Archiv der Kategorie: Rock

B.B. King: Nothing but the blues

Zuerst kam »the Juke« — Rhythm and Blues mit einer gehörigen Portion Soul und Funk aus dem Umfeld von »Supercharge« — Musik also, von der man annimmt, daß sie in Tübingen bestens bekannt ist und wohl auch gern gehört wird. Die Musiker konnten einem leid tun: Um dreiviertel acht kamen sie auf die Schloßhof-Bühne, bis viertel zehn sollten sie spielen —  schon nach 45 Minuten verließen die Engländer mit der wirklichen scheußlichen Bühnen-Garderobe die Bühne. Das Publikum reagierte so gut wie überhaupt nicht auf die extrem rhythmische und »funkige« Musik.

Ob das jetzt daran lag, daß Blues-Fans nicht auch Rhythm and Blues-Fans sind, oder am schlechten Sound, der die dynamische Musik zu einem wenig ansprechenden Brei verdichtete — die Musiker jedenfalls müssen sich schrecklich gefühlt haben, als sie nach zehnminütiger Pause — wohl zur Vertragserfüllung — noch einmal auf die Bühne kamen und bis exakt 21 Uhr 15 spielten. Irgendwann wachte dann auch noch das Publikum auf und forderte sogar eine Zugabe.

Bei den letzten Tönen von »Juke« rollte der Meister persönlich im Schloßhof ein: Daß ein Musiker bis vor die Bühne gefahren wird — die Band im Bus hinterher — das hat es in Tübingen noch nicht gegeben. Um genau zehn Minuten vor zehn war es dann soweit: Die siebenköpfige Band (eine Bläsersektion mit Trompete und zwei Tenorsaxophonen, Baß, Schlagzeug, Keyhoards und Rhythmusgitarre) feuerte — zum Anheizen — zwei schnelle, energiegeladene Nummern ab, und dann wurde die Legende angekündigt — B. B. King in einem Ton.

Kaum ein Gitarrist vermag soviel Emotionen auf der elektrischen Gitarre zu transportieren, keiner, der so wie B. B. King zum Synonym für »Blues« geworden ist.
Der Aufbau der Show im Schloßhof war perfekt. King ging intensiv — wie sich das bei Blueskonzerten »gehört« — auf das Publikum ein und baute geschickt einen Spannungsbogen, der — egal, ob gerade ein fetziger Song oder eine gefühlvolle Blues-Ballade aus den Boxen klang — bis zum Ende des Konzerts ständig an Intensität zunahm.

Seine Begleitmusiker — es war ja eigentlich ein einziges großes Gitarrensolo — glänzten neben einer tadellosen Technik durch viel Spielfreude und musikalischen Kommunikationswillen; so manches Frage- und Antwort-Spielchen (hesonders auffallend der junge Bassist, dem King besonders viel Raum ließ) wurde da durchgezogen.

Nach exakt 120 Minuten verließ die lebende Legende die Schloßhof-Bühne — ohne Zugabe. Zwar wuselten gleich nach dem Konzert Techniker auf der Bühne herum und Musik vom Band wurde eingespielt — mit ein hißchen mehr Energie (das Publikum war eh‘ lasch) hätte man den Gitarristen sicher noch zum Weitermachen bewegen können. Vielleicht wären die Leute, die in den Bäumen rund um die Schloßmauer hingen (in der Hoffnung, das Gelände ohne Eintrittskarte entern zu können) am Ende die besseren Fans gewesen… (mpg)

Frank Zappa: Genialer Lüstling

Für die einen ist er schlicht pervers, andere Rockfans halten ihn für ein Genie — kalt läßt der mittlerweile 48jährige Francis Vincent Zappa jr. II. wohl kaum jemanden. Fest steht jedenfalls, daß Zappa die schillerndste und faszinierendste Persönlichkeit des Rockbusiness ist — und das seit mittlerweile 23 Jahren.

Der Sohn eines griechisch-arabisch-sizilianischen Chemikers lernte um 1950 Don van Vliet (Captain Beefheart) kennen, mit dem er auch erste musikalische Gehversuche unternahm. Rock’n’Roll war Zappa suspekt, er kaufte sich lieber Rhythm & Blues-Platten.

Mit 18 Jahren beschäftigte er sich mit Musiktheorie und absolvierte etwas später Kurse in Kompositions- und Harmonie-Lehre — der Einfluß der zeitgenössischen modernen E-Musik ist zweifellos wichtiger als jener der U-Musik. 1964 erarbeitete Zappa im eigenen Studio, das er sich vom Honorar für eine Western-Filmmusik eingerichtet hatte, das Konzept einer Gruppe: Die »Mothers of Invention«, die »Mütter der Erfindung«, war geboren.

»Freak out«, so der Titel der ersten »Mothers«-Platte, kam 1966 heraus und begründete Zappas Ruf als »anarchistischer Zerstörer amerikanischer Middleclass-Mythen«. Zu einer Zeit, als die meisten Gruppen, seien es englische oder amerikanische, sich in eher trivialen musikalischen Gefilden bewegten und die Songtexte selten über das HerzSchmerz-Schema hinausgingen, sang Zappa von »hungrigen Verrückten«, von Gehirnpolizisten und »Mutterliebe«.

Obwohl die Platte von sämtlichen Rundfunkanstalten der USA wegen ihrer ungebührlichen Texte boykottiert wurde, verkaufte sich das Album in einer Auflage von üher einer Viertelmillion Exemplaren. Mit »Freak out« und weiteren, ähnlich avantgardistischen Platten wurde Zappa schon bald zu d e r Underground-Kultfigur. Herausragende Produktionen seines »Frühwerks«, das 22 Platten umfaßt, sind etwa »We’re only in it for the money« mit dem Parodie-Cover auf das »Sgt. Peppers«-Album der Beatles, »Hot Rats« mit prominenten Jazzern wie Sugarcane Harris und Jean Luc Ponty aufgenommen, oder »The Grand Wazoo«, die vielen Kritikern als einer der besten Jazzrockplatten überhaupt erschien.

Der große Erfolg blieb Zappa eigentlich immer versagt, mit Ausnahme des »Sheik-Yerbouti«-Albums, das viele noch wegen des Super-Hits »Bohby Brown« kennen. Die an seiner künstlerischen Kompetenz gemessenen kommerzielle Erfolglosigkeit (Zappa hat dennoch sicher nie gehungert) liegt außer in den komplizierten musikalischen Strukturen in den Songtexten begründet: Kein anderer Musiker ist dermaßen sexuallastig, keiner geht so weit wie er: »Na und? Ist das kein Thema, das die Leute mehr als alles andere beschäftigt? Macht’s nicht am meisten Spaß? Ich scheue mich nicht davor, dieses Thema in den Mund zu nehmen. Ich mache es gern und ich mache es gut.«

Aber auch die zynischen, sozialkritischen Texte (»I’m the slime«) schockten puritanische Kleinbürger. Warum findet sich keine Gesellschaftskritik mehr in heutigen Texten, Mr. Zappa? »Ich brauche die Texte nicht zu wiederholen. Es stimmt alles noch. Was hat sich seitdem verändert?«

Heute schreibt Frank Zappa auf die Innenhüllen seiner Platten: »In einigen sozial zurückgebliebenen Gegenden haben religiöse Fanatiker und ultrakonservative Politiker unsere Grundrechte verletzt, weil sie Rock’n’Roll-Platten zensieren wollten. Wir halten das für unamerikanisch und verfassungswidrig.«

Jetzt hat der musikalische Zehnkämpfer Zappa, durch dessen Studios unzählige Cracks der Szene (Ray. White, J.G. Watson, Terry und Dale Bozzio, die Brecker-Brüder, George Duke oder Steve Vai und und und . . .) gegangen sind, seine Gitarre beiseite gelegt.

Auf seinen letzten Platten ist als Hauptinstrument der Musikcomputer zu hören, weil Zappa damit Dinge realisieren kann, die kein Musiker spieltechnisch bewältigen würde. Außerdem frönt der Familienvater (Sohn Dweezil legte vor kurzem eine beachtliche Produktion vor) seiner Liebe zur »ernsten Muse «: »Zappa with the London Symphony Orchestra II« setzt den mit dem ersten Streicher-Album begonnenen Zweig des Multitalents fort. Damit nicht genug: Workoholic Zappa, der nach eigener Aussage 16 bis 18 Stunden am Tag im Studio sitzt, beglückt seine treuen Fans in Europa jetzt mit einer Tournee, die ihn am 24. Mai auch nach Stuttgart führt.

Grachmusikoff: Dame…oder Schwein?

»Dame oder Schwein« heißt die neueste LP der schwäbischen Musikkomödianten um die Brüder Köberlein. Der etwas seltsam anmutende Titel findet seine Erklärung im Leid eines »Bauersmannes«, der verzweifelt auf der Suche nach einer weiblichen Begleitung ist und dann singt: »Rosen und Veilchen / vertrag’n sich nicht mit dem Parfüm vom Schweinchen«.

Die LP wurde mit den bewährten Leuten eingespielt. Außer Georg und Alex Köberlein (Letzterer diesmal — laut Cover — »nur« Gesang) spielen Hansi Fink, Dieter Zimmermann und Rico Stehle (»Live«-Drums) mit. Heiner Reiff spielt Keyboards und bastelte an den Synthesizer-Sounds, und Riedel Diegel ist auf einem Stück mit seiner Mundharmonika zu hören.

Wer die letzte Grachmusikoff-Platte noch im Ohr hat, wird von »Dame oder Schwein« überrascht sein. Der Sound ist extrem keyboard- und elektronik-lastig, die schwäbischen Texte sind (fast) ganz verschwunden. Gleichzeitig ist die Scheibe das produktionstechnisch wohl perfekteste Werk Grachmusikoffs.

Die vorsichtige Annäherung an Hitparaden-Klänge mag manchen stören — die Qualität der Songs leidet aber nicht. Vom Drei-Minuten-HerzSchmerz der zahlreichen Sangesduette (»Für immer und mich«) über die Probleme des Nord-Süd-Gefälles (»Fischkopf «) oder Gewohnheiten deutscher (gar schwäbischer?) Landsleute bis zur Feriendisco-Unterhaltung (»Korfu-Dance«) — Grachmusikoff nimmt vieles gekonnt auf die Schippe.

Die Satire im Text wird ebenbürtig durch musikalische Parodie gestützt. Da klingt’s nach »Modern Talking« oder nach »Jazzpop« a la Sade (»Bohnentag«); die Technik wird witzig eingesetzt (etwa das Sample »essen« auf »Nimm soviel du willst«).

Und dass die schwäbischen durch hochdeutsche Gesänge ersetzt wurden, kann den Musikern eigentlich niemand verübeln: Nur so hat der Versuch, auch national erwähnenswerte Verkaufszahlen zu erreichen, eine Chance. »Dame oder Schwein« ist anders, gewöhnungsbedürftiger als andere Platten der Gruppe. Aber trotzdem
eine gelungene LP. (mpg)

Element of Crime: Düstere Großstadtmelancholie

Was eine hochgelobte Platte und der dazugehörige Medienrummel anrichten können — zu diesem Thema gab’s beim Gastspiel der Gruppe aus Berlin in der »zelle« ein Lehrstück.

Obwohl die Band bis zur Veröffentlichung ihrer aktuellen LP »Try to be Mensch« bei einem Branchenriesen nur einem kleinen Insiderpublikum bekannt war, strömten die Leute nur so zum Konzert.

Gelohnt hat es sich, auch wenn von den Vorschußlorbeeren einiges übertrieben scheint. Die klassische Besetzung von »Element of crime« (zwei Gitarren, Gesang, Schlagzeug und Baß) macht bombastische Klangwände von selbst unmöglich — der vielgerühmte Minimalismus ist nicht unbedingt das Verdienst der Band.

Auch die Musik ist im großen und ganzen nur guter Independent-Durchschnitt. Was den Reiz an der Geschichte ausmacht, ist der Gesang von Frontman Sven Regener, dessen Art, Texte zu interpretieren und auf der Bühne zu agieren.

Er ist sicher mehr als ein Viertel der Band. Musikalisch geschah am Mittwoch nichts besonders Aufregendes — die der Band nachgesagten Einflüsse kann man mit gutem Willen auch heraushören, die Gruppe bewegt sich auf dem üblichen. handwerklich gekonnten Level. Da dürfen dann auch die knalligen Drums und die sägenden Gitarren nicht fehlen: niemand hat es gewundert, daß Sven auch stimmlich düstere Groß-
stadtmelancholie in Szene setzt. (mpg)

Sulla Bratke: Glanzlose Gala

Glanzlose Sulla-Gala: Am Mittwoch trat die Szene-Institution Sulla Bratke zum letzten Mal mit »Grachmusikoff « in der »zelle« auf. Bei den normalen Auftritten der »Blues Blos’n’Fun«-Band ist er — weil seine durch Kinderlähmung beeinträchtigte Kondition nicht mehr mitmacht — schon seit über zwei Monaten nicht mehr dabei; Sulla will jetzt vermehrt seine komödiantische Ader zum Geldverdienen einsetzen.

Kostproben aus dem — kabarettistisch angehauchten — Programm, in dem es um das Schwein als »Partner des Menschen« geht, gab es eine Viertelstunde lang zwischen den Grachmusikoff-Songs. Die Qualität aber ließ zu wünschen ührig, man muß Sulla auch zugute halten, daß er mit seiner Show Neuland betritt; auch wollte die Einlage nicht so recht zur Stimmung passen: Fest steht, daß der Ex-Schwoissfuaß-Komödiant (man erinnere sich an die Luftballon-Nummer) noch gewaltig arbeiten muß, um wirklich größer rauszukommen.

Das    »Grachmusikoff « -Kapitel scheint für ihn endgültig ahgeschlossen zu sein — wußten Alex Köberlein und Co. doch bis kurz vor Konzertbeginn nicht, ob Bratke überhaupt zu seiner Benifizveranstaltung kommen würde.

Dies und andere Unstimmigkeiten ließen die Stimmung der Truppe deutlich sinken, die Musiker spielten sich lediglich routiniert durchs »Langsam Fett«-Programm. Die körperlichen Nachteile einer Hülsenfrucht wurden in der neuen Single »Bohnentag« ausführlich dokumentiert; alte »Schwoißfuaß«-Töne gab’s auch zu hören. Das Publikum reagierte — für Grachmusikoff-Verhältnisse — ziemlich verhalten; hängt doch das »Erlebnis« Grachmusikoff zu einem großen Teil vom Spiel- und Darstellungswitz der Musiker ab. Eine Gala war das Konzert nicht — eher ein trauriger Abgesang auf eine Szene-Legende. Schade. (mpg)

Blubbery Hellbellies: Blubbernder Country-Punk

Außer Rand und Band war das Publikum beim Auftritt der »Blubbery Hellbellies« in der Reutlinger »zelle«. Gut 150 Besucher bei einem »zelle Konzert sind in letzter Zeit eine Seltenheit, daß die Leute aber schon bei der zweiten Nummer tanzten, ist fast eine Sensation. Die englische Band mußte niemanden zum Mitklatschen auffordern.

Die Musik der »schwabbelnden Höllenbauche« bewegt sich zwischen Hillbilly und Countryrock, vermischt mit Punk- und Blueselementen. Und was das Tempo der Gruppe angeht: Auch das war fast ein »zelle«-Rekord. So schnell und trotzdem exakt gespielt kann man dort selten Musik hören. Dafür war das Konzert aber auch kurz. Der Auftritt dauerte. acht Zugaben eingeschlossen. nur knapp eineinhalb Stunden. Für manchen der ausgiebig Tanzenden war das reichlich .

Die »Hellbellies« boten nicht nur (extrem lauten) akustischen Genuß: Gitarrist Ady Bell trat als Jungpfadfinder auf die Bühne, die anderen in Schottenrock und Ballerina-Kostüm. Eine gewagte Kleidung angesichts des Gruppen-Gesamtgewichts von zusammen gut und gerne 400 Kilo. Komplexe scheinen die trinkfesten Musiker deshalb keine zu haben: »We won’t get thin« hieß es in einer der Zugaben. (mpg)

Uriah Heep: Hardrock professionell

»Uriah Heep« schlug bei den rund 700 Besuchern in der Reutlinger Listhalle nicht  ein. Die Gruppe hielt sich mit ihren alten Hits zurück und spielte lieber ihre neueren Produktionen, denen immer noch der alte »Uriah Heep«-Touch anhaftete, aber der letzte Kick zu einem Hit fehlte.

Sänger Pete Goalby’s animierende Gesten gen Publikum wurden nur zögernd durch Mitklatschen beantwortet. Es spricht für die professionelle Haltung der Rock-Oldtimer, daß sie keinen Unmut über den schlechtesten Besuch der bisherigen Tournee zeigten, das Konzert am Tag zuvor in Horh hatte 2 000 Leute angelockt.

Im Gegenteil: Mick Box, Gitarrist und Wieder-Begründer der Gruppe, machte seine Spässchen an der Gitarre, die er immer noch exzellent beherrscht. Überhaupt fiel die Gruppe im Vergleich zu anderen Hardrock-Crews angenehm auf, weil sie auf die sonst übliche Starke-Mann-Anmache verzichtete.

Es war sicher kein schlechtes Konzert, aber das Comeback der Gruppe, die mit »Lady in Bleck« oder »Easy Livin’« Rockgeschichte schrieb, war das Konzert nicht und ist auch die neue Langspielplatte »Equator« nicht. (mpg)