Archiv der Kategorie: Klassik

Gleis 4: Vielgleisige Formation

Mit Scheuklappen ist die Tübinger Saxofonistin Dorothea Tübinger schon lange nicht mehr aufgetreten. Vor dem großen »Nepomuk«-Open-Air am nächsten Wochenende lieferte sie jetzt zusammen mit drei Sax-Kolleginnen dort vor rund hundert begeisterten Zuhörern kammermusikalisches zwischen »E« und »U«.
Wobei »Gleis 4« – so haben Tübinger (Sopran- und Alt-Sax), Silke Panknin (Alt), Annette Janle (Tenor) und Baritonsax-Spielerin Christina Schoch ihre Formation genannt – gleichermaßen die »klassischen« wie auch die »jazzigen« Musik-Teile des Abends mit großer Ernsthaftigkeit interpretierten und offensichtlich auch mit der gebotenen kunterbunten Mischung bestens unterhielten.

Von Bach bis zur Gegenwart reichte die Palette. Das »Dreigroschenoper«-Medley gelang den vieren, die durchweg sehr sauber, rhythmisch präzise akzentuiert und zusammen schön homogen spielten, besonders gut. Nach Satie waren später Jazz-Klassiker wie Thelonious Monks »Round Midnight« für die Musikerinnen wie auch die Zuhörer »Spaziergänge«.

Innerhalb des Gesamtklanges von »Gleis 4« war es immer wieder Doro Tübinger, die die anderen überstrahlte. Das lag nicht nur an hörpsychologischen Gegebenheiten – das hohe Sopransax setzt sich gegen tiefer klingendes immer leicht durch -, sondern an der musikalischen Klasse, die die Musikerin erreicht hat. Viel Beifall gab’s im Nepomuk für »Gleis 4«.

 
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

 

Giora Feidman: Betörend

Der Mann ist ein Phänomen: Seit mehr als zehn Jahren ist Giora Feidman, der Klezmer-Klarinettenvirtuose, mit mehr als schöner Regelmäßigkeit auf den Bühnen der Region zu hören: Drei oder vier Gastspiele pro Jahr in einem Umkreis von 60 Kilometern – das gilt eigentlich unter Veranstaltern als sichere Methode, Bankrott zu machen.

Bei Feidman, der diesmal mit dem Dresdner Organisten Matthias Eisenberg in Reutlingen gastierte, ist das anders: Auch dieses Konzert war restlos ausverkauft – vorher standen die Fans vor der Marienkirche Schlange, nachher mussten drinnen extra Stühle aufgestellt werden.

Und wie immer begrüßte Feidman das Publikum durch den Mittelgang gehend, mit huldvoller Gestik seine Klarinette schwenkend. Später, bei seinem in dieser Form auch schon öfters gehörten Klarinettensolo, spielte er so leise, dass man sich das Atemholen kaum traute.

Wie bisher jedesmal gab’s die bekannte Mischung aus jiddischer Musiktradition, Klassik und ein bisschen Pop – in der Marienkirche war’s ein bisschen Klassiklastiger als sonst.

»In the self« von Ora Bat Chaim, das Schubert’sche Ave Maria in der gehauchten Version, von Bach das Präludium in C und die Toccata in d, »The Angel Sing« betörend schön wie erwartet. Der zweite Satz des Mozart’schen Klarinettenkonzerts als Zugabe war da schon fast eine bahnbrechende Überraschung.

Aber weil das Publikum – auch hier: wieder – wohl zum größten Teil aus eingeschworenen Feidman-Fans bestand, schien die Atmosphäre in der Marienkirche andächtig konzentriert. Der Klarinetten-Star mit den manierierten Attitüden musste den Reutlingern nicht lange erklären, wo sie wie laut mitzusummen hatten – und am Ende des Konzerts war der Applaus wieder donnernd laut. Was sonst?

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Württembergische Philharmonie, 536. Werkkonzert: Philharmonie entdeckt die Filmmusik

Württembergische Philharmonie goes Hollywood: Mit seinem 536. Werkkonzert stellte das Reutlinger Orchester in der gut besuchten Listhalle wieder mal seine Vielseitigkeit unter Beweis. Das Konzert mit »Filmmusik-Highlights« (Programmtitel) unter Bernd Ruf geriet tatsächlich zum glanzvollen Abend – und dass der sich ziemlich dramatisch gestaltete, lag nicht nur (aber natürlich auch) in der Natur der Stoffs, sondern auch an der geschickten Auswahl und der liebevoll-kompetenten Umsetzung durch Ruf und die Philharmonie.

»Aushängeschild« des Programms: der zweite Satz des Mozart’schen Klarinettenkonzerts in A, sattsam bekannt beileibe nicht nur aus Sidney Pollacks Hochglanz-Epos »Jenseits von Afrika«. Uwe Stoffel, der Soloklarinettist der Württembergischen Philharmonie, spielte seinen Part wunderbar zart – mit einem Ansatz, der aus dem Nichts zu kommen schien, und doch pointiert und präzise.

Stichwort Genauigkeit: Die Reutlinger Klassiker zeigten sich auch erstaunlich fit im »fremden« Pop-Revier, wo ja mit der rhythmischen Präzision das Meiste steht und fällt. Die aus heutiger Sicht heiter-nostalgisch anmutenden Sixties-Offbeats des Titelthemas von »Miss Marple« zauberten in die Listhalle überzeugend jenes musikalische Flair, das man gerne mit dem Begriff »Swinging London« assoziiert – und bei der Ouvertüre zu den »Glorreichen Sieben« setzten Ruf und die Philharmonie die zahlreichen Country ’n‘ Western-Zitate ebenfalls ansprechend und voll rhythmischer Spannung (Popfans finden das dann »groovig«) um.

Zwei Stunden lang gab’s Evergreens und Hits. Aus Stanley Kubricks ScienceFiction-Klassiker »2001 – A Space Odyssey«, von Johann Strauß die »Schöne blaue Donau«, nicht weniger schmissig als beim derzeit so beliebten »Walzerkönig« Andre Rieu, und von Richard Strauss die Zarathustra-Fanfare. Witzig, voll Verve und hochdynamisch die Zusammenstellung der griffigsten Melodien moderner Sternen-Kinoepen: Das Medley mit Musik aus »Star Trek«, »E.T.« und vor allem »Star Wars« war – legt man den Applaus des Publikums als Messlatte an – der »Knüller« des Konzerts. Sehr gut gerieten auch die »Themes From James Bond«.

Musikalisch (auch, weil eben noch nicht -zigmal gehört) vielleicht am spannendsten die Suite aus verschiedenen Filmmusik-Takes des aktuellen Horror-Thrillers »Anatomie« mit Franka Potente. Bernd Ruf, der schon in der Vergangenheit (unter anderem als Begleiter von Pop-Barde Chris de Burgh, als Musicaldirigent und auch im Jazzbereich) seine scheuklappenfreie Einstellung zeigte, brachte im Gespräch mit dem anwesenden Komponisten des »Soundtracks«, dem in München lebenden Marius Ruhland, den Besuchern die Arbeitsweise eines Filmmusik-Komponisten näher. Wer hätte schon gewusst, dass da eine Stunde Musik in vier Wochen (!) entstehen muss, dass das Orchester nach erbarmungslos per Computer via Kopfhörer eingespeisten Metronom-»Clicktracks« millisekundengenau auf die Einzelbilder des Films, die »Frames« spielen muss? Mal ganz abgesehen davon, dass »Regisseure einem gerne jede einzelne Note in die Partitur ‚reinreden wollen« (O-Ton Ruhland).

Die Musikausschnitte zu »Anatomie« waren – dem Horror-Genre und der gruseligen Handlung entsprechend – teilweise mit Methode (und musikpsychologischer Raffinesse) bewusst »unschön« komponiert und gegen den Strich gebürstet: Höchst dramatisch, hochinteressant – und für die Orchestermusiker sicher auch eine spieltechnische Herausforderung. Auch diese vergleichsweise schrägen Töne im ansonsten ohrenschmeichelnden Evergreen-Programm bekamen von den Werkkonzert-Besuchern kräftigen Beifall.

 

Jazz meets Klassik, JazzOpen Stuttgart 2001: Beliebigkeit im Crossover

Kreuzungsversuche zwischen Jazz und Klassik hat es schon oft gegeben – in den seltensten Fällen kam etwas musikalisch Fruchtbares dabei heraus. Auch die »Jazz meets Klassik«-Nacht unter Bernd Ruf (der ja durchaus einen glänzenden Namen als Klassiker ohne Scheuklappen hat) zum Abschluss der Stuttgarter »Jazzopen« hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. über weite Strecken liefen nämlich beide Musiksparten nebeneinander her – und wirklich spannend war der rund dreistündige Marathon nur selten.

Die »Backing Band«, um’s mal in populärmusikalischen Begriffen zu formulieren, bildeten die Stuttgarter Philharmoniker. Zwischen ihnen, Christof Lauer und dem ersten Jazz-Stargast Randy Brecker brauchte es eine ganze Weile, bis die Chemie stimmte. Vor der Pause, bei einem Stück seines Bruders Michael, brillierte Randy dann zum ersten Mal.

Den Abend sozusagen überstrahlt hat mal wieder Charlie Mariano, der immer noch beeindruckend präsente und energetische Altsaxophonist. Seine Duo-Improvisationen zusammen mit Richie Beirach machten manche Durststrecke wieder wett.

Gregor Hübner – regelmäßiger Gast auf den Jazz-Bühnen der Region – hatte den Bogen zwischen Jazz und Klassik an diesem Abend am besten ‚raus: Nicht nur, dass der Violinspieler wiedermal als exzellenter Techniker und einfallsreicher (Jazz-)Improvisator überzeugte – der bei den »Jazzopen« uraufgeführte erste Satz seines ersten Violinkonzerts verschmolz tatsächlich Elemente von Klassik und Jazz nahtlos.

Im Großen und Ganzen war das Treffen zwischen den Welten aber auch diesmal nur bedingt harmonisch, am besten klang die Musik, wenn sich die Genres nicht vermischten. Und: Der große alte Mann der europäischen Jazz-Szene hat allen anderen mal wieder die Schau gestohlen: Gegen Charlie Mariano wirken selbst Routiniers wie Brecker bemüht
und angestrengt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Tübinger Jazz- und Klassik-Tage 2000: Neuer Tango und feinstes Blech

»Die 2. Tübinger Jazz und Klassik Tage sind noch erfolgreicher verlaufen als die ersten« – das erste, kurze Resümee von Organisator Sven Gormsen vor dem abschliessenden Konzert der »Quattrobones« in der Sankt-Johannes-Kirche fiel rundum positiv aus.

In der Tat: Die meisten der fast zwei Dutzend Einzelkonzerte waren gut besucht, ein paar ausverkauft und zumindest bei den Auftritten von Trompeter Joo Kraus im »Hauptbahnhof« oder Gitarrenmann Mick Taylor im »Sudhaus« gab’s überhaupt kein Durchkommen mehr.

Die Musikfans in der Region haben das kunterbunte Stilkaleidoskop, das als Konzept für die Veranstaltungsreihe dient, akzeptiert. Und konnten – auch das gehört zum Plan – wieder ungewohnte Spielstätten entdecken.

Bei der abschliessenden Soiree mit den vier Posaunisten der »Quattrobones« vertauschte der veranstaltende Tübinger Jazzclub beispielsweise die heimischen, verrauchten Katakomben in der Haaggasse mit der lichten Weite der katholischen Johanneskirche.

Und die »Quattrobones«, die als Profimusiker seit vielen Jahren auf den unterschiedlichsten Pop-, Jazz- und Klassikfeldern arbeiten, erfüllten den grossen Raum mit mal mächtigen, mal ganz zarten Blech-Sounds unterschiedlichsten Stils: Am Anfang und am Ende stand jeweils ein Bach’scher Kontrapunktus, dazwischen brachten Ernst Hutter, Alexander Erbrich-Crawford, Franz Reichl und Eberhard Budziat ganz locker, mit absolut sauberem, präzisem Handwerk und manchen musikalischen Finessen Debussy (»Trois chansons«) ebenso stimmig unter wie Praetorius oder Jazz-Standards. Hier gelang den Posaunen-Spezialisten besonders »Autumn Leaves« mit schönen »growls« und fein abgestuftem Dämpfer-Einsatz beeindruckend.

Positiv wie negativ bemerkenswert auch das vorletzte (Star-)Konzert der Jazz- und Klassik-Tage mit dem weltweit gerühmten Bandoneon-Virtuosen Dino Saluzzi mittags im »Museum«-Kinosaal: Negativ fiel das Gastspiel aus der Reihe, weil kaum hundert Zuhörer den Ausnahmemusiker und seine Band, in der drei seiner Brüder mitspielen, sehen wollten.

Höchst erfreulich war der Mittag, weil Saluzzi nach gewohnt bleischwerem Anfang, der so gar nicht zum strahlenden Herbstwetter draussen passen wollte, plötzlich auftaute. Zuerst sah’s so aus, als »ob der heute noch weniger Lust als sonst hat«, wie ein Zuhörer vom Fach formulierte – und dann brach das Eis; weil ein Fan meckerte, Saluzzi solle mehr Tango spielen: Der Star nahm den Zwischenruf auf, erklärte die verschiedenen Tango-Spielarten in einer improvisierten Musikstunde und machte deutlich, dass er das, was hierzulande als »typischer Tango zum Tanzen« gilt, für ein kreatives Gefängnis hält.

»Ich weiss um die Traditionen, aber Kunst bedeutet Freiheit«, meinte Saluzzi – und zeigte dann, wie traumwandlerisch sicher er das Althergebrachte mit kühnen Schnipseln aus neuer Musik und allerlei Jazz-Zeitaltern verbindet.

Dino und sein ebenfalls Bandoneon spielender Bruder Celso warfen sich höchst vertraut die Melodien zu wie jonglierende Artisten, der Rest der Gruppe folgte swingend und groovend: Nicht nur lebendige, sondern auch höchst (ungewohnt) lebenslustige Musik gab’s da von den Saluzzis zu hören. (-mpg)

Fried Dähn & Wolfgang Rehfeldt: Wechselbäder

Klar, dass mehr oder minder massenwirksame Starauftritte auch bei den »2. Tübinger Jazz und Klassik Tagen« Aufhänger sind. Aber – und das ist das Schöne an diesem musikalischen Sammelsurium – es gibt auch diesmal wieder kleine Konzert-Schätze abseits der bekannten »Locations« und »sicheren« Programme zu entdecken.

Zum Beispiel gab’s jetzt in der ehemaligen Stiftskirche St. Moriz in Rottenburg eine Orgelsoiree der nicht ganz alltäglichen Art zu erleben.

Eingeladen hatte der rührige »Kulturverein Zehntscheuer«, der ja seit vielen Jahren in seinen Programmen grenzgängerisch stilüberschreitend arbeitet. Fried Dähn, der Reutlinger Cellist und »Philharmoniker«, setzt sich auch seit Jahren virtuos, mit spannenden musikalischen Ideen und mit unbeirrter Lust an der Neuland-Entdeckung zwischen so ziemlich alle Stil-Stühle.

Mit herkömmlichem wie elektrifiziertem Instrument begegnete Dähn der Orgel von St. Moriz, die vom Rottenburger Domorganisten Professor Wolfram Rehfeldt gespielt wurde. Das ungewöhnliche Duo lieferte zusammen einen aufregenden Ohrenschmaus: Voller Dramatik die improvisierten zwei »Dialoge« der beiden Musiker, ein souveränes Spiel mit Orgel-Klangfarben Rehfeldts »Fantasie über den Namen und die Tonfolge »b-a-c-h«, präzise und rhythmisch aufwühlend schliesslich Fried Dähns Wiedergabe der Allemande aus der Bach’schen Cellosuite in C.

Besonders schön geriet bei diesem kurzen und kurzweiligen, weil mit Gegensätzen spielenden Konzert auch Regers »Aria« – in manchen Ohren mögen Dähns wilde Elektronik- und Samplerexzesse danach in seinem »Opus Y« richtiggehend wüst geklungen haben. Aber genau dieses Wechselbad der Stile und Ausdruckspaletten machte diese Begegnung spannend und für die Besucher zu einer emotional lohnenden Sache: Satter Beifall war der Lohn. (-mpg)

Dizzy Krisch: Werkschau von Bach bis zur Moderne

Fast alle mit Rang und Namen in der regionalen Jazzszene gaben sich am Freitag ein Stelldichein beim Eröffnungsabend der 2. Tübinger Jazz & Klassik Tage: Im Gegensatz zur Erstauflage des Festivals, als nur rund 70 Jazzfans den Premierenabend besuchten, war diesmal der grosse Sudhaus-Saal gestopft voll.

Festival-Sinn, Künstler und Inhalte haben bei diesem furiosen Abend, der locker und ohne Brüche ein Viertel Jahrtausend Musikgeschichte umspannte, hervorragend zusammengepasst: Dizzy Krisch, seit zwanzig Jahren wohl der meistbeachtete aller Tübinger Jazzer und als Vibraphonist europaweit eine grosse Nummer, präsentierte eine »Werkschau«, wie er es selber nannte – mit mehr als einem Dutzend Mitmusikern sowohl aus dem »E«- wie auch dem »U«-Lager in verschiedenen Besetzungen.

Die verschiedenen Festredner übten sich im Wesentlichen in der Kunst der Beschränkung – nur Saxophonist Helmut Müller, seit langen Jahren Freund von Dizzy und ebenfalls Motor der lokalen Jazzszene, durfte in gewohnt launisch-amüsantem Plauderton weiter ausholen: Er streifte die Vita des Vibraphonisten, erklärte das Instrument und klärte die Frage, wie ein achtjähriger Bub – Martin »Dizzy« Krisch eben – vor Jahrzehnten in Schramberg mitten im Schwarzwald ausgerechnet dazu kam, dieses exotische In strument spielen zu wollen.

Ganz einfach: Dizzys Vater war selber Musiker, hatte das damals sehr bekannte »Krisch-Quartett« – und weil Proberäume auch schon in den 50ern Mangelware waren, stand das Vibraphon im Wohnzimmer der Krischs, wo das Quartett übte.

»Mehrere Stunden täglich« hat der kleine Dizzy damals schon die Metallplatten mit Schlegeln bearbeitet und mit seinen Brüdern ein – ebenfalls erfolgreiches – »Junior Krisch Quartett« gegründet. Müller berichtete, dass Dizzy zu der Zeit noch keine Noten lesen konnte und sich alle Stücke durch Nachspielen erarbeitete – eine wahre Ochsentour, aber dem musikalischen Verständnis ungemein förderlich.

Wie gross, umfassend, empfindlich und empfindsam Krischs Musik-Sinn ist, bekamen die Zuhörer dann in einem Mammut-Konzert mit.

Zuerst war »Ernstes« angesagt: »Mich haben Leute gefragt, warum ich denn hier ausgerechnet Bach spielen will. Der einzige Grund ist: Weil mir seine Musik so gut gefällt«, sagte Dizzy – und versetzte unter anderem im Agnus Dei aus der h-Moll-Messe das Publikum mit seinen zarten Linien zum ersten Mal in Begeisterung.

Hier spielten Susanne Götz (Flügel, Cembalo) und Cellist Jonathan Gray mit Krisch, Birgit Gentner-Kuderer (Alt) und Wilfried Rombach (Tenor) sangen – und alles tönte sehr selbst verständlich, geschlossen – fast so, als ob die Musik von vorneherein auch für Vibraphon geschrieben worden wäre.

Der Übergang zum »klassischen« Jazz, zu wunderschön swingend gespieltem Gershwin, geriet fliessend. Schon im Bach-Teil war Dizzys Bass spielender Bruder Thomas dazugestossen – Milt Jacksons »Blues in C« (den das »Modern Jazz Quartet« ja auch auf seinem »Blues On Bach«-Album veröffentlichte) liess die Entfernung zwischen dem Barock und der Mitte des vorigen Jahrhunderts zusammenschrumpfen.

Mit dem Erscheinen von Claus und Anselm Krisch (beide Klavier), Drummer Dieter Schumacher und Tenorsaxophonist Jason Seizer wurde es dann – ganz im Mainstream-Jazz-Verständnis – immer »heisser« im Sudhaus: Da gab’s dann, auch im Duo nur mit Schumacher, jenen Dizzy zu hören, den die Jazzfans aus vielen Clubkonzerten und Sessions kennen.

Am Ende des dreieinhalbstündigen Musik-Marathons gab’s teilweise schön rockige und funkige Töne zu hören. Da stand Dizzy dann – bevor er sich ganz am Ende nochmal solo am Flügel zeigte – mit Jochen Feucht (Saxophone), Gitarrero Frank Wekenmann, Bassist Eric Ruby und Drummer Martin Teufel auf der Bühne: Diese »Fusion Section« machte ordentlich Dampf und sorgte im Sudhaus für allerbeste Laune.