Extrapolation: Sehr schwarz

Joachim Ernst Berendt, der bekannte Jazzexperte, sagte einmal, der europäische Jazzer habe Bereiche gefunden, die in Amerika noch weitgehend unbekannt sei en und den europäischen Jazz endlich auf eigene Füße stellen würden.

Der Gruppe »Extrapolation«, die am Samstag abend in der »zelle« spielte, gelang diese Profilierung recht mühelos. Die vier Musiker, darunter Rudolf Schäfer an verschiedenen Saxophonen und der überraschend gute Frank Thalhofer an der Gitarre, mischten Hard Bop, New Jazz und Rockjazz überzeugend zu einer neuen Musik.

Viele europäische, besonders deutsche Jazzrockformationen klingen bei aller Traditionsbewußtheit doch sehr glatt; es gibt zwischen den Musikern kaum Reibungspunkte. Das »United Jazz & Rock Ensemble« ist eine der wenigen Ausnahmen; »Extrapolation« geht in dieselbe Ribhtung.

In der »zelle« spielte die Gruppe sowohl eigene Kompositionen, wie auch Stücke von McLaughlin oder Hans Koller. Immer aber wurde aus den Stücken ein spannendes Erlebnis. Rudolf Schäfer begann zusammen mit der Gitarre ein Thema, von dem die Musiker sich immer weiter entfernten, um dann irgendwann wieder zu einer Linie zusammenzufinden. Die eigenen Stücke der Gruppe waren allesamt sehr gefühlvoll und sanft. Schlagzeuger Marc Feigenspan, der an Al Foster von der Miles Davis Group erinnerte, sorgte allerdings zusammen mit Joachim Fritz am Bass für energiegeladene und sehr funkige Zwischenspiele.

Das Publikum konnte mit den Klängen anscheinend nur bedingt etwas anfangen: Anders war der relativ hohe Geräuschpegel unter den Besuchern kaum zu erklären. Es gibt halt in Reutlingen viel zu wenig Auftrittsmöglichkeiten für Amateure — da kann ein Publikum mit geschulten Ohren dann auch nicht vorausgesetzt werden. Obwohl »Extrapolation« eine Reutlinger Gruppe ist, spielt sie mehr im Grossraum Stuttgart. Rudolf Schäfer: »Mehr als zwei oder drei Auftritte in Reutlingen pro Jahr sind nicht drin.« (mpg)

Preddy Show Company: Glamour und Geschichte in der »zelle«

Die Formulierung im Presse-Info der „Preddy Show Company“war ausnahmsweise mal keine Übertreibung: Es war in der Tat ein »komisch-verrücktes Musikspekakel«, das die Berliner Truppe am Wochenende in der »zelle« aufführte.

Komisch waren die Urmenschen mit Walkmen, die zu »Trio«-Klängen tanzten und Werbung für einen Elektrorasierer machten.

Komisch war auch die Neandertalerin, die mit müdem BliCk den Boden fegte und dazu perfekt lippensynchron »das bißchen Haushalt« mimte.

Verrückt war die Kleopatra mit ihrem Diener und deren gegenseitiger Zuneigung, als sie »Zeig mir bei Nacht die Sterne« sangen. Die Liebe fand ein Ende, weil der Pharao erschien: Die ägyptische Königin sattelte schnell um und intonierte »Neue Männer braucht das Land«.

Der Hebel der Zeitmaschine wurde vorgedreht und schon fand man sich im Märchenland wieder. Dort erschien Rotkäppchen und hatte nichts besseres vor, als ein Lied über eine beträchtliche Anzahl Luftballons des Frl. Kerner, auch Nena genannt, zum besten zu geben.

Das arme Kind würde dann von einem Punk zu einer »Zweierkiste« überredet. Las Vegas und Paris ließen grüßen: »Mr. Bojangles« war da, auch ein paar »Strangers in the Night«, eine irgendwie bekannt erscheinende Blondine versprach »Diamonds are the girls‘ best friends«.

Nach der sehr langen Pause ging’s auf den Mond, auf dem die Welt auch nicht in Ordnung war: Haarspray hier, Facelifting da, Jugendkult überall. Der Traum war jäh zu Ende, als die »Preddy Show Company« ihre letzte Nummer begann: Atombombenopfer schleppten sich zu Klängen von Laurie Anderson auf die Bühne, eine Leuchtschrift blinkte auf: Game over — plötzlich waren alle wieder im Neandertal.

Zwei Stunden gutgemachte Unterhaltung, mit kritischen Untertönen, immer seicht, aber niemals peinlich — es war eine gelungene Show.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 25. September 1985

Trochtelfinger Festival am See ’85: Jazzrockgewitter

Eine neuerliche Auflage des gerade zu Ende gegangenen Festivals am Lauchert-See ist für den Trochtelfinger Verein für Kulturarbeit keine Frage. Nur ein deftiges Minus beim dreitägigen Musikmarathon hätte den Verein daran hindern können, sich Gedanken über ein 7. Trochtelfinger Festival am See zu machen. Etwa 4 000 Besucher waren für die Deckung der Unkosten nötig, rund 5 000 zählten die Organisatoren schließlich an den drei Festivaltagen. Am Sonntagabend lockte nochmals ein Doppelkonzert 1 200 Besucher in das große Zelt. Rolf Schwörer endeckte bei seinem Mitstreitern am Montag gerazu ein Glücksgefühl darüber, daß alles so gut gelaufen ist.

Die Augen von so manchem harten Festivalfan hatten schon schwarze Ränder, als die »Fisherman’s Walkband« die Bühne besetzte. Dennoch hatten die Stuttgarter keine Probleme mit dem Publikum. Bereits nach zwei Stücken waren die Leute »auf Hundert« und tanzten ausgelassen. Kein Wunder, die Fishermänner machten Musik, die sich südlich und östlich angehauchten Melodien auf der Grundlage meist lateinamerikanischer Perkussion zusammensetzte.

Die Gruppe verarbeitet mit Vorliebe neue und traditionelle Musikformen, lässt Einflüsse aus Indien und der Türkei zu, und beherrscht auch die Stilformen des britischen Rocks. Sie  bot ein kompaktes Können, jeder einzelne Musiker beherrschte sein Instrument, diente dem Zusammenspiel ohne große Solo-Allüren. Allenfalls Peter Schick an der Gitarre und Keyboarder Willi Keller waren noch besser als ihre schon sehr guten Mitmusiker. Das Publikum nahm die Spielfreude dankbar auf und forderte die Stuttgarter mehrfach zurück auf die Bühne.

Jan Akkerman, neben Alvin Lee der Star des Festivals, kam mit kleiner Besetzung nach Trochtelfingen. Nur von Bass und Schlagzeug begleitet, ließ er ein zweistündiges, stellenweise ohrenhetäubendes Jazzrockgewitter am See aufziehen. Von Funk über den Blues bis zu manchmal avantgardistischen Klängen beherrschte die Band die Palette musikalischer -Ausdrucksmöglichkeiten und Stile beinahe mühelos. Besonders der Bassist begeisterte durch rasend schnelle Funk-Läufe und durch seinen Kontakt zum Publikum.

Jan Akkerman demonstrierte eindrucksvoll den heutigen Stand der Musikelektronik: Er spielte ausschließlich auf einem Gitarrensynthesizer, der es ihm ermöglichte, Gitarrenklänge mit Synthesizerakkorden zu verschmelzen. Allerdings gab’s bei soviel Technik prompt Probleme: Bei der ersten der insgesamt fünf Zugaben versagte das schmucke Gerät völlig, nachdem es zuvor schon laut gebrummt hatte. Diese wideispenstige Technik zusammen mit der nicht sehr differenzierten Abmischung schmälerten das ansonsten ausgezeichnete Akkerman-Konzert etwas.

Für den Verein in Trochtelfingen ist das Festival indes noch nicht vorbei. So, wie sie schon Wochen vor dem Fest für die späteren Besucher unsichtbar werkelten, müssen sie auch nach dem Abzug der Musikfans noch Hand anlegen. Am Montag wurde das Festivalgelände aufgeräumt. Zwar haben sie alle erst einmal die Nase voll, aber Rolf Schwörer ist sich sicher, daß sich das schnell wieder legt: »Es ist dieses Jahr so gut gelaufen, daß über ein 7. Auflage des Festivals kaum Zweifel besteht.« Die Gruppen waren mit Organisation und Stimmung hochzufrieden, Zwischenfälle gab es kaum welche, und mit dem selbstgebasteltem Feuerwerk nach dem Akkerman-Konzert fand das Festival einen funkensprühenden Abschluß. (mpg)

Eva Michels und Rita Zimmermann: Mitreissende Kleinkunst

E(va)riationen mit Heide Michels und Rita Zimmermann beim Kabarett-Abend in der „Zelle“ Reutlingen: Es ging – logisch – um Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern, Freundin und Freundin, Frau und Mann, Emanzipierten und Resignierten. Alles das und mehr nahmen die beiden liebevoll und manchmal auch bissig karikierend kritisch unter die Lupe.

Die Musik Rita Zimmermanns, realisiert auf E-Piano, Synthesizer und Akkordeon, begleitete einfallsreich und passend Texte von Kreisler, Brecht, Hollaender, Kästner, Morgenstern und anderen. Spielszenen unter der Regie von Heide Michels verdeutlichten und unterstützten Text und Musik optisch.

Ob sie nun den seligen Schmalz des Schlagers der fünfziger Jahre (»Mutti, du darfst doch nicht weinen!«) auf die Schippe‘ nahmen oder das Eifersuchtsduett von Bertold Brecht anstimmten; ob sie von einer Frau sangen, die Gäste zum Kaffeklatsch einlädt, um sie dann genüsslich ihren Tigern zum Nachtisch vorzusetzen (»Tigerfest« von Georg Kreisler), oder von einer Haushaltshilfe, die auf originelle Weise den Dienstanweisungen ihrer Herrschaft gerecht wird (»Cäcilie« von Christian Morgenstern) – die beiden »Kleinkünstler« zeigten mit minimalen
und wenigen Requisiten große Kunst und trafen immer genau den Punkt, auf den es ankam.

Dass bei ihrer Vorstellung nicht immer alles perfekt klappte – die Requisiten spielten bisweilen nicht richtig mit -, machte ihnen und dem Publikum nichts aus. Im Gegenteil: die witzigen und spontanen Bemerkungen der beiden Akteure reizten erst recht zum Lachen. Sei’s drum, Heide Michels und Rita Zimmermann zeigten mit ihren »E(va)riationen«, dass man das Thema Frau/Mann oder Frau/Frau nicht immer todernst angehen muss, um auf Misstände aufmerksam zu machen. Lachend erkennt man manchmal besser.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. April 1985

Fritz Brause: Funk-Pop aus dem Pott

Die »zelle« war voll wie schon lange nicht mehr: dem Konzert von »Fritz Brause«, das sind sechs Musiker aus Bochum, die schon einmal in Reutlingen gespielt haben, brachte man großes Interesse entgegen. Mit Recht. Was Klaus Urhan (Schlagzeug), Martin Sander (Posaune), Klaus Bernatzki (Tenorsaxophon), Deff Cramer (Tasteninstrumente), Marcel Bekkers (Gitarre) und Dieter Exter am Baß auf die Beine stellten, machte klar, dass schwarze Musik nicht allein von der Hautfarbe abhängt.

Die Funk-Jazzer aus dem Ruhrgebiet nahmen gleich zu Beginn das Publikum durch zwei unheimlich treibende Stücke für sich ein. »Hau die Kuh den Arm ab« war eine Nummer, deren breiter und voller Posaunen- und Saxophon-Sound durch den Schlagbaß und den Drive im Schlagzeug wirkungsvoll und kontrastreich unterstützt wurde. Deff Cramer überzeugte in »Just for Fun« mit elegantem Synthesizer-Solo. Überhaupt zeugte das Konzert von einer hemerkenswerten musikalischen Qualität der Sechs.

Dieter Exter gelang das Kunststück, auf dem Baß sowohl harte, funkige Sounds zu spielen als auch sanfte Töne, wie man sie etwa vom frühen Stanley Clarke gewöhnt ist. »Eugen« war dafür ein besonders schlagendes Beispiel. Farbkleckse in der Musik von »Fritz Brause« erzeugten die beiden Bläser, die mit präzise gespielten »Fill-Ins« und strahlenden Melodiestimmen zusammen mit den Keyboards für den jazzigen Touch sorgten.
Eine weitere Überraschung war Sängerin Sabine, die nach der Pause hinzukam. Selten hört man eine deutsche Sängerin, die so viel Blues und Soul in ihrer Stimme hat. Man könnte sie in ihrer Vielseitigkeit mit der aus unseren Breiten stammenden Anne Haigis vergleichen.

Obwohl der Sond von Fritz Brause bestimmt von knallhartem Rhythmus in die Beine geht, wollen die Musiker eine Synthese aus tanzharer und dennoch intelligenter Musik schaffen, in der der Jazz nicht zu kurz kommt. Mit ihrer Mischung aus fetzigen und melodischen Stücken gelang ihnen dieses schwierige Unterfangen mühelos. Das Publikum, das seit der Pause schweißüberströmt tanzte, dankte der Band mit frenetischem Beifall und vier Zugabenforderungen. (mpg)

Uriah Heep: Hardrock professionell

»Uriah Heep« schlug bei den rund 700 Besuchern in der Reutlinger Listhalle nicht  ein. Die Gruppe hielt sich mit ihren alten Hits zurück und spielte lieber ihre neueren Produktionen, denen immer noch der alte »Uriah Heep«-Touch anhaftete, aber der letzte Kick zu einem Hit fehlte.

Sänger Pete Goalby’s animierende Gesten gen Publikum wurden nur zögernd durch Mitklatschen beantwortet. Es spricht für die professionelle Haltung der Rock-Oldtimer, daß sie keinen Unmut über den schlechtesten Besuch der bisherigen Tournee zeigten, das Konzert am Tag zuvor in Horh hatte 2 000 Leute angelockt.

Im Gegenteil: Mick Box, Gitarrist und Wieder-Begründer der Gruppe, machte seine Spässchen an der Gitarre, die er immer noch exzellent beherrscht. Überhaupt fiel die Gruppe im Vergleich zu anderen Hardrock-Crews angenehm auf, weil sie auf die sonst übliche Starke-Mann-Anmache verzichtete.

Es war sicher kein schlechtes Konzert, aber das Comeback der Gruppe, die mit »Lady in Bleck« oder »Easy Livin’« Rockgeschichte schrieb, war das Konzert nicht und ist auch die neue Langspielplatte »Equator« nicht. (mpg)