Archiv der Kategorie: Jazz

Joe Viera: Klassischer Modern-Jazz

Ganz jungen Jazzfans wird der Name Joe Viera nicht viel sagen, Fachleute wissen, dass der 71-jährige Münchner einer der wichtigsten Saxophonisten Deutschlands der Nachkriegszeit ist, als Musik-Pädagoge Beachtliches geleistet hat – und außerdem als künstlerischer Leiter der renommierten Jazzwoche Burghausen verantwortlich zeichnet.

Viera war am Samstagabend zusammen mit Hans (Piano) und Werner (Trompete) Bystrich, Tobias Festl am Kontrabass sowie Drummer Bernd Settelmeyer in der leider nur ganz schwach besuchten Reutlinger »Mitte« zu Gast. Abwesende haben ein gutes Konzert mit Jazz-Standards von Miles, Monk und Co. verpasst.

Vor allem dank Viera geriet dieser Jazz-Abend zu einer bluesigen Sache: Vieras Ton ist voll, sozusagen »rauchig«, dabei weit weg von vergleichsweise wüstem R&B-Gehupe, hochelegant und swingend.

Werner Bystrich und Viera warfen sich gekonnt die solistischen Bälle zu, die anderen erledigten den Job einer Rhythmusgruppe kompetent: Gut gejazzt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Norman Embersons Hot Four: Lässiger Oldtime-Jazz (fast) ohne Fans

Eigentlich haben die Reutlinger Jazzfans ja den Ruf, besonders gerne zu Veranstaltungen mit traditionellerem Jazz zu gehen.

Und wenn dann mit Norman Emberson sozusagen ein Star der Szene hier gastiert, ein von Konzerten mit Clemens Wittel und Tante Frieda bereits bestens bekannter Oldtime-Experte, müsste der Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« eigentlich proppenvoll sein.

Pustekuchen – kaum zwei Dutzend »Zahlende« hörten am Samstag beim Gastspiel des britischen Drummers und seiner Hot Four zu. Warum nur so wenige kamen, weiß keiner – gelohnt hat das Zuhören auf jeden Fall.

Nicht nur, dass Routinier Emberson und seine Combo alten Jazz wie öfter schon mit Können und viel persönlichem Witz brachten. Diesmal war mit Neville Dickie einer der weltweit besten Stride-Piano-Spieler dabei und bearbeitete die Flügel-Tasten zur ungeteilten Freude des Publikums: Die wenigen, die mit von der Partie waren, sparten
nicht mit Beifall.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Rova Quartet: Freiheitskämpfer des Jazz

Musikalische Freiheit in Splittern: Nein, für popjazzige Saxophon-Spielereien ist das Rova Quartet aus San Francisco nun wirklich nicht bekannt – seit 25 Jahren kommt von Jon Raskin, Larry Ochs, Steve Adams (der 1988 Gründungsmitglied Andrew Voigt ersetzte) und Bruce Ackley nun musikalisch Querköpfiges der alles andere als leichten Art.

Insofern war das Tübinger »Sudhaus«, wo die vier am Sonntagabend gastierten, mit knapp 80 Besuchern vergleichsweise gar nicht mal so schlecht besucht.

»Freedom in Fragments« heißt das aktuelle Programm des Rova Quartets »Freiheit in Splittern« gab’s von den Amerikanern auch in Tübingen zu hören. Stellenweise stark seriell angelegt, dann wieder in nur anscheinend chaotischer Free-Manier »unterhalten« sich die vier auf ihren Instrumenten höchst virtuos.

Die musikalischen Gespräche des Rova Quartets gerieten fast immer komplex und schwer zu dechiffrieren.   Manchmal hörte sich das, was so gerne als letzter Schrei bezeichnet wird, aber auch hoffnungslos veraltet an: Wer will denn heute noch musikalische Barrieren stürmen – und, wenn ja, welche?

Immerhin: Dem veranstaltenden »Jazz im Prinz Karl« gebührt das Verdienst, echte Speerspitzen der Sax-«Avantgarde« an den Neckar geholt zu haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Rainer Tempel Trio: Ausnahme-Event

Ruhig, aber zahlreich und nachhaltig äußerte das Publikum am Samstag seine Zustimmung zu dem, was der Landes-Jazzpreisträger Rainer Tempel und seine zwei Begleiter Markus Bodenseh (Kontrabass, E-Bass) und Eckhard Stromer (Schlagzeug) hören ließen.

Sowohl Tempels zuhörende Kollegen wie auch »normale« Besucher waren sich einig, dass die drei Gegenwarts-Jazz vom Feinsten brachten.

Nicht nur, dass es jede Menge neue Tempel-Tunes (hinreißend melodisch und hübsch vertrackt: »Circus«) zu hören gab, nicht nur, dass das Tübinger Allround-Käpsele (endlich!) mal wieder selbst am Flügel saß und sich dort auch weidlich austobte: Das Rainer Tempel Trio spielte sehr stimmig, effizient und ohne Brüche innerhalb des Gruppengefüges miteinander, das Programm selbst ziemlich abwechslungsreich. Auch dieses Konzert geriet also sozusagen zum Ausnahme-Event.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Barrelhouse Jazzband: Traditionspflege

Bei der Barrelhouse Jazzband ging’s im Reutlinger Jazzkeller fast ungemütlich eng zu. Dass der Frankfurter Dauerbrenner (die Combo feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen) überhaupt in der »Mitte« spielte, ist sicher den exzellenten Szene-Kontakten des hiesigen Programmmachers Clemens Wittel zu verdanken.

Normalerweise treten die nur äußerlich gesetzten Herren um Klarinettist Reimer von Essen nur in großen Sälen auf – schon das Gastspiel der Gruppe im Rahmen des »Mitte«-Jubiläums vor kurzem in der »Uhlandhöhe« vor mehr als 300 restlos begeisterten Oldtime-Fans ist eher eine Ausnahme im vollen Tourkalender der Hessen.

Auch ohne Distanz zum Publikum machte die Barrelhouse Jazzband ihre Sache gekonnt und routiniert wie immer, Publikum und Musiker schienen mehr als zufrieden, die Stimmung im Laden war fast ausgelassen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Martin Müller feat. Viviane de Farias: Brasil-Jazz ohne viel Pfiff

Eigentlich sind Konzerte mit dem Gitarristen Martin Müller ja eine »sichere Bank« – der Mann ist bekannt für Qualitäts-Grooves.

Umso bedauerlicher, dass das Gastspiel seiner neuen Formation zusammen mit der Sängerin Viviane de Farias kein gutes war: Sowohl Müller wie auch seine Begleiter spielten zusammen unter dem Niveau, das man sonst von Markus Bodenseh (Bass) oder Jochen Feucht (Saxopohone) gewohnt ist.

Mag sein, dass die Musiker zu wenig miteinander geprobt haben, mag auch sein, dass an dem Abend die Chemie einfach nicht gestimmt hat – die aufgeführten Jobim-Klassiker haben jedenfalls unschön geholpert.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Miles Griffith: Ausnahme-Jazzsänger

Ein Ausnahme-Jazzsänger aus New York gastierte am Samstag im gut besuchtenReutlinger »Jazzclub in der Mitte«: Miles Griffith ist mit seiner stets swingenden Phrasierung und seinem ziemlich unverkennbaren, energiegeladenen Scat-Gesang mit Sicherheit ein aufregender und vor allem eigenständiger Neuzugang auf der Szene.

Bei Miles war nicht so wichtig, was er sang: Griffith kann mit seinem fast schon theatralisch genauen Dynamik-Einsatz und sehr persönlich wirkenden Interpretationen wahrscheinlich auch die ollesten Kamellen noch spannend klingen lassen.

Mit Griffith begeisterte das Trio des italienischen Pianisten Pancella, das ebenfalls auf allerhöchstem Niveau spielte.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger