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Barrelhouse Jazzband: Oldtime-Jazz

Zum ersten Mal in Bad Urach spielte am Donnerstag Deutschlands beständigste und erfolgreichste Oldtime-Jazzformation. Reutlingen, Stuttgart und den gesamten Raum haben Klarinettist Reimer von Essen und seine Mitmusiker von der Barrelhouse Jazzband im Laufe ihrer fast 50jährigen Karriere schon komplett abgeklappert.

Mit freundlicher Routine führte der abgeklärte Bandleader durchs Programm, das im Wesentlichen aus Perlen der Jazz-Frühzeit, vermischt mit ein paar Neukompositionen der Barrelhouse-Mitglieder im alten Stil bestand.

Und mit in Tausenden von Konzerten eingeübter Routine spulten von Essen, Trompeter Horst Schwarz, Saxophonist Frank Selten, Bassmann Cliff Soden, Drummer Hans Georg Klauer, Jan Luley am Klavier sowie Banjospieler Roman Klöcker ihren technisch hervorragenden, musikalisch authentischen New-Orleans- und Dixieland-Jazz ab.

Nicht nur das instrumentale Können, auch musikwissenschaftliche Akribie hat die schon 1968 zu Ehrenbürgern von New Orleans ernannten Bandmitglieder an die Spitze des Oldtime-Genres gebracht: Mit viel Liebe zum Detail — sowohl was Spieltechniken als auch die Arrangements anbetrifft — setzt die Barrelhouse Jazzband den Jazz-Pionieren gut klingende Denkmäler.

Die gab’s auch jetzt wieder in der locker knapp zur Hälfte gefüllten Bad Uracher Festhalle — allerdings undeutlich: Die Akustik der Halle erwies sich für die Musik denkbar ungeeignet. Von den filigranen Verflechtungen im Bandsound war so gut wie nichts zu hören.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Robert Kreis: Brettl-Kunst

Ein internationaler Star zur Eröffnung der Bad Uracher Kulturtage: Das Gastspiel des niederländischen Entertainers Robert Kreis im Saal des Residenzschlosses war aber beileibe nicht ausverkauft, die Reihen höchstens zur Hälfte gefüllt.

Angesichts des Bekanntheitsgrades des Künstlers, der sich nicht nur in der Praxis bestens mit der Musik der »Roaring Twenties« auskennt, verwunderlich. Aber vielleicht hat ja die steife Atmosphäre im Uracher Schloss potenzielle Kreis-Fans abgeschreckt.

Kreis, wie immer auch optisch mit Frack, Fliege und literweise Pomade auf die 20er »getrimmt«, liess jedenfalls deutlich durchblicken, dass ihm die »wunderschöne Bonbonschachtel«, in der er da auftrat, nicht sonderlich sympathisch war. Urach selbst fand er »ganz hübsch, aber nur vor 20 Uhr, oder…?«.

Egal — Robert Kreis macht »Alles weg’n de Leut«. Den Titel hat er schon ganz am Anfang seiner Karriere gebracht, auch hier in der Region schon. Seine Parodien der verschiedenen Pianisten-Typen kamen jetzt in Bad Urach wieder genauso gut an wie vor mehr als einem Dutzend Jahren, als Kreis im Trochtelfinger »Ochsen« zum ersten Mal hier auf sich aufmerksam machte.

Die Songs und Couplets aus den 20er, 30er und auch 50er Jahren sind zeitlos, »da ist nix mit Nostalgie«, sagt Kreis.

Als Conferencier erzählt er im unterhaltsamen Plauderton, aber mit profundem Wissen von den grossen Liedkomponisten, Textern und Swing-Orchestern vergangener Jahrzehnte — die Zuhörer zeigen sich über die Offenheit mancher Zeilen amüsiert und verblüfft: »Ich bin so scharf auf Erika, wie Columbus auf Amerika« das stammt nicht von einem Rapper, sondern war vor 80 Jahren ein Hit in Berlin.

Stimmlich waren die spritzigen »ollen Kamellen« perfekt präsentiert — und auch auf dem Klavier brachte Kreis viel stimmige (und swingende) »Authentizität«. Abgerundet wurde der vom Publikum begeistert aufgenommene Abend mit witzigen Werbesprüchen aus den 20ern: Schon mal was von den »Entfettungspralines Korpulin« gehört? (-mpg)

Giora Feidman: Auf leisen Sohlen

»Sie denken sicher: Was ist das nur für ein Musikgulasch, das der da vorne zusammenspielt !« – Giora Feidman, der international anerkannte und gerühmte Meister der Klezmer-Klarinette, zeigte sich bei seinem neuerlichen Gastspiel in Bad Urach von seiner humorvollen Seite, war bestens aufgelegt.

Er verkaufte den »nur« rund 350 Zuhörern seine Botschaft nicht nur mit grosser Musikalität und behender Virtuosität, sondern auch verbal: »Wir werden doch nur zur Trennung verschiedener Stile erzogen – letztendlich ist es doch alles immer nur Musik, die wirklich universelle Sprache. Deswegen spiel‘ ich jiddischen Folk und Jazz und Soul und Bach gleich nach Prokofieff . . .«

In der Tat: In seinem Programm »Klezmer Celebration« (das es genau so in den letzten Jahren regelmässig in Reutlingen und Tübingen zu hören gab) mischt der Musiker mit fliessenden Übergängen zwischen den Stücken die »Aria« von Johann Sebastian Bach mit seiner eigenen Bearbeitung des Ravel ’schen »Bolero«, bringt Gershwin mit »Hava Nagila«, indischem Tablageblubbere und den Tango-Finessen Astor Piazzollas zusammen – für jeden quotenbewussten Radio-Programmmacher wäre das zur Zeit ein wahrhaft selbstmörderischer Mix!

Aber wenn Feidman diesen mit seiner grossen Ausdruckspalette auf der Klarinette präsentiert, sind die Zuhörer hin und weg, spenden dem Meister jubelnden Applaus. Das war auch diesmal in der Bad Uracher Festhalle wieder so – und wieder wurden Feidmans Begleiter, obwohl alles andere als schlecht, auch akustisch zu Statisten degradiert.

Bassist Anthony Falanga, Percussion-Mann Bradford Catler sowie der als Ersatz für Freddie Bryant eingesprungene Manny Katz an der Gitarre verblassten neben ihrem auch theatralisch sehr begabten Chef.

Zumal die Abmischung auch bei diesem Feidman-Gastspiel in der Region wieder ziemlich schlampig war und die Hallenverhältnisse ein Übriges dazu beitrugen, dass neben den Klarinettentönen eigentlich nur Soundmatsch zu hören war. (-mpg)

Pippo Pollina: Sanfter Rebell aus Sizilien

Auch zur Abschlußveranstaltung des »forum 22«-Programms zum zehnjährigen Bestehen des Programmkinos kamen nur sehr wenige Besucher ins Zirkuszelt auf dem Sportplatz. Knapp 40 wollten dem sizilianischen Liedermacher Pippo Pollina zuhören. Kommerziell betrachtet floppten alle Konzerte des Kulturfestivals — am besten besucht war da noch der Hip-Hop-Start mit den »Massiven Tönen« im zu drei Vierteln leeren Zelt.

Angesichts der Witterung und der leeren Ränge mag man Pollina verzeihen, daß er und seine dreiköpfige Band — im Vergleich zu anderen Auftritten — in Bad Urach nur mit stark gebremstem Schaum spielten. Aber nicht, was die Lautstärke anbetrifft: Der Pegel hätte ausgereicht, eine 2 000er-Halle zu beschallen — und die Chance, den vier Handvoll Besuchern einen Lieder-Abend in intimer Atmosphäre zu liefern, war vertan.

Der Mittdreißiger aus Palermo, der aus Frust über Mafia, Politik und kulturelle Ignoranz zehn Jahre lang von Luzern aus seine Heimatstadt nur als Tourist betrat, und seine drei Mitstreiter an Baß, Gitarre und Drums bretterten sich von einem 70er-Jahre-Rock-Klischee zum nächsten.

Die »engagierten« Texte des schlaksigen Sängers mit den großen braunen Kulleraugen mögen ja noch so poetisch und feinfühlig angelegt sein — musikalisch Entsprechendes gab’s, bis auf die wenigen Momente, in denen sich Pollina lässig auf dem E-Piano selbst begleitete, nicht.

Statt dessen — allgemein freundlich und von einem Dutzend »Hinterbänklern« ganz frenetisch beklatscht — durchschnittlichen, harmonisch watteweichen Rock-Pop in der Machart, wie man sie generell mit Popmusik italienischer Produktion verbindet.

Spannend klang das nicht gerade und die deutschen Zeilen, die Pollina sporadisch singt, waren — auch wegen der Lautstärke — nur sehr schlecht zu verstehen. Einen Höhepunkt gab’s, als Pollina zunächst hinreißende Rhythmen auf einem Schellen-Tamburin klopfte und danach die ganze Band ein stimmiges Perkussionsgewitter entfachte. Trotzdem war’s letztendlich ein Abend nur für Fans des Sizilianers — und die scheinen in Bad Urach, siehe oben, nicht stark vertreten zu sein. (-mpg)

Shenandoah Conservatory Jazz Ensemble: Recht ansprechend

Heftig Beifall klatschten die rund 220 Zuhörer — überwiegend Schüler im Teenie-Alter — dem »Shenandoah Conservatory Jazz Ensemble«, das am Dienstagabend in der Bad Uracher Festhalle gastierte. Das 18köpfige Ensemble — im Schnitt sind die Musiker um die 20 — ist auf private Vermittlung erneut in Baden-Württemberg zu Gast.

Zu hören gab es ein mehr oder minder klassisches Bigband-Repertoire. Neben ganz alten Titeln aus der Jazz-Gründerzeit spielten die jungen Musiker um Leiter Robert Larson auch solche von Count Basie, Thad Jones oder auch Pat Metheny.

Dabei gelang es den Studenten im grossen und ganzen, recht geschlossen und exakt zu agieren — nur manchmal liefen die Tempi zwischen den verschiedenen Bläsersections und der Rhythmusgruppe auseinander. Auch das Swing-Feeling brachten die Bandmitglieder stellenweise recht ansprechend über die Bühnenrampe.

Der Klang dieser Bigband ist — trotz fünf Trompeten — eher dunkel und weich; vom messerscharfen »Attack« manch einer anderen Bigband ist da nichts zu spüren. Gerade aber bei den lateinamerikanisch beeinflußten Stücken hätten sich Bigband-Vielhörer aber sicher ein wenig mehr rhythmischen »Dampf« gewünscht — und auch Jelly Roll Mortons »Black Bottom Stomp« klang in kleiner Besetzung gar zu zaghaft.

Dafür passte das zurückgenommene Spiel dann wieder hervorragend zu »Schleichern« wie »When I Fall In Love«. Aber egal, ob langsam oder schnell — das »Shenandoah Conservatory Jazz Ensemble« bekam von seinen jungen Fans in der Festhalle in jedem »Betriebszustand« begeisterten Applaus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Gerhard Polt & Biermösl Blos’n: Termiten-Ravioli und Koala-Beinschinken

»Grüss Gott, liebe Kurgäste, ich fass‘ mich kurz, es is‘ nachad ja noch so viel los . . . mir hob’n an Watschentanz und a Tombola« — Gerhard Polt, Satiriker aus Passion und Grantler aus Neigung, begrüsste sein Bad Uracher Publikum mit der »richtigen« Figur. Die eng bestuhlte Festhalle war ausverkauft, als der Kabarettist vom Tegernsee und seine ständigen Begleiter, die »Biermösl Blos’n«, am Dienstagabend auf Einladung des »forum 22« gastierten.

In der Rolle des salbadernden Kur-Bürgermeisters machte sich Polt über solch miefige Orte lustig, wie es Urach sicherlich schon lange keiner mehr ist: »Das Mittelalter war eher ruhig, die Renaissance, das 18. Jahrhundert — alles ruhig, dafür war Bad Hausen quer durch alle Zeiten eine beliebte Viehweide!« Das Heimatmuseum (»donnerstags von 13 bis 14 Uhr geöffnet«) und die kulturellen Errungenschaften streift der Schultes nur kurz — dafür wird ein dreieinhalb Meter hohes Denkmal für Franz-Josef Strauss eingehend erwähnt: »Schliesslich hat der doch hier mal bei der Vorbeifahrt einen Defekt an der Benzinpumpe gehabt.« Gästen, die damit nichts anfangen können, sei »Fresh-air-snapping« oder »Candlelight-Brotzeiting« ans Herz gelegt .

Viel böser wird Polt, als er kleinbürgerliche Kapitalisten-Träume in einer gleichzeitig hinreissenden und — weil sie gar nicht mal so sehr satirisch überhöht erscheint -erschreckenden Parodie eines bajuwarischen Fritten-Brutzlers kumuliert: Am Ende der Szene bekommt der »Bangladeshi«, der vom »Secret Service« verliehen wurde, zwei Mark siebzig Stundenlohn — und der »Unternehmer« kann dann schon verstehen, »warum der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht mehr lohnt«.

Besonders lachen die restlos begeisterten Uracher über jenen altbekannten Poltschen Sketch, wo eine überdrehte Neureiche vom Reisetrip »Essen wie vor zehntausend Jahren« berichtet. »Tafelspitz vom Riesenwaran« gibt’s keinen, »weil ein Zahnarztehepaar das letzte Exemplar gegessen hat«.

Dafür aber »Termiten-Ravioli«, »Beinschinken vom Koalabären« — und natürlich bei den Menschenfressern (»die war’n ganz zivilisiert, sogar a Foto vom Karl Moik hob’ns g’habt«) biologisch unbedenkliches Fleisch, »in der Regel von so Boat-People oder amal an Blauhelm, wenn’r sich verirrt«.

Ob als Vater, der sich über die Lernfaulheit seines Video-zappenden Sohnes aufregt, »wo ich doch die ganze französische Revolution in Schwarzweiss gesehen hab’«, als grantelnder Tennis-Papa, der nach und nach die ganze Fassung und jede Form von Höflichkeit verliert, oder als entschlossen philosophierender Schützen-Vereins-Vorstand (»Wir trinken Bier seit Jahrtausenden aus kultureller Verantwortung«): Polt schaut dem Volk aufs Maul und bringt das Aufgeschnappte dann mit teilweise aberwitzigen Logik-Sprüngen auf die Bühne.

Witzig sind die derben Sprüche und dumpfen Gedanken, weil sie aus dem Kontext des Alltags gerissen sind — eine detailliertere Anleitung zur möglichen Selbsterkenntnis seitens der Zuschauer liefert der bayerische Kabarett-Star aber nicht mit.

Wie immer musikalisch hervorragend aufgelockert — und satirisch zusätzlich gepfeffert — wurden die Verbalsatiren Polts von den drei »Biermösl Blos’n«. Die Multi-Instrumentalisten (Jazz- und Bachtrompete, Flöten, Saxophone, Akkordeon, Gitarre, Tuba, Drehleier und noch mehr) aus Günzelhofen machten sich wieder — wie beim letzten Gastspiel in der Region vor rund eineinhalb Jahren in Tübingen — über Mega-Kanalisation lustig, fledderten respektlos und gekonnt das Gruselkabinett volkstümlicher Musik und brachten die Uracher fast geschlossen zum Schunkeln. Zum Schluss tuteten die Brüder Christoph, Hans Michael Well gar noch in meterlange hörner. Und Gerhard Polt lieferte das Gemuhe dazu… (mpg)

Stefan Hiller Quartett: Virtuos swingend

An Jazz-Maßstäben gemessen, ist er blutjung — und kann doch auf seinem Instrument eine ganze Menge. Stefan Hiller, ein in Bad Urach geborener New Yorker Jazzmusiker, gastierte am Mittwochabend in der Uracher Kreissparkasse. Der Anlaß für das zweistündige Konzert in der alten Heimat: Dem 26jährigen wurde von der Professor-Fischer-Stiftung ein Stipendium zuerkannt. Am überaus renommierten Bostoner »Berklee College Of Music« schloß er sein Studium mit Auszeichnung ab.

Daß der Musiker mehr kann als andere, war auch live zu hören. Trotz der »unjazzigen Atmosphäre« (0-Ton Hiller) in der neonbeleuchteten Kundenhalle der Sparkasse brachten die vier Musiker sehr virtuos und einfühlsam ihre stets swingenden Stimmungen an die rund 80 Konzertbesucher und ließen ein stilistisch breitgefächertes Programm mit ansprechenden und selten leerlaufenden Soli hören.

Charlie Parker, John Coltrane, McCoy Tyner, Herbie Hancock oder Miles Davis nennt Hiller als seine Vorbilder. Was Wunder, daß im Bad Uracher Gastspiel neo-konservative Töne den Schwerpunkt ausmachten. Das Quartett bewegte sich meist in der Tonsprache der Hardhopper, konnte aber auch — wie in einer Hommage an den Gitarristen John Scofield — mit wenig Aufwand dampfenden Funk entwickeln. Besonders intensiv gelang Hiller auf seiner Gibson-Gitarre eine von ihm neu arrangierte Version des Standards »Body And Soul«.

Seine Mitmusiker erwiesen sich ebenbürtig: Besonders auffallend war das kraftvolle und sehr geschmeidige Tenorsax-Spiel von Götz Grünberg — und die extrem sparsame und sehr effektive Rhythmusarbeit von Roland Schneider am minimalistisch ausgestatteten Schlagzeugset im Verbund mit Bassist Remi Vignolo. (mpg)