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AfroBrasil Tübingen 2003: Brasil-Begeisterung pur

Dass Daniela Mercury, der auf der Bühne wieder ungemein präsente Brasil-Superstar, abräumen würde, war schon vorher klar: Am Freitag geriet ihr Auftritt bis weit nach Mitternacht für viele zum Höhepunkt des Festivals, bei ihrer Version von Bob Marleys »No Woman No Cry« zusammen mit Cidade Negra-Sänger Toni Garrido waren die meisten im Publikum hin und weg.

War Daniela Mercurys Auftritt wie gewohnt von sozusagen hochglanzpolierter, entlang von US-Hörgewohnheiten getrimmter Perfektion geprägt, gab’s vorher und auch bei den ersten beiden Bands am Samstag oft aufregend neu scheinende Klangkombinationen und Stil-Fusionen zu hören.

Die Lampironicos – »elektronische Gas-Laternen« – setzten mit einer streckenweise knallharten Mixtur aus afrobrasilianischer Rhythmik, Heavy-Funk und hochmodernen Computer-Samples sowie gekonnter Plattenkratzerei gleich zu Festivalbeginn einen mehr als bemerkenswerten Akzent.

Zum regelrechten Knaller geriet der Auftritt der brasilianischen Reggae-Jungs von Cidade Negra: In ihrer Heimat haben sie bereits Superstar-Status; bei der in Tübingen gezeigten Professionalität und hochmusikalischen Versiertheit dürfte auch eine weltweite Top-Karriere drin sein.

Cidade Negra lieferten ein alles andere als langweiliges Reggae-Konzert, deutlich den »Roots« verhaftet und künstlerisch kein bisschen angestaubt: Kurze Ausflüge zu modernen Reggae-Spielarten integrierten Cidade Negra fließend elegant, brasilianische Rhythmik durchzog, obwohl kaum vordergründig präsent, das ganze Konzert: Denkwürdig!

Geradezu atemberaubend geriet das Konzert des japanischen Multitalents Kazufumi Miyazawa und seiner wirklich außerordentlich guten, extrem vielseitig und dynamisch spielenden Band zusammen mit dem brasilianischen Perkussions-As Marcos Suzano.
Den halben Pop-Kosmos brachten Miyazawa und Co. in ihrer hochkomplexen, dabei für Live-Verhältnisse geradezu bahnbrechend gut klingenden Musik unter, jede Menge Brasil-Pop-Zitate noch dazu – und lieferten ein von vielen bejubeltes, dampfendes Rockkonzert.

Nimmt man noch die ebenfalls alles andere als abgestandenen Forro-Neudefinitionen der jungen Musiker von Falamansa dazu, die’s am frühen Samstagabend zu hören gab, kommt man auf vier alles andere als konventionell spielende Bands. Dieser erfreuliche Mut zum
Ungewohnten, Experimentellen hat aus unserer Sicht dem mittlerweile 18. AfroBrasil-Festival auf dem Tübinger Marktplatz nur gut getan.

Zumal die Fans ganz konventioneller Spielarten der brasilianischen Musik ja auch noch mit den Konzerten der Rodrigues-Musikerfamilie und Terra Samba aus Salvador de Bahia bedient wurden – und zwar alles andere als schlecht: Hier waren es vor allem die vielen Brasilianer im Publikum, die hemmungslos tanzten, schwärmten und bis zum Schluss mitfeierten. (mpg)

 

AfroBrasil Tübingen 2002: Vibrierendes Samba-Beben

Was haben wir nicht schon für tolle Konzerte auf den Tübinger Viva AfroBrasil-Festivals auf dem Marktplatz erleben dürfen: Unvergessen sind die eindrucksvollen Auftritte von Caetano Veloso, Milton Nascimento, Gal Costa, Martinho da Vila, Carlinhos Brown, Gilberto Gil und vielen anderen Ausnahme-Musikern, die weit über Brasilien hinaus etwas zu sagen haben und die globale Musikszene prägen.

Das früher durchaus erfolgreiche Konzept der Veranstalter, auf dem Festival Musik mit künstlerischem Anspruch und Party-Bands zusammen zu bringen, scheint vergessen. Was sich 2001 schon abzeichnete, wurde dieses Jahr konsequent durchgezogen: Fete pur war das Motto – und statt der früheren Kombination aus grossen Namen und hochinteressanten Neuzugängen gab’s diesmal sozusagen weitgehend nur die brasilianischen Ausgaben der Lollies und Konsorten zu hören: Professionell und routiniert gekonnt heruntergespulte Musik ohne viel Anspruch – offensichtlich der richtige
Soundtrack für ein langes Fest und nimmermüde Tanzbegeisterung. –

Der Tübinger Marktplatz füllte sich am Samstag schneller als sonst, obwohl keine der auftretenden Bands hier bekannt ist. Entscheidend für den kommerziellen Erfolg des Festivals, da waren sich die langjährigen Afro-Brasil-Beobachter einig, scheint allein das Wetter zu sein- musikalische Feinheiten sind nicht wichtig und gehen in der Feteneuphorie unter.

Die Banda Papa Uguas mit ihren hübsch anzuschauenden Frontfrauen machte zwar als Aufheizer nette Axe-Musik, hatte aber längst nicht die musikalische Kraft beispielsweise von Timbalada, die ja auch mal als Newcomer ohne Namen in Tübingen auftraten. Die piepsigen Stimmchen der Sängerinnen sind eine detaillierte Beschreibung nicht wert.

Mehr fürs Geld boten da schon die Trommler von Harmonia Do Samba, die mit ihren durchweg zum Tanzen angelegten Songs dem Marktplatz-Publikum am Samstagabend viel Freude machten. Diese jungen Musiker haben zweifelsfrei ein Händchen für eingängige Ohrwürmer.

Musikalisch am ergiebigsten schienen O Rappa. Das Rock-Quintett trat, weil andere Acts ausfielen, am Samstag und am Sonntag auf und gefiel mit einer energischen Mischung aus richtig harter Rockattitüde, Rap, Reggae und eben auch typisch brasilianischen Elementen: Jimi Hendrix‘ »Foxy Lady« klang richtig aufregend in der Version dieser- nur musikalisch – bösen Buben.

Viele Besucher beschwerten sich über die hohe Lautstärke bei dieser Brasil-Crossover-Band: Noch heftiger als O Rappa wummerte es dann bei Zeca Baleiro am frühen Sonntagabend aus den Boxen.

Der Mann – Gal Costa hat ihn vor Jahren bekannt gemacht – kam mit grosser, perkussionistisch vielschichtig besetzter Band und überraschte mit einer energetischen Mischung aus US-Rock und Brasil-Rhythmen, die bei aller Lautstärke eben doch abwechslungs- und farbenreich war: Ein Cellist fügte, mit technisch bedingter Anlaufzeit, leise Zwischentöne ein. Mit einem Auftritt von Fernanda Abreu ging das Afro-Brasil
2002 zu Ende. (mpg)

AfroBrasil Tübingen 2001: Gezähmte Salsa und Brasil-Hits nonstop

In den letzten Jahren hat es sich beim Tübinger »Viva AfroBrasil«-Festival etabliert, mit mindestens einem Konzert über den Brasil-Tellerrand hinaus zu schauen: Diesmal gab’s zum Abschluss der zweitägigen Freiluftveranstaltung auf dem Marktplatz kubanische (Traditions-)Musik: Das »Afro Cuban All Stars«-Orchester unter Juan de Marcos brachte althergebrachte Salsa. Mag schon sein, dass die Truppe einen großen Namen hat, mag auch sein, dass die Musik dieses Konzerts »authentisch« war – sonderlich mitgerissen reagierten aber weder professionelle Festivalbeobachter noch das Publikum.

Dass im direkten Vergleich der Opener vom Sonntag, »Skank«, wesentlich heftigere Reaktionen bei den Fans auslöste als die arrivierten Headliner, wird aber nicht nur an der vergleichsweise laxen und unpräzisen Art, mit der die »Afro Cuban All Stars« ihre »Soße« präsentierten, gelegen haben: Brasil-Fans haben oft ihre Probleme mit kubanischer Musik – und umgekehrt. Auch wenn ein paar aus dem Publikum am Ende des Konzerts – wie vorher beiJorge Ben auch – zum Tänzchen auf die Bühne gebeten wurden, auch wenn die Musiker gegen Ende dann doch noch einen Zahn zulegten – das glanzvolle Abschluss-Highlight oder wenigstens die rauschende Schlussfete gab es nicht.

Da war beim Konzert von Jorge Benjor (besser bekannt als Jorge Ben) vorher schon definitiv mehr los. Kein Wunder: Der Mann mit den.charakteristisch einfachen Gitarrenriffs zu prägnant-mitsingbaren Melodien bestritt sein zweistündiges erneutes Marktplatzkonzert fast ausschließlich mit seinen Hits. Und die kennt in Brasilien wirklich jeder – und auch hierzulande sind Titel wie »Mas Que Nada« weit über Spezialisten-Zirkel hinaus bekannt geworden.

Auffallend aber diesmal die introvertierte Stimmung Benjors: Seine tiefdunkle Sonnenbrille hat er das ganze Konzert über nicht abgenommen und ein wenig gelächelt auch erst, als eine junge Frau aus den ersten Reihen auf der Bühne neben ihm tanzte.

Der Mann, der in der Vergangenheit schon die Tübinger Festival-Massen mit einer Kombination aus geübter Professionalität und verschmitzt-humorvollem Charme erfolgreich in Feststimmung versetzte, schien diesmal die gut gelaunten (aber nicht frenetischen) Publikumsbekundungen der rund 3 000 auf dem Marktplatz zu brauchen, um selbst ein wenig aufzutauen.

Einen halbwegs lockeren und gelösten Eindruck machte Benjor erst am Ende seines Sets – davor huschte er, ohne eine Miene zu verziehen, sein Programm hin. Was mit dem Künstler bei diesem Tübinger Auftritt los war, welche Laus ihm da vorher über die Leber gelaufen war, wissen wir nicht. Fest steht aber, dass Jorge Ben seine »Normalform« beim »Viva AfroBrasil« diesmal nicht erreichte. Vielleicht gibt’s ja bei seinem nächsten Marktplatz-Konzert wieder ein ekstatisches Musikfest.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

AfroBrasil Tübingen 2001: Poppige Brasil-Exotik

Ein Festival, wie es Tübingen schon einige Jahre nicht mehr gehabt hat. Beim »Viva AfroBrasil 2001« am Wochenende war das Wetter nach vielen verregneten Openairausgaben sommerlich warm bis heiss. Und das reichte, um die Fans schon früh am Samstagmittag auf den Marktplatz zu ziehen. 4 000 mögen es da schon gewesen sein – wesentlich mehr als im vergangenen Jahr. Das Open-air scheint mehr denn je überregionale und nationale Bedeutung zu haben — direkt aus der Region Reutlingen/Tübingen dürften die wenigsten Besucher gekommen sein.

Kritisch veranlagte Beobachter mag es schon ein wenig irritieren, dass ausgerechnet die »AfroBrasil«-Veranstaltung, die im 20. Jahr des »Internationalen Tübinger Festivals« als übriggebliebener Rest eines ursprünglich recht umfangreichen Konzertsommers künstlerisch ein (oder mehrere . . .) Ausrufezeichen setzen könnte, dieses Jahr über weite Strecken Volksfest-Charakter hatte.

Aber den Besuchern war die Mischung aus sengender Sonne und poppig-eingängigen bis seicht-belanglosen, manchmal auch gar nur Klischees bedienenden Klängen anscheinend gerade recht: Der Marktplatz war so voll wie schon lange nicht mehr, die allgemeine Stimmung in Tübingens Mitte sommersonnig ausgelassen.

Das Veranstalterteam sollte allerdings darüber nachdenken, ob auf zukünftigen Festivals nicht wieder mehr als drei Gruppen pro Festivaltag präsentiert werden sollten: Der Abwechsung täte es gut.

Zum Festivalstart gab’s diesmal zwar ebenfalls laute, aber längst nicht so überzeugende Töne wie die der Openeracts der vergangenen Jahre. Pedro Luis und seine Gruppe »Parede« machten zwar der »Soundwand«, die sie frei übersetzt als Bandnamen haben, mit kollektivem Gebrettere auf allen vorhandenen Trommeln und Gitarrensaiten alle Ehre – insgesamt musikalisch überzeugend war die rhythmisch reiche (aber nicht eben elegante), melodisch und harmonisch aber eher armselige Vorstellung von Luis und seiner Band nicht. Zu beliebig tönte es da für die Ohren des Tonspions von der Bühne – ein bisschen nach US-Grossstadt-Funk, ein bisschen nach Mainstream-Rock,ein bisschen nach Samba. Die Rap- und HipHop-Fragmente müssen für jemanden, der mit der amerikanischen »Old School« gross geworden ist, problematisch klingen.

Mag sein, dass das alles in Brasilien (wo ja Rock viel mehr Mainstream ist, als der »MPB«-Fan hierzulande glauben mag . . .) momentan als grosse Offenbarung gehandelt wird – nachhaltig in Erinnerung bleiben, wie etwa ein damals vom Newcomer-Charakter her vergleichbarer fantastischer »Daude«-Auftritt vor Jahren, wird das Konzert von „Pedro Luis e a Parede“ nicht.

Beim Auftritt von »Terra Samba«, einer erst wenige Jahre existierenden Formation aus Salvador de Bahia, konnten deutsche Festivalbeobachter wieder mal über den Grad an exaltierter Festfreude staunen, zu dem Brasilianer fähig sind: Zum Teil feierten die vor der Bühne die auf der Bühne wie hierzulande Teenies Michael Jackson.

Auch »Terra Samba« lieferten Fetenmusik pur – die werbemässige Ankündigung im Vorfeld, hier kämen »sonnige Melodien mit einer unwiderstehlichen Melange aus brasilianischen und karibischen Rhythmen« aus den Boxen, hat sich bewahrheitet.

Die Befürchtung, dass sich die Musik womöglich so klischiert anhören könnte wie der oben zitierte Satz, leider auch.

Aber auch hier freudiger Tanztaumel im Publikum, noch mehr beim Superstar der Musica Bahiana, Daniela Mercury: Die Sängerin und Performerin nimmt in der glanzvollen Reihe jener »MPB«-Stars, die schon in Tübingen aufgetreten sind, eigentlich nur einen mittleren Rang ein – was ist schon eine Mercury gegen eine Gal Costa oder, noch unterschiedlicher im Vergleich, gegen einen Caetano Veloso?

Aber mit ihrem gleichermassen glanzvoll-eleganten wie »amerikanisch« showmässig durchgestylten Auftritt bot Mercury das Highlight des ersten Festivaltages. Der Auftritt klang nicht viel anders als die vergangenen, das neue Material Mercurys mag noch ein wenig perfekter produziert sein als ältere Songs: Danielas Auftritt war in der lauen Tübinger Sommernacht – weil wesentlich abwechslungsreicher, spannender, musikalisch ausgereifter – nach den beiden anderen eine Wohltat.

Schräg auch der Opener-Auftritt von »Skank« am Sonntag: Wohl selten hat beim Tübinger Festival eine Gruppe dermassen rockig gespielt: Die acht Musiker liessen es auf gut Musikerdeutsch krachen, lieferten einen lauten, aber auch hier wieder etwas beliebigen Soundtrack, in dem Brasilianisches nur eine untergeordnete Rolle spielte: Rock, Reggae und Funk waren die Hauptelemente. Mit Auftritten von Jorge Benjor und den »AfroCuban Allstars« ging das Festival zu Ende. (mpg)

AfroBrasil Tübingen 2000: Seelenverwandschaft

Seelenverwandtschaft: Superstar Elba Ramalho war schon vier Mal beim Tübinger Festival und wird auch gerne wiederkommen: »Ich spüre ganz tief in meiner Seele eine grosse Verwandtschaft zu Deutschland und speziell Tübingen. Hier fühle ich mich zuhause und das geht mir auf Konzertreisen wirklich nicht oft so«, meinte die Sängerin.

Kinder, Kinder, Kinder: Auf kaum einem Festival springen dermassen viele Kids im Publikum herum wie beim Afro-Brasil. Sehr zur Freude des Weltklasse-Perkussionisten Nana Vasconcelos. Der in New York lebende Star, der in Brasilien ein eigenes Projekt zur Unterstützung von Strassenkindern ins Leben gerufen hat, interessierte sich beim Interviewtermin kaum für die Fragen der Reporter. Stattdessen gab er mit kindlichem Vergnügen den Clown für einen vielleicht sechsmonatigen Säugling ab. Das Baby quittierte die Spässe des Stars mit Lachen und begeistert wedelnden Armen.

Hilfsbereit bis zur Erschöpfung: Elisabeth Maria Corsetti war am Wochenende überall. Nicht nur, dass sie einen höchst persönlichen Draht zu den Künstlern hatte, der stets freundlichen und hilfsbereiten künstlerischen Leiterin des Festivals riss auch nach der x-ten dummen Frage nicht der Geduldsfaden. Selbst dann nicht, als ihr ein sich unverschämt egozentrisch gebärdender junger Mitarbeiter des TV-Senders arte die Antworten auf seine inkompetenten Fragen gleich mit diktieren wollte.

Resümee: »Glück im Unglück«, so formulierte es Festival-Chef Winfried Kast, haben die Macher des »Afro-Brasil 2000« gehabt. Trotz der schlechten Wettervorhersage kamen insgesamt rund 4000 Besucher. Das ist zwar rund ein Drittel weniger als 1999 – aber die Zukunft des Festivals sei dadurch trotzdem nicht gefährdet, so Kast. »Wir haben unser ehrgeiziges Ziel, auch einen ganz anderen Bereich der brasilianischen Musik zu präsentieren und ein neues Mass an Etablierung erreicht.« Samba sei ein wichtiger unverzichtbarer Bestandteil. Besonders freute sich Kast darüber, dass diesmal alle Künstler des »Afro-Brasil 2000« mit Ausnahme der »Banda Eva« exklusiv in Deutschland auftraten. Auch organisatorisch hat diesmal alles wie am Schnürchen geklappt. Das fast schon gewohnte Chaos hinter der Bühne blieb aus. (-mpg)

Celia Cruz: Salsa-Fieber

Vorher war es ein Wagnis, hinterher ein krönender Abschluss des Tübinger »VivaAfro-Brasil«: Celia Cruz, die »grande dame« kubanischer Salsa, wurde von den Fans begeistert empfangen.

Dabei stehen Brasilianer —und die stellten am Wochenende auf dem Tübinger Marktplatz die Mehrheit – gar nicht sonderlich auf Salsa. Genauer gesagt, es scheint da im Publikum oft eine kollektive Abneigung der beiden Latin-Lager zu geben: Zu Salsa-Konzerten kommen keine Brasil-Fans, und umgekehrt.

Am Sonntagabend war alles anders. Brasilianer, Kubaner und Salsa-Liebhaber anderer Nationen tanzten einmütig zu den feurigen Rhythmen der exzellenten Band um Jose Alberto, und gejubelt haben sie alle, als Celia Cruz dann mit einem wahren Wischmop von Frisur auf die Bühne kam.

Vorher gab’s aber gut eine Stunde lang die Bigband von »El Canario«, wie der Sänger und Bandleader Alberto sich gern rufen lässt, zu hören. Das war aber beileibe kein musikalischer Füllstoff: Besonders die Rhythmus-Sektion des Salsa-Stars aus Santo Domingo hatte es in sich, spielte eng verzahnte und höllisch verzwickte Grooves mit augenscheinlicher Leichtigkeit.

Der Chef selbst sang sich trotz erdrückend schwüler Witterung die Seele aus dem Leib und bekam von den Tübingern begeisterten Applaus.

Cruz regierte dann das Fanvolk mit selbstverständlicher Souveränität. Aus der Entfernung ist kaum zu glauben, dass die in den 60ern nach New York ausgewanderte Diva die 75 wahrscheinlich (Cruz‘ genaues Alter ist nicht bekannt) schon längst überschritten hat: Celia sprüht nur so vor Energie und Vitalität, deutet nicht nur Schritte an, sondern tanzt sichtlich angetan von der besonderen Atmospäre auf dem Platz zur Musik.

Ihre Stimme ist einmalig: »Schön« wäre, wenn man europäischen Belcanto-Massstab anlegt, der falsche Begriff: Die Cruz gurgelt und gurrt, seufzt und schmachtet, ihre Stimme hebt sich auch noch in Tutti-Passagen von der Band ab, ohne dass der Tonmischer nachregelt.

Vermutlich hätte Celia in Tübingen ihren Zuhörern auch ein Telefonbuch vorsingen können, und vermutlich wäre auch das eine spannende Vorstellung geworden. Dieses Konzert geriet zum Ausnahme-Erlebnis. (-mpg)

Milton Nascimento: Stimmwunder

Die Zuschauer beim Tübinger Afro-Brasil 1996 ließen sich 75 Minuten von der einmaligen Stimme und der absolut fesselnden Ausstrahlung des Übervaters der brasilianischen Musikszene begeistern.

Von dem Moment an, wo Milton Nascimento und seine langjährigen, schlichtweg in jeder Hinsicht perfekten Mitmusiker auf die Bühne kamen, war das Wetter Nebensache. Selbst der Berichterstatter hat erst hinterher gemerkt, dass er patschnaß geregnet worden war.

Das »Amigo«-Projekt, das Milton jetzt bei seinem zweiten Tübinger Konzert (1988 war er schon mal da; damals im Schloßhof) vorstellte, wäre schon ohne das Charisma des vor allem von US-Jazzern wie Wayne Shorter oder Herbie Hancock hochgelobten Stars aus dem Bundesstaat Minas Gerais in der Tat einmalig gewesen. Einmalig als Musikereignis im deutschen Sprachraum (sonst nur in Montreux und London zu hören) — und einmalig, was die Musikalität der Mitwirkenden anbetrifft.

Milton brachte nämlich zwei Kinder- und Jugendchöre mit, die seine Lieder — in Tübingen brachte er im wesentlichen eine »Best of«-Auswahl bereits von ihm geschriebener und gesungener Titel — mit grosser Konzentration und dabei doch oft kindlicher Freude mitsangen.

Mit der Live-Platte gleichen Projektnamens, die Nascimento schon Ende 1994 in Belo Horizonte hat mitschneiden lassen, war das Tübinger Konzert nur bedingt zu vergleichen.

Milton brachte in Tübingen mehr Bekanntes — und außerdem konnte er das riesige Streichorchester, das auf der CD für schillernde Tonfärbungen im Sinne der klassischen Romantik sorgt, natürlich nicht mit auf seine Welttournee nehmen.

Deswegen standen musikalisch neben ihm selbst die Kinder im Mittelpunkt. Und wie so oft, wenn strahlend helle Kinderstimmen erklingen, gingen den Zuhörern schier die Herzen über. So begeistert und hingerissen wie dieses Publikum hat in Tübingen schon lange keines mehr applaudieren (können).

Milton — der als eher kühler und distanzierter Charakter gilt — genoss das Ganze sichtlich, trieb mit bubenhaft verschmitzt lächelndem Gesichtsausdruck versteckte Scherze mit Dreikäsehochs aus dem Chor, tanzte zwischendrin ausgelassen und wurde nicht müde, seine begeisternd virtuos und ungemein sensibel spielenden Mitmusiker zu loben.

»Ganz schön kurz«, mag einer zur Konzertdauer sagen, der nicht dabei war.

Die Zuhörer auf dem Marktplatz haben am Sonntagabend aber am eigenen Leib erfahren, daß Qualität (im »Wirklichen Leben« wie in der Kunst) vor Quantität geht — fünf Minuten Nascimento machen die kompletten Pop-Hitparaden vergessen.

Und den Tübinger Festivalgästen ist es so ergangen wie den vielen Verehrern des Weltstars zu Hause in Brasilien: Nascimentos Stimme und seine atemberaubenden Kompositionen lassen den Alltag vergessen. (mpg)