Archiv der Kategorie: Kabarett, Kino, Theater

Schall & Hauch: Nostalgische Frechheiten

Riesenandrang beim »Kulturlaub«-Termin im »Markt«der Reutlinger Stadtbibliothek: Gut und gerne 150 kamen zum Musikkabarett mit »Schall & Hauch«.

Von Berlin aus erobert das Duo derzeit Kleinkunstbühnen der Republik – Sänger
Michael Hess macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er aus Köngen kommt und so ziemlich alles kann außer »Hochdeitsch« ; die speziell über oder für schwäbische Verhältnisse geschriebenen Nummern dürften, weil voller gängiger Klischees, aber in der Fremde besser ankommen als »drhoim«.

Hess und sein pianistisch gewiefter, als Arrangeur humorvoller Partner Sady Augsburger spielten auch in der Stadtbibliothek gekonnt mit nostalgischen Schlager-Leichtigkeiten: Die Melodien von Reutter, den »Comedian Harmonists« oder anderen Schlagerstars von anno dazumals klingen weitgehend authentisch, die Texte sind es aber nicht, rutschen mit Bedacht und Witz geplant in die schnöde Gegenwart ab.

Noch gelungener als die 20er-Jahre-Adaptionen scheinen die völlig hausgemachten Blödeleien von »Schall & Hauch«: Die musikalisch ebenso drastisch wie witzig umgesetzte Geschichte vom Pferd, das nach und nach alle Beine verliert, fanden die Besucher überaus amüsant.

Humorvoll und dramatisch auch das umgestrickte Märchen von Dornröschen, das letztendlich bei »Schall & Hauch« von einem Frosch wachgeküsst wird – zufällig, weil der ja eigentlich nur die Fliege auf dem Mund der angegammelten Schönen erwischen wollte …Hier kombiniert Augsburger mit viel Geschick so ziemlich alle Musiktheater-Klischees und jagt virtuos durch ein Wechselbad der Stile und Gefühle.

Gleichermaßen gekonnt und aufs Beste leicht unterhaltend die bahnbrechenden musikhistorischen Forschungsergebnisse von »Schall & Hauch« in Sachen Bach: Auch hier kombinieren die beiden musikalische Original-Schnipsel und tonsetzerische Eigenheiten mit frechen, ganz und gar erfundenen Texten: »Man wundert sich schon sehr, wie er beim Komponieren noch so viel Zeit fand zum poussieren«, singt Michael Hess da.

So witzig die Vorstellung des Duos geriet – einen Kritikpunkt gibt es doch: Beide hetzten in viel zu hohem Tempo durch viele Songs; der Pianist hielt mit, die Artikulation des Sängers litt stellenweise sehr.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Degenhardt, Ebermann, Trampert: Satire parlamentarisch

Der Abend war schon schwer kabarettreif, , bevor er überhaupt richtig angefangen hatte: Thomas Ebermann, einer der drei Künstler, hatte es sich im Vorraum des »Foyer U3« an einem Tisch bequem gemacht – und wurde doch glatt von einigen Besuchern mit den Kartenabreissern verwechselt: »Ha, Sie sehen doch aus wie ein Kassenwart«, meinte eine – der Künstler nahm’s mit nur leicht gequälter Miene auf…
Nach der anfänglichen, etwas gedehnten Motivationstrainings-Nummer und einer ersten musikalischen Bösartigkeit von Kai Degenhardt (»Der Silberfisch«) machten sich die beiden Wortartisten ans Werk: »Verpasst Deutschland den Anschluss« war Motto und Frage des Abends – »in Göttingen kamen doch tatsächlich BWL-Studenten, die glaubten, wir würden das ernst nehmen…«.

Wichtig schien insbesondere Rainer Trampert hauptsächlich die eigene Botschaft zu nehmen – signifikant, dass sein Zeigefinger der rechten Hand die ganze Zeit über ausgefahren war.

Nicht, dass es Sentenzen wie »Deutsche lieben fremde Kulturen, aber sie müssen tot sein« oder böse Attacken auf den derzeitigen Innenminister an Schärfe gefehlt hätte – rhetorisch und dramaturgisch war das Rede-Programm aber eine Zumutung.

Speziell Trampert haspelte sich durch unglücklich formulierte, ellenlange Komma-Reihungen und machte sich damit manch gelungene Pointe selbst zunichte.

Den rund 80 Besuchern im »Foyer U3« gefiel’s aber trotzdem – und Kai Degenhardt, der schräg-verspielte Rock-Barde, kam bei seinem dritten Reutlinger Gastspiel sowieso gut an. (mpg)

Earl Okin: Very british, very amusing

Der Mann ist Brite und gibt sich auch als solcher: Nicht nur bei der emotionsgeladenen Jobim-Parodie stürzt der Komiker absichtlich ab, nicht nur da liegen die Besucher des Tübinger »Hauptbahnhofs« am Sonntagabend flach vor Lachen.

Der Mann ist unbeschreiblich komisch – aber nicht nur das: Mit grosser Sachkenntnis legt er musikalische Flachstellen und Klischees seiner Kollegen bloss: Sein parodistischer Abgesang auf ’s französische Chanson, in dem »alle nur noch steinalten Mustern nachhängen«, trifft ins Schwarze.

So heftig wie bei Earl Okin konnten die »Hauptbahnhof«-Besucher selten lachen. Entsprechend laut war der Beifall. (mpg)

Holger Paetz: Mit Biss und Tiefgang

Der Mann zielt auf den schnellen Lacher – aber freut sich diebisch, wenn seine Scherze beim Publikum einen »Nachbrenner-Effekt« hervorrufen. Holger Paetz gehört kleinkünstlerisch sortiert mehr ins neudeutsche »Comedy«-Fach als zur klassischen Kabarettistengilde.

Und doch trennen den Mann Welten von massenmässig populären Flach-Witzereissern. Sein aktuelles Programm »Ohne mich wird’s auch nicht besser«, das es jetzt auf der Kleinkunstbühne im gut besuchten Reutlinger Rappenkeller zu sehen gab, verschmelzt die vielen Einzelgags in einer Story mit rotem Faden. Des Künstlers Umzug von München nach Berlin gibt ihm dabei natürlich auch jede Menge Gelegenheit zu philosophischen    Verbalabstürzen.

Der Wechsel zwischen »Herzwelt-und Hauptstadt« bringt nicht nur die Erkenntnis mit sich, dass »dir die Wahrheit über dich begegnet, wenn du dein Leben in Kartons verpackst und woanders wieder auspackst«: Zwischen Umzugskisten, der (in einem Song umgesetzten) Wohnungssuche und erfolgslosen, aber witzig beschriebenen Scharmützeln mit Handwerkern sinniert Paetz über die Unterschiede zwischen Süd und Ost – und über den Zustand unserer Kultur im Allgemeinen.

Paetz geisselt nicht die grosse Politik, er macht sich lustvoll über Alltagsmacken her. Etwa, wenn er (hinreissend) die extrem verkürzten Biergarten-Dialoge zwischen Kellner und Gast parodiert, oder die selbstredend schwäbische Vermieterin seiner neuen Hauptstadt-Altbauwohnung erklären lässt, warum der Stuck überlackiert ist: Damit man die Decke besser nass wischen kann – ist doch klar!

Die Songs, die Paetz zur Auflockerung in sein Programm einstreut, sind nicht ganz so überzeugend wie seine Verbalsatiren. Schallend gelacht haben die Besucher aber auch über die urkomische, stellenweise an Karl Valentin erinnernde Körpersprache des Kabarettisten. (-mpg)

Bernd Kohlhepp und Uli Boettcher: Große Gesten, platte Witze

Dieser Moderator, der gleich sein eigener Künstler ist, hat was: Mit leiser, dennoch markant akzentuierter, unterschwellig ob der zu verkündenden Sensation bebender Stimme kündigt Spassmacher Bernd Kohlhepp sich in der Rolle des Bernd Kohlhepp an: »Kommen Sie herein, nehmen Sie teil an der Gemeinschaft der Seligen, die noch eine Karte bekommen haben« – ein fliegender Händler für ultimative Bratpfannen-Putzmittel könnte es nicht besser machen.

Am Freitag beim »Kulturlaub-Spezial«-Termin im Foyer U 3 hätten schon noch ein paar Reutlinger Komik-Fans mehr selig sein wollen dürfen –  rund 80 kamen zum Comedy-Duett mit Bernd Kohlhepp (einst ein Teil von »Vis a Vis«, dann »dr Hämmerle« oder eine »Schuftnudel«) und Uli Boettcher.

Die beiden erzählen mit Hang zur plakativ-burlesken Übertreibung und noch mehr Mut zu richtig platten Scherzen im Grunde genommen alte Kasperlgeschichten neu. Kohlhepp gibt den vermeintlich grossartigen, aber doch deftig dilettierenden Künstler – und Uli Boettcher als sein Beleuchter den dummen August.

Es geht in der Show um solch existenzielle Fragen wie: »Muss ein Beleuchter ein Vakuum in der Birne haben, um erfolgreich zu sein?«, es geht um »Zen oder die Kunst, einen Kaktus zu bestechen« und um die knödelige Stimmbandartistik des Herrn Kohlhepp, »a capella, also ganz ohne Hut«, natürlich auch: Um nichts Ernstes also, um das man sich länger als einen Lacher lang Gedanken machen müsste – Wegwerf-Komik mit Verve und Lust an der puren Blödelei präsentiert.

Damit lebt die Vorstellung weniger vom Wortwitz, als vom Gegensatz der beiden Figuren: Während Kohlhepp sich absichtlich scheiternd als geübter, weltgewandter Conferencier versucht, mimt Uli Boettcher das kleine, subalterne Licht, das eigentlich nur das Beste will und doch nur Chaos produziert.

Die Zuschauer im Foyer zeigen sich als eingefleischte Kohlhepp- und Boettcher-Fans, mit diesem begeisterungswilligen Publikum haben die beiden Faxenmacher ein leichtes Spiel: Dauergekicher und satten Beifall gab’s für das Duo. (-mpg)

Ernst Konarek: „Der Herr Karl“ – ein ewiger Mitläufer

Ein Dauerbrenner seit mehr als vier Jahrzehnten: »Der Herr Karl« von Helmut Qualtinger und Carl Merz – ein Monolog des Prototypen eines fiesen Wendehalses – ist auch seit mehr als einer Dekade fester und erfolgreicher Bestandteil im Repertoire von Ernst Konarek.

Jetzt gab der Schauspieler am Stuttgarter Staatstheater mit Wiener Wurzeln den Satire-Klassiker in einer »Kulturlaub spezial«-Veranstaltung im Foyer U 3: sehr zum Vergnügen der rund achtzig Besucher.

»Der Herr Karl«: das ist ein kleiner Angestellter in einem Feinkostladen, der nichts arbeitet, dafür umso redseliger von seinem Leben erzählt. Das hat er stets nach der jeweiligen Windrichtung ausgerichtet. Das eigene Wohlergehen ist die einzige Messlatte seiner Moral, und Skrupel kennt der »Herr Karl« nun wirklich nicht.

Ist doch auch nichts dabei, wenn er sich als junger Kerl das Trinkgeld von Hausfrauen in Abwesenheit ihrer Männer als Liebesdienst auszahlen lässt. »I hoab halt aa a bisserl leben wollen«, sagt sich und uns der »Herr Karl« immer wieder – und da darf man dann halt die eigene Ethik nicht allzu filigran anlegen.

Karl läuft für Sozialisten und Nazis, die beide ihre Claqueure gut bezahlen, später zieht er vor Russen genauso tief den Hut wie vor den Amerikanern: Hauptsache, für ihn fällt was ab. Dass ihn in dieser Zeit ein jüdischer Mitbürger, den er noch fünf Jahre zuvor als Blockwart gegängelt hat, nicht mehr grüssen will – das kann »Der Herr Karl« überhaupt nicht verstehen.

Das Stück ist deswegen zeitlos, weil es den ewigen Mitläufer darstellt. Qualtinger und sein Texter Merz haben sich die schleimerischen und gedankenlosen Unmenschlichkeiten und egozentrischen Widerwärtigkeiten des Monologs nicht aus den Fingern saugen müssen – den »Herrn Karl« gab’s im Keller eines Wiener Feinkostgeschäftes tatsächlich. Und es gibt ihn natürlich auch heute noch. Überall.

Konarek gibt den »Herrn Karl« nah am Qualtinger-Original. Den »Wiener Schmäh« bringt der Schauspieler echt; die Mischung aus allgemeiner Trägheit und hellwacher Bauernschläue, wenn’s um den eigenen Vorteil geht, stimmt auch im Foyer U 3. Viel Beifall. (-mpg)

Les Founambules: Groteske Komik

Keine Worte, kaum Requisiten, eine kahle Bühne: Das belgische Duo »Les Founambules« brauchte am Wochenende in Reutlingen nur die eigene Muskulatur, um das Publikum permanent zum Lachen zu bringen. Adelin Doisne und Josef Collard brachten in der »Kulturlaub spezial«-Reihe Comedy ohne Text, dafür aber mit viel Verständnis für Ulk und Blödsinn.

Streng genommen gehört die Performance des europaweit recht bekannten Paars ins Pantomime-Fach: Die beiden sind Meister äusserst kontrollierter und fein dosierter Körpersprache. Wie gut sie ihren Bewegungsapparat unter Kontrolle haben, wird auch bei einem imaginierten Wettlauf deutlich: Eigentlich bewegen sich beide nur minimal vom Fleck, und doch entsteht beim Zuschauer ein hochdynamischer Eindruck. Oder jene Szene, wo »Les Founambules« einen Elfmeter in Zeitlupe nachspielen: Reinstes Fussball-Ballett, der Wirklichkeit genau und gut abgeguckt.

Aber halt auch – und da stimmt’s dann nicht mehr so ganz mit der stilistischen Einordnung – gnadenlos überhöht. »Les Founambules« sind Bewegungs-Clowns mit Lust an der Übertreibung.Die Jagd nach einer Stubenfliege beispielsweise gerät für die beiden zum Grenzerlebnis, das Indiana Jones den Angstschweiss auf die Stirne treiben mag.

Noch komischer als die plakative Körper-Komik empfanden wohl viele Besucher im Foyer U 3 die permanent grimassierende Mimik von Doisne und Collard. Weil sie auch in diesem Bereich alles andere als zurückhaltend agierten, muteten die blitzschnell wechselnden Gesichter der »Founambules« wie ein ganzes Karikaturenalbum an. Und weil die beiden Profis sind, sieht alles auch ganz spontan und lässig aus.

Die Vorstellung geriet offenbar sehr nach dem Geschmack der rund hundert Besucher. »Les Founambules« bekamen überdurchschnittlich lauten Applaus.