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B.B. King: King of Blues

Er ist ohne Zweifel die Vaterfigur von Heerscharen moderner Blues- und Rockgitarristen.

»Jeder Bluesgitarrist, der ihn nicht als einen wichtigen Einfluß nennt, ist entweder ein Ignorant oder ein Lügner« meint die »Rock’n’Roll-Bibel«, die Zeitschrift »Rolling Stone«. B.B. King, die markante Abkürzung B.B. stammt von dem Pseudonym »Beale Street Blues Boy«, das sich der Künstler während seiner Zeit als Discjockey zulegte, wurde am 16. September 1925 auf einer Farm in Itta Bene, Mississippi, geboren. Die Kindheit war hart: Als er vier Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie, die Mutter starb, als B.B. gerade neun Jahre alt war. »Ich molk zehn Kühe am Morgen und zehn am Abend. Zur Schule war’s ein Weg von fünf Meilen.«

Mit knapp zwölf Jahren arbeitete King als festangestellter Farmarbeiter. Eigentlich wollte er ja Spirituals singen, so wie das »Golden Gate Quartett« vielleicht, aber es kam doch anders. B.B. ließ sich von seinem Vetter, dem Bluessänger Bukka White, die ersten Gitarrenakkorde beibringen.

30 Dollar die Woche konnte er als Straßensänger mit seiner Kunst verdienen. Mitte der vierziger Jahre arheitete King als Discjockey bei einer Radiostation in Memphis und spielte neben Bluesscheiben auch Jazz- und Country-Platten. 1949 machte er für das »Bullet«- Label erste Aufnahmen; der erste Hit kam drei Jahre später und hieß »Three O’Clock Blues«.

Damit begann eine heispiellose Karriere: Bis heute verkaufte B.B. King mehr Platten als jeder andere Bluessänger oder Bluesgitarrist. Dabei hat der Künstler zumindest in der ersten Hälfte seiner Laufbahn nie Zugeständnisse an die Hörgewohnheiten der breiten Masse gemacht: »Wenn Nat King Cole in Nightcluhs auftreten und ein großer Popsänger sein konnte, wenn Frank Sinatra mit seinen Songs ein grosser Mann werden konnte, wenn Mahalia Jackson durch ihre Spirituals berühmt wurde — warum sollte ich dann nicht Blues singen und trotzdem ein Künstler sein?«

B.B. King steht durchaus konsequent in jener Reihe, die mit dem Jazzgitarristen Charlie Christian begann. Mit der elektrischen Verstärkung der Gitarre, deren natürlicher Ton ja recht kurz klingt, wurde der Klang immer mehr entfremdet, immer länger. King ist ein Meister auf der E-Gitarre. Joachim Ernst Berendt schreibt in seinem Jazzbuch: »B.B. King reitet den Gitarrenton. Er läßt ihn anlaufen, springt ihn an und setzt sich drauf, gibt ihm die Sporen und läßt ihm die Zügel schießen, zieht wieder die Zügel an, setzt ab — und springt auf das nächste Pferd, den nächsten Ton« — besser kann man Kings Spiel nicht beschreiben.

Der »König des Blues«, diesen Titel verlieh ihm 1966 die amerikanische »Discjockey Association«, beeinflußte zahllose Gitarristen. Jimi Hendrix zum Beispiel nannte ihn als wichtigstes Vorbild. King arbeitete mit den »Crusaders«, mit Stevie Wonder und vielen anderen mehr. Er ging zusammen mit den »Rolling Stones« auf eine Tournee und hatte so die Möglichkeit, in der Carnegie Hall zu spielen. Trotzdem kennen ihn auch heute nur Leute, die sich für Blues und Jazz interessieren. »Mein Pech war, daß ich als Bluessänger und Bluesmusiker etikettiert wurde. Wenn ich nun versuchen würde, dieses Image zu ändern, würden die Leute sagen: Das ist ein Bluesmusiker, der kann doch keinen Jazz oder irgend etwas anderes spielen. Heute habe ich das Image eines Bluesmusikers und spiele jede andere Musik und die Leute akzeptieren es, weil ich es unter der Etikette eines Bluesmusikers spiele. Ich für meinen Teil bin zufrieden, ich liebe den Blues und empfinde diese Bezeichnung nicht als beleidigend oder einengend. Ich mache so oder so die Musik, die mir Spaß macht, auch wenn sie aus diesem oder jenem Grund nicht die Möglichkeit hat, so populär zu werden, wie man das vom Rad oder Pop kennt.«

In den vergangenen Jahren veröffentlichte King zwar eine Reihe von Platten, die mit Streicher-Zuckerwatte oder weiblichem Hintergrundgesäusel durchaus Zugeständnisse an ein neues, weißes, Publikum machten. Schließlich sollten ihn auch die Leute mögen, die vorher noch nie bewußt Bluesmusik gehört hatten. Live gibt es diese »Cross over«-Konzepte allerdings nicht. Da ist er — nach wie vor und seit vierzig Jahren — immer noch »The King of the Blues«. Und als solcher ein Leckerbissen, den live das Tühinger Zentrum Zoo am 7. Juli im Tübinger Schloßhof anbietet. (mpg)

Internationales Geräuschorchester: Weltmusik

Das vielgerühmte »Internationale Geräuschorchester« gastierte in Reutlingen. Die vierköpfige Gruppe spielte hauptsächlich Stücke aus ihrer zweiten LP, die von der Fachpresse sehr gute Kritiken bekam.

Hochkarätig war auch das Konzert. Etwa beim altbekannten »Rose of Spanish Harlem«, das die Musiker in ein völlig neues Stück mit Reggae-Rhytheus und arabischen Gesangsfetzen verwandelten.

Oder »Heartbeat«, bei dem über monotonem Sprachrhythmus Gitarrist Wolfgang Spamer und die belgische Sängerin Catherine Jeaniaux unisono türkische Melodielinien setzten.

Keyboarder Ulli Homberg zeigte eindrucksvoll, wie die neue MIDI-Technik auf der Bühne einzusetzen ist; mit seinen Synthesizern ersetzte er die bei Studioaufnahmen anwesenden Gäste. Nur manchmal wollte die Synchronisastion zwischen Sequenzern und Musikern nicht klappen.

Rarnesh Shotham überzeuge. durch sein klangfarbenreiches Spiel auf E-Schlagzeug und indischen Perkussionsinstrumenten. Im Gegensatz zu den »Dissidenten«, mit denen das »Internationale Geräuschorchester« oft verglichen wird, spielt sich hier im Rhythmus wesentlich Interessanteres ab. (mpg)

Anne Haigis: Mit gemischten Gefühlen

»Es ist schon lange her. daß wir hier in der Gegend gespielt haben: das letzte Mal in irgendsoeiner komischen Disco,« meinte Anne Haigis mit ironischem Unterton am Sonntagabend in der Listhalle, »die Musik nannte man damals Jazzrock«.

An Jazzrock oder auch an die zuweilen etwas süßlichen Balladen ihrer ersten beiden Langspielplatten erinnerte kaum eines der Stücke ihrer neuen Platte »Laß mich fallen wie Schnee«, die sie am Sonntag vor einer mit 250 Leuten nicht einmal halb hesetzten Halle präsentierte. Produziert wurde das Werk von Tato Gomez, der auch hei »Purple Schulz« die Finger im Spiel hat.

Diese Verwandtschaft war auch im Konzert akustisch festzustellen — nicht nur deshalb, weil die Band »Kleine Seen« von eben »Purple Schulz« nachspielte. Herrschten auf der ersten »Rock«-LP, die vom ewigen Geheimtip Edo Zanki produziert wurde, die leisen Töne, musikalische Verspieltheit und Finesse vor, sind die neuen Nummern oft sehr schnell und hart, im Sound amerikanisch-kommerziell.

Gerade diese schnellen Stücke aber scheinen Anne Haigis nicht so sehr zu liegen, sie rutschte in der Listhalle hei den fetzigen Songs in gepreßte, angestrengt wirkende Töne ab. Das Stimmvolumen der Sängerin und die vielseitge Phrasierung der Melodien kamen erst bei den langsameren Stücken richtig zur Geltung.

Leider gehen auch die Texte manchmal nur knapp am Herz-Schmerz-Schema vorbei. Da war es schon ganz gut. daß die schlechte Akustik der Listhalle wieder einmal ein Erkennen der Texte nicht zuließ. Singt sie allerdings Texte wie in »I bin a Kind«, das »Schwoißfuaß«-Macher Alex Köberlein für sie geschrieben hat, dann interpretiert sie so engagiert. daß man ihr jedes Wort glaubte.

Es ist ein großes Verdienst der Sängerin und ihrer sehr guten Begleitband, daß aus dem mittelmäßigen Songmaterial ein befriedigendes Konzert wurde. Bassist Benjamin Hüllenkremer, der schon bei »Interzone« und Manfred Maurenhrecher spielte, zeigte hei seinem Solo atemheraubend schnelle und dennoch virtuose Läufe. Auch Kevboarderin Mandy van Baaren mit ihrem Solostück üherraschte, sie stand Anne Haigis kaum nach.

Das Publikum in der bestuhlten und halbleeren Halle war anfangs sehr reserviert, honorierte dann aber doch die Leistungen der Musiker durch minutenlange Zugaheforderungen. Denen wurde ausgiebig nachgegeben, was die Auftrittsdauer um eine dreiviertel Stunde verlängerte. (mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’85: Jazzrockgewitter

Eine neuerliche Auflage des gerade zu Ende gegangenen Festivals am Lauchert-See ist für den Trochtelfinger Verein für Kulturarbeit keine Frage. Nur ein deftiges Minus beim dreitägigen Musikmarathon hätte den Verein daran hindern können, sich Gedanken über ein 7. Trochtelfinger Festival am See zu machen. Etwa 4 000 Besucher waren für die Deckung der Unkosten nötig, rund 5 000 zählten die Organisatoren schließlich an den drei Festivaltagen. Am Sonntagabend lockte nochmals ein Doppelkonzert 1 200 Besucher in das große Zelt. Rolf Schwörer endeckte bei seinem Mitstreitern am Montag gerazu ein Glücksgefühl darüber, daß alles so gut gelaufen ist.

Die Augen von so manchem harten Festivalfan hatten schon schwarze Ränder, als die »Fisherman’s Walkband« die Bühne besetzte. Dennoch hatten die Stuttgarter keine Probleme mit dem Publikum. Bereits nach zwei Stücken waren die Leute »auf Hundert« und tanzten ausgelassen. Kein Wunder, die Fishermänner machten Musik, die sich südlich und östlich angehauchten Melodien auf der Grundlage meist lateinamerikanischer Perkussion zusammensetzte.

Die Gruppe verarbeitet mit Vorliebe neue und traditionelle Musikformen, lässt Einflüsse aus Indien und der Türkei zu, und beherrscht auch die Stilformen des britischen Rocks. Sie  bot ein kompaktes Können, jeder einzelne Musiker beherrschte sein Instrument, diente dem Zusammenspiel ohne große Solo-Allüren. Allenfalls Peter Schick an der Gitarre und Keyboarder Willi Keller waren noch besser als ihre schon sehr guten Mitmusiker. Das Publikum nahm die Spielfreude dankbar auf und forderte die Stuttgarter mehrfach zurück auf die Bühne.

Jan Akkerman, neben Alvin Lee der Star des Festivals, kam mit kleiner Besetzung nach Trochtelfingen. Nur von Bass und Schlagzeug begleitet, ließ er ein zweistündiges, stellenweise ohrenhetäubendes Jazzrockgewitter am See aufziehen. Von Funk über den Blues bis zu manchmal avantgardistischen Klängen beherrschte die Band die Palette musikalischer -Ausdrucksmöglichkeiten und Stile beinahe mühelos. Besonders der Bassist begeisterte durch rasend schnelle Funk-Läufe und durch seinen Kontakt zum Publikum.

Jan Akkerman demonstrierte eindrucksvoll den heutigen Stand der Musikelektronik: Er spielte ausschließlich auf einem Gitarrensynthesizer, der es ihm ermöglichte, Gitarrenklänge mit Synthesizerakkorden zu verschmelzen. Allerdings gab’s bei soviel Technik prompt Probleme: Bei der ersten der insgesamt fünf Zugaben versagte das schmucke Gerät völlig, nachdem es zuvor schon laut gebrummt hatte. Diese wideispenstige Technik zusammen mit der nicht sehr differenzierten Abmischung schmälerten das ansonsten ausgezeichnete Akkerman-Konzert etwas.

Für den Verein in Trochtelfingen ist das Festival indes noch nicht vorbei. So, wie sie schon Wochen vor dem Fest für die späteren Besucher unsichtbar werkelten, müssen sie auch nach dem Abzug der Musikfans noch Hand anlegen. Am Montag wurde das Festivalgelände aufgeräumt. Zwar haben sie alle erst einmal die Nase voll, aber Rolf Schwörer ist sich sicher, daß sich das schnell wieder legt: »Es ist dieses Jahr so gut gelaufen, daß über ein 7. Auflage des Festivals kaum Zweifel besteht.« Die Gruppen waren mit Organisation und Stimmung hochzufrieden, Zwischenfälle gab es kaum welche, und mit dem selbstgebasteltem Feuerwerk nach dem Akkerman-Konzert fand das Festival einen funkensprühenden Abschluß. (mpg)

Fritz Brause: Funk-Pop aus dem Pott

Die »zelle« war voll wie schon lange nicht mehr: dem Konzert von »Fritz Brause«, das sind sechs Musiker aus Bochum, die schon einmal in Reutlingen gespielt haben, brachte man großes Interesse entgegen. Mit Recht. Was Klaus Urhan (Schlagzeug), Martin Sander (Posaune), Klaus Bernatzki (Tenorsaxophon), Deff Cramer (Tasteninstrumente), Marcel Bekkers (Gitarre) und Dieter Exter am Baß auf die Beine stellten, machte klar, dass schwarze Musik nicht allein von der Hautfarbe abhängt.

Die Funk-Jazzer aus dem Ruhrgebiet nahmen gleich zu Beginn das Publikum durch zwei unheimlich treibende Stücke für sich ein. »Hau die Kuh den Arm ab« war eine Nummer, deren breiter und voller Posaunen- und Saxophon-Sound durch den Schlagbaß und den Drive im Schlagzeug wirkungsvoll und kontrastreich unterstützt wurde. Deff Cramer überzeugte in »Just for Fun« mit elegantem Synthesizer-Solo. Überhaupt zeugte das Konzert von einer hemerkenswerten musikalischen Qualität der Sechs.

Dieter Exter gelang das Kunststück, auf dem Baß sowohl harte, funkige Sounds zu spielen als auch sanfte Töne, wie man sie etwa vom frühen Stanley Clarke gewöhnt ist. »Eugen« war dafür ein besonders schlagendes Beispiel. Farbkleckse in der Musik von »Fritz Brause« erzeugten die beiden Bläser, die mit präzise gespielten »Fill-Ins« und strahlenden Melodiestimmen zusammen mit den Keyboards für den jazzigen Touch sorgten.
Eine weitere Überraschung war Sängerin Sabine, die nach der Pause hinzukam. Selten hört man eine deutsche Sängerin, die so viel Blues und Soul in ihrer Stimme hat. Man könnte sie in ihrer Vielseitigkeit mit der aus unseren Breiten stammenden Anne Haigis vergleichen.

Obwohl der Sond von Fritz Brause bestimmt von knallhartem Rhythmus in die Beine geht, wollen die Musiker eine Synthese aus tanzharer und dennoch intelligenter Musik schaffen, in der der Jazz nicht zu kurz kommt. Mit ihrer Mischung aus fetzigen und melodischen Stücken gelang ihnen dieses schwierige Unterfangen mühelos. Das Publikum, das seit der Pause schweißüberströmt tanzte, dankte der Band mit frenetischem Beifall und vier Zugabenforderungen. (mpg)