Archiv der Kategorie: Jazz

Ray Brown: Mister Bass

Den ersten Bass »lieh« er sich aus dem Instrumentenfundus der High School in Pittsburgh. Der Etüden auf dem Pianoforte müde, dachte er, daß der Baß mit seinen nur vier Saiten leichter zu erlernen sei. Doch sein Engagement im Schulorchester war ihm schon damals zu wenig und so kündigte er einen Auftritt in einem Club in der Lokalzeitung an — mit Bild, auf dem auch der schuleigene Bass zu sehen war. Die Schulmeister wurden böse ob der trivialen Nutzung des Schulinstruments. Und so mußte ihm sein Vater wohl oder übel ein eigenes Instrument kaufen.

Damit begann die Karriere eines beispiellosen Musikers: Ray Brown, heute 62 Jahre alt, von Beruf Jazz-Bassist.

Nach dem Abschluß der Highschool reiste Brown mit verschiedenen Bands durch die USA. Durch seinen souveränen Umgang mit dem Instrument hatte er schon als 20jähriger bei Kollegen und Kritikern einen exzellenten Ruf. In New York, damals wie heute das Mekka aller Jazzer, angekommen, ging Brown, so die Legende, sofort in die verschiedenen kleinen Clubs in der 52. Straße, um dort Leute wie Art Tatum, Billie Holiday oder Charlie Parker zu hören.

Ray Brown war noch keine vier Stunden im »Big Apple«, als er in einer Pause Dizzy Gillespie vorgestellt wurde. Und weil dem jungen Musiker sein guter Ruf nach New York vorausgeeilt war, fragte Dizzy, ob Ray nicht bei der nächsten Probe dabeisein wollte. Brown wollte natürlich — und er blieb dann auch noch ein wenig länger: Für die nächsten zwei Jahre spielte er zusammen mit Charlie Parker, Bud Powell und Max Roach in Dizzy’s Band.

1948 verließ Ray Brown die Combo und gründete mit Hank Jones und Charlie Smith sein erstes Trio. Und er heiratete Ella Fitzgerald, die er in der Zeit bei Dizzy Gillespie kennengelernt hatte.

Eines Abends in der Carnegie Hall bei »Jazz at the Philharmonic« wollte Ray Brown eigentlich nur zuhören. Aber der Bassist der Band fehlte, das Orchester entdeckte Brown im Publikum — und Ray Brown sprang auf Bitten von Norman Granz ein. Diese Aushilfe dauerte 18 Jahre lang, in denen Ray Brown mit der Big Band durch alle möglichen Konzerthallen der Welt zog. Und er gehörte — his zur Auflösung im Jahr 1966 — zum Oscar Peterson-Trio.

Nach der Auflösung des Oscar Peterson-Trios zog Ray Brown, der inzwischen zusammen mit Jimmy Blanton, Oscar Pettiford und Charles Mingus zu den größten modernen Jazzbassisten gerechnet wird, nach Los Angeles um: »Wo sonst kann ich das ganze Jahr Golf spielen und vom Musikmachen leben?«

Als er 1973 mit Duke Ellington ein Alhum einspielte, schloß sich ein Kreis: Jetzt stand Ray Brown an der Stelle seines Vorhildes Jimmy Blanton, der in nur drei Jahren (Blanton tauchte 1939 in der Jazzszene auf und starb schon 1942) das Baßspiel ähnlich wie Charlie Christian auf der Gitarre völlig umkrempelte.

Ray Brown hat unzählige Auszeichnungen und Ehrungen erhalten, ob »Grammy Awards« oder Spitzenplätze hei Leser- und Kritiker-Polls der Jazzpublikationen. Bis heute ist sein Einfluß als einer der wichtigsten Neuerer des modernen Bassspiels unhestritten. Neben Verpflichtungen als Gastdozent an Jazzschulen fördert er mit großem privaten Einsatz junge Talente. Und er macht natürlich auch noch Musik: Etwa zusammen mit Monty Alexander und Herb Ellis am 22. April im Jazzclub »in der Mitte« in Reutlingen.  (mpg)

Barbara Dennerlein: Die Frau und das Fossil

Sie ist gerade 23 Jahre alt und hat schon mit allen möglichen nationalen und internationalen Jazzgrößen zusammengespielt. Jimmy Smith, der Meister der Jazzorgel schlechthin, bestaunte ungläubig ihre Spieltechnik. Sie hat ein eigenes Schallplattenlabel und veröffentlichte bis jetzt vier Platten, von denen »Bebap« 1985 den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielt. In einem alten Kombi reist sie durch das Land; zum Ausladen ihres Instruments braucht sie muskulöse Hilfe.

Barbara Dennerlein aus München spielt Orgel, Hammond-Orgel, um genau zu sein.

Ein bißchen verrückt muß die Künstlerin schon sein, sich ausgerechnet dieses Instrument auszusuchen: Schwer, groß, alt; mit einem Klang, der im Zeitalter der computererzeugten Synthesizer-Glockensounds und der aseptischen Digitaltechnik schon fast archaisch anmutet.

Barbara Dennerlein kam mit Unterstützung in den Jazzclub »in der Mitte«: Andreas Witte am Schlagzeug ist ein ebenbürtiger Partner, dessen differenzierte Spielweise hervorragend mit den Orgeltönen harmonierte. Nur vom Klang her betrachtet war es dennoch ein Trio auf der winzigen Bühne. Der Baß kam nämlich aus dem Sampler (das ist ein elektronischer Klangspeicher, der exakte Reproduktion von beliebigen Klängen ermöglicht); angesteuert wurde dieser Musikcomputer mit dem Pedal, das Barbara Dennerlein mit einer fantastischen Spieltechnik bearbeitete.

Zusammen mit einem modernen Synthesizer ergaben sich teilweise verblüffende Klangkombinationen, die zu schaffen schon für sich gesehen ein Verdienst ist. Der in den oberen Tonlagen quäkende, zu den Bässen immer mehr blubbernde Klang des elektromechanischen Ungetüms ist nämlich verglichen mit den heutigen Möglichkeiten — nicht gerade besonders variahel.

Das Repertoire am Samstagabend bestand größtenteils aus Standards, ab und zu waren auch Eigenkompositionen der Organistin eingestreut. Stücke wie »Night in Tunisia«, »How high the moon«, »Georgia an my mind« oder »Scrapple from the Apple« sind weit über eingefleischte Jazzkreise hinaus bekannt; besonders reizvoll war manchmal die so ganz andere Instrumentierung — Orgel eben — als die des Originals.

Die überaus zierliche Barbara Dennerlein fegte manchmal wie ein Wirbelwind über die Manuale, um gleich darauf elegant-unterkühlten Latin-Jazz zu Gehör zu bringen. Ein spektakuläres Konzert, für viele der zahlreich erschienenen Besucher sicher auch das erstemal, ein Instrument aus der Frühzeit der elektrischen Tonerzeugung zu erleben; wenn diese Orgel dann auch noch von einer Meisterin wie Barbara Dennerlein gespielt wird, ist der Ohrenschmaus perfekt.  (mpg)

The Blech: Musikspektakel

Ob die »zelle«-Macher wohl so genau wußten, wen sie sich da eingeladen hatten? Zu »The Blech« kamen, an derzeit üblichem Zuschauerschnitt gemessen, jedenfalls überraschend viele Leute. Der größte Teil der Besucher wußte wohl mit dem Stilgemisch, das hauptsächlich als Elementen des Jazz bestand, wenig anzufangen.

Das zeichnet »Avantgarde«-Gruppen (und »The Blech« ist zweifelsohne eine) nun mal aus. Hubl Greiner, der Schlagzeuger und Arrangeur der Band, gibt den anderen Musikern ein atemberaubend virtuoses und vor wilden Polyrhythmen nur so strotzendes Fundament, das schnell eine fast hypnotische Wirkung ausübt, hat man sich erst einmal darauf eingelassen.

Therofal benutzt den Synthesizer nicht zur Imitation herkömmlicher Instrumente und Sounds (das wäre wohl auch unter der Würde der Musiker), sondern kreiert mit Sampler und Sequenzer neuartige Klänge, die sich zusammen mit dem — stellenweise an Laurie Anderson erinnernden Violinspiel — von »Bagdad« und der ekstatischen (Don Cherry läßt grüßen!) Trompete und dem Nonsens-Scat-Dada-Gesang von Rupert Volz zu einer aufregenden, ungemein phantasievollen Mixtur verbindet.

Verschiedene Schüsseln dienen der Gruppe als neuartige Perkussionsinstrumente, der Elektrobaß wird auf den Knien und wie ein Keyboard gespielt. Klasse. (mpg)

Xero Slingsby: Musik-Spektakel

»Xero Slingsby and the works« boten am Samstagabend in der »zelle« ein in jeder Hinsicht erfreuliches Musik-Spektakel. Die drei Musiker (Saxophon. Baß und Schlagzeug) aus Leeds zeigten über eineinhalb Stunden lang, daß Impulse für die U-Musik eben immer noch aus England kommen.

Rockige Töne hörte man am Samstag kaum. Das, was die drei Musiker spielten, war einem Charlie Parker viel näher als den Rolling Stones. Die Musiker beherrschten ihre Instrumente so souverän. daß sie es sich leisten konnten, mal frech, mal ironisch verspielt andere Musiken zu zitieren.

So zum Beispiel bei der Verballhomung des Jazz-Standards »Softly as in a mornin‘ sunrise«. In „Paranoia“ erzeugten die Musiker mit Rasseln, Klingeln, Sirenen und Hupen dichte Klangfelder, die den Titel des Stückes sehr gut wiedergaben.

Die manchmal fast unglaublichen technischen Fähigkeiten der drei Engländer, insbesondere an Bass und Schlagzeug, ließen das Publikum immer wieder staunen. Komplizierte Polyrhythmen ganz lässig gespielt, ein um seinen Kontrabaß tanzender Bassist, der sich dabei noch mit dem Mixer unterhält — das hat man in Reutlingen schon lange nicht mehr gesehen. Die perfekt gespielten ausgereiften Stücke und der Mut zur Improvisation machten dieses Konzert zu einem Glücksgriff für die »zelle«. (mpg)

Extrapolation: Sehr schwarz

Joachim Ernst Berendt, der bekannte Jazzexperte, sagte einmal, der europäische Jazzer habe Bereiche gefunden, die in Amerika noch weitgehend unbekannt sei en und den europäischen Jazz endlich auf eigene Füße stellen würden.

Der Gruppe »Extrapolation«, die am Samstag abend in der »zelle« spielte, gelang diese Profilierung recht mühelos. Die vier Musiker, darunter Rudolf Schäfer an verschiedenen Saxophonen und der überraschend gute Frank Thalhofer an der Gitarre, mischten Hard Bop, New Jazz und Rockjazz überzeugend zu einer neuen Musik.

Viele europäische, besonders deutsche Jazzrockformationen klingen bei aller Traditionsbewußtheit doch sehr glatt; es gibt zwischen den Musikern kaum Reibungspunkte. Das »United Jazz & Rock Ensemble« ist eine der wenigen Ausnahmen; »Extrapolation« geht in dieselbe Ribhtung.

In der »zelle« spielte die Gruppe sowohl eigene Kompositionen, wie auch Stücke von McLaughlin oder Hans Koller. Immer aber wurde aus den Stücken ein spannendes Erlebnis. Rudolf Schäfer begann zusammen mit der Gitarre ein Thema, von dem die Musiker sich immer weiter entfernten, um dann irgendwann wieder zu einer Linie zusammenzufinden. Die eigenen Stücke der Gruppe waren allesamt sehr gefühlvoll und sanft. Schlagzeuger Marc Feigenspan, der an Al Foster von der Miles Davis Group erinnerte, sorgte allerdings zusammen mit Joachim Fritz am Bass für energiegeladene und sehr funkige Zwischenspiele.

Das Publikum konnte mit den Klängen anscheinend nur bedingt etwas anfangen: Anders war der relativ hohe Geräuschpegel unter den Besuchern kaum zu erklären. Es gibt halt in Reutlingen viel zu wenig Auftrittsmöglichkeiten für Amateure — da kann ein Publikum mit geschulten Ohren dann auch nicht vorausgesetzt werden. Obwohl »Extrapolation« eine Reutlinger Gruppe ist, spielt sie mehr im Grossraum Stuttgart. Rudolf Schäfer: »Mehr als zwei oder drei Auftritte in Reutlingen pro Jahr sind nicht drin.« (mpg)