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Roxy Music: Comeback mit Kalkül

Die Dinos des British Art Pop sind wieder da – oder besser, in Stuttgart haben »Roxy Music« gezeigt, dass sie noch nicht (ganz) weg vom Fenster sind.

Rund 5 000 hörten in der bestuhlten Schleyerhalle ein durch und durch nostalgisches Konzert, wie eh und je sehr »stylish« durchgeplant – so wie auch der ehemalige Pop-Stilguru Ferry seinen dandyhaften Look ins reifere Alter hinübergerettet hat.

Aber auch beim Comeback zumindest des Kerns jener Gruppe, die in den 70ern Pioniere kunstvoll produzierten Pops und auch des Synthesizer-Einsatzes vereinte, scheint viel Kalkül mit im Spiel zu sein: Eizakt zur Welttournee erscheint eine erneute (überflüssige) »Best-Of«-CD – und angesichts der gelangweilten Zurückhaltung, mit der sich Bryan Ferry (56), Gitarrist Phil Manzanera (50) und Saxophonist Andy Mackay (54) in Stuttgart zeigen, drängt sich der Eindruck auf, dass das Vergnügen auf ihrer Seite begrenzt ist.

18 Jahre liegen zwischen dem Ende von »Roxy Music« und dem aktuellen Comeback. Den lange Zeit wohl wichtigsten Motor der Band, Brian Eno, hat Ferry nicht zur Wiedervereinigung überreden können: Eno, damals wie heute Elektronik-Pionier und Musik-Avantgardist aus Passion, ist mit aktuellen Projekten beschäftigt und hat wahrscheinlich keine Zeit, sich mit dem „alten Kram“ abzugeben.

Dieser alte‘ »Roxy Music«-Kram tönt in der Schleyerhalle schwer topfig und wie hinter einem dicken Vorhang. Die Video- und Lichtregie arbeitete wesentlich besser – auch da ist alles durchgestylt und ziemlich perfektionistisch.

Und die Band spult die Songs, von denen viele vor 20 Jahren glaubten, sie würden zukünftig Kult sein, zwar perfekt, aber völlig undynamisch und vor allem auch unbeteiligt erscheinend herunter: »Ladytron«, »Re-Make« oder auch »Tara« lassen einen, so kunstvoll gedrechselt die Soli auch sein mögen, kalt.

Der »Song For Europe« und »Virginia Plain« und der »Jealous Guy« bereiten schon mehr Vergnügen – wohl auch, weil das Trio hier selbst sichtlich Spaß hat.

Nicht so lustig wirkten die übermäßigen, aber nicht sonderlich inspiriert wirkenden Soli: Sowohl Manzanera wie auch Mackay taten hier definitiv zu viel des Guten – und erstickten egoistisch jeden Ansatz von Musik-Dramaturgie im Keim.

Ein strahlendes Comeback? Mitnichten. Dazu gehören wohl auch neue Songs, die »Roxy Music« nicht zu bieten hat. Ein gelungener Nostalgie-Abend? Vielleicht aber ein bisschen musikalisch glanzvoller hätte der schon ausfallen dürfen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger