Archiv der Kategorie: mpg Artikel und Kritiken

Klaus der Geiger: Polit-Folk

Viel Zustimmung und herzlichen Beifall gab’s für Klaus den Geiger und seine zwei Begleiter jetzt im Reutlinger Cafe Nepomuk: Das mittlerweile 63-jährige Kölner Musiker-Original, Gitarrist Hans Wild und Kontrabassist Christian Presch lieferten Altbekanntes und kamen damit besser an als andere »politische« Musiker, die in letzter Zeit Unter den Linden zu Gast waren.

Der Parade-Aussteiger und »ewige Protestier« machte auch diesmal kräftig Polit-Stimmungsmusik: Zwischen Volkslied, ganz sachten Jazz-Ausflügen, Folk-Stilistiken querbeet und früher Rock-Tradition fidelten, klampften und zupften die drei zur ungetrübten Freude der Nepomuk-Besucher.

Bei all den schnellen Stücken, der stellenweise immer noch spektakulären Virtuosität von Klaus dem Geiger, sowie dem extrem guten Verständnis der Musiker untereinander, fiel gar nicht groß auf, dass da schon lang musikalischer Stillstand eingetreten zu sein scheint.

Auch die Texte scheinen wie aus einer längst vergangenen Ära, als BAP, Bots und Co. noch richtig große Nummern in der deutschen Pop-Landschaft waren, zu kommen: Klaus mag so gar nicht zu »Superstar«-Zeiten passen – und kommt gerade wohl deswegen bei einer kleiner werdenden, aber immer noch treuen Gefolgschaft gut an. In Reutlingen jedenfalls wurde es ein geradezu ausgelassener Abend.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Charlie Mariano: Die Saxophon-Nadel im Heuhaufen

Ein Highlight beileibe nicht nur des »Jazzfrühlings in Reutlingen«: Charlie Mariano, der Grandseigneur der europäischen Saxophon-Szene, wurde jetzt im völlig ausverkauften »Foyer U3« von den zu Recht restlos begeisterten Fans frenetisch beklatscht.

Es ist schon nicht selbstverständlich, dass ein 80-jähriger Musiker-Star überhaupt noch auftritt. Ganz selten kommt’s vor, dass solche Konzerte dann – ohne jeglichen Nostalgie-Bonus – zu musikalischen Ereignissen werden.

Dass so ein Glanzlicht dann auch noch in Reutlingen (und auf einer so vergleichsweise kleinen Bühne wie der des »Foyers«) stattfindet, entspricht sozusagen der berühmten Nadel im Heuhaufen. Der »Jazzclub in der Mitte« und das »Nepomuk« haben dieses Konzert mit der Gruppe Nassim möglich gemacht.

Nicht nur die Zuhörer haben sich wohl gefühlt (na klar!), auch Mariano und seine Mitmusiker strahlten. An dem Abend war nämlich außer den Smahi-Brüdern auch Edel-Bassist Dave King mit von der Partie. Er ist sonst unter anderem beim »United Jazz & Rock Ensemble« beschäftigt.

King und Trommler Yahia Smahi harmonierten einfach traumhaft miteinander, wechselten die Stile zwischen Okzident (höchst funkiger Jazz) und Orient (höllisch komplizierte Rhythmik) virtuos wie Schumi die Gänge. Und auf der melodischen Seite warfen sich Mariano, der immer noch wie eh und je gleichermaßen einen starken, höchst expressiven wie gleichzeitig »lyrisch« fragilen Ton besitzt, und Chaouki die solistischen Bälle zu, als ob sie nie was anderes gemacht hätten.

Wer nicht dabei war, aber die entsprechenden, legendären Session-Aufnahmen Rabih Abou-Khalils kennt, weiß ungefähr, wie toll das im Foyer U3 geklungen hat.

Wir sind vermessen genug zu behaupten, dass Mariano, die Smahis und King bei diesem »Jazzfrühling«-Ereignis noch dichter, homogener, abwechslungsreicher und spannender gespielt haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Melva Houston, Masha Bijlsma, Lillian Boutte: Drei Starke Stimmen

Erfolgreich auf der ganzen Linie: Die Idee der Macher des »Jazzfrühlings in Reutlingen«, zum Auftakt der diesjährigen Jazz-Konzert-Reihe drei starke Stimmen zu präsentieren, ist künstlerisch wie kommerziell aufgegangen.

Mehr als 250 Besucher kamen am Wochenende zu den Gastspielen von Melva Houston, Masha Bijlsma und LiIlian Boutte.
Zu hören gab’s drei ganz unterschiedliche Stimmen, Temperamente, Begleitformationen und letztendlich auch Jazz-Sorten. Dabei waren es vor allem die beiden Afroamerikanerinnen, die rundum zu überzeugen wussten – am homogensten klang die Band mit und um den Vollprofi Lillian Boutte aus New Orleans.
Melva Houston – regelmäßiger Gast auf den Club-Bühnen der Region – lieferte am Freitag das wohl erdigste und bluesigste Konzert des ersten »Jazzfrühling«-Wochenendes. Kein Wunder – die Frau ist musikalisch bei der berühmten Soul-Plattenfirma »Stax« groß geworden.
Ein starker Kontrast dagegen der anfangs etwas unsicher wirkende Auftritt der Niederländerin Masha Bijlsma: Sie und ihre exzellenten Begleiter lieferten »typisch« europäischen, modernen Vocal-Jazz. Mag sein, dass manchem die Phrasierung stellenweise unterkühlt klang – singen und scatten kann Bijlsma außerordentlich gut, und ihr Pianist Rob van den Broeck spielte überragend.

Am Sonntag dann waren die Musiker – so gut Drummer Norman Emberson und Co. auch bei dem vielseitigen Programm Lillian Bouttes mitzogen – etwas abgemeldet: Boutte zeigte sich nicht nur als Sängerin, die schwieriges Material ebenso mit Verve und viel Ausdruck bringt wie sie aus Schlagern ä la »C’est si bon« Spannendes macht, sondern auch als Showprofi: Das Publikum taute bei den Gospel-Einlagen, die Boutte zusammen mit ihren Reutlinger Workshop-Schülern gab, schnell auf und war auch hier durchweg sehr angetan.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Kai Degenhardt: Querdenker

Ratlosigkeit bei den Nepomuk-Konzertmachern: Beim »Fest zum 1. Mai« mit Kai Degenhardt sowie der Band Rotes Haus waren am Samstag nur zwei Handvoll Besucher gekommen.

Der Sohn des berühmten Polit-Barden Franz Josef Degenhardt war schon öfters hier mit wesentlich größerer Resonanz zu Gast. Klar, dass der Hamburger Pop-Querdenker und die nicht minder schrägen Vögel vom Roten Haus nicht besonders begeistert waren – weil aber Kai Degenhardt auch sonst nicht gerade den Eindruck einer Stimmungskanone macht, hat der fast leere Zuschauer-Raum auch nicht gestört.

Neu beim diesjährigen Abstecher Degenhardts in Reutlingen war die Begleitung. Zu den schrägen, teilweise recht unkonventionell gegriffenen Gitarrenriffs des Liedermachers – er ist ein Experte darin, den Textfluss gekonnt über raue Rhythmik stolpern zu lassen – kam die seltsame, ungeschliffen wirkende Musikmix vom Roten Haus.

Die Musiker kombinierten Melodica-Getute mit hochmoderner Dancefloor-Musikproduktions-Technik, mischten ohne Respekt Folk-Attitüden mit »Black Music«-Traditionen: Das klang ziemlich ungewöhnlich, manchmal roh – und hat sowohl vom respektlosen Musizier-Ansatz her wie auch dem unprätentiösen Auftreten gut zum »Anti-Pop« Degenhardts gepasst. Vielleicht hören ja beim nächsten Mal mehr zu…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Fried Dähn feat. Barbara Padron Hernandez: Soundwunder im „Sudhaus“

Der Mann hat den Ruf, musikalischer Grenzgänger und expressiver Geschichtenerzähler auf dem E-Cello zu sein – der Theatersaal des Tübinger Sudhauses war am späten Freitagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als Fried Dähn mit Sängerin Barbara Padron Hernandez dort gastierte.

Dähn hatte natürlich wieder seine Elektronik-Kisten mit dabei: Die und ein Laptop ermöglichten ihm, aus dem Cello ein Sound-Wunderland zu machen und mit sich selbst zu spielen – und zusätzlich eine One-Man-Band mit oft sphärisch-meditativen Klängen für die Gast-Vokalistin abzugeben.

Zum mal »spacig« flirrenden, dann wieder in bester Hendrix-Manier verzerrt daherbretternden Spiel von Dähn kam die Stimme seiner hierzulande fast völlig unbekannten Partnerin: Barbara Padron Hernandez kommt aus Kuba, hat gerade einen Dancefloor-Plattenhit – und gefiel im Sudhaus nicht nur wegen ihrer lockeren Art, mit der sie allzu andächtige Stimmung im Publikum zunichte machte.

Zwischen Sprech- und »richtigem« Gesang wechselnd gab sie mit ihrem dunklen Alt dieser Nachtmusik in Tübingen eine besondere Note: In manchen Passagen hatte sie was von der frühen Laurie Anderson. Keine Frage: Den Besuchern hat’s mächtig gefallen!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Adam Rafferty: Unaufdringlicher Jazz

Mag sein, dass der ruhige Modern Jazz, den der New Yorker Gitarrist Adam Rafferty mit seinem Trio am Samstag im Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« hören liess, in den Clubs des »Big Apple« genau das Richtige ist – gemessen am sonst hierzulande üblichen Abwechslungsreichtum war sein Konzert, obwohl technisch vom Feinsten, doch ein bisschen zu ruhig . .

Rafferty klang ein wenig nach Pat Martino und viel mehr nach George Benson. Eigenständigkeit bewies er – leider – beim Reutlinger Konzert nur selten, Fingerfertigkeit dagegen auf hohem Niveau: Bei dem New Yorker verbanden sich Jazz-Standards und Eigenkompositionen Raffertys zu niemals nervigem, unaufdringlichem Gegenwarts-Jazz: Das ist je nach Standpunkt ganz unterschiedlich zu werten.

Mit Rafferty musizierten im gut, aber nicht hervorragend besuchten »Jazzclub in der Mitte« Kontrabassist Danton Boller und Drummer Tomas Fujiwara solide, aber ebenfalls unspektakulär.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

La Vela Puerca: Rock’n’Ska auf Latin-Art

Das Reutlinger »Nepomuk« bot jetzt schon wieder ein Club-Konzert auf ausnehmend gutem Niveau. Der lange, aber kein bisschen langweilige Gig mit der Band La Vela Puerca aus Uruguay geriet zu einem schweißtreibenden Party-Event mit krachendem Rock, viel Ska — und jeder Menge in diesem Kontext frisch und neu scheinenden, »typischen« Latin-Elementen.

Klar bringen es die zwei Bläser von La Vela Puerca nicht so messerscharf wie die berühmten Phoenix Horns — und Gitarrist Santiago Butler ist nicht ganz so cool wie Keith Richards.

Aber nur fast: Besonders in den schnellen, ursprünglich wirkenden Ska-Titeln kommt die exzellente Bläser-Arbeit der Südamerikaner bestens zur Geltung, und die Gitarrenriffs der in ihrer Heimat überaus erfolgreichen Jungs klingen schon öfters, als ob die berühmten »Glimmer Twins« Pate gestanden hätten.

Einen überaus fetzigen, mitreißenden Mix lieferten die routinierten, aber nicht etwa übersättigt wirkenden Musiker um den charismatischen Frontmann Sebastian Teysera im »Nepomuk« ab. Fast alle unter den rund 200 Besuchern schienen estlos begeistert.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger