Archiv der Kategorie: Bücher

Peter Kurzeck: Dörfliche Miniaturen aus Hessen

Ein kleines hessisches Dorf, kaum Straßen, die Bewohner seit Jahrhunderten Bauern; eine autonome Gemeinschaft, aus der wenig nach draußen und schon gar nichts hinein gelang: Das ist die Ausgangssituation in dem neuen Buch von Peter Kurzeck »Kein Frühling« handelt von diesen Bauern, es erzählt in einer detailgenauen Sprache von den langsamen, kaum merklichen Veränderungen nach dem Krieg bis hinein in die fünfziger Jahre, vom Untergang einer ländlichen Lebensart, der erst bemerkt wird, als es schon viel zu spät ist, der eigentlich auch unabwendbar scheint.

Kurzeck (»das schwarze buch«) erzählt, wenn er im Reutlinger Fetzer-Buchladen von Staufenberg (so heißt dieses Dorf) spricht, eine Geschichte, die wohl den meisten der — jungen — Zuhörer wie ein Märchen vorkommen mag. Das Dorfsterben ist längst abgeschlossen, nicht nur in diesem oberhessischen Beispiel. Da, wo früher nur staubige Feldwege zu den Häusern führten, sind es vielerorts längst die Asphaltstraßen, auf denen man im vierten Gang ohne zu bremsen durchfahren kann. Aus den ehemaligen Kleinbauern sind Industriearbeiter geworden, die »nebenher« noch ihre winzige Landwirtschaft versorgen.

»Kein Frühling« ist ein Buch, das sich denkbar schlecht für eine Lesung eignet; für die 340 Seiten muss man sich Zeit nehmen, die so ein eineinhalbstündiger Werbe-Termin einfach nicht bieten kann.

Oberflächlich betrachtet passiert in dieser Dorfchronik nämlich nicht sehr viel, es gibt keine »Helden« im üblichen Sinn. Das Dorf verändert sich im Kleinen, unmerklich. Am Ende sitzt der Leser da und hat das Gefühl, einer Idylle nachzutrauern. Dabei lässt Kurzeck keinen Zweifel daran, dass das Leben in so einer kleinen Gemeinschaft allzu viel idyllische Stimmung nie aufkommen ließ.

In »Kein Frühling« erzählen die Dorfbewohner selbst von vielen kleinen Dingen. Diese Kleinigkeiten (im Moment des Lesens oft banal wirkend) ergeben zusammen ein lebendiges Bild von einer vergangenen Zeit. Peter Kurzeck hat seiner »Chronistenpflicht« auf spannende Weise Genüge getan.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 03. Dezember 1987

Friedrich Christian Delius: Fensterplatz Mogadischu verhangen

Man erinnert sich: Vor zehn Jahren wurde eine Lufthansa-Maschine mit deutschen Urlaubern von Palästinensern entführt. Ein Geiseldrama, das fast fünf Tage dauerte und mit der Befreiung der Passagiere durch GSG9-Spezialeinheiten endete.
Friedrich Christian Delius setzte den mit »Ein Held der inneren Sicherheit« begonnenen Weg der Beschreibung der Geschehnisse im Jahr 1977 mit seinem neuen Buch „Mogadischu Fensterplatz“ fort; auf Einladung des Jacob-Fetzer-Buchladens stellte er sich den Reutlinger Lesern vor.

Zwei Abschnitte aus dem 263 Seiten umfassenden Werk werden zu Gehör gebracht: Die Beschreibung der Situation im Flugzeug, während die Passagiere von den Geiselnehmern bedroht werden und bang dem Ende des Dramas entgegensehen und dann die Befreiung durch die deutschen Terroristenbekämpfer. Delius liest langsam, unbetont, gibt vorher und zwischendurch immer wieder Erklärungen — man hat schon Mühe, der Stimme zu folgen und den Sinn und Zusammenhang der Worte wahrzunehmen.

Die Entführung des Flugzeugs wird aus der Perspektive einer jungen Frau, einer Biologin, beschrieben. Andrea Boländer, so heißt die Erzählerin, erinnert sich an die Geschichte, während sie einen — unsinnigen — Fragebogen des Versorgungsamtes ausfüllt.
Dieses Vorgehen des Autors ist verständlich. Jeder zweitklassige Krimischreiber weiß, dass man mit diesem Kunstgriff die Spannung erhöhen kann. Bei »Fensterplatz Mogadischu« aber geht die Sache schief. Es ist fraglich (wie ein Zuhörer treffend bemerkte), ob man anhand einer völlig unpolitischen Person (Andrea denkt die ganze Zeit an ihren Freund und zweimal auch an Schleyer, der bei ihr »Präsident der Industrie« ist) ein Buch, ein politisches wohl, über diese Zeit — die zu beschreiben ohne Politik gar nicht möglich ist — machen kann, ohne ein dickes »Thema verfehlt« an den Rand zu bekommen.

Der Leser ist hautnah dabei. Er geht mit Andrea aufs Klo, isst mit ihr das schlechte Essen, erfährt mit ihr die Geschichte der Sitznachbarin (Gewinnerin einer Miss-Wahl!) und darf einen Krampf im Bein nachvollziehen. Während aber der Biologin der Schweiß ob der Hitze im Flugzeug aus allen Poren rinnt, ist es beim Leser eher die Anstrengung beim Lesen. Das Buch (das ja nun wirklich nicht dick ist)  liest sich ungefähr so spannend wie ein Wörterbuch mit 1000 Seiten. F. C. Delius hat die Absicht, »herauszufinden, was geschehen ist.« Viel mehr erfahren als bei irgendeinem Bergsteiger, dem die Zehen abfrieren, kann der Leser allerdings nicht. Vor dem Fenster, das Mogadischu zeigt, hat wohl irgend jemand die Vorhänge zugezogen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 20. November 1987

Georg Holzwarth: Die kleine schwäbische Welt

»Schreiben ist eine Möglichkeit, die Wirklichkeit auf Distanz zu halten« — die Inhalte der Texte, die der Tübinger Schriftsteller und Mundartdichter Georg Holzwarth im »Literaturcafe« in der Stadtbibliothek Reutlingen vorlas, waren nah an der Realität; an der schwäbischen, sozusagen.

»Es ist ein unbeschreibbarer Vorteil der Erziehung, daß sie irgendwann aufhört.« Holzwarth, der siebzehn Jahre lang Lehrer an Gymnasien war, weiß Bescheid. Die Hauptfigur seines Erstlingsromans »Das Butterfaß« und des Nachfolgers »Die Fußreise«, der schwäbische Lausbub Hansjörg, ist manches Mal identisch mit dem Autor; »mein anderes Ich«, wie Holzwarth sagt.

Die Geschichten um Hansjörg, der in einem kleinen Dorf auf der Ostalb aufwächst, erzählen von kleinen Gemeinschaften, wo die Tradition zählt, jeder über jeden Bescheid weiß und der Pfarrer mahnt, bei der nächsten Wahl »christlich« zu wählen. Jeder, der anders ist oder sein will, hat es ungeheuer schwer in so einem Dorf.

Georg Holzwarth wurde vor 46 Jahren in Schwäbisch Gmünd geboren und wuchs in Lautern auf. An der Uni Tübingen studierte er Geschichte, Germanistik und Philosophie, unterrichtete bis vor zwei Jahren und ist heute freier Schriftsteller. Zunächst machte sich Holzwarth mit schwäbischen Gedichten und Prosa einen Namen; 1982 erschien »Das Butterfaß«.

Aus der »Fußreise« bekamen die knapp 30 Zuhörer in der Stadtbibliothek eine humorvoll erzählte Episode zu hören: Der Protagonist hat von dem »Dorfmief« endgültig die Nase voll und will abhauen. Pech für ihn, daß der Bus, den er besteigt, von alten Damen aus seinem Dorf besetzt ist, die gerade zu einer Wallfahrt wollen. Hansjörg bekommt Einblicke in zahlreiche Marienlieder, muß sich allerlei dumme Fragen anhören und landet am Ende der Reise im Straßendreck: Er hat zuviel Bier getrunken und sagt den Wallfahrerinnen deutlich und predigend die Meinung, worauf er vom Busfahrer an die Luft gesetzt wird.

Neben Ausschnitten aus den beiden Romanen las Holzwarth auch zahlreiche Gedichte und Sprüche auf schwäbisch: »Ehe« erzählt von einem Paar, das zwar schon lange nicht mehr miteinander redet, aber -zig Kinder, ein Haus und manches andere mehr zustande gebracht hat. »Mahlzeit« beschreibt die ebenfalls hierzulande weit verbreitete Sitte, mit am Tisch sitzende Leute mit unglaublicher Energie zum Essen zu nötigen; wenn’s ihnen schlecht wird, liegt’s sicher daran, daß sie zuwenig gegessen haben…

Der Schwabe Holzwarth beschreibt die Eigenheiten und Macken seiner Landsleute so, daß das Schmunzeln über die genaue Beobachtung und die pointierten Formulierungen größer ist als das Unbehagen über die geistige Unbeweglichkeit, die oft das Thema ist. Das ist gut so, denn »Nestbeschmutzer« mögen wir hier überhaupt nicht und die »richtigen Schwaben« sind sowieso die anderen!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 02. Juni 1987