Archiv der Kategorie: Kunst

Otto Krause-Bächer: Formspiele mit hartem Material

Stelen, Reliefs, Fotografien und Zeichnungen des Tübingers Otto Krause-Bächer sind in der Pfullinger Klosterkirche ausgestellt. Der Künstler wurde 1939 in Berlin geboren und studierte von 1960 bis 1968 an der Karlsruher Kunstakademie. Den sicheren Job als Lehrer am Reutlinger Kepler-Gymnasium gab er vor zwei Jahren auf und arbeitet seitdem freiberuflich.
Das Erdgeschoss der Klosterkirche wird von teilweise übermannshohen Stelen dominiert, die Krause-Bächer aus Eichen- und Mahagoniholz gearbeitet hat. Er sieht diese Arbeiten nicht in der gängigen Tradition; sie sollen keinen Machtanspruch verdeutlichen, kein Ideal symbolisieren und sind auch nicht als Mahnmale gedacht. »Ich orientiere mich mit meinen Stelen eher an einem krumm gewachsenen Baumstamm«, meint der Künstler und weist darauf hin, daß Zeit und Umstände eine gerade Entwicklung unmöglich machen.
So gibt es an den Holzsäulen mit Titeln wie »Tauber Zapfen«, »Trieb mit Knospe« oder »Entwurzelter Fenchel« allerhand Überraschungen fürs Auge zu entdecken: Im »Treppenhaus« — gefertigt aus verwittertem, wurmstichigen Holz — kontrastiert Krause-Bücher die Wuchtigkeit des Sockels mit fein gearbeiteten Verästelungen und Durchbrüchen, die in verschiedenen Blickwinkeln immer neue Details zeigen. Der Betrachter des »Fallenden Minaretts« im Obergeschoß wird verunsichert: Das meterhohe Ding aus Eiche und Eisen scheint sich gleichzeitig emporzurecken und zu fallen.
Immer wieder — und oft mit Witz und Humor — fügt der Künstler Dinge in seinen Arbeiten zusammen, die eigentlich nicht so recht zueinander passen: An einem flammenden, verspielt-leichten Holzornament eines Reliefs nimmt der Betrachter ein gewöhnliches Klingelschild wahr, bei einem anderen Wandbild mit dem Titel »Klosterkirche« spielt KrauseBächer mit perspektivischen Verzerrungen.
Er kann dem widerspenstigen, harten Material fast schwerelose Formen geben. Besonders deutlich wird dies bei dem Relief »Frischer Wind«, wo in einem Fensterrahmen der Holz-Vorhang flattert. »Von einem bestimmten Blickwinkel aus wirken die Reliefs räumlich, von einem anderen aus flach. Ich möchte mit diesen Wandbildem meinen Denkprozeß veranschaulichen. Zuerst nehme ich Informationen auf, dann ordne, filtere, verarbeite und transformiere ich sie, um schließlich eine persönliche Stellungnahme abzugeben«, sagt Krause-Bächer.
Starke Kontraste sind auch in den zwölf Fotografien und den wenigen Zeichnungen zu entdecken. Die Schwarzweiß-Fotos — Krause-Bächer betont stark die Grauwerte — zeigen Landschaftsdetails der Schwäbischen Alb und versteckte Ecken in Tübingen. Da gibt es mächtige Wurzeln zu sehen, oder eine Wiese bei Unterjesingen, aus der die Räder eines Heuwenders wie Windmühlenflügel ragen. »Das Gegen- oder Miteinander von natürlicher und menschlicher Ordnung einerseits und die Kontraste andererseits — das ist es, was mich an der Landschaft interessiert«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 09. Mai 1992

Emil Wächter: Gesichter aus der Bibel

»Seine Gesichter lassen sich alle auf das eine, große Gesicht zurückführen — das Gesicht des Schöpfers«. Wolfgang Urban, Rottenburger Diözesankonservator, Historiker und Philosoph (Bild), führte zahlreiche Vernissagebesucher am Dienstagabend nach »Alter Musik« und der Begrüßung durch Dekan Richard Kappler in das Werk von Professor Emil Wachter ein.

Über 30 Originalfarbdrucke und Alugraphien (diese Technik entspricht der von Lithographien; lediglich die Druckplatten sind statt aus Stein aus Aluminium) des 1921 bei Karlsruhe geborenen Künstlers sind im katholischen Dekanatshaus in der Reutlinger Schulstraße ausgestellt, weitere Bilder sind in den Kirchen St. Wolfgang, Heilig-Geist, St. Peter und Paul sowie St. Andreas zu sehen.

Wachter, der nach einem Theologiestudium in Freiburg in Karlsruhe unter anderem bei Erich Heckel Kunst studierte und mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet ist, zeigt in den drei jetzt in Reutlingen ausgestellten Bilderzyklen unter dem Titel »Die Bibel in Gesichtern« ausdrucksstarke Portraits von Gestalten des Alten und Neuen Testaments — von Adam und Eva bis hin zu Petrus.

Die Arbeiten der sogenannten »Singener Trilogie« sind auch nach den Landeskunstwochen noch bis zum 28. Oktober montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung (Telefon 411 44) zu sehen. Die Ausstellung der Gesamtkirchengemeinde Reutlingen in Zusammenarbeit mit dem katholischen Bildungswerk des Landkreises wird von einer Vortragsreihe begleitet.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. September 1991

Fritz Schwegler: Viele Einfälle unter den Hüten

»Notwandlungsstücke« nennt er kleine Skulpturen aus Bronze, »Einfallsnummern« hat er allem, was seinem kreativen Kopf so entspringt, seit 1962 gegeben und »Art-Hüte« eigens für die Reutlinger Landeskunstwochen gezeichnet und mit kleinen Texten beschrieben. Die Schreibe Fritz Schweglers, 1935 im Kreis Göppingen geboren und heute Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, ist verdreht, verkürzt, gewandelt. Was sagt er über seine eigenen, »notgewandelten« Stücke?

»über Wandlungen gibt’s viele Vorstellungen und Bücher. Das berühmteste womöglich schon im alten China. Und das Wandern, das Wandern, ach, ist auch bei uns lange bekanntes Volksliedgut. Was Stücke sind, braucht nicht extra erwähnt zu werden, es hat mit dem Ganzen zu tun, welches immer nur in solchen Schritten zu haben ist. Auch das ist nötig, einzusehen. Ist das ein sich winden, schmerzlich, oder wird’s dann schon spielend, Tanz?«

In der gesamten Ausstellung Schweglers in der Eingangshalle des Reutlinger Rathauses finden sich Formen, die in verschiedenen einzelnen Stücken ebenfalls zu sehen sind, er verarbeitet seine Ideen in verschiedenen Disziplinen künstlerischen Schaffens. Und was für Formen: »Einfallsnummer 6929« ist ein Gebilde, das aussieht wie ein Kuheuter, mit einem sozusagen schützenden Dach darüber – »Wiederkehr der Sonnensamung« (»EN 6637«) der ebenfalls verblüffende Titel. Oder eine gebückt mit durchgedrücktem Kreuz dastehende Dame (»EN 7045«), die einem vierbeinigen und -füßigen Balken (»EN 6953«) mit einem Hohlzylinder oben drauf gegenübersteht — auch diese Figur bietet irritierende optische Reize, deren Wirkung durch die »EN 6785« noch verstärkt wird: »Doch hat bei des Lebens Zukunft Forschung manch innerer das Auge aufgetan«, steht im Katalog, den die Stadt Reutlingen anlässlich der Ausstellung Schweglers herausgebracht hat. In dem Buch sind die zarten, lichtdurchlässigen Wachsformen abgebildet, die den 150 ausgestellten, poppig bunt bemalten Bronzeminiaturen zugrunde liegen.

Neben großen Tafelbildern, die bildnerische Darstellung und skurrilen Text vereinen, hängen 40 kleine, bemalte und beschriebene Blätter Schweglers im Reutlinger Rathaus. »Ein Hut, ein Stock und eine Zeitung«, heißt einer dieser »Art-Hüter«, ein anderer »Weiter Hut mit Stangen«. Da baumeln zwei Hüte für distinguierte Herren auf zwei dürren, stachlig behaarten Beinen. Oder das Modell »Stapler«: »Mit um den Kopf Stäben / die jedem geben / ein Hochstablergefühl, der so einer sein will«, hat der auch gesanglich engagierte Schwegler — bei der Ausstellungseröffnung war’s zu vernehmen — diesen Kunst-Hut selbst beschrieben.

Rudolf Greiner, der Organisator der Reutlinger Schwegler-Schau, meint über den zweifelsfrei reichlich mit Humor begabten Künstler: »Er vermeidet Hierarchien zwischen den Dingen, zwischen Wort und Bild und Bild und Plastik. Alles steht nebeneinander, und kann so in seiner Eigenheit erfasst werden. In ihrer Gleichberechtigung und wuchernden Lebendigkeit werden die Stücke des Künstlers not-wendend und damit not-wendig«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. September 1991

Francois Morellet: Unerbittliche Sparsamkeit der Mittel

Die Reutlinger Stiftung für konkrete Kunst zeigt in Zusammenarbeit mit dem Musee de Grenoble noch bis Ende Oktober die erste Retrospektive des grafischen Werks von Francois Morellet, zusammmen mit dreidimensionalen Modellen, »weißen Bildern« aus den achtziger Jahren und einer repräsentativen Auswahl früher Tafelbilder.

Die ausgestellten und bisher weitgehend unveröffentlichten Zeichnungen des 1926 in Cholet geborenen Künstlers zeigen gut nachvollziehbar seine kreative Entwicklung.
Serge Lemoine, Organisator der Ausstellung, Chefkonservator des Musee de Grenoble und Autor des ansprechend gemachten zweisprachigen (französisch/ deutsch) Katalogs zur Ausstellung, schreibt über Morellet und seine Arbeit: »Was im Gedächtnis bleibt, das ist sein radikaler Wille zum Weglassen, seine unerbittliche Sparsamkeit der Mittel und seine geradezu verwirrende Einfachheit. Es gibt hierzu eine mögliche Erklärung: Seine Kunst beruht von Anfang an auf einem Prinzip, dem Prinzip der Spielregel, die der Künstler sich selbst gibt und die sein Schaffen bestimmt «

Die frühesten jetzt in Reutlingen zu sehenden Zeichnungen stammen aus den Jahren 1948 bis 1950 und sind weitgehend gegenständlich. Nachdem Morellet wenig später Charcoune, Dimitrienko, Mondrian und Bill kennengelernt hatte, reduzierte er seine Bilder auf einfache Formen; Farbigkeit weicht der Monochromie. Ab 1952 wendet er sich immer mehr der Erforschung kompositorischer Systeme, der Geometrie und der Berechnung von Bildern zu. Morellet beschäftigt sich intensiv mit der Überlagerung von Linien. Diese Arbeiten sind in der Ausstellung der Stiftung für konkrete Kunst ebenso zahlreich vertreten wie Studien ab 1956, in denen er — das Interesse an Farben ist wieder erwacht — Komplementärfarben erzeugt, ohne die einzelnen Farben miteinander zu mischen.

Er untersucht das Phänomen der dreidimensionalen Wahrnehmung zweidimensionaler Zeichnungen durch das menschliche Auge, entdeckt, daß ihm fertige »Letraset«-Raster die Arbeit enorm erleichtern und nimmt das in Angriff, was Lemoine »Die Erprobung des Zufalls« nennt: Beispielsweise setzt Morellet im Jahr 1960 40000 leuchtend rote und blaue Quadrate in Öl auf eine ebenfalls quadratische Leinwand — die Verteilung der Bildelemente folgt dabei geraden und ungeraden Zahlen eines Telefonbuchs.

In den siebziger Jahren beschäftigt sich der Künstler zunehmend mit Lichtinstallationen und Architektur — letztere ist für Morellet bis heute interessant. Zu verschiedenen Projekten sind am Wandelknoten kleine Modelle (Morellet selber nennt sie »Skizzen im Raum«) zu sehen: Strukturen im dunklen Raum, riesige Wandmalereien oder auch Entwürfe für verschiedene Ballettinszenierungen.

»Meine Kunst ist wie ein Picknick: Nur was die Besucher mitbringen, können sie auch verzehren«. Der Wahrheitsgehalt dieses Bonmots des Künstlers wird jedem Besucher der Retrospektive spätestens dann schlagartig klar, wenn er die Ausstellungsräume betritt, in denen die »Weißen Bilder« von Morellet ausgestellt sind. »Den Humor und die Ironie darin wird der begreifen, der Hintergrundwissen hat«, sagt die Geschäftsführerin der Stiftung, Dr. Gabriele Kühler.

Auf den ersten Blick wecken die vielen weißen Leinwände in den in Frankreich üblichen Format-Traditionen für Porträt, Landschaft und Seestück — an ebenso weißen Wänden aufgehängt — Unverständnis, bestenfalls Irritation. Deutlich werden die »Defigurationen«, in denen Morellet Gesichter oder auch ganze Bilder durch weiße Leinwände ersetzt, erst im Vergleich. Deshalb haben die Ausstellungsmacher gegenüber der verblüffenden Morellet-Version des Herrenberger Altars, die extra für die Reutlinger Schau gemacht wurde, eine Kopie des Originals aufgehängt.

Daß Morellet Ernsthaftigkeit nicht gerade zu seinen hervorstechendsten Tugenden zählt (er selber bezeichnet sich als »frivol«), wird auch beim Betrachten von Serien wie »Geometrie dans les spasmes« — gesprochen ist der Titel ein Wortspiel — klar, oder auch im »Steel life« von 1989. Sinnigerweise hat Morellet keinen Stahl, sondern Aluminium eingesetzt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 07. September 1991