Blubbery Hellbellies: Blubbernder Country-Punk

Außer Rand und Band war das Publikum beim Auftritt der »Blubbery Hellbellies« in der Reutlinger »zelle«. Gut 150 Besucher bei einem »zelle Konzert sind in letzter Zeit eine Seltenheit, daß die Leute aber schon bei der zweiten Nummer tanzten, ist fast eine Sensation. Die englische Band mußte niemanden zum Mitklatschen auffordern.

Die Musik der »schwabbelnden Höllenbauche« bewegt sich zwischen Hillbilly und Countryrock, vermischt mit Punk- und Blueselementen. Und was das Tempo der Gruppe angeht: Auch das war fast ein »zelle«-Rekord. So schnell und trotzdem exakt gespielt kann man dort selten Musik hören. Dafür war das Konzert aber auch kurz. Der Auftritt dauerte. acht Zugaben eingeschlossen. nur knapp eineinhalb Stunden. Für manchen der ausgiebig Tanzenden war das reichlich .

Die »Hellbellies« boten nicht nur (extrem lauten) akustischen Genuß: Gitarrist Ady Bell trat als Jungpfadfinder auf die Bühne, die anderen in Schottenrock und Ballerina-Kostüm. Eine gewagte Kleidung angesichts des Gruppen-Gesamtgewichts von zusammen gut und gerne 400 Kilo. Komplexe scheinen die trinkfesten Musiker deshalb keine zu haben: »We won’t get thin« hieß es in einer der Zugaben. (mpg)

Internationales Geräuschorchester: Weltmusik

Das vielgerühmte »Internationale Geräuschorchester« gastierte in Reutlingen. Die vierköpfige Gruppe spielte hauptsächlich Stücke aus ihrer zweiten LP, die von der Fachpresse sehr gute Kritiken bekam.

Hochkarätig war auch das Konzert. Etwa beim altbekannten »Rose of Spanish Harlem«, das die Musiker in ein völlig neues Stück mit Reggae-Rhytheus und arabischen Gesangsfetzen verwandelten.

Oder »Heartbeat«, bei dem über monotonem Sprachrhythmus Gitarrist Wolfgang Spamer und die belgische Sängerin Catherine Jeaniaux unisono türkische Melodielinien setzten.

Keyboarder Ulli Homberg zeigte eindrucksvoll, wie die neue MIDI-Technik auf der Bühne einzusetzen ist; mit seinen Synthesizern ersetzte er die bei Studioaufnahmen anwesenden Gäste. Nur manchmal wollte die Synchronisastion zwischen Sequenzern und Musikern nicht klappen.

Rarnesh Shotham überzeuge. durch sein klangfarbenreiches Spiel auf E-Schlagzeug und indischen Perkussionsinstrumenten. Im Gegensatz zu den »Dissidenten«, mit denen das »Internationale Geräuschorchester« oft verglichen wird, spielt sich hier im Rhythmus wesentlich Interessanteres ab. (mpg)

The Top Of The Flops: Geschichten voll Horror

Einen Horrorfilm gab’s auf der „Zelle“-Bühne zu sehen: „The Top of the Flop“ – das sind Wolfgang Bruhns und Uli Haussmann aus Berlin — machten sich an das schwierige Unterfangen, eine Horrorgeschichte auf die Bühne zu bringen.

Daß das tatsächlich funktionierte, lag wohl an der herausragenden phantomimischen Fähigkeit der beiden; gesprochen wurde nämlich kaum. Unterstützt durch wunderschön harmonierende Licht- und Toneffekte erinnerte die Vorstellung wirklich mehr an Kino als an Theater.

Die Handlung ihres Stücks haben »Tho top of the Flop« aus verschiedenen Horrorfilmklassikern »zusammengebaut«. Schon die ersten Szenen, in denen »Dr. Frank« und sein Diener bei schaurig-dezentem Licht eine Hand aus einem Grab ausbuddeln, erinnern stark an Frankensteins Braut« von 1935. Später finden sich Szenen, die man aus anderen frühen Filmen über das künstliche Geschöpf kennt. Genau wie in Film versucht es, seinen Schöpfer umzubringen – dank der Mithilfe der Tochter des Wissenschaftlers erfolgreich.

Am Ende der Vorstellung steigt das Paar glücklich vereint durch das gotische Fenster in die Freiheit. Die Darsteller haben sich die alten Streifen sehr genau angeschaut: Die Masken, die Bewegungen, das Licht und der Ton – all das war deutlich an filmische Vorbilder angelehnt, selbst die Regie verzichtete auf theaterübliche Aneinanderreihung der Szenen und machte »Filmschnitte«.

Nicht ganz so gut wie die Umsetzung schien die Story; durch die vielen verschiedenen Zitate wirkte die Handlung manchmal zerrissen und war dann nicht mehr nachvollziehbar. Daß die Sache nur halb so amüsant ist, wenn man die Vorbilder nicht kennt, ist klar. Der Witz der beiden Darsteller und die abgerundete Perfektion der Vorstellung machten »The Top of the Flop« auch für Nicht-Kinofans zu einem Erlebnis.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 08. April 1986

Xero Slingsby: Musik-Spektakel

»Xero Slingsby and the works« boten am Samstagabend in der »zelle« ein in jeder Hinsicht erfreuliches Musik-Spektakel. Die drei Musiker (Saxophon. Baß und Schlagzeug) aus Leeds zeigten über eineinhalb Stunden lang, daß Impulse für die U-Musik eben immer noch aus England kommen.

Rockige Töne hörte man am Samstag kaum. Das, was die drei Musiker spielten, war einem Charlie Parker viel näher als den Rolling Stones. Die Musiker beherrschten ihre Instrumente so souverän. daß sie es sich leisten konnten, mal frech, mal ironisch verspielt andere Musiken zu zitieren.

So zum Beispiel bei der Verballhomung des Jazz-Standards »Softly as in a mornin‘ sunrise«. In „Paranoia“ erzeugten die Musiker mit Rasseln, Klingeln, Sirenen und Hupen dichte Klangfelder, die den Titel des Stückes sehr gut wiedergaben.

Die manchmal fast unglaublichen technischen Fähigkeiten der drei Engländer, insbesondere an Bass und Schlagzeug, ließen das Publikum immer wieder staunen. Komplizierte Polyrhythmen ganz lässig gespielt, ein um seinen Kontrabaß tanzender Bassist, der sich dabei noch mit dem Mixer unterhält — das hat man in Reutlingen schon lange nicht mehr gesehen. Die perfekt gespielten ausgereiften Stücke und der Mut zur Improvisation machten dieses Konzert zu einem Glücksgriff für die »zelle«. (mpg)

Familie Schmidt: Volkstheater für die »Scene«

Ein Bett, zwei Tische und ein Stuhl auf der »zelle«-Buhne waren die wenigen Requisiten, die die Kabarettgruppe »Familie
Schmidt« für ihr Programm „Die Widerlichen“ benötigte. Die drei Darsteller aus Hamburg nahmen –
unterstützt von einem hervorragenden Mann am Gitarrensynthesizer — an zwei Tagen vor jeweils ungefähr 200 Zuschauern so ziemlich alles auf die Schippe.

Zwei Brüder, der eine ein homosexueller ehemaliger Bankangestellter, der beschlossen hat, den Rest seines Lebens im Bett zu verbringen, der andere ein schrecklich pathetischer, heruntergekommener Schauspieler, der nicht mehr zwischen Theater und Realität unterscheiden kann, stritten sich gut eineinhalb Stunden lang über dies und das.

Eine »Handlung« im landläufigen Sinn gab es nicht; die Künstler verschachtelten lediglich sehr geschickt verschiedene Gags und Wortspielereien miteinander und brachten so die Leute dauernd zum Lachen. Besonders gut kam die Szene an, in der der »Schauspieler« einem — natürlich schwulen — Freund seines Bruders beibringt, wie man Applaus entgegennimmt.

Das war wirklich sehr überzeugend gemacht. Überhaupt erreichten die Akteure ein überraschend hohes Niveau, wenn es um die Umsetzung der einzelnen Szenen ging. Die Texte und Pointen waren leider nicht so gut; manchmal wirkten sie eher herbeigezogen, selten sogar peinlich. Es ist sicher fraglich, ob es sich für eine Theatergruppe aus der »Scene« ziemt, in Zeiten der AIDS-Hysterie die Homosexuellen dermaßen giftig niederzumachen, wie das in der »zelle« geschah.

Ein Besucher meinte zum Programm der »Familie Schmidt« sehr treffend, dass das eben auch nur eine Art Ohnsorg-Theater sei — halt mit anderen Mitteln und für Nachwuchs-Spontis anstatt fürs Durchschnitts-Fernsehpublikum. Dieses Programm wird auf Alternativ-Bühnen wohl keine großen Erfolge haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 04. Februar 1986

Erotic Explousch’n: Musikalischer (Un-) Sinn

Vor allem diejenigen Leute, die beim „Erotic Explousch’n“-Gastspiel vor sechs Wochen keinen Platz mehr fanden, kamen jetzt im Rerutlinger „Rappen“ zu ihrem Vergnügen. Die Lachsalven nahmen kein Ende: Es begann schon damit, daß Dieter »Waldi« Waldmann — er repräsentiert eher das »explousch’n« im Gruppenname – (be-)strickend allein auf die‘ Bühne kam und erklärte, man müsse öfters etwas Neues machen.

Den internationalen Markt befriedigten die beiden mit dem Blues »Schwäbisch isch obacha bjudifull«, was das den ganzen Abend über mitgehende Publikum johlend bestätigte.

»Waldi« und »Lollo«, so der Spitzname des »erotischen« Lothar Hasl, spielten neben reinen Blödelsongs auch Lieder, in denen sie ihre Mitmenschen und deren Verhaltensweisen genau beschrieben.

Sie scheuen sich auch nicht, ihre eigenen Erlebnisse und Unzulänglichkeiten mit einzubauen. So erzählt etwa das Lied »I hab dr Verstand verlore« von einem bedauernswerten Menschen, der aus der Küche kommt und sich mit einer Gießkanne in der Hand vor der Toilette wiederfindet. Was er dort soll, weiß er nicht: Blumen gibt es dort nicht, und »müssen« muß er auch nicht.

Im »Lied von der Generalversammlung« wird die schwäbische Vereinsmeierei auf’s Korn genommen, das parabelhafte Gedicht »Die Obersau« beschreibt ein Tier, das sich allzu menschlich benimmt und trotzdem (oder gerade deswegen?) auf dem Schlachthof endet.

Daß die beiden Komödianten sich bei nicht allzu ernst nehmen, merkte man spätestens bei der Ansage zu »Manneskraft«: »Alles raus aus dem Kopf und rein in die Muskeln« — bestätigend zeigte Lothar Hasl seinen schönen, aber doch recht dünnen Oberarm. Das Schöne an »Erotic Explouschn’n« ist immer noch, daß ihr Witz und der oft spröde Charme nicht einstudiert wirken, man merkte, daß den beiden Freunden ihre Sache Spaß macht und sie alles für’s Publikum geben. Acht Zugabeforderungen — so dankt ein zufriedenes Publikum. (mpg)

Anne Haigis: Mit gemischten Gefühlen

»Es ist schon lange her. daß wir hier in der Gegend gespielt haben: das letzte Mal in irgendsoeiner komischen Disco,« meinte Anne Haigis mit ironischem Unterton am Sonntagabend in der Listhalle, »die Musik nannte man damals Jazzrock«.

An Jazzrock oder auch an die zuweilen etwas süßlichen Balladen ihrer ersten beiden Langspielplatten erinnerte kaum eines der Stücke ihrer neuen Platte »Laß mich fallen wie Schnee«, die sie am Sonntag vor einer mit 250 Leuten nicht einmal halb hesetzten Halle präsentierte. Produziert wurde das Werk von Tato Gomez, der auch hei »Purple Schulz« die Finger im Spiel hat.

Diese Verwandtschaft war auch im Konzert akustisch festzustellen — nicht nur deshalb, weil die Band »Kleine Seen« von eben »Purple Schulz« nachspielte. Herrschten auf der ersten »Rock«-LP, die vom ewigen Geheimtip Edo Zanki produziert wurde, die leisen Töne, musikalische Verspieltheit und Finesse vor, sind die neuen Nummern oft sehr schnell und hart, im Sound amerikanisch-kommerziell.

Gerade diese schnellen Stücke aber scheinen Anne Haigis nicht so sehr zu liegen, sie rutschte in der Listhalle hei den fetzigen Songs in gepreßte, angestrengt wirkende Töne ab. Das Stimmvolumen der Sängerin und die vielseitge Phrasierung der Melodien kamen erst bei den langsameren Stücken richtig zur Geltung.

Leider gehen auch die Texte manchmal nur knapp am Herz-Schmerz-Schema vorbei. Da war es schon ganz gut. daß die schlechte Akustik der Listhalle wieder einmal ein Erkennen der Texte nicht zuließ. Singt sie allerdings Texte wie in »I bin a Kind«, das »Schwoißfuaß«-Macher Alex Köberlein für sie geschrieben hat, dann interpretiert sie so engagiert. daß man ihr jedes Wort glaubte.

Es ist ein großes Verdienst der Sängerin und ihrer sehr guten Begleitband, daß aus dem mittelmäßigen Songmaterial ein befriedigendes Konzert wurde. Bassist Benjamin Hüllenkremer, der schon bei »Interzone« und Manfred Maurenhrecher spielte, zeigte hei seinem Solo atemheraubend schnelle und dennoch virtuose Läufe. Auch Kevboarderin Mandy van Baaren mit ihrem Solostück üherraschte, sie stand Anne Haigis kaum nach.

Das Publikum in der bestuhlten und halbleeren Halle war anfangs sehr reserviert, honorierte dann aber doch die Leistungen der Musiker durch minutenlange Zugaheforderungen. Denen wurde ausgiebig nachgegeben, was die Auftrittsdauer um eine dreiviertel Stunde verlängerte. (mpg)