Archiv der Kategorie: Kunst

Stadthalle Reutlingen: Fotogalerie online

Die Meinungen über die neue Reutlinger Stadthalle sind – aufgrund des unübersehbar wuchtigen optischen Eindrucks – schon vor der Eröffnung geteilt: Wo die einen ein prächtiges Stück Gegenwarts-Architektur sehen, das „unverwechselbar und einzigartig“ (O-Ton eines Bauleiters) ist, fühlen sich andere an den ehemaligen „Palast der Republik“ der DDR oder – noch derber im Urteil – an die bombastisch-pathetische NS-Architektur Albert Speers erinnert.

Selber gucken, selbst urteilen: Hier habe ich eine Galerie mit Impressionen der (fast fertigen) Stadthallen-Baustelle online gestellt.

Stadthalle Reutlingen am 15.11.2012. Foto: © Gerner / mpgText

Oscar D’Leon: Salsa-Attacke

Ein glanzvoller Abschluss des »13. Internationalen Tübingen Festival« hätte es werden können. Statt dessen gab’s für die vielleicht 750 Besucher des Konzerts mit Salsa-Star Oscar D’Leon nur kräftig was auf die Ohren.

In seiner Heimat Venezuela wie auch in der Latin-Szene überhaupt gilt der 55jährige Sänger — früher fuhr er Taxi und unterhielt seine Gäste mit Live-Belcanto zu den Radio-Hits — als Superstar. Dementsprechend gespannt zeigten sich vor allem die vielen Tübinger Konzertgäste aus spanischsprechenden Ländern.

Ein einziger hat Schuld daran, dass ziemlich vielen dann nach satter Wartezeit die Party gründlich vermasselt wurde: Der (offensichtlich von der Band mitgebrachte) Mann am Saalmischpult reduzierte mit wenigen Knopfbewegungen das mögliche Musik-Erlebnis zu einer nervigen, nicht eben eindeutigen Krach-Quelle.

Eineinhalb Dutzend fein gewandete Musiker standen mit D’Leon auf der Bühne — und mögen ja auch erstklassig gespielt haben. Von der umfangreichen Klopf- und Klapper-Abteilung drangen indes nur dumpfes Wummern und ein paar Grundschläge durch. Der fünfköpfige Bläsersatz hätte wahrscheinlich aus dem Billigsampler besser geklungen als in dieser gnadenlos lauten und (ohrschädigend) höhenlastigen Live-Abmischung. Von den Keyboards sowie den Saiteninstrumenten gab’s, wenn überhaupt, nur Klangmatsch zu hören. Die vielen jazznahen Zitate, die Oscar D’Leon in seine Rhythmusorgien querbeet durch den Latin-Katalog eingebaut hat, verursachen aufgrund ihrer akustischen Komplexität zusätzliches Chaos.

Den Tanzwütigen unter den Gästen machte das natürlich ebenso wenig etwas aus, wie die im Verhältnis viel zu laut abgemischte Stimme D’Leons. Auch das aufgesetzte (und leider kein bisschen selbstironische) Show-Theater, das Leon um sich macht und veranstalten läßt, gehört für Liebhaber offensichtlich dazu.

Viele Hörer ergriffen aber schon kurz nach Beginn die Flucht in ruhigere Mensa-Ecken. Am Mischpult häuften sich die Beschwerden, die von dem Mann mit Profi-Blick aber eisern ignoriert wurden. Ein Techniker der Verleihfirma (die szene-intern für höchst professionelle Arbeit bekannt ist) versuchte, sanft in die inkompetente Knöpfchendreherei des Bandmischers einzugreifen. Ohne Erfolg.

Wahrscheinlich war es so, daß der Verantwortliche für dieses Akustik-Desaster überhaupt nicht mit dem fremden, hochklassigen Arbeitsgerät zurecht kam. Und er hat offensichtlich schon in so vielen Konzerten die Frequenzgänge ohrschädigend verbogen, dass er ein reichlich kaputtes Gehör hat — so liesse sich auch der wirklich extreme, gefährliche Hochton-Pegel in der Mensa erklären. Sehr schade. »El Leon de la Salsa, der Löwe der Salsa« hat gebrüllt. Gehört hat man in Tübingen davon wenig Königliches. (-mpg)

Ben Willikens: Spiel mit dem Raum

Das Thema ist der Raum, die Sichtweisen und Ergebnisse sind vielfältig. Der in Stuttgart lebende Ben Willikens, Professor an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, und zehn seiner Schüler und Schülerinnen stellen noch bis zum 3. Februar in der Reutlinger Planie in der Galerie Guth-Maas & Maas Arbeiten der letzten beiden Jahre aus.

Der drei auf vier Meter große monochrome »Raum« des Lehrers hängt seit ein paar Tagen nicht mehr in der ehemaligen Heinzelmann-Fabrik, sondern als Privatbesitz im neuen »Domino«-Haus am Echazufer. Dafür gibt es in der Galerie jetzt den »Raum 23« zu sehen — die Idee dahinter ist dieselbe. Mit feinen Grauabstufungen erreicht Willikens optische Weite.

Nol Hennissen verblüfft die Besucher mit körperlos schwebenden, zarten Farben an zwei Wandobjekten und einer Installation. Wie von Scheinwerfern beleuchtet wirken seine Arbeiten — aber sie sind es nicht: Das neonartige Leuchten ist gemalt und wird von Weißflächen reflektiert.

Stefan Schmid-k zeigt in seinen Arbeiten farbliche und geometrische Spannung sowohl in der äußeren Form seiner Bildträger wie auch im Inhalt selbst. Genauso Andrea Frank, die mit nachtblau eingefärbten, strengen Holzskulpturen Akzente setzt: Ihre Arbeiten stehen in direktem Bezug zu der Industrie-Architektur der Galerieräume.

»Den Zeitbezug zur aktuellen Industrieproduktion« stellt Barbara Bernnieder für sich mit schwarzem Lack als Farbträger her. Den hat sie in einfachen, schlichten Formen auf ihre Bilder aufgetragen. Die Strukturen sind bei Melissa Logan wesentlich dichter. Aber auch sie spielt mit den Gegensätzen, setzt scharf neben unscharf und erreicht mit Wiederholungen eine räumliche Wirkung.

Groß die Gegensätze zwischen den Exponaten Julia Wegats und Katarzyna Gordziejew. Die eine nutzt mit ihrer Videoinstallation»M« modernste Methoden und Materialien, die andere beschäftigt sich, wie sie selber formuliert, »mit den unmodernen Themen Akt und Stilleben«. Ihre Tuschearbeiten zählen zum Interessantesten in dieser Ausstellung.

Die zeigt — neben Arbeiten von Heinrich Gussenberg, Ulrike Hartwig und Hans Jörg Dobliar — auch verblüffende Buch-Kunst: Angela Fechter hat in ihren filigranen Objekten Bücherseiten (die sind zum Teil auch aus Metall) abgestuft beschnitten — so daß hier im ganz Kleinen räumliche Tiefe entsteht.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 17. Januar 1995

Volker Illi: Die Form in der Form

»Ich bin heute wieder an einer Stelle, wo, ich schon einmal war — nur auf einer anderen Ebene«, sagt der vielseitig interessierte Reutlinger Künstler Volker Illi. In seiner Ausstellung »Zeichnung und andere Formen« bei Guth-Maas & Maas in der Planie gibt es in den unterschiedlichsten Arbeiten jede Menge Parallelen und Querbeziehungen zu entdecken.

Die Schau (noch bis 3. November zu sehen) zeigt Malerei, Collagen, Ready-Mades, Zeichnungen und Installationen des gebürtigen Heilbronners aus dem Zeitraum 1980 bis heute. Die frühesten Arbeiten — großformatige Landschaftsimpressionen in kräftigen Farben — stammen aus Illis Studienzeit an der Berliner Hochschule der Künste. Schon hier ist Illis Begeisterung fürs Medium Film, die Fotografie wie auch die Malerei zu spüren.

»Ich hab‘ irgendwann gemerkt, dass der Verzicht auf Farbe eine größere Konzentration auf die Form nach sich zieht«, sagt der 39jährige, der auch Lehraufträge an der Reutlinger Fachhochschule und der Nürtinger Jugendkunstschule hat. Als den »Endpunkt meiner Landschaftsmalerei« bezeichnet der Künstler die zunächst monumental wirkende Zeichnung »Totale«. Mit geringerem Abstand nimmt der Betrachter hier eine Vielzahl von Formen wahr — und innerhalb dieser Muster wieder neue Formen. Dem »Staudamm« liegt ein altes Foto vom Assuan-Staudamm zugrunde; im Wasser tummeln sich tausende minuziös aufgeklebter Kleinlebewesen.

Andere Arbeiten setzen sich mit der katholischen Kirche auseinander, mit der Differenz zwischen den »großartigen künstlerischen Leistungen und der schlimmen Geisteshaltung daneben«.

Eine Installation aus Küchenblechen, Kohlebehältern und Ofenrohren (»das hat alles mit Hitze und Feuer zu tun«) ist in einem dynamischen Bogen von tiefschwarz bis silbergrau angeordnet — und dient Illi, der immer wieder in der Galerie anzutreffen ist, als Sound-Maschine: Eine Vielzahl von ungewöhnlichen Klängen holt er aus dem Metall heraus.

»Mir entspricht es eher, mit kargem Material zu arbeiten, als zu klotzen«, meint Illi, der mit seinen Schülern in Performances so virtuos mit Licht und Schatten umgeht, »dass es einem das Hirn wegträgt«, wie Galerist Reinhold Maas meint. Den bisherigen Endpunkt der Entwicklung Illis zeigen drei auf den puren Schwarz-WeißKontrast reduzierte Kohlezeichnungen und die Installation der »Fraktalrechen«, bei der sich ebenfalls die Form in der Form findet: Der Stil des kleinen entspricht im Durchmesser den Zinken des nächstgrösseren.

»Auch in die Niederungen des Kunsthandwerks hab‘ ich mich herabgelassen«, meint Illi ironisch — und weist auf ungewöhnliche Arbeiten hin. Die Formen der »Scheiben« entstanden durch Pigmente, die sich durch die Spannung zwischen Wasser und Terpentin auf dem Papier in ungewöhnlichen Konstellationen angeordnet
haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 29. Oktober 1994

Volker Illi: Kunstvolle Schatten in der Nacht

Einen »Film mit anderen Mitteln« erlebten die Teilnehmer an der Eröffnung der »Nürtinger Jazztage ’94«: Der Reutlinger Künstler Volker Illi, Dozent an der Freien Kunstschule Nürtingen, zeigte mit seinen Schülerinnen und Schülern um Mitternacht ein Wahrhaft multi-mediales Performance-Projekt.

Fließende Schattenspiele an den Wänden des Kulturcafés »ProVisorium«, die Innenarchitektur als Projektions-Gegenstand, ein Film über den Filmprojektor, dazu Dias, Musik und collagierte Sounds live und vom Band — die rund 50minütige Schau war ein Fest für die Sinne und wurden von den Zuschauern im rappelvollen »ProVisorium« mit viel Beifall quittiert.

Die »Schattenhaut«, so der Titel des Projekts von Illi, geht auf eine Idee der Performance-Künstler Serge Le Goff (Frankreich) und Koho Mori (Japan) aus dem Jahr 1982 zurück. »Ephemerides« (sowohl >Tagebücher< als auch Bezeichnung für astronomische Tabellen) hat Le Goff seine Performance wortspielerisch genannt. Das visuelle Spiel mit der Vergänglichkeit des Augenblicks hat seine akustische Entsprechung im improvisierten Jazz — die Querverbindungen dieser mittlerweile fünften »Ephemerides« zum Musikprogramm sind klar.

Während draußen der Tübinger Laserkünstler Friedrich Förster die Veranstaltungsorte Kreuzkirche, ABC-Lichtspiele und »ProVisorium« verband, entführte die Gruppe um Illi die Zuschauer im Kulturcafe in eine mystische Schattenwelt, die sehr expressiv und mit dynamischen Bewegungen Film und Malerei mit Musik verband: Sogar den Performance-Titel machten Illi und Co. zu Musik — indem sie die Buchstaben in Papier stanzten und durch eine Spieluhr laufen ließen.

Am deutlichsten war die Verbindung zwischen Pinsel und Kamera in projizierten Licht-Bildern, die die Akteure mit Flüssigkeiten, Kratztechniken und allerei Gegenständen auf einer Glasplatte entstehen ließen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 29. Januar 1994

Polnische Künstler in Reutlingen: Vielfalt an Formen und Stilen

Eine vielfältige Schau aktueller Malerei und Skulpturen aus Polen gibt es noch bis Ende 1993 auf dem Landeskunstwochen-Gelände an der Reutlinger Planie 22 zu sehen: Schon zum zweiten Mal stellt die Bürogemeinschaft Ast, Dabrowska, Maas, Nenno und Ulbig polnische Kunst aus.

Für eine mehr oder weniger privat — über einen Danziger Galeristen — organisierte Ausstellung sind beeindruckend viele, sehr unterschiedliche und großzügig in den verschiedenen Räumen plazierte Exponate zu sehen. Alle neun Künstler rechnen sich zum Umfeld der Hochschule für Bildende Künste in Danzig, alle haben sie in den rund 80 Arbeiten ihren ganz eigenen Stil, ihre eigene Form- und Farbensprache entwickelt.

Verspielte, enorm fein gearbeitete Skulpturen, die mit fast besessener Detailverliebtheit aus Keramik (!) gemacht sind, hat Kazimierz Kalkowski (39) ausgestellt. Sehr dekorativ wirken die Materialspielereien mit verschiedenen Metallen, von Aleksander Detkos (54), in ihrer Schemenhaftigkeit einsam und verschlossen die kleinen Menschenskulpturen von Katarzyna Umiastowska. Ihr Mann, Andrezej Umiastowski, ist ebenfalls mit fünf Arbeiten zu sehen.

Großformatige, kühl-analytisch aufgelöste Aktbilder von Wladyslaw Jackiewicz (geboren 1924) sind ein Höhepunkt der Schau. Die zehn Arbeiten des Mitbegründers der »Danziger Gruppe« und ehemaligen Professors der Danziger Kunstakademie beeindrucken durch ihren sorgfältig ausgewogenen kompositorischen Aufbau.

Ähnlich international bekannt wie Jackiewicz, dessen Bilder unter anderem 1988 auf der Biennale in Venedig ausgestellt wären, ist der 43jährige Jacek Mydlarski. Von ihm gibt’s zarte Gemälde zu sehen — bei denen der Betrachter nach einiger Zeit hinter dem vermeintlich ganz und ausschließlich weißen Vordergrund teilweise eine erstaunlich dynamische Farbsprache entdeckt.

»Mydlarski hat anfangs sehr bunt gemalt«, erzählt Reinhold Maas, »und reduzierte dann seine Oberflächen immer mehr in Richtung weiß. Mir hat er gesagt, wenn ich seine Bilder besser verstehen will, soll ich mir vorstellen, lange aufs Meer zu starren — die Wirkung sei die gleiche«.

Im ersten Moment sind die Ikonen vom erst 27jährigen Rafael Roskowinski viel leichter zugänglich — aber dann darf kräftig über die mystische Symbolsprache und die graphischen Geheimcodes gerätselt werden.

Expressiv, berührend und im Umgang mit Licht und Schatten meisterlich gemalt sind die Arbeiten wider Leid und Unmenschlichkeit von Piotr Budziszewski — der Kontrast zu den plakativ-grellen Lithographien von Zbigniew Gorlak könnte härter kaum sein.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 30. November 1993

Wassily Kandinsky: Kleine Freuden

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt 190 Arbeiten Wassily Kandinskys

„Mein Ziel war ja — sich gehen zu lassen und eine Menge Meiner Freuden auf die Leinwand zu schütten. Ohne an das Endresultat zu denken, machte ich einen hellblauen Fleck, umgab ihn mit mattgelb, zog zackige oder geschweifte Linien, warf eine Menge weißer Explosionen hin und suchte jede dieser Explosionen anders zu färben.Nur wenige Momente fühlte ich die Last der Aufgabe…im ganzen ging es leicht, lustig, und ich setzte immer neue Einzelheiten hinein.“

So beschrieb der Maler Wassily Kandinsky sein 1913 entstandenes Ölbild »Kleine Freuden«, das der Ausstellung rund 190 seiner Aquarelle und Zeichnungen in der Neuen Stuttgarter Staatsgalerie ihren Titel gab.

Der Essay des Künstlers ist im sorgfältig erstellten, reich bebilderten Katalog (Großformat, 220 Seiten, Prestel-Verlag München) erstmals vollständig veröffentlicht.

Zum ersten Mal sind die Arbeiten in dieser Schau — die im Frühjahr auch schon in der nordrhein-westfälischen Kunstsammlung in Düsseldorf zu sehen war — im Zusammenhang zu betrachten. Bisher konnte die Öffentlichkeit nur einzelne Aquarelle und Zeichnungen in sammlungsbedingten Ausschnitten sehen.
Der chronologische gehängte Farben- und Formenrausch beginnt mit dem »Aquarell für Kojöve« (um 1910-12) und endet mit einer namenlosen Komposition aus Kandinskys Todesjahr 1944. Das eine Bild, ein Geschenk an den Neffen des Künstlers, zeigt neben den »Markenzeichen« der frühen Arbeiten – Pferd und Reiter — eine Hexe, einen Mönch und ein Wikingerschiff mit feuernden Kanonen — ein gemaltes Märchen vorwiegend in bläu, gelb und rot. Die andere Arbeit vermittelt trotz scharf abgegrenzter Konturen eine schwebende Leichtigkeit: An Pilze erinnernde Formen purzeln nach unten, jede anders als die andere, und mit vielen unterschiedlichen Elementen innerhalb der äußeren Linien.

Während die Aquarelle und Zeichnungen Kandinskys vor 1914 mit abstrakten Bildelementen lediglich liebäugeln, nimmt das Ungegenständliche in seinem Werk nach der Rückkehr in die russische Heimat bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ständig zu. »Noch 1917 entstanden überraschend realistische Zeichnungen und Landschaften«, schreibt Vivian Endicott Barnett, eine lange Jahre im New Yorker Guggenheim-Museum tätige Kandinsky-Expertin, die auch für die Konzeption der Stuttgarter Schau verantwortlich zeichnet, »in einigen Aquarellen und Hinterglasbildem stellte Kandinsky bis 1919 weiterhin Märchen und Biedermeier-Sujets dar; zu gleicher Zeit aber malte und zeichnete er in ganz und gar abstrakter Manier. Viele Arbeiten wirken düster und scheinen von Vorahnungen erfüllt. Eine verwirrende Ambivalenz und Unentschiedenheit kennzeichnet sein Schaffen aus der russischen Periode.«
In der folgenden Zeit, gut an den Exponaten zu sehen, nehmen Kreisformen ständig zu, die Konturen werden härter und schärfer: Seit seiner Mitarbeit am Weimarer Bauhaus — 1922 erhielt er dort eine Professur — benutzte der Künstler Zirkel und Lineal für Kreise und Linien. In Paris, wohin Kandinsky nach der Schließung des inzwischen nach Dessau verlegten Bauhauses 1934 durch die Nazis übersiedelte, tauchen zunehmend Formen auf, die organisch gewachsen zu sein scheinen und stellenweise an Kleinstlebewesen erinnern.

Mitte 1942 war Kandinskys letztes großes Ölgemälde fertig. Zuerst durch die Kriegsnot bedingt, dann auch wegen seines zunehmend schlechteren Gesundheitszustandes, zeichnete Kandinsky sehr viel und malte auf kleineren Kartons. Die letzte in der Stuttgarter Ausstellung zu sehende Arbeit basiert auf einer Zeichnung, die schon 1941 entstanden war.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 20. Juni 1992