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Dawna Lee: Tote Hose

Das alte Team der »B27«-Halle gibt’s nicht mehr, statt »DTK Music« hat jetzt ein Gastronom die Hoheit über die Hallenplanung – und Konzerte gibt’s so gut wie keine mehr.

Vorläufiger Höhepunkt der traurigen Entwicklung: Der Reggae-Abend mit der Engländerin Dawna Lee.

Das Konzert – das sich dann als Halbplaybackauftritt entpuppte – war auf Plakaten und der Presse gegenüber für 20 Uhr angekündigt worden. Aber um diese Zeit war niemand da und im Verlauf des in jeder Hinsicht stinklangweiligen Abends kamen in die »B27-Halle«, die ja gut 1300 Fans verkraftet, nur rund 50 Unentwegte.

Dass die dann auch noch fast drei Stunden einen erbärmlich schlechten DJ ertragen mussten, ohne auch nur einen Ton von Lee zu hören, ist eine Frechheit. Aber angesichts des schlechten Besuchs, dass der Konzertveranstalter (von dem in der Szene vorher noch nie was zu hören war) sich zukünftig zurückhält. (mpg)

Deine Lakaien: Gedrechseltes Musik-Pathos

»Back to the Eighties« war das Motto am Donnerstagabend in der Tübinger B27-Halle und das nicht nur musikalisch mit dem Headliner »Deine Lakaien«. Auch optisch schien man in längst vergangene Clubkonzert-Tage gebeamt: Schwarz die Klamotten, schwarz die Haare, die Ringe um die Augen mindestens so dunkel gefärbt wie die Stimmung in der Seele…

Weltschmerz und sorgsam gezüchtete Tristesse lassen sich heute offenbar genauso gut verkaufen wie damals, als Herr Smith noch mit blutroten Lippen überm weissgeschminkten Gesicht verkündete, dass Buben nicht weinen.

»Deine Lakaien« sind seit 15 Jahren im Popbusiness zugange – und irgendwie hat es der kreative »Lakaien« -Kern mit Ernst Horn (halbe Wagenladungen Keyboards…) und Alexander Vejonov (Gesang, wahrhaft wagnerianisch wallend) geschafft, gleichermassen in selbsterklärt avantgardistischen Musik- und Kunstzirkeln anzukommen wie auch beim »gewöhnlichen« Pop-Volk, das ja schliesslich in die Konzerte rennt, Platten und Devotionalien kauft.

In der B27-Halle mögen es gut 500 gewesen sein, die sich – nach einem ätzend gleichförmigen Auftritt des schweizerischen Vor-Duos »Carpe Diem« – den dritten »Lakaien«-Gig der aktuellen »Kasmodiah«-Tour anhörten. Vorbestellt waren noch mehr Karten; der erste Schnee des Winters hielt viele wohl vom Konzert ab.

Sparsame Arrangements sind nach wie vor nicht die Sache von Horn, der einen technischen Gigantismus betreibt, wie man ihn einst nur von »Yes« kannte: Die Staccatti – dezente Erinnerungen an »EBM« -Hoch-Zeiten inklusive – donnern in Jet-Laustärke und Maschinengewehr-Tempo durch die Halle, Flächenakkorde kommen grundsätzlich superfett.

Alex Veljanov hat eine Frisur wie die Figuren auf Mozartkugeln und singt auch barock, will sagen, mit permaneter grosser Gefühlsgeste. Michael Popp an diversen Instrumenten sowie Violinist Chris Komorowski gehen in dem elektronischen Soundgewitter und der narzistisch anmutenden Selbstdarstellung Vejanows fast unter.

Hervorragend bei diesem »Deine Lakaien« -Konzert geriet die Lightshow. Präzisere, synchroner zur Musik abgestimmte Scanner-Fahrten (Scanner heissen computergesteuert bewegten Bühnen-Scheinwerfer) gab’s in der Region bei einem Popkonzert mittlerer Grösse kaum jemals zu sehen. (mpg)

Heinz Rudolf Kunze: Deutscher Rock mit Tiefgang

Udo Lindenberg war was für die Masse – und Westernhagen im Vergleich zu heute ein Geheimtip. Wer als gymnasialer Teenie in den frühen 80-ern einen Soundtrack für den diffusen Weltschmerz im Bauch brauchte, der konnte bei Heinz Rudolf Kunze hängen bleiben. Der frischgebackene Germanist hatte bei dem Medienkonzern WEA einen Vertrag bekommen, eine Debütplatte mit dem durchaus programmatischen Titel »Reine Nervensache« veröffentlicht. »Der Niedermacher« hiess Kunze wegen seiner kritischen, sprachgewaltigen Schärfe damals in der Branche. Die Lieder waren schräg, die Inhalte schrill und verquer gedacht.

Drei Jahre später kam die hinreissend übersetzte deutsche Version des »Kinks«- Klassikes »Lola« – und 1985 wohl Kunzes grösster Hit bis heute: Nach »Dein ist mein ganzes Herz« waren Kunze-Lieder Mainstream-Pop, die Tourneen und Hallen bis zum Beginn der Neunziger ausverkauft.

Liedtexte (knapp 700), Gedichte und Bücher (fünf sind bis heute erschienen) waren bei Kunze immer (mindestens) so wichtig wie die Musik. Kaum einer formulierte souveräner, wortmächtiger und bilderreicher als der metaphernverliebte Liedermacher. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass es in den letzten Jahren ruhiger um das Osnabrücker Multitalent (Musicals wie »Les Miserables« oder »Miss Saigon« hat er auch noch übersetzt . . .) gewesen ist. Gegen die Konkurrenz von Helge Schneider und den »Doofen« kann auch Kunze nicht anstinken. Zumal die Musik von HRK der Originalität seines Wortschaffens hinterherhinkte.

Das hat sich offensichtlich hörbar ganz grundlegend geändert. Bei seinem Tübinger Konzert in der B 27-Halle präsentierte sich Kunze locker wie noch nie im »wilden Süden«, nicht verbissen, sondern spielerisch selbstironisch – und als eigenständiger Rockmusiker, der den Grat zwischen Anspruch und Breitenwirksamkeit sicher entlangwandert. Die manchmal bleierne Textlastigkeit ist einer stimmigen Balance zwischen Wort und Musik, zwischen »Nachdenken« und »Spass haben« gewichen.

Seine »neue« Band, mit der Heinz Rudolf Kunze seit etwa drei Jahren zusammenspielt, hat dem Gesamtkunstwerk HRK nur gut getan. Das merkt man im Tübinger Konzert exemplarisch an der Art und Weise, wie Kunze seine alten Hits spielt.

»Dein ist mein ganzes Herz« hat in der 99-er-Liveversion nichts von dem dicken musikalischen Pathos des Originals: Schnell, zackig, hart und groovig klingt’s in der B27-Halle. Genauso »Finden Sie Mabel« und anderes aus dem Back-Katalog des 42-jährigen Workaholics. Die vielleicht fünfhundert Fans sind’s zufrieden – Kunze darf schon nach einer halben Stunde verschmitzt-zufrieden über die Zuneigung lächeln, die ihm am Neckar entgegenschlägt.

Die neuen Songs vom »Korrekt«-Album sind textlich wieder ziemlich stark (»Du wirst nie zu Hause sein / wenn du keinen Gast, keine Freunde hast / dir fällt nie der Zauber ein, wenn du dich verschliesst, nur dich selber siehst«, heisst’s in »Aller Herren Länder« beispielsweise) – aber die Mudik ist es auch: Der neue Kunze schreibt klassisch schöne, abwechslungsreiche Rock-Stücke (»Nonstop«), zitiert schräg und geschmackvoll Hippie-Epen (»If you’re Going To San Francisco«) und kann mit seiner Band soulig grooven.

Grössten Anteil an dieser Vielseitigkeit hat wohl Gitarrist Heiner Lürig, der seit vielen Jahren mit Kunze zusammenarbeitet. Der Mann wechselt Stilistiken, Rhythmen und Sounds souverän, klingt selten klischeehaft und meistens fetzig-frisch: Klasse!

Für Aufhören sorgte in Tübingen auch der Bassist Raoul Walton sowohl am Kontrabass wie am elektrischen Instrument. Der vorher in Diensten von Westernhagen stehende Musiker lieferte zusammen mit Drummer CC Behrens ein stets federndes Rock-Grundgerüst und phrasierte mit vergleichsweise viel Ausdruck.

Nach eineinhalb Stunden dieser Deutschrock-Edelpackung verabschieden sich HRK und Band – und werden von den treuen Anhängern singend mehrfach wieder auf die Bühne gebeten.

Goethes Erben: Düsteres Pathos

Seltsam ausschauendes Volk hatte sich in der Tübinger B27 -Halle eingefunden: Junge Frauen in hochgeschnürten Korsettagen, mit schwarzen Reifröcken, Turmfrisuren und totenbleich geschminkten Gesichtern standen neben kotelettenbewehrten Jünglingen, die zum Teil aussahen, als ob sie eben noch in einem Piratenfilm mitgewirkt hätten: Es gab düster-bedeutungsschwangeren Rock zwischen Mittelalter und »Electronic Body Music«.

»Goethes Erben« zelebrierten mit viel Pathos und gänzlich unironischer Attitüde ihre düstere Show zwischen Musik und Textrezitation. Man muss wohl Fan sein, um den beim ersten Hören recht wirr wirkenden Inhalten etwas abgewinnen zu können – und auch die Musik in ihrer kontrastreichen Mischung ist schwer gewöhnungsbedürftig.

Gruftige Metalgitarren mischen sich mit stählern klingenden Rythmusmustern aus dem Sequenzer, der stellenweise klingt, als hätten die »EBM«-Pioniere von »Nitzer Ebb« damit herumgespielt.

Wabernde, hallige Klangflächen treffen auf romantisierende Geigen. Für den distanzierten Hörer klingt das ziemlich aufgesetzt, stellenweise mit triefendem Weltschmerz überzogen – und wegen der donnernden Lautstärke zunehmend auch nervend. (-mpg)

Gotthard: Rockfutter für’s Radio

Dass klassischer Hardrock, möge er auch ein wenig aus der Mode sein, in der Region eine starke Fangemeinde hat, weiss man.

Auch jetzt beim Gastspiel der Schweizer von »Gotthard« kamen 850 Besucher in die Tübinger B27-Halle – Publikum queerbeet vom pickligen Kuttenträger bis hin zum gereiften Pop-Mittelalter.

Mit ihrer aktuellen CD »Open«, deren Material im Mittelpunkt des Tübinger Konzerts stand, zeigen sich die Jungs um Sänger Steve Lee von ihrer (bisher) melodischsten Seite.

Auch wenn’s das Saiten-Duo aus Leo Leoni und Mandy Meier live zwischendurch auch ganz schön krachen lässt, klingen Songs wie »Free And Alive« oder »Back To You« dem beinharten Heavy-Fan wie zeitgenössische Automobil-Werbung in den Ohren: In Tübingen boten »Gotthard« letzendlich wenig eigenständiges Radio-Rockfutter.

Aber immerhin, das muss man der Gruppe lassen, handwerklich auf höchstem Niveau. (mpg)

Mundstuhl: Comedy-Kabbeleien

Von Dauer-Studenten zu Comedy-Stars in 1000 Tagen die beiden hessischen Komödianten von »Mundstuhl« haben auf dem Pfad, den »Badesalz« schon Jahre vorher ausgetrampelt haben, zügig den Olymp deutscher Kicher-Lieblinge erklommen.

Zum Start ihrer ausgedehnten Herbst-Tournee gastierten Ande Werner und Lars Niedereichholz jetzt in Tübingen, »den Suburbs von Stuttgart«.

850 Amüsierwillige kamen, die teilbestuhlte B27-Halle war ausverkauft Die beiden von »Mundstuhl« kamen ohne viel Requisiten aus und ernteten allein für die ständigen, selbstverständlich gespielten Kabbeleien zwischen Künstlern viel Gelächter.

Die Tübinger machten bei der »TrashKomik« (»Mundstuhl« über »Mundstuhl«) begeistert mit, lieferten zum »Morgenstund‘ hat Stuhl im Mund«-Song beispielsweise geklatscht den Heavy-Takt. Sie goutierten Mundart-Scherze (»Die Pole schmelzen!« »Nein, die arbeiten für acht Mark schwarz!«) und lachten sich über die »Jugo«-Blödmänner »Dragan« und »Alder« scheckig, die sich in Tübingen ausgiebig über Auto-Tuning unterhalten durften: »Woisch, isch abbe mir Kabrio selbär gmacht, mitta Flexä, korregt, woischdu, eh«… (mpg)

Helge Schneider: Umjubelter Faxenmacher

Der Mann ist eine Humor-Kategorie für sich – an Helge Schneider scheiden sich die Geister. Rund 850 Fans des wohl derzeit bekanntesten deutschen Comedy-Stars schauten sich jetzt das neue Programm »Eiersalat im Rock« in der Tübinger B 27-Halle an.

Bei seinem letzten Abstecher in der Region dirigierte Helge eine Bigband, jetzt hat sich der Faxenmacher – der ja mal ein ganz ernsthafter und erfolgloser Jazzer war  – dem Rock als Parodiegegenstand zugewandt.

Und auch da schafft es der Mann mit der verzottelten 70er-Frisur mühelos, eine mögliche Pointe nach der anderen ins Bodenlose abstürzen zu lassen: Seine Hörer erwarten genau das von ihm, und lachen sich scheckig, wenn Schneider Textzeilen, die einfach nicht zur Musik passen wollen, durch erhöhtes Singtempo ins Arrangement presst. Kostprobe? »Ich arbeite bei der Post / ich sortiere Briefe / ich muss um sechs Uhr da sein / das ist viel zu früh« . . .

Auch diesmal laberte (sorry, anders kann man’s nicht nennen) Helge Schneider – »so, jetzt kann ich mich besser verstehen, obwohl ich mich gar nicht so gerne höre« – wieder ausgiebig zwischen seinen Musiknummern; die improvisiert und zerstreut, ja stellenweise selbstvergessen wirkenden Moderationen sind genauso gegen die Gesetze des Showbiz gebürstet wie die Veralberungen diverser Rockklassiker.

»Warum habt ihr hier eigentlich noch dieses Kopfsteinpflaster, das kann man doch alles platt machen mit Beton, wie anderswo auch«, meint er zu seinen Tübinger Hörern. Seinen Saxofonisten pflaumt er (gespielt) permanent an, hängt auch sonst gerne auf der Bühne den grossen Rockstar raus.

Musikalisch feinsinnig wird der mit Gymnastikhose, leuchtend gelbem Pulli und blassblauem Jackett gekleidete Spassmacher, als er – ausgerechnet – »Hey Joe« von Jimi Hendrix im Country-Stil spielt: grössere Gegensätze lassen sich wohl kaum denken.

Mit den völlig vergurkten Orgien auf dem Wah-Wah-Pedal kurz vorher hat Helge recht witzig Saiten-Poseure auf die Schippe genommen. Und den Rock- Klassiker »Nights In White Satin« auf seine eigene Weise ins Deutsche übertragen: »Nächte in weissen Sachen / sind irgendwie doof / man muss ständig aufpassen / dass man sich nicht bekleckern tut«.

Völlig daneben natürlich auch Schneiders Choreografie. Als er und seine »Firefuckers« den Disco-Sound von anno dazumals veralbern und der Frontmann dazu tanzt, nein: torkelt, ist das Gelächter im Publikum gross.

Später am Abend tönt dann auch noch das »Katzenklo« von der Bühne, von Helge um neue, selbstredend völlig un- oder quersinnige Zeilen erweitert. Viele im Publikum singen mit. Und alle sind wohl mit dem, was Schneider und seine Band in Tübingen von sich ge-
geben haben, hochzufrieden. (-mpg)