington zu veralbern. Oder, nachdem die Zuschauer über bayerische Stubenmusi-Parodien gelacht und erfahren haben, warum die »Liebe in der Schweiz ihren ganz besond’ren Reiz« hat, den Schmalz-Schlager »My Bonnie« zur schwülen Nonsens-Nummer zu machen, ohne daß man viel dagegen haben kann.

Zwischen (bitte tief Luft holen) Klavier, Akkordeon, Klarinette, Sopran- und Tenorsaxophon, Bass, Schlagzeug, Geige, Bratsche, Gitarren und allerlei Perkussionsinstrumenten wechseln die vier untereinander und von Stück zu Stück.

Vor der Pause bringen »Tango Five« brasilianisches Flair auf die Bühne, nachher Sirtaki und ein vokal ebenso veritables wie urkomisches Operetten- und Opern-Medley: Einfach klasse. Den fünften Mann hat bei den vieren von »Tango Five« bestimmt keiner vermisst!