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Theaterhaus-Jazztage Stuttgart: Musikalischer Gemischtwarenladen

Die selbst ernannten Gralshüter des »wahren Jazz« mögen Zeter und Mordio schreien – Zeitgeist und mehr noch finanzielle Möglichkeiten der Jazz-Veranstalter sind so, wie sie sind: Auch die renommierten österlichen Jazztage des Stuttgarter Theaterhauses präsentierten sich jetzt, bei der 17. Auflage, als musikalischer Gemischtwarenladen.

Kein durchweg mit Stars gespicktes Programm gab’s diesmal an vier Abenden, sondern eine stilistisch kunterbunte Mischung, die stark auf den europäischen, speziell Stuttgarter Nachwuchs setzte, und im übrigen aus Veranstaltersicht vermeintlich »sichere« Zugnummern präsentierte. Die Reduktion an großen Namen ist nur teilweise gewollt: Weil das SDR-Fernsehen nicht mehr mitproduziert, sind die Kosten für das Theaterhaus enorm gestiegen, zudem scheint das Interesse an dem, was man landläufig unter Jazz versteht, im Moment längst nicht so groß wie vor zehn Jahren.

Vom Publikum immer wieder gern gehört und auch in Stuttgart freundlich empfangen wurde Pianistin Aziza Mustafa Zadeh. Die Musikerin aus Baku (Aserbaidschan) hat seit ihrem spektakulären Erscheinen auf der westeuropäischen Szene nichts von ihrer stilübergreifenden technischen Brillanz verloren. Den Folk ihrer Heimat vermischte sie auch jetzt wieder im Theaterhaus ohne ungewollte Brüche mit Avantgarde und afroamerikanischen Roots. Aber auch hier klang Zadehs Spiel unterkühlt bis unbeteiligt ihr Blues kam garantiert keimfrei daher.

Ganz anders Richard Gallianos Piazzolla-Programm am letzten Abend: Wie auch bei seinem Gastspiel bei den letzten Tübinger Jazz- und Klassik-Tagen verband der französische Akkordeonvirtuose technische Meisterschaft sowie tiefgehendes Piazzolla-Verständnis mit seiner eigenen musikalischen Sprache: Hochspannend.

Eher wie alte Bekannte mögen manchem dagegen Wolfgang Dauner, Charlie Mariano und Dino Saluzzi am Ostersamstag vorgekommen sein. Dieses legendäre Jazz-Trio hat Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre mit dem Live-Mitschnitt »One Night in ’88« und »Pas de Trois« mächtig Furore gemacht – die Scheiben zählen heute zu Klassikern der europäischen Jazzentwicklung, das Konzert vor eineinhalb Jahrzehnten gilt als legendär. Dementsprechend laut war der Jubel über die drei, die anscheinend blindes Verständnis füreinander haben, jetzt wieder. Der Abend mit dem Stuttgarter Pianisten und Theaterhaus-Förderer seit Gründungstagen war aus Sicht der Festivalbesucher sowieso das Glanzlicht. Nicht nur mit dem berühmten Trio, auch im (viel zupackenderen, viel erdigeren) Quintett mit Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, Christof Lauer und Sebastian Haffner war Dauner zu hören: Eine souverän und lässig musizierende All-Star-Riege, die da im Theaterhaus -vermutlich zum Sonderpreis – ein mitreißendes Konzert hinlegte. Solo, das zeigte sich zu Beginn des Abends, reduziert Dauner sein Spiel und die Akzente immer mehr, ein »Vielschwätzer« war Dauner sowohl am Klavier wie auch verbal sowieso nie.

Neben der New Yorker Partyband »Dem Brooklyn Burns« und einem Trio des jungen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson gab’s bei den »17. Internationalen Theaterhaus Jazztagen« alte Bekannte aus der Gegend zu hören: Die Brüder Lorenzo und Franco Petrocca vermischten gekonnt wie immer Italo-Folk mit Jazz, und Drummer Daniel Messina (des öfteren in Reutlingen zu Gast) brachte mit Uli Möck und Frank Kroll argenti-
nisch eingefärbten Jazz.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Albert Mangelsdorff Trio: Alles Stars, alles gut

Es gibt Veranstaltungen, bei denen man schon vorher weiss, dass sie ausverkauft sein werden. So jetzt wieder geschehen bei einem Abend mit Jazzprominenz im Dreierpack im Stuttgarter »Theaterhaus«: Beim Konzert von Albert Mangelsdorff zusammen mit Eberhard Weber und Reto Weber war die Halle zwei bis auf ’s allerletzte Eckchen gefüllt.

»The Trio« nennen sich die drei Jazzstars – sie alle zählen zu den ganz wenigen Europäern, die weltweit enormes Ansehen geniessen – in dieser Formation; »The Art Of The Trio« wäre ein noch viel passenderer Name gewesen.

Posaunist Mangelsdorff, Bassist Eberhard Weber und der Schweizer Trommel-Melodiker Reto Weber führten nämlich alles, was so gemeinhin in theoretischen Jazzabhandlungen über Trios erzählt wird, hochmusikalisch, technisch souverän und spannend in der Praxis vor: Jeder der einzelnen Musiker brachte ureigene Sounds und Spielweisen (die bei Weber mit seinem ätherischen E-Bass-Klang und noch mehr im Fall von Mangelsdorffs Posaune ja längst zu Markenzeichen geworden sind) unter, ohne dass deswegen auch nur ein Chorus Egoismus angesagt gewesen wäre.

Alle drei konnten sich miteinander und alleine improvisierend selbst »verwirklichen« – und trotzdem rutschte keiner in unkontrollierte musikalische Freiheitsgefühle ab.

Und jeder der drei Stars brachte seine Fans zum Jubeln: Bei Eberhard Weber beeindruckte (wieder einmal), mit welch sparsamen Tiefton-Mitteln der Mann hochdramatische Wirkung erzeugt.

Albert Mangelsdorff zeigte sich in diesem »Theaterhaus«-Konzert wieder einmal sehr »erdig«, stellenweise fast bluesmässig. Am meisten Beifall schien Reto Weber zu bekommen: In der Tat hat man solch komplexe Polyrhythmen in rasendem Tempo, teilweise auch noch mit einer darüber gespielten Melodie verziert, im Ländle noch selten hören können.

Die Stuttgarter Jazzfans waren nach fast zweistündiger Konzertdauer völlig aus dem Häuschen und der Beifall war donnernd laut. Zwei Zugaben gab’s von diesem Ausnahme-Trio. (-mpg)

JazzOpen Stuttgart ’98: Stelldichein der Stars

Bis zum letzten Tag der Stuttgarter »Jazz-Open ’98« mussten sich »richtige« Jazzfans gedulden, um ihre Musik zu hören. Dafür gab es am Sonntag dann ein wahres Mammutprogramm — Joachim Ernst Berendt, dem weltweit anerkannten Jazz-Fachautor, Radio-, Fernseh-, Festival- und Plattenmacher zu Ehren und zum 76. Geburtstag, den der topfit wirkende »Jazzpapst« gestern feiern konnte. #

Ziel des diesjährigen Projektabends der »Jazz-Open« war es, wesentliche Stationen der Musik-Streifzüge Berendts in Musikbeispielen auf die Bühne zu bringen. Und das klappte so gut, dass es hoch- und höchstkarätigen Jazz ohne langweilige Durchhänger zu hören gab.

Und natürlich Huldigungen der Jazzstars an Berendt satt. Urszula Dudziak, die in New York lebende polnische Stimmband-Künstlerin, widmete ihm — in Anlehnung an den Standard »Killer Joe« von Benny Golson — ein eigenes Stück: »Das heisst aber Healer Joe, Heiler Joachim«, meinte sie wortspielerisch. Die Zuneigung und Freundschaft von Albert Mangelsdorff, Charlie Mariano oder John McLaughlin zu »J.E.B.« war auf und hinter der Bühne deutlich zu spüren.

Aber dass er von den indischen Maharaj-Brüdern, die Weltruf auch in der lehrenden Vermittlung indischer Musik geniessen, eine »Friedenskette« umgehängt bekam, hat selbst Berendt — an Auszeichnungen und Huldigungen müßte er sich eigentlich gewöhnt haben — überrascht und gerührt.

Begonnen hatte der Abend mit einem ersten, eigentlich viel zu langen Rede-Solo von ZDF-Talker Roger Willemsen. Dem (durchaus fachkundigen) Wortschwall folgten bekannt schlicht-schöne Posaunen-Töne von Albert Mangelsdorff. Unter anderem gab’s den »Wheat Song« inklusive vom Publikum gesungenem Grundton G zu hören.

Charlie Mariano, der freundliche Sax-Star, zeigte sich — beispielsweise im Vergleich zu seinem Reutlinger Konzert vor wenigen Monaten — von einer anderen Seite: Statt Groove-Musik spielt er diesmal höchst expressive, harmonisch recht freie Linien. Sein Duo-Partner bei den »Jazz-Open«, Pianist Joachim Kühn, enttäuschte dagegen eher mit verkopft-artifiziellem Spiel.

Von den 1 600 Zuhörern bejubelt wurde das Quintett um den mit sehr viel Feuer spielenden polnischen Trompeter Robert Majewski. Dessen Interpretation des »Requiem for John Coltrane« des berühmten Krystof Komeda verband technische Raffinesse mit anrührendem emotionalem Ausdruck. Und Urszula Dudziak verzichtete diesmal auf technische Spielereien und setzte gesarnpelte Klangschleifen rhythmisch wie harmonisch gekonnt und ansprechend ein.

Intim, sehr leise und oft meditativ geriet das Duo-Konzert von Trompeter Markus Stockhausen und Jens Zygar — angenehm rockig, neuerdings wieder auf einem elektrisch verstärkten Instrument und mit einer fantastischen Band präsentierte sich Gitarren-Star John McLaughlin. Speziell Power-Drummer Dennis Chambers spielte wieder mal mit beeindruckender Intensität, ohne dabei etwas von seinen enorm vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten zu verlieren.

Das nachhaltigste Hörerlebnis lieferten die indischen Maharaj-Brüder an Tabla, Tambura und Sarod im Verbund mit dem amerikanischen Saxophonisten John Handy. Dieses Konzert knüpfte an die legendären (und stilweisenden) Aufnahmesessions Berendts mit Handy und Ali Akbar Khan aus den 70ern an — und war geprägt von einem ganz und gar unaufdringlichen rhythmischen Ohrenkitzel, und spirituellem Tiefgang. (-mpg)

Theaterhaus-Jazztage Ostern ’98: Watte, Salz und volle Ohren

Jubel (fast) ohne Ende am zweiten und dritten Festivaltag der diesjährigen Oster-Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus — von ganz unterschiedlichen Fans, für ganz unterschiedliche Musik.

Am Samstag kannte die Begeisterung vor allem bei den zahlreich erschienenen algerischen Gästen im da schon fast überfüllten Wangener Kulturzentrum kein Halten mehr — schließlich hatte sich mit Khaled der Superstar Algeriens angesagt.

Diesmal kam der schmächtige Sänger auch wirklich nach Stuttgart. Vor einem Jahr hatten ihn schon die »Jazz-Open«- Macher für ihr Festival in der Liederhalle eingeplant; damals hatte Khaled, dessen Texte zum Teil politisch ziemlich scharf sein sollen, wegen Attentats-Drohungen fundamentalistisch gesinnter Landsleute abgesagt.

Und jetzt gab er, während sich das Kondenswasser an den Wänden sammelte, ein gut zweieinhalbstündiges Konzert. Seine acht Begleiter waren Vollprofis, die im internationalen Vergleich gut bestehen können — ihm selbst, stimmlich eher Durchschnitt, fraß der Großteil des Publikums sozusagen aus der Hand.

Seinen 97er-Hit »Aisha« mußte er nach der stimmungsvollen Einleitung seines Gitarristen und ersten Keyboarders gar nicht groß selbst anstimmen: Das erledigte ein vielstimmiger Publikumschor ziemlich perfekt. Und selbst nach dieser Zugabe war hoch lange nicht Schluß mit dem — nicht nur aus »beinharter« Jazz-Sicht — ziemlich glattgebügelten Arab-Pop: In der zur »Jazz-Lounge« erklärten Halle drei fragte sich so manch ein Besucher während der Wartezeit auf zwei Combos aus der Region, was die watteweichen Harmonien von ebenan denn, bittschön, mit Jazz zu tun hatten . . .

Sowohl das »Patrick Tompert Trio« als auch das Quintett um Klaus Graf und Sebastian Studnitzky lieferten dann vor kleinem Publikum bis weit in den Morgen hinein »richtigen«, eher konventionell gelagerten Jazz — wie bereits aus zahlreichen Clubgastspielen in der Region bekannt in teils verblüffend hoher Qualität.

Schon am Karfreitag lieferten Musiker aus dem »Gäu« kräftig Salz für die Stuttgarter Jazz-Suppe. Fried Dähn und Manfred Kniel überraschten mit ihrer Schrägton-Show sicher auch so manchen Großstädter — nur hatten der Cellist und der Drummer das Pech, zeitgleich gegen eine All-Star-Formation im großen Saal anspielen zu müssen.

In Halle eins blies nämlich Albert Mangelsdorff, Deutschlands wohl bekanntester (und vielleicht auch bester) Posaunist, zusammen mit Jazz-Weltstar Chico Freeman ins Blech. Interessanter als die Horn-Kombination war da schon die dreiköpfige Percussion-Begleitung, die westliche Grooves mit solchen aus Asien und Afrika zusammenbrachte.
Frisch und überraschend klangen auch die Ravel-Bearbeitungen, die der Frankfurter Jazzer zu später Stunde zusammen mit Wolfgang Dauner, Christof Lauer, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner präsentierte. Speziell die letzten drei spielten — wieder mal — ganz hervorragend zusammen.

Das Highlight dieses langen Abends  – der neben der Klasse Mangelsdorffs auch dessen höchst erstaunliche Kondition bewies – gab’s aber mittendrin. Zusammen mit dem Tübinger Ausnahme-Trompeter Claus Stötter spielte der »edler statesman« der deutschen Jazzszene weitgehend frei improvisierte, nicht eben einfache, aber beeindruckend intensive Musik. Da zeigte sich, daß im Schlichten oft die wahre Schönheit liegt — und in der Beschränkung große Kunst.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Mood: Stars zum Label-Geburtstag

Experimente am Geburtstag? Nein Danke! Nette Überraschungen der Gäste nimmt man aber erfreut und dankend entgegen. Genauso war’s auch beim Festabend zum 20jährigen des Stuttgarter/Heidelberger Jazz-Plattenlabels »mood« im restlos ausverkauften Wangener »Theaterhaus«: Neues oder gar Zukunftsweisendes gab es bei dem über vierstündigen Jubiläumskonzert kaum zu hören, aber die zahlreichen Gäste auf der Bühne verblüfften doch mit teilweise ungewöhnlichen Ideen.

Das verquere Zusammenspiel der bayerischen Musik-Satiriker der »Biermösl Blos’n« zusammen mit dem kompletten »United Jazz & Rock Ensemble« ganz zum Schluß empfanden sicher auch die begeisterten Zuhörer als Höhepunkt. Aber auch schon ganz zu Beginn zeigte das erste »mood«-Ensemble in letzter Zeit kaum gehörte Power: Das mag am — wieder mal schier unglaublich vielschichtigen, gnadenlos dichten Power-Drumming von Jon Hiseman gelegen haben. Seine Frau, Saxophonistin Barbara Thompson, hat aber anscheinend auch neue Kraft geschöpft, und Wolfgang Dauner schaute hinter seiner
Flügel/Synthesizer-Kombination auch schon mal gelangweilter und unkonzentrierter drein als am Samstag. Schmunzelnder Kommentar von »Theaterhaus«-Chef und »mood«-Mit-Eigner Werner Schretzmeier: »Jaja, zusammen kriegen sie’s noch hin . . .«
Übertroffen wurde der donnernde Beifall für das »UJ & RE« — dessen Gründer ja auch weitgehend identisch sind mit denen, die hinter »mood« stehen — eigentlich nur noch vom Jubel um Charlie Mariano. Dieser jung wirkende »große alte Mann« des Saxophons hat auch in Stuttgart wieder alle begeistert — daheimgebliebene Reutlinger dürfen sich also auf das jetzt kommende Club-Gastspiel von Charlie und Co. im »Maximilian« freuen.

Den Berichterstatter hat — auch wieder mal — ganz besonders das gut zehnminütige, hochkonzentrierte und musikalisch wunderbar ausgewogene Solo von Albert Mangelsdorff begeistert. Gerade im Kontrast zu dem »Gib’s ihm«-Jazzrock, den er und seine Kumpels vom »UJ & RE« vorher entfesselt hatten, beeindruckte die schöne, ausdrucksstarke Schlichtheit seines Spiels umso mehr.

Zurückgenommen, aber hoch virtuos musizierten danach Jörg Reiter (Piano) und Ack van Rooyen miteinander. Die grosse Kunst van Rooyens drängt sich nicht auf aber wenn er »mal eben« ganz piano einen rasend schnellen, harmonisch nicht einfachen Lauf auf seinem Flügelhorn mit warmem Ton bläst, dann wird klar, daß auch er einer der besten Jazz-Instrumentalisten Europas ist.

Schräg, überraschend groovig und schlichtweg gut das »Modern String Quartett« mit einer Gratwanderung zwischen strenger Barock-Form und den wilden Ideen eines Thelonious Monk oder Coltrane, genauso schräg und gut, wie sie sich auch bei den vielen Auftritten (unter anderem zusammen mit Gerhard Polt) in der Region zeigten, die »Biermösl«-Brüder. Das Geburtstagsfest gelang also — und die Gäste gingen hochzufrieden (und jeder mit einem »mood«-CD-Sampler beschenkt) nach Hause. (-mpg)

Wolfgang Dauner & Albert Mangelsdorff: Hinreißend innig

Es war ein Konzert der Extraklasse: Das Gastspiel von Pianist Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff (Posaune) im Spitalhofsaal geriet zu einem berührenden und mitreißenden Erlebnis. Der gerade 30 Jahre alt gewordene Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« hatte eingeladen — und nach blamabler Vorverkaufs-Resonanz kamen dann doch noch fast 200 Jazzfans. Die ehrenamtlich schuftenden »Mitte«-Leute machten also schon vor dem zweieinhalbstündigen Konzert zufriedene Gesichter.

Beglückt schauten Besucher und Veranstalter am Ende drein: Sie hatten Musik von unerhörter und ungehörter Intensität erlebt, enorm gefühlvolle Musik, die keine und keinen kalt lassen konnte.

Seit 13 Jahren geben der mit Ehrungen und Preisen überhäufte Frankfurter Posaunist (Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, regelmäßig seit mehr als zwei Jahrzehnten zum weltbesten Musiker seines Instruments gewählt) und der Stuttgarter Piano-Hansdampf zusammen Duo-Konzerte. Die beiden sind seit langer Zeit Freunde und verstehen sich prächtig. Wie gut sie miteinander können, zeigten der äußerst bescheiden auftretende Mangelsdorff und sein stets etwas scheu wirkender Kumpel im Reutlinger Gastspiel ohne Worte: Intensiver und konzentrierter mit- und untereinander musizierend haben die Fans der Region das Duo selten erlebt.

Dabei waren die äußeren Bedingungen nicht gerade die besten: Das Klima im nicht klimatisierten Spitalhofsaal verdiente die Bezeichnung »subtropisch«. Mangelsdorff mußte schwer schnaufen und viel Wasser trinken. Dauners Steinway war nach einer Stunde dermaßen verstimmt, daß in der Pause der Klavierstimmer lange schraubte.

Musikalisch kamen diese Widrigkeiten kaum durch: Im zweiten Set waren die Frequenzverhältnisse der schwarzweißen Tasten wieder in Ordnung und Mangelsdorff ging (wieder mal) mit seinem an sich sehr spröden und spieltechnisch »schweren« Instrument um, als sei’s eine Schul-Blockflöte. Manch einem Besucher klappte der Unterkiefer nach unten und blieb dort.

Die ursprünglich mit großer Perkussions-Familie aufgenommene Mangelsdorff-Komposition »Moon at Noon« kam auch in der reduzierten Besetzung mit enormer rhythmischer Spannung daher. Melancholisch anmutend und fast schon romantisch intonierten die heiden den »Wendekreis des Steinbocks« von Dauner — und mit seinem bereits beim Tübinger »Na endlich!«-Gastspiel des »United Jazz & Rock Ensembles« gehörten Gershwin-Prelude zeigte der Pianist, was man aus »altem« Material wunderbar Neues machen kann.

Erdig und rotzig-zupackend klang der »Wheat Song«, harmonisch und melodisch »ahgefahren« Dauners »Yin«. Bevor sich das hochmusikalische Team verabschiedete (und natürlich zu einer Zugabe wieder herheigejubelt wurde), hörten die Besucher einen Jazz-Hit: Die Spitalhof-Ausgabe von Dauners unwiderstehlichem Dauerbrenner »Trans Tanz« fügte den zahlreichen verschiedenen ‚Aufnahmen und Live-Versionen dieses Dauerbrenners eine weitere neue Facette hinzu. Klasse! (mpg)

Wolfgang Dauner & Albert Mangelsdorff: Reise durch Klanglandschaften

Über die beiden zugkräftigen Namen des »Moon at Noon«-Konzerts in der Mensa Wilhelmstraße, veranstaltet vom finanziell angeschlagenen »Club Voltaire«, braucht man eigentlich überhaupt nichts mehr sagen: Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff sind die deutschen Jazzmusiker schlechthin. Beide sind so etwas wie Stars (obwohl sie es sicher nicht sein wollen); beide können sich inzwischen die Wohnung mit den Ehrungen, Prei sen und Auszeichnungen, die sie erhalten haben, tapezieren.

Vor kurzem haben die beiden zusammen mit dem Schlagzeuger Peter Giger und seiner »Family of Percussion« eine vielbeachtete und -gelobte Schallplatte eingespielt.

»Moon at Noon« heißt diese LP, war der Titel des Konzerts und auch der Name des ersten Stücks im Tübinger Gastspiel. Eine Menge Klopfgerät war auf der Bühne aufgebaut: Neben Peter Gigers imposantem Schlagzeugaufbau (er spielte mit doppelter Baßtrommel und gleich einem ganzen Arsenal von Becken) gab es da fast alle bekannten Perkussionsinstrumente zu hören und zu sehen; dazu kamen Instrumente und Sounds, die man in dieser Kombination sonst selten oder gar nicht hören kann.

Die Trommelfraktion setzte sich — neben Giger — aus Tom Nichlas (was für ein Conga-Spieler!) dem für Trilok Gurtu (warum er nicht spielte, blieb sein Geheimnis) gekommenen Tabla-Spieler Peter Szalai und dem Perkussionisten Michael Küttner zusammen. Diese Musiker beherrschten virtuos atemberaubend polyrhythmische Muster und entwickelten eine Dynamik, daß einem manchmal die Kinnlade (staunenderweise, natürlich!) nach unten klappte.

Das Konzertprogramm deckte sich — bis auf ein Stück — mit den Titeln von der Platte. Allerdings ist — die zeitliche Beschränkung fällt weg und das »Feedback« ist auch anders — bei der Live-Präsentation wesentlich mehr Raum für Improvisationen und perkussionistische Kollektiv-Soli Platz. Und das ist in diesem Fall gut so: Dauner und Mangelsdorf waren in Tübingen nämlich gut aufgelegt; man spürte ihre Lust am Spiel deutlich.

Der Stuttgarter Keyboarder ließ diesmal den Synthesizer zu Hause und beschränkte sich aufs E-Piano, dessen Klänge ab und zu mit Effektgeräten geringfügig verändert wurden. Mangelsdorff spielte — was sonst — Posaune; sein einzigartiges mehrstimmiges Spiel (er singt durch die und mit der Posaune; dadurch entstehen die ungewöhnlichsten Obertonkomhinationen) bekam das überwiegend studentische Publikum allerdings nur wenig zu hören. Was die beiden auf ihren Instrumenten machen, gehört zum Besten, was der Jazz heute zu bieten hat.

Die »Roots«, die musikalischen Wurzeln also, kamen — jedenfalls, was die Rhythmik angeht — aus der afrikanischen Ecke. Zusammen mit dem enorm swingenden und gleichzeitig trotzdem sehr erdigen, »groovenden« Spiel ergab sich eine faszinierende Grundlage für die beiden Melodieinstrumente. Was man alles mit Schlaginstrumenten machen kann, wurde nach der Pause deutlich, als »Perkussion pur« angesagt war: Zwei Stücke und 35 Minuten lang wurde ein blubbernde, zirpende, quakende, manchmal beängstigende Klanglandschaft unter Mithilfe von zwei Dutzend Gongs, Schlaghölzern und anderen selten eingesetzten »Selbstklingern« entwickelt. Nach knapp zwei Stunden und einer Zugabe verabschiedeten sich die Musiker. Wenn man von den gelegentlichen stilistischen Ausrutschern des verkrampft wirkenden Küttner absieht, war’s ein rundum tolles Konzert. (mpg)