Archiv der Kategorie: Kabarett, Kino, Theater

Familie Schmidt: Volkstheater für die »Scene«

Ein Bett, zwei Tische und ein Stuhl auf der »zelle«-Buhne waren die wenigen Requisiten, die die Kabarettgruppe »Familie
Schmidt« für ihr Programm „Die Widerlichen“ benötigte. Die drei Darsteller aus Hamburg nahmen –
unterstützt von einem hervorragenden Mann am Gitarrensynthesizer — an zwei Tagen vor jeweils ungefähr 200 Zuschauern so ziemlich alles auf die Schippe.

Zwei Brüder, der eine ein homosexueller ehemaliger Bankangestellter, der beschlossen hat, den Rest seines Lebens im Bett zu verbringen, der andere ein schrecklich pathetischer, heruntergekommener Schauspieler, der nicht mehr zwischen Theater und Realität unterscheiden kann, stritten sich gut eineinhalb Stunden lang über dies und das.

Eine »Handlung« im landläufigen Sinn gab es nicht; die Künstler verschachtelten lediglich sehr geschickt verschiedene Gags und Wortspielereien miteinander und brachten so die Leute dauernd zum Lachen. Besonders gut kam die Szene an, in der der »Schauspieler« einem — natürlich schwulen — Freund seines Bruders beibringt, wie man Applaus entgegennimmt.

Das war wirklich sehr überzeugend gemacht. Überhaupt erreichten die Akteure ein überraschend hohes Niveau, wenn es um die Umsetzung der einzelnen Szenen ging. Die Texte und Pointen waren leider nicht so gut; manchmal wirkten sie eher herbeigezogen, selten sogar peinlich. Es ist sicher fraglich, ob es sich für eine Theatergruppe aus der »Scene« ziemt, in Zeiten der AIDS-Hysterie die Homosexuellen dermaßen giftig niederzumachen, wie das in der »zelle« geschah.

Ein Besucher meinte zum Programm der »Familie Schmidt« sehr treffend, dass das eben auch nur eine Art Ohnsorg-Theater sei — halt mit anderen Mitteln und für Nachwuchs-Spontis anstatt fürs Durchschnitts-Fernsehpublikum. Dieses Programm wird auf Alternativ-Bühnen wohl keine großen Erfolge haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 04. Februar 1986

Erotic Explousch’n: Musikalischer (Un-) Sinn

Vor allem diejenigen Leute, die beim „Erotic Explousch’n“-Gastspiel vor sechs Wochen keinen Platz mehr fanden, kamen jetzt im Rerutlinger „Rappen“ zu ihrem Vergnügen. Die Lachsalven nahmen kein Ende: Es begann schon damit, daß Dieter »Waldi« Waldmann — er repräsentiert eher das »explousch’n« im Gruppenname – (be-)strickend allein auf die‘ Bühne kam und erklärte, man müsse öfters etwas Neues machen.

Den internationalen Markt befriedigten die beiden mit dem Blues »Schwäbisch isch obacha bjudifull«, was das den ganzen Abend über mitgehende Publikum johlend bestätigte.

»Waldi« und »Lollo«, so der Spitzname des »erotischen« Lothar Hasl, spielten neben reinen Blödelsongs auch Lieder, in denen sie ihre Mitmenschen und deren Verhaltensweisen genau beschrieben.

Sie scheuen sich auch nicht, ihre eigenen Erlebnisse und Unzulänglichkeiten mit einzubauen. So erzählt etwa das Lied »I hab dr Verstand verlore« von einem bedauernswerten Menschen, der aus der Küche kommt und sich mit einer Gießkanne in der Hand vor der Toilette wiederfindet. Was er dort soll, weiß er nicht: Blumen gibt es dort nicht, und »müssen« muß er auch nicht.

Im »Lied von der Generalversammlung« wird die schwäbische Vereinsmeierei auf’s Korn genommen, das parabelhafte Gedicht »Die Obersau« beschreibt ein Tier, das sich allzu menschlich benimmt und trotzdem (oder gerade deswegen?) auf dem Schlachthof endet.

Daß die beiden Komödianten sich bei nicht allzu ernst nehmen, merkte man spätestens bei der Ansage zu »Manneskraft«: »Alles raus aus dem Kopf und rein in die Muskeln« — bestätigend zeigte Lothar Hasl seinen schönen, aber doch recht dünnen Oberarm. Das Schöne an »Erotic Explouschn’n« ist immer noch, daß ihr Witz und der oft spröde Charme nicht einstudiert wirken, man merkte, daß den beiden Freunden ihre Sache Spaß macht und sie alles für’s Publikum geben. Acht Zugabeforderungen — so dankt ein zufriedenes Publikum. (mpg)

Preddy Show Company: Glamour und Geschichte in der »zelle«

Die Formulierung im Presse-Info der „Preddy Show Company“war ausnahmsweise mal keine Übertreibung: Es war in der Tat ein »komisch-verrücktes Musikspekakel«, das die Berliner Truppe am Wochenende in der »zelle« aufführte.

Komisch waren die Urmenschen mit Walkmen, die zu »Trio«-Klängen tanzten und Werbung für einen Elektrorasierer machten.

Komisch war auch die Neandertalerin, die mit müdem BliCk den Boden fegte und dazu perfekt lippensynchron »das bißchen Haushalt« mimte.

Verrückt war die Kleopatra mit ihrem Diener und deren gegenseitiger Zuneigung, als sie »Zeig mir bei Nacht die Sterne« sangen. Die Liebe fand ein Ende, weil der Pharao erschien: Die ägyptische Königin sattelte schnell um und intonierte »Neue Männer braucht das Land«.

Der Hebel der Zeitmaschine wurde vorgedreht und schon fand man sich im Märchenland wieder. Dort erschien Rotkäppchen und hatte nichts besseres vor, als ein Lied über eine beträchtliche Anzahl Luftballons des Frl. Kerner, auch Nena genannt, zum besten zu geben.

Das arme Kind würde dann von einem Punk zu einer »Zweierkiste« überredet. Las Vegas und Paris ließen grüßen: »Mr. Bojangles« war da, auch ein paar »Strangers in the Night«, eine irgendwie bekannt erscheinende Blondine versprach »Diamonds are the girls‘ best friends«.

Nach der sehr langen Pause ging’s auf den Mond, auf dem die Welt auch nicht in Ordnung war: Haarspray hier, Facelifting da, Jugendkult überall. Der Traum war jäh zu Ende, als die »Preddy Show Company« ihre letzte Nummer begann: Atombombenopfer schleppten sich zu Klängen von Laurie Anderson auf die Bühne, eine Leuchtschrift blinkte auf: Game over — plötzlich waren alle wieder im Neandertal.

Zwei Stunden gutgemachte Unterhaltung, mit kritischen Untertönen, immer seicht, aber niemals peinlich — es war eine gelungene Show.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 25. September 1985

Eva Michels und Rita Zimmermann: Mitreissende Kleinkunst

E(va)riationen mit Heide Michels und Rita Zimmermann beim Kabarett-Abend in der „Zelle“ Reutlingen: Es ging – logisch – um Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern, Freundin und Freundin, Frau und Mann, Emanzipierten und Resignierten. Alles das und mehr nahmen die beiden liebevoll und manchmal auch bissig karikierend kritisch unter die Lupe.

Die Musik Rita Zimmermanns, realisiert auf E-Piano, Synthesizer und Akkordeon, begleitete einfallsreich und passend Texte von Kreisler, Brecht, Hollaender, Kästner, Morgenstern und anderen. Spielszenen unter der Regie von Heide Michels verdeutlichten und unterstützten Text und Musik optisch.

Ob sie nun den seligen Schmalz des Schlagers der fünfziger Jahre (»Mutti, du darfst doch nicht weinen!«) auf die Schippe‘ nahmen oder das Eifersuchtsduett von Bertold Brecht anstimmten; ob sie von einer Frau sangen, die Gäste zum Kaffeklatsch einlädt, um sie dann genüsslich ihren Tigern zum Nachtisch vorzusetzen (»Tigerfest« von Georg Kreisler), oder von einer Haushaltshilfe, die auf originelle Weise den Dienstanweisungen ihrer Herrschaft gerecht wird (»Cäcilie« von Christian Morgenstern) – die beiden »Kleinkünstler« zeigten mit minimalen
und wenigen Requisiten große Kunst und trafen immer genau den Punkt, auf den es ankam.

Dass bei ihrer Vorstellung nicht immer alles perfekt klappte – die Requisiten spielten bisweilen nicht richtig mit -, machte ihnen und dem Publikum nichts aus. Im Gegenteil: die witzigen und spontanen Bemerkungen der beiden Akteure reizten erst recht zum Lachen. Sei’s drum, Heide Michels und Rita Zimmermann zeigten mit ihren »E(va)riationen«, dass man das Thema Frau/Mann oder Frau/Frau nicht immer todernst angehen muss, um auf Misstände aufmerksam zu machen. Lachend erkennt man manchmal besser.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. April 1985