Archiv der Kategorie: Pop

Jackie Leven: Pralle Geschichten, griffige Songs

Wär’s das erste Gastspiel des Singer/Songwriters Jackie Leven im Tübinger »Sudhaus« gewesen, müssten wir hier in ellenlange Oden ausbrechen: Der Mann hat eine poetische Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht, er komponiert kleine, aber musikalisch enorm feine Liedchen auf der Gitarre — und die Anmoderationen Levens sind derart literarisch gedehnt (und, nebenbei, oft auch enorm witzig), dass man ein Konzert mit ihm gerne auch als Erzählabend bezeichnen darf.

Weil der Künstler, der aus Prinzip keine Zugaben gibt, aber schon -zigmal in Tübingen war und wir seine Konzerte stets begleitet haben, machen wir’s kurz: Die Songs vom neuen Leven-Album »Shining Brother Shining Sister« erzählen pralle Geschichten, die Musik selbst ist noch griffiger geworden.

Und die Besucher im gut gefüllten »Sudhaus«-Saal hängen förmlich an den Lippen des Liedermachers: Ein gelungenes »Familientreffen«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Djamel Laroussi: Rai-Weltmusik der Sonderklasse

Wer am Samstagabend im Reutlinger »Nepomuk« mit dabei war, wird zustimmen: Das Konzert mit dem algerischen Multiinstrumentalisten Djamel Laroussi und Band war ein außergewöhnlich gutes – konzert-technisch weniger abgebrühte Zuhörer als der Szene-Tonspion düften glatt die berühmte »Sternstunde« bemühen, ohne rot zu werden.

Der Mann, der nach zwei exzellenten Platten in Frankreich schon in der entsprechenden Szene eine Berühmtheit ist, schickt sich jetzt an, auch den deutschen Markt zu erobern.

Das dürfte für den Musiker, der in Köln studiert hat, auch problemlos klappen. Im »Nepomuk«, wo die kleine aktuelle Deutschland-Tour startete, waren die Zuhörer jedenfalls restlos hin und weg – und machten bei dem auch dramaturgisch ausgezeichnet getimten Konzert von Anfang bis Ende begeistert mit.

Laroussi – selber auf verschiedenen Saiten- und Schlaginstrumenten zu hören – und seine durchweg auf internationalem Spitzen-Niveau musizierenden Bandmitglieder brachten mehr als zwei Stunden einen in jeder Hinsicht höchst spannenden, ,originär und deswegen auch entsprechend frisch klingenden Mix aus Rai, enorm viel Funk, Latin-Elementen, Reggae, Soul und Pop.

Dabei verliert sich Laroussi sowohl als Komponist wie auch Interpret nicht in Wischiwaschi-Beliebigkeit; im Gegensatz zu – beispielsweise – Youssou N’Dour vermeidet er auch zuckrigen Pop vollständig.

Stattdessen gibt’s so eine Art algerischen Power-Funk-Jazz zu hören und dermaßen komplexe Rhythmen und Rhythmuswechsel, dass Frank Zappa nichts als die reine Freude daran gehabt hätte.

Laroussis Band ist unbedingt präzise, sein Bassist und der exzellente Sopransax- Spieler wären im »Nepomuk« schon für sich alleine das Eintrittsgeld wert gewesen. Dazu kam eine Rhythmusgruppe, die es in sich hatte – und eben der charismatische, gut aufgelegte und vor allem stets mit und im Publikum kommunizierende Chef: Das war ein Szene-Ereignis, das haften bleibt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jack Jäckle: Soulrockbluespop

Wir können’s angesichts der Tatsache, dass es schön (und schön voll…) wie immer war, kurz machen: Vor exakt einem Jahr gab’s im Tübinger »Hauptbahnhof« die letzte überaus zugkräftige Soul- und Bluesnight mit Jack Jäckle und seinen Mannen, jetzt langte die Bande um den Tübinger Lokalmatador gleich zweimal zu.

Die Mischung aus nicht zu kantigem Rock, viel Blues und ein wenig Soul kommt beim Publikum nach wie vor bestens an, den Leuten hat’s mindestens soviel Spaß gemacht wie bei den letzten Ausgaben von Jäckle’s Bluesnacht – und die Musiker schienen auch ganz zufrieden: Bis nächstes Jahr also.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Martin Müller feat. Viviane de Farias: Brasil-Jazz ohne viel Pfiff

Eigentlich sind Konzerte mit dem Gitarristen Martin Müller ja eine »sichere Bank« – der Mann ist bekannt für Qualitäts-Grooves.

Umso bedauerlicher, dass das Gastspiel seiner neuen Formation zusammen mit der Sängerin Viviane de Farias kein gutes war: Sowohl Müller wie auch seine Begleiter spielten zusammen unter dem Niveau, das man sonst von Markus Bodenseh (Bass) oder Jochen Feucht (Saxopohone) gewohnt ist.

Mag sein, dass die Musiker zu wenig miteinander geprobt haben, mag auch sein, dass an dem Abend die Chemie einfach nicht gestimmt hat – die aufgeführten Jobim-Klassiker haben jedenfalls unschön geholpert.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Alex Köberlein & Werner Dannemann: Schwoba-Blues im Doppelpack

Am Freitag gastierten die Herren Dannemann und Köberlein im beileibe nicht ausverkauften Tübinger »Hauptbahnhof«.

Obwohl sich der Gitarrist aus Kirchheim und der ehemalige »Schwoißfuaß«-Kopf seit Jahrzehnten kennen, hat’s zur gemeinsamen Duo-CD und dem entsprechenden Bühnenprogramm bis heute gedauert.

Im »Hauptbahnhof« gab’s eine kurzweilige Mischung aus »original« Dannemann-Blues, Covertiteln wie »Norwegian Wood« und Stücken direkt aus Köberleins Vergangenheit: Etwa »kleine Jungen« – oder, aus der Zeit seiner »hochdeutschen« Liedermacher-Karriere, »Fliegen«.

Die wenigen Abstimmungsprobleme und tontechnischen Unzulänglichkeiten (zum Beispiel Werner Dannemanns stets zu laute Gitarre) fügten dem guten Gesamteindruck keinen Schaden hinzu.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Musiktheater „Petrus“: Exzellente Chorleistung

Eindeutig eine Alternative zum sonst fast immer zugkräftigen Gospelkonzert, die Menschen in die Gotteshäuser zu bringen: Bei der Reutlinger Aufführung des »Petrus Musiktheaters«, produziert von der evangelischen Landeskirche als Beitrag zum Jahr der Bibel und im wesentlichen aufgeführt vom »LAKI-Popchor«, waren die Bänke der Marienkirche jedenfalls ziemlich gut gefüllt.

Und das ambitionierte Projekt unter Regie von Rainer Kittel und der musikalischen Gesamtleitung von Hans-Martin Sauter hatte hier so viel Erfolg wie wohl auch bei den bisherigen vier (von insgesamt acht) Aufführungen in verschiedenen Kirchen des Landes.

Die kompositorisch vergleichsweise aufgeweckten Lieder und Popsongs (komponiert vom Tübinger Michael Schütz), die zusammen mit den von den Sängern präzise akzentuierten Texten Geschichten des Jüngers Petrus erzählten, kamen bei den Besuchern an.

Die Betonung lag bei »Petrus« eindeutig auf der Musik – wahrscheinlich träfe der Begriff »Singspiel« besser als »Musiktheater«. Viele gesprochene Passagen wirkten überaus statisch und nahmen der Sache etwas ihre Dynamik.

Dass die Spieler in der Marienkirche auf Mikrofone verzichten, war ein Fehler: Die Sprachverständlichkeit war miserabel. Angesichts des sonstigen Aufwands (70 Kostüme!) und der durchaus semiprofessionellen musikalischen Leistung von Chor und der präzisen Band ist der Verzicht auf Sprach-Verstärkung nicht ganz nachvollziehbar.

Sei’s drum: Die mit Verve und großer Homogenität gesungenen Lieder – harmonisch und rhythmisch im wesentlichen aus der Mainstream-Pop-Geschichte etwa zwischen 1960 und 1980 geschöpft – klangen in der Reutlingen jedenfalls besser als das meiste, was hierzulande so an Verbindungen aus sakralem Anliegen und poppiger Oberfläche in die
Kirchen kommt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

MC Tolga: Lustloses Genuschel

Ein lustloser MC Tolga hat am viel zu späten Samstagabend zusammen mit dem Stuttgarter Lucky Punch Soundsystem im Reutlinger  »Nepomuk« Station gemacht. Erst um halb zwölf ließ sich der im Nepomuk nur nuschelnde Nachwuchs-Rapper und Schnellschwätzer zu einer kurzen Runde hinreißen, weit später in der Nacht gab’s nochmal ein kurzes Set.

Dazwischen und dazu legten die zwei Jünglinge vom Lucky Punch Soundsystem ziemlich wahllos Reggae-Platten auf — mal abgesehen davon, dass wir technisch kaum jemals ein versauteres Mix-Set erlebt haben, hätten sich die DJ’s die platte (und im Übrigen völlig folgenlose) Publikumsanmache via Mikro sparen können.

Ungefähr 60 Besucher tanzten mit.