Archiv der Kategorie: Rock

Alex Köberlein & Werner Dannemann: Schwoba-Blues im Doppelpack

Am Freitag gastierten die Herren Dannemann und Köberlein im beileibe nicht ausverkauften Tübinger »Hauptbahnhof«.

Obwohl sich der Gitarrist aus Kirchheim und der ehemalige »Schwoißfuaß«-Kopf seit Jahrzehnten kennen, hat’s zur gemeinsamen Duo-CD und dem entsprechenden Bühnenprogramm bis heute gedauert.

Im »Hauptbahnhof« gab’s eine kurzweilige Mischung aus »original« Dannemann-Blues, Covertiteln wie »Norwegian Wood« und Stücken direkt aus Köberleins Vergangenheit: Etwa »kleine Jungen« – oder, aus der Zeit seiner »hochdeutschen« Liedermacher-Karriere, »Fliegen«.

Die wenigen Abstimmungsprobleme und tontechnischen Unzulänglichkeiten (zum Beispiel Werner Dannemanns stets zu laute Gitarre) fügten dem guten Gesamteindruck keinen Schaden hinzu.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Wishbone Ash: Frische Rock-Oldies

Das Tübinger »Sudhaus« hat sich längst auch zu einer Anlaufstelle für »gute alte« Rockmusik entwickelt – jedenfalls laufen Konzerte mit sogenannten Rock-Opas im Derendinger Kulturzentrum überdurchschnittlich gut.

Auch das mit Wishbone Ash – in den frühen 70ern eine Supergruppe und aus heutiger Sicht nicht ganz unwichtig für die Entwicklung der Rockmusik – am Donnerstagabend war fast schon überfüllt.

Und die Rock-Recken im Mittelalter lieferten – wie schon letztes Jahr – eine ziemlich gute Vorstellung. Von der ursprünglichen Gründungsbesetzung ist heute nur noch Andy Powell mit dabei – aber Wishbone Ash hatten über die Jahre sowieso fast 20 verschiedene Mitglieder. Gerade der glatzköpfige Gitarrist, der einst mit Ted Turner zusammen von England aus zwei gleichberechtigte Sologitarristen in der Rockszene salonfähig ge-
macht hatte, wirkt besonders frisch und spielfreudig.

Sowohl altes Material wie auch die teils schön folk-lastigen Songs vom aktuellen Wishbone-Ash-Album »Bona Fide« bringt das Quartett – um und mit Powell spielen Bassmann Bob Skeat, Ray Weston am Schlagzeug sowie Ben Granfelt (Gitarre) – ohne nostalgische Mätzchen, aber immer im typischen Wishbone-AshSound, geprägt von ausufernden Gitarrenlinien im Doppelpack.

Auch diesmal kamen all die im »Sudhaus«, die überlange Soli und regelrechte »Battles« zwischen den einzelnen Musikern mögen, ganz besonders auf ihre Kosten. Das Publikum bestand offenbar nur aus Härtefans: Die Stimmung war von Anfang bis Ende vor und auf der Bühne hervorragend. Minutenlange »Zugabe« Rufe gab’s, bevor die jung gebliebenen Rock-Oldies noch einmal die Verstärker-Membranen wackeln ließen.

Ask The Pilot: Puristisch

Halb voll war’s im Reutlinger »Nepomuk« beim Konzert der Reutlinger Band Ask The Pilot – die Szene für Alternative Rock scheint sich, so vorhanden, anderswo zu tummeln. Es waren aber auch nicht nur erwachsen gewordene Alt-Fans aus Zeiten der Packrats gekommen. Gitarrist Robbi Kohl und Sänger John Ahlskog, der Kern der alten wie der neuen Gruppe, haben sich nach einer langen Pause mit eigenwilligen Songs und einer gegen den Strich spielenden Band zurückgemeldet.

Den Stil von Ask The Pilot als minimalistisch zu bezeichnen, wäre zu hoch gegriffen – dazu ist die Besetzung und auch das Spiel der einzelnen Musiker zu üppig. Aber sehr reduziert klingt die neue Gruppe schon – dass Robbi Kohls Gitarre und der eigentümliche Gesangsstil Ahlskogs im Vordergrund stehen, ist gewollt. Die, Sounds der Songs sind roh, ungeschliffen und meistens recht hart, die Stimmung jedoch in öfters auch düsterer Emotionalität gehalten.

Die beiden Ask The Pilot-Frontleute bringen ihre Sache überzeugend über die »Nepomuk«-Bühne. Das puristische Konzept ist an sich auch stimmig, birgt allerdings die Gefahr, über längere Hördistanz doch eintönig zu wirken. Mehr melodische Abwechslung täte sicher auch gut. Ob sich Ask The Pilot auf der (schrumpfenden) regionalen Rockszene durchsetzen können, wird die Zeit zeigen. Potenzial, wie es so schön heißt, ist
jedenfalls vorhanden…
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Alex Köberlein & Black Cat Bone: Jede Menge Blues und „dr‘ Arsch“

Ein bisschen brauner scheint Hansi Müller in Florida schon geworden zu sein, aber sonst ist er noch ganz der Alte. Vor zwei Jahren hat sich die namhafteste Bluesrockband der Region aufgelöst, weil es Herrn Müller (kann man ja verstehen) in den Süden der USA zog, um die Weihnachtszeit ist er jetzt wieder mit seinen alten Black-Cat-Bone-Kumpanen in der Gegend zu hören.

Und am Wochenende gab’s im Tübinger »Sudhaus« sogar ein Zusammentreffen der schwarzen Katze mit einem anderen Urgestein der Schwobarock-Szene, Alex Köberlein.

Bevor der Alex zu Müller und Co. in der zweiten Halbzeit im alles andere als brechend vollen Tübinger Kulturzentrum auf die Bühne stiess, gab’s erst einmal einen krachend lauten, fetzigen Querschnitt durch das alte Repertoire von Black Cat Bone zu hören.

Bluesrock nach wie vor von der energetisch besten Sorte, vielleicht mit ein paar mehr Abstimmungsschwierigkeiten als in den gemeinsamen Jahren, aber immer noch mit Müller als Gitarrist der Extraklasse und absolut routiniertem Frontmann.

Nach der Pause liessen es Black Cat Bone ruhiger angehen, es gab unter anderem ein atmosphärisches »Fire and Rain« zu hören.

Dann kam, vergleichsweise laut, aber längst nicht so frenetisch bejubelt, Alex Köberlein mit Altsax und Flöte auf die Bühne,, humorig moderierend wie eh und je, körperlich offensichtlich um etliche Pfunde erleichtert.

Unter anderem den Uralt-WG-Schwobarock-Klassiker »Egon« brachten Alex und Black Cat Bone — und natürlich den Schwoissfuass-Hit überhaupt, »Oinr isch emmr dr Arsch«.

Allerdings: Hier zeigte sich, dass Hansi Müller nicht Didi Holzner ist und die nicht gerade leichten Rhythmuswechsel des Stücks, das einst Sulla Bratke komponiert hatte, offensichtlich schlecht geübt hatte.

Eine auf gut schwäbisch und im negativen Sinn »versautere« Live-Version haben wir noch nicht gehört. Köberlein nahm’s mit einem etwas verzwungenen Grinsen dennoch locker und Müller schaute drein, als ob er genau gewusst hat, wer da auf der Bühne »dr Arsch« war…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

 

Good’n’Amnd: Großer Bahnhof in der Kaiserhalle

Vor zehn Jahren sorgte das Reutlinger Multitalent Max Herfert mit seiner Rock-Combo Good’n’Amnd einige Zeit lang kräftig für Furore.

Jetzt gab’s eine Reunion — weil die Original-Musiker inzwischen aber in alle Winde verstreut sind, nicht in der exakt ursprünglichen Besetzung. Eine in jeder Hinsicht einmalige Sache ging da in der mit weit über 200 Besuchern völlig überfüllten »Kaiserhalle« Wolfgang Kohlas über die Bühne.

Einmalig nicht nur, weil die Gruppe sich wohl kaum zur selben Regelmäßigkeit wie in den Neunzigern aufschwingen kann und wird: Da ging eine Riesen-Rockfete ab, die halbe Reutlinger Rock-Szene war auf den Beinen — und alle genossen das hoffnungslos nostalgische Rock-Programm (von Cream bis zu den Animals gab’s lauter gecoverte Klassiker zu hören) augenscheinlich.

Selbst die, die sich die Vorgruppe geschenkt hatten, erst nach 22 Uhr kamen und deswegen kaum mehr die Türe der »Kaiserhalle« aufbekamen, konnten die hervorragende Stimmung auf und vor der Bühne mehr als erahnen: Es war so voll (und auch genügend laut), dass sich trotz klirrender Kälte zwei, drei Dutzend Unentwegte vor dem »Kaiser« mit der Musik, der mobilen Gasheizung und Glühwein warm hielten.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

The Great Crusade: Nichts als Rock ’n‘ Roll

The Great Crusade, die jetzt im überfüllten Tübinger »Parterre« spielten, sind ein klassisch (zweimal Gitarre, Bass, Schlagzeug) besetztes Rock-Quartett aus dem mittleren Westen der USA, spielen erst seit knapp vier Jahren zusammen – und heimsen doch allseits höchstes Lob ein.

Auch vom »Szene«-Tonspion: Solch kompakte Rockmusik mit Reminiszenzen an die Allergrössten der US-Szene, dermassen energiegeladen gespielt und mal lyrisch, mal zupackend, aber immer intelligent betextet, gibt’s selbst im »Parterre« (dessen Programm ja ebenso klassisch rocklastig wie im Querschnitt gut ist) nicht oft zu hören.

Und auch die altehrwürdige Rockpostille »Rolling Stone« jubilierte in der US-Ausgabe – »Wir haben vier von fünf Sternen für unser neues Album bekommen«, erzählte Frontmann Brian Krumm in Tübingen stolz – und fügte lachend hinzu: »Eric Clapton für seine neue Produktion nur zwei.«

Truthahn gab’s für die Amis am »Thanksgiving Day« – in den Staaten einer der grössten Feiertage im Jahreslauf – in Tübingen unseres Wissens nicht. Dafür vom örtlichen fliegenden Blumenverkäufer eine Rose für Bassmann Brian Hunt. Die hielt sich nicht besonders lange an den Wirbeln seines Instruments: Denn bei Great Crusade ging’s krachend und heftig zur Sache.

Der Berichterstatter wurde bei den knackigen Songs oft an die frühen The Band (grosses Kompliment!) erinnert, Krumms Gitarrenspiel ist auch manchmal nicht allzu weit von der lässigen »Gib’s ihm«-Attitüde eines Neil Young entfernt.

Kaum zu glauben, dass diese reifen Rocksongs von einer Band gespielt wurden, die gerade erst ihr drittes Album (»Never Go Home«) vorgelegt hat, schön zu hören, dass The Great Crusade auf ganz unprätentiöse Art »retro« sind und trotzdem von Anfang bis Ende des Konzerts ganz und gar eigenständig klingen. Das Publikum war von der Vorstellung des Quartetts mindestens so angetan wie der Berichterstatter.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Fullbliss: Bleischwerer Psycho-Rock

Dafür, dass am Samstag der ehemalige The Jud-Frontmann David Clemmons mit seiner aktuellen Band The Fullbliss in der Reutlinger »Zelle« gastierte, war’s eigentlich ziemlich leer. Vielleicht 120 Fans hörten sich das Konzert des Trios um den in Berlin lebenden Sänger, Gitarristen und Songschreiber nach dem der Vorgruppe Porous an.

Es war nichts für heiter gestimmte Gemüter: Wem The Jud schon immer zu lustig, zu energiereich oder zu schnell waren, der dürfte mit Fullbliss viel anfangen können. Das Trio brachte bleischwere, sozusagen dogmatisch deprimierte Rock-Songs im Zeitlupentempo – Weltschmerz als Programm, gedehnt bis zum Geht-nicht-mehr. Da fiel es zu zumindest dem Szene-Tonspion ziemlich schwer, einen Hauch von spannender Dramatik auszumachen.

Dass Clemmons‘ Intonation und seine Gitarren-Stimmung stets danebenlagen, mag vielleicht als gewollter Kunstgriff durchgehen, der für ein wenig Irritation im bleischweren Gedröhn sorgte – uns hat’s schlichtweg genervt.

Da war nichts von der harten Power-Rock-Attitüde von The Jud zu spüren, stattdessen gab’s düsterere Monotonie bis zum Abwinken. Clemmons im ersten Konzert der Winter-Tour live auf dem Solotrip: Für uns deutlich schwächer als sein aktuelles Studiowerk »This Temple Is Haunted«, viel langweiliger als die Vielfalt, die’s von seiner ehemaligen Band zu hören gab – und für die »Zelle«-Besucher augenscheinlich gut genug für zurückhaltenden Applaus.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger