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Gudrun Pausewang: „Gefragt ist Einmischung“

Gespräche über Gott und die Welt: Gudrun Pausewang, bekannte Autorin vor allem von Kinder- und Jugendbüchern, stellte sich, ihr Weltbild und ihr Leben jetzt ausführlich rund 80 Reutlingern vor. Das katholische Bildungswerk hatte die Schriftstellerin und Pädagogin in seine Talk-Reihe »Menschen und Themen« eingeladen. Iris und Bernhard Bosold, die beiden Moderatoren des Abends im Spitalhofsaal, mussten nur wenige Fragen stellen – aber das waren offenbar die richtigen: Gudrun Pausewang redete fast ohne Punkt und Komma – langweilig war’s trotzdem nicht.

Ihre böhmische Kindheit war materiell ärmlich. Die Schuhe mussten so schnell wie möglich ausgezogen werden, um Sohlen zu sparen, Kleider unter den Geschwistern »selbstverständlich« weitergegeben werden. Diese Zeit hat Pausewang die Erkenntnis gebracht, dass »materieller Besitz« nicht unbedingt für ein Glücksgefühl notwendig ist«.

Und sie ist wohl auch mitverantwortlich für die erzieherischen Forderungen der Autorin, die später ein Thema der Gesprächsrunde waren: Pioniergeist und Improvisationstalent müsse man dem Nachwuchs zu allererst beibringen, »Mut, Phantasie, die Fähigkeit, immer wieder bei Null anfangen zu können – und nicht immer nur grosse Rosinen im Kopf«.Wichtig sei, die Massstäbe zurechtzurücken: »Wir tun gut daran, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie den heutigen Lebensstandard nicht als normal ansehen«.

Pausewang erzählte von der Aussenseiter-Rolle, die ihre Familie unter den Bauern im Dorf hatte: Nicht unbedigt primär, weil der elterliche Bücherschrank voll und schon die kleine Gudrun eine Leseratte war – sondern »weil wir einfach Exoten waren«. Die Eltern entstammten der Jugendbewegung, waren konfessionslos, badeten »ohne« im eigenen Teich und, das muss wohl am schwersten gewogen haben, zeigten sich als überzeugte Vegetarier: »Die Bauern hielten uns für beknackt, weil wir aus ihrer Sicht auf das Beste verzichteten, was sie überhaupt zu bieten hatten – und sich selber nur selten leisten konnten.«

Offen schilderte‘ Gudrun Pausewang ihre jugendliche Begeisterung für die Nazis, ihr späteres Aufwachen und ihr Selbstverständnis als Demokratin. »Bei der Nachricht vom Tod Hitlers habe ich geweint, als Kind hat mich gestört, dass ich ein Mädchen war: »Die konnten ja nicht fürs Vaterland sterben . . .“ »Ich habe mir eine Welt ohne Hitler nicht vorstellen können, erst nach dem Krieg habe ich gemerkt, wie sehr wir indoktriniert wurden, wie schmählich unser jugendlicher Idealismus missbraucht worden ist.«

Damals habe sie reagiert wie viele Frauen ihrer Generation: »Nie wieder Politik!« Erst durch ihr langjähriges Leben in Südamerika, durch die Ideen der kubanischen Revolution sei sie »wieder wach geworden«. Grundsätzliches Fazit von Pausewang: »Es genügt nicht, sich alle vier Jahre fragen zu lassen: >Wie hätten Sie’s denn gerne?< – man muss sich dauernd einmischen!«

Nach Südamerika wollte sie schon mit 14, »ich bin sogar deshalb Lehrerin geworden, um in den Auslands-Schuldienst gehen zu können«. In Chile, Venezuela, Kolumbien und Kuba hat sie ab 1956 fast eineinhalb Jahrzehnte gelebt – und unter anderem dadurch einen anderen Blick aufs eigene Volk bekommen: »Wir Deutschen gelten als Meister der Sekundärtugenden – uns unterstellt man Pünktlichkeit, Höflichkeit, Sparsamkeit. Aber nie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft oder die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Und noch was: Wir gelten als humorlos und nicht gerade zivil couragiert.«

Das Scheitern der kubanischen wie anderer Revolutionen führt Pausewang darauf zurück, »dass der Mensch ‚erstmal an sich selber denkt. Sozialismus verlangt, dass man teilt – und das tut weh«.

Für die Kirche sieht sie aber nicht nur »wirklich ganz schwarz«, weil »Christentum nicht auf dem Humus des Egoismus gedeihen kann«, sondern wegen der geistigen Überalterung ihrer Funktionäre: »Wo um alles in der Welt soll eine Erneuerung herkommen, wenn fast alle Papst-Kandidaten stockkonservativ sind?« Auch beim Blick in die Gotteshäuser zeige sich dasselbe Bild: »Die Jugend hat Abschied genommen, die Jugend sieht man da nicht.«

Unmöglich, hier alle Gesprächsthemen auch nur anzuschneiden. Pausewang redete unter anderem ausführlich über ihren Sohn, gab bereitwillig Auskunft über ihr persönliches Verhältnis zum Katholizismus, beantwortete detailliert Nachfragen zu Politik und Pädagogik.

Konsequenz sowie die Erziehung »zu mehr Wärme und mehr Miteinander in der Gesellschaft« müssten erste Ziele von pädagogischer Theorie und Praxis sein.

Bevor die Autorin am Ende des langen Abends zur Vorleserunde (»Was ich Dir noch sagen wollte«) kam, durfte sie Assoziationen zu Stichwörtern äussern. Zum Goethe-Jahr fiel ihr »Ich kann’s nicht mehr hören« ein, bei »Millennium« denkt sie zu allererst an Computerprobleme und bei »Talkshow« meinte Gudrun Pausewang: »Also, Fliege ist für‘ mich ein Brechmittel!« (-mpg)

Robert Gernhardt: Annas Gans und Gudruns Luchs

»Die Frage heute ist: »Kann es das Singen bringen, kann es das Dichten richten?« – In der Pfullinger Stadtbücherei durfte Robert Gernhardt, ebenso humorbegabter wie scharfzünginger Spötter aus Frankfurt/Main, diese Fragen eindeutig positiv für sich beantworten. Über 120 Lesungsgäste drängelten am Freitag, um freie Sicht oder wenigstens ein akustisch günstiges Plätzchen zu erwischen.

Ob’s an der Brecht-Connection lag, dass der »Pardon« – und »Titanic«-Macher jetzt nach Pfullingen kam, oder doch daran, dass die Lese-Lokalität nicht allzuweit von Reutlingen und Metzingen (»Der Reutlinger Marktplatz vereint alle Ingredienzen, die in Metzingen weit verstreut sind«, meinte der Dichter vor zehn Jahren in der Listhalle) entfernt ist, bleibt offen. Wahrscheinlich waren die vom Veranstalterteam aus Stadtbücherei und Buchhandlung Fischmann versprochenen Laugenbrezeln ausschlaggebend.. .

Beim Listhallen-Termin – es war damals eine Geburtstagsfete des Fetzer-Buchladens – musste Gernhardt (»Wenn’s jetzt nicht gleich ruhig ist, bin ich ruhig«) die Hörer schulmeisterlich mahnen, in Pfullingen hatte der Brecht-Literaturpreisträger jetzt die ganze Aufmerksamkeit des Publikums mit viel Gekicher und begeistertem Applaus für sich.

Brecht nahm Gernhardt im zweiten Teil des ausgiebigen Leseabend auf seine Parodisten-Schippe: Das Brechtsche »Buch der Wendungen« heißt bei ihm »Oh Mei – Buch der Windungen« und verhohnepiepelt gekonnt den Duktus des grossen Kollegen wie auch die Machart des literarischen Vorbilds.

Günter Eich bekam im »Zurück zur Unnatur« sein Fett weg, liebevoll-verspielt klangen Gernhardts Jandl-Parodien: In den Variationen über dessen Gedicht »Ottos Mops« brillierte der 61jährige Satiriker am Beispiel von »Annas Gans« und »Gudruns Luchs« in seinem sprachspielerischen Talent: Schade, dass er sich dann »Gittis Hirsch« und »Edes Elch« doch geschenkt hat.

Dafür gab es eine hinreissend komische Ode an Billigmarken-Klopapier (»Danke im Namen des blauen Planeten/Heilig, heilig, lasset uns beten«) ein ebenso witziges wie rhythmisch hochinteressantes »Steffi-Graf-Gospel« oder Improvisationen über einen im Kirchenfunk aufgeschnappten Satz, bei denen die Besucher dann über die Taten »spätantiker Männerkreise« lachen durften.

Besonders amüsiert haben sich alle über den »Brief Picassos an seinen Kunsthändler Kahnweiler«, in dem Gernhardt dem Künstler erst »Werd‘ ich nicht nach Tarif bezahlt/ wird ab sofort naiv gemalt« in den Mund legt – und dann zum Schluss kommt, »dass jeder, der Picasso kennt/ihn nur noch Herrn Inkasso nennt«.

Lesungs-Aufhänger waren aber die im vergangenen Jahr erschienenen »Lichten Gedichte«, und aus dieser Sammlung gab’s in der ersten Hälfte – neben einem ernsthaft abgedruckten »FAZ«-Fragebogen – reichlich Kostproben. Etwa drei Gedichte zum Thema Tier, einen »Natur-Blues« oder »Alles über den Künstler«. Die ausgelegten Gernhardt-Werke verkauften sich in der Pause wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. (-mpg)

Wiglaf Droste: Bissiger Charme

Einkaufen im Bioladen ist wie Konfirmationsunterricht: Man fühlt sich ständig ertappt. Ein Sünder ist man, und das kriegt man auch immer schön reingereicht. Der Alternative Protestantismus müffelt nach Geiz und Getreide; seine Protagonisten sind mürrisch, übellaunig, rechthaberisch und geschlechtsneutral aussehende Figuren, die eine Aura derart kieperiger Zugekniffenheit umgibt, gegen die selbst ein Zeuge Jehovas noch Hedonismus und Daseinsfreude verströmt.

Wiglaf Droste, Autor dieser und vieler anderer (zum Beispiel in »taz« und »Titanic«) ebenso spöttisch wie elegant formulierter Zeilen, machte jetzt mal wieder auf Lese-Tour in Reutlingen Station. Eingeladen ins Foyer U 3 hat — wieder — der »JuZeLi«-Verein, diesmal in Kooperation mit der »Musikoffensive«.

Rund 80 Besucher kamen zur erneuten Lesung Drostes. Und mussten im klammen Foyer lange warten, bis der Wahl-Berliner seine Jutetasche auspackte: »Ihr müsst schon entschuldigen, aber ich hab‘ noch ein trübes Weissbier zu mir nehmen müssen«.

Sein neues Buch »Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses« promotete der 36jährige Autor natürlich auch — aber wie fast immer, wenn Wiglaf mit Schlabberjeans und Sweatshirt auftritt, war der Abend keine »gewöhnliche« Lesung, sondern hätte problemlos in der Sparte »Kabarett« einen vorderen Platz verdient.

Das liegt an der Mehrfachbegabung des Autors. Zum einen erweist er sich immer wieder als sehr genauer Beobachter, zum anderen besitzt er offenbar reichlich skurrilen Humor, der ihn dann zu ebenso ungewöhnlichen Assoziationen treibt. Und er kann mit großer Coolness sehr pointiert überhöhen: Das vernichtende Urteil in einem feuilletonistischen Text über den Motor der Berliner »Love Parade« kommt fast beiläufig. »Jugend trainiert für Karneval  – das interessiert mich nicht so«, meinte Droste — und schreckt nicht zurück vor bösen Einlassungen wie dieser: »Schade, daß man nicht in China ist, dann könnte man die Leute erschießen. Eine Million Arschgeigen weniger — das ist cool!«.

Wiglaf macht sich höchst elegant Gedanken über »das Leben in der Viva-Demokratie« — und kriegt in »Wo ißt Gott« sehr geschickt die Kurve von Bioleks angesnobter Küche zu einer romantischen Lovestory.

Am besten gefallen an dem zweigeteilen Abend haben dem Rezensenten die »Ode an rauchende Frau« — »die nichtrauchende deutsche Frau riecht nach Turnhalle und Medizinball« —, sowie eine Konzertbetrachtung der besonderen Art.

»Missbrauch des Sommers« hat Wiglaf Droste seine Kritik eines Waldbühnenauftritts von Rock-Legende Neil Young genannt. Seine bitteren Notizen von den knielang behosten Fans, die die Protestsongs von anno dazumals »in die Leichenstarre klatschen«, treffen — so oder so — auf viele Großkonzerte zu. Und auch, daß der Autor jene Labertaschen, »die den Musiker hinter dem gesellschaftlichen Ereignis verblassen lassen, genau dafür haßt«, kann der Schreiber dieser Zeilen sehr gut verstehen.

Jeder wird die zu Beginn des Berichts zitierten gruseligen Schwingungen im Bioladen nachvollziehen können — diese Beobachtungen hat Droste womöglich gar in unserer pietistisch geprägten Ecke gemacht, ganz bestimmt . . . (-mpg)

Herrmann Bausinger, Dietrich Segebrecht: Heinrich Heine und die Schwaben

Die Schlagzeile war gut gewählt: »Immer Ärger mit Harry« hatten Hermann Bausinger und Dietrich Segebrecht ihren Literatur-Abend in der Reutlinger Stadtbibliothek betitelt.

Es ging in der recht kurzweiligen Mischung aus Lesung und Vorlesung mit verteilten Rollen um »Heinrich Heine und die Schwaben«. Daß »Schwaben-Experte« Bausinger und der »ironieanfällige Kleinkünstler« Segebrecht — so Bibliotheksleiterin Christa Gmelch — ihren Bericht als »Welturaufführung« verkauften, zeugt von Selbstironie: Der Disput der Dichter vor gut 150 Jahren ist bekannt, die zitierten Autoren ebenso. Aber vielleicht war ja auch nur so der SWF dazu zu bringen, die Veranstaltung aufzuzeichnen . . .

Segebrecht und Bausinger berichteten rund 90 Minuten von den gegenseitigen Attacken Heines und der Mitglieder der sogenannten »schwäbischen Schule«. Die beiden würzten die Sache mit deftigen Originalzitaten — nicht nur auf dem an alle verteilten Flugblatt.

»Ein treues Abbild von meinem Steiss / Vermach ich der schwäbischen Schule, ich weiss, / Ihr wollt mein Gesicht nicht haben / Nun könnt Ihr am Gegenteil euch laben«, heißt es da.

»Schwer, in Stuttgart nicht moralisch zu sein«, hat Heine damals formuliert — hochmodern, das könnte auch bei einer Umfrage heutzutage herausgekommen sein.

Bausinger untermauert das Zitat später noch mit einer Troll-Anekdote, wo vom »schwäbischen Sex« die Rede ist — und von einem katholischen Pfarrer, der schon die bloße Kombination beider Wörter »für eine arg optimistische Formulierung« hält . . .

Den »schwäbischen Nudeldampf« in Stuttgart hat Heine sich damals aus Paris angeschaut — und fand, klar, aus dieser Sicht nicht viel Bemerkenswertes in den beschaulich idyllischen Zeilen der Schwaben-Dichter. Auf Gustav Schwab, Ludwig Uhland (»eine ehrliche Haut«), Justinus Kerner und Gustav Pfitzer hatte sich Heine damals besonders »eingeschossen«.

Die hatten — ausser ihrem »aufrechten« Zorn und wohl auch Neid — dem genialischen Spott des »Nestbeschmutzers« wenig entgegenzusetzen: Die entsprechenden Gedicht-Zitate, die Bausinger und Segebrecht mit offensichtlicher Spott-Lust ausgewählt hatten, deklassieren} den schwäbischen Dichterkreis auf Pennäler-Niveau.

Zum fein satirischen Ton des Abends passten auch die von einem achtköpfigen Chor (Leitung: Brigitte Neumann) mit Inbrunst a capella vorgetragenen Lieder. (-mpg)

Poesie & Musik: Hesse verjazzt

Eine Lesung der selteneren Art gab es in der Reutlinger Osianderschen Buchhandlung; der kurze (und auch recht kurzweilige) Abend mit der Gruppe »Poesie &Musik« und Gedichten von Hermann Hesse war überdurchschnittlich rege besucht: Nur zwei Stuhlreihen blieben unbesetzt. »Poesie & Musik« — das sind der Schauspieler Ulrich Gebauer, Gitarrist Gerhard Reuther, Andieh Merk (Flöte, Saxophon, Perkussionsinstrumente) sowie Bassist Willi Macht. Seit acht Jahren präsentiert das Quartett — immer mal wieder auch in unseren Breiten — Literatur und Musik in enger Verzahnung; bisher gab’s neben einem Programm mit Liebesgedichten auch eines zum Gedächtnis an Erich Fried sowie eine Kästner-Hommage.

Und jetzt also, mit dem (zu erwartenden?) bitteren Titel »Und trotz dem Leben« ein Hermann-Hesse-Abend. Gebauer las, akzentuiert und deutlich, insgesamt aber ein wenig zu gleichförmig in der Stimm-Modulation, knapp zwei Dutzend Gedichte des Literatur-Nobelpreisträgers: den »Mißglückten Abend«, das »Sterbelied des Dichters«, »Auf den Tod eines kleinen Kindes, die »Gestutzte Eiche« und mehr — auch sehr witzige, satirisch-ironische Arbeiten, die nicht gerade »typisch« für Hesse sind: »Immer fand‘ ich nur wenig Wonn‘ / bei Damen, die rochen nach Eau de Cologne«, kalauert der berühmte Autor beispielsweise in »Etwas ganz Allgemeines über die Weiber«.

Mit Heiterkeit nehmen die Besucher auch die Sticheleien zwischen Gebauer (Glatze) und Gitarrist Reuther (Glatze kommt noch . . .) auf, mit denen die beiden den »Mann von 50 Jahren« humorvoll spielerisch begleiten: »Von der Wiege bis zur Bahre, sind es fünfzig Jahre, dann beginnt der Tod. . .«

Die Musik an diesem Abend war — bis auf wenige Stellen, wo die Zählweisen der Musiker ein wenig auseinander zu gehen schienen – sehr gut gespielt, farbenreich und überaus dynamisch. Besonders der Bassist fiel mehrmals mit außerordentlichem (und ausnehmend sensiblem) Spiel auf; Andieh Merk gefiel mit seinem variantenreichen Einsatz auch exotischer Percussionsinstrumente; aus der brasilianischen, einsaitigen Berimbao holte er verblüffend viel Atmosphäre heraus. Das Publikum honorierte das — wie auch die Gesamtleistung des »Poesie & Musik«-Ensembles — mit viel Beifall. (-mpg)

Joseph von Westfalen: »Suche: Wein, Brot, Baguette«

Die Forderungen der Lesungsgäste waren ihm bewußt: »Ich will das Thema >Essen und Trinken< so wenig wie möglich verfehlen«, meint Joseph von Westfalen lächelnd zu Beginn. Am Mittwochabend war der Romanautor und Kolumnist der Mittelpunkt der kulturell-kulinarischen Veranstaltung in der Reutlinger Weinhandlung »Der Gallier«.

Die Melange aus Literatur, feinem Flüssig- und rustikalem Fest-Stoff lockte wieder mal viele hinterm Ofen hervor. Gut 100 Besucher — klar, daß Frauen auch bei dieser Lesung wieder in der Mehrzahl waren — hörten rund zwei Stunden lang zu. Und amüsierten sich dem ständigen Gekicher nach geurteilt wieder prächtig über den schwer satirisch veranlagten Autor, der vor sechs Jahren als erster Gast die Veranstaltungsreihe im »Gallier« eröffnete.

Es habe sich was getan, witzelte von Westfalen, »demnächst habe ich CD-ROM für den Computer mit allen meinen Texten drauf und einem Rechercheprogramm noch dazu. Da kann ich dann »Suche: Wein, Brot, Baguette« eingeben und bin optimal vorbereitet«.

Auch ohne Digitalkrücke hatte der Autor die »richtigen« Texte gefunden: Exakt sieben Minuten brauchte von Westfalen, bis er mittenmang beim Thema war. Um Experten ging es da, um »Weinkenner, die noch größere Scharlatane als die auf dem Kunstmarkt« seien — und um Freß-Experten, die sich erst so richtig wohl fühlen, wenn sie exklusiv den Tip von »der Dorfkneipe am Rand der Dritten Welt« geben können.

Westfalen erwies sich wieder einmal als ein Meister unerwarteter Assoziations-Ketten: Vom Verlags-Auftrag kam er aufs Zugfahren (1. Klasse »fahren nur Kleinbürger, die ihrer Herkunft entfliehen wollen«), und leitete nahtlos über zu der wichtigen Frage, warum Zugfahrer auf Billig-Sitzen anders husten als auf teuren Plätzen.

Westfalen spottete über die Titel-Flut auf dem Büchermarkt zum »Fest der Liebe« (Text-Titel): Veröffentlichungen zum Thema »Der Oko-Zimtstern« oder »Die Marzipan-Vergiftung« seien dringend vonnöten. Eindeutig auch die Position des Autors zum »25-Meter-Frühstücksbüffet«: »Ich will mich morgens nicht entscheiden, ich will nur was in mich reinstopfen, damit ich den Kaffee besser vertrage«, meinte von Westfalen — und forderte »die sofortige Festnahme aller Studenten und sonstiger Langschläfer, die am frühen Nachmittag in einem Modecafe ein großes Frühstück bestellen«.

Über solche Scherze lachten die Lesungsbesucher gerne und viel. Allerdings fiel auch bei dieser Veranstaltung auf, daß ein guter Schreiber nicht automatisch ein guter Vorleser sein muß: Besonders zu Beginn hetzte von Westfalen ohne jegliche kontrollierte Phrasierung durch seine Texte, verhaspelte sich auch später ständig. Da hätte man beim Selberlesen dann wahrscheinlich doch noch größeres Vergnügen gehabt.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 22 März 1996

Elmar Hörig: Elmi, Claudia und die Beatles

Proppenvoll war die Osiandersche Buchhandlung in Reutlingen beim Lesetermin mit SWF3-Dampfplauderer und -Possenreißer Elmar Hörig. Nicht nur der auf ewig jugendlich abonnierte Star-Moderator zog die Leute an — das Thema Beatles ist auch ein Vierteljahrhundert nach den »Fab Four« aus Liverpool ein Top-Thema.

Hörig ist »Elmi« und wahrscheinlich wie das mit entsprechendem Aufdruck versehene Buch »100 Prozent Elchproof«. 220 Seiten stark ist seine »Beatles-Story«. Noch eine Pilzkopf-Bio?

Ja und nein. Einerseits hat Hörig »alles ganz genau recherchiert, wirklich, ehrlich« — anderseits hat er die nackten, längst bis ins letzte Detail bekannten Fakten in Romanform verpackt. Er läßt Raimond erzählen, einen Schutzengel, der samt irischem biertrinkendem Adlatus Rupert sozusagen den »Fab Four« zugeteilt ist.

Und dieser Raimond beeinflußt die Beatles kräftig per Traum-Suggestion. Wer wußte schon, daß — laut Elmar Hörig — »Yesterday« in Wirklichkeit gar nicht von Paul McCartney komponiert wurde, sondern von einem Kriegsopfer-Engel, der das Stück als Gruß Ton der Front an seine Frau gedacht hatte, leider aber zu früh gefallen war?

»Wer außer mir kann so einen Scheiß schon schreiben ?«, nimmt Hörig eventuelle Fragen nach einem Ghostwriter witzelnd vorweg. Ob das Buch mit diesem Thema und in einer trendigen Sprache so einzigartig ist, darf bezweifelt werden.

Sicher dagegen ist: So ungewöhnlich „las« in den letzten Jahren kein Autor in Reutlingen. Hörig lieferte nämlich rund 100 Minuten lang eine Live-Show, die genau wie seine Radio-Sendung geschickt auf die Mischung aus beliebter Musik, Verbal-Kalauern und blöden Witzen im Eilzug-Tempo aufbaute.

Da wollte Elmi, die Banane in der Hand, mit Steffi Graf telefonieren und konnte sie nicht erreichen, »weil sie ihr Geld sucht«. Da las Elmi aus dem »Tagebuch von Claudia Schiffer« vor. Kostprobe? »Gestern haben Mami und ich zum ersten Mal Marmelade gemacht, weil Mami ist auch blond. Wir haben einfach Berliner geschält«, heißt es da. Später erzählt Elmi unvermittelt, daß Claudia von »David eine Hustengutsel-Fabrik geschenkt bekommen hat. Die heißt Schifferman’s Friend«.

Über solche Witze lachen die Lesungsgäste mindestens so heftig wie über den Partner Hörigs, den irischen Gitarristen und Sänger Shane Brady. Der liest zwischendrin immer wieder auf gälisch aus »seinem Buch« vor, stellt »0. J. Simpsons Buch: Who put the knife in my wife?« vor — und übernimmt ansonsten recht witzig den Part des saufenden Engelassistenten Rupert.

Damit nicht genug. Brady und Hörig lockerten mit eingestreuten Beatles-Songs von »Things We Said Today« über »And I Love Her« und »Honey Pie« bis hin zu »My Life« — den Abend zusätzlich auf. Und brachten gar — »Herzilein, Herzilein, wenn ihr beide so freßt, bricht die Bühne ein«< — Volkstümelndes mit zwei Gitarren und Gesang.

Diese musikalischen Abschnitte waren nicht nur für Beatles-Fans die eigentliche Zumutung. Die beiden klampften die gewiß nicht schweren Harmonien oft grottenfalsch — und lediglich Brady besitzt eine passable Singstimme. Als »riesengroßer Beatles-Verehrer« hätte Elmi eigentlich spätestens hier die Klappe halten müssen und seine Finger im Zaum. Aber kann schon sein, daß ein Starmoderator den Abstand zu sich selbst verliert. Zumal, wenn selbst solche Musik-Peinlichkeiten beim Publikum bestens ankommen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 15. September 1995