Archiv der Kategorie: mpg Artikel und Kritiken

Stadthalle Reutlingen: Fotogalerie online

Die Meinungen über die neue Reutlinger Stadthalle sind – aufgrund des unübersehbar wuchtigen optischen Eindrucks – schon vor der Eröffnung geteilt: Wo die einen ein prächtiges Stück Gegenwarts-Architektur sehen, das „unverwechselbar und einzigartig“ (O-Ton eines Bauleiters) ist, fühlen sich andere an den ehemaligen „Palast der Republik“ der DDR oder – noch derber im Urteil – an die bombastisch-pathetische NS-Architektur Albert Speers erinnert.

Selber gucken, selbst urteilen: Hier habe ich eine Galerie mit Impressionen der (fast fertigen) Stadthallen-Baustelle online gestellt.

Stadthalle Reutlingen am 15.11.2012. Foto: © Gerner / mpgText

50 Jahre Jazzclub in der Mitte

Der Reutlinger Jazzclub in der Mitte hat zum 50. ein Buch herausgebracht. Fotomontage © mpgText

Jazz ist nicht tot:“…er riecht nur etwas seltsam“, hat Frank Zappa in den 70ern gespöttelt.

In Reutlingen ist der lokale – für ganz Baden-Württemberg bedeutsame – „Jazzclub in der Mitte“ jetzt 50 Jahre jung geworden. Und statt einer mehr oder minder langweiligen Festschrift hat der Club ein Buch zum Jubiläum herausgegeben, das (sehr schön von Peter Bofinger gestaltet) mit VIELEN Bild-Raritäten große und kleine Geschichten über den Jazz in Reutlingen erzählt.

Es ist ein prima Buch geworden – nicht nur wegen meiner vielen Beiträge (*grins* ): „50 Jahre Jazzclub in der Mitte – Reutlingen und der Jazz“ erzählt von den (fast privaten) mühevollen Anfängen, von wilden Jazz-Nights, von Beinahe-Weltrekorden – und erinnert an viele hervorragende Konzerte, die hier schon über die Bühne gingen, an so manche großen Stars (wie beispielsweise Ray Brown oder Albert Mangelsdorff), die unprätentiös und ohne viel Federlesens im kleinen Jazzkeller große Kunst ablieferten.

„50 Jahre Jazzclub in der Mitte – Reutlingen und der Jazz“ ist im Eigenverlag des Clubs erschienen und auch dort zu haben: http://indermitte.de/

 

Deutsche Verleger: Schämen, Abtreten!

Ein Eigentor: Das geplante „Leistungsschutzrecht“ der Bundesregierung

Ein Kommentar von Martin Gerner

Liebe Zeitungsverleger, lieber BDZV!

Einen schönen Bockmist habt ihr da mit der Forderung nach einem „Leistungsschutzrecht“ gebaut. Ein Eigentor habt ihr geschossen, das euch zu großen Teilen vollends aus dem Internet und dem Geschäft kegeln wird.

Aber dass eure Forderung, nicht nur Google News und Co., sondern im Prinzip jeden, der aus irgendeinem Print-Erzeugnis eurer „Häuser“ – wir Journalisten wissen ja, dass die meisten nur schlecht und oft völlig planlos geführte Klitschen sind –  auch nur die Überschrift und zwei, drei Sätze online auf einer Seite mit ein paar Google-Anzeigen zitiert, eben dafür eine Abgabe an euch zahlen zu lassen, völliger Schwachsinn ist, merkt ihr wahrscheinlich wieder zu spät.

So, wie ihr in den späten 80ern und durch die 90er hindurch das Web völlig verpennt habt. Damals haben euch nicht nur „amtliche“ Fachleute – die ihr als spinnerte Freaks abgetan habt -, sondern viele eurer freien Mitarbeiter und auch manch hellsichtiger Redakteur, gesagt, dass das alte Prinzip bald nicht mehr funktionieren wird.

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AfroBrasil Tübingen 2003: Brasil-Begeisterung pur

Dass Daniela Mercury, der auf der Bühne wieder ungemein präsente Brasil-Superstar, abräumen würde, war schon vorher klar: Am Freitag geriet ihr Auftritt bis weit nach Mitternacht für viele zum Höhepunkt des Festivals, bei ihrer Version von Bob Marleys »No Woman No Cry« zusammen mit Cidade Negra-Sänger Toni Garrido waren die meisten im Publikum hin und weg.

War Daniela Mercurys Auftritt wie gewohnt von sozusagen hochglanzpolierter, entlang von US-Hörgewohnheiten getrimmter Perfektion geprägt, gab’s vorher und auch bei den ersten beiden Bands am Samstag oft aufregend neu scheinende Klangkombinationen und Stil-Fusionen zu hören.

Die Lampironicos – »elektronische Gas-Laternen« – setzten mit einer streckenweise knallharten Mixtur aus afrobrasilianischer Rhythmik, Heavy-Funk und hochmodernen Computer-Samples sowie gekonnter Plattenkratzerei gleich zu Festivalbeginn einen mehr als bemerkenswerten Akzent.

Zum regelrechten Knaller geriet der Auftritt der brasilianischen Reggae-Jungs von Cidade Negra: In ihrer Heimat haben sie bereits Superstar-Status; bei der in Tübingen gezeigten Professionalität und hochmusikalischen Versiertheit dürfte auch eine weltweite Top-Karriere drin sein.

Cidade Negra lieferten ein alles andere als langweiliges Reggae-Konzert, deutlich den »Roots« verhaftet und künstlerisch kein bisschen angestaubt: Kurze Ausflüge zu modernen Reggae-Spielarten integrierten Cidade Negra fließend elegant, brasilianische Rhythmik durchzog, obwohl kaum vordergründig präsent, das ganze Konzert: Denkwürdig!

Geradezu atemberaubend geriet das Konzert des japanischen Multitalents Kazufumi Miyazawa und seiner wirklich außerordentlich guten, extrem vielseitig und dynamisch spielenden Band zusammen mit dem brasilianischen Perkussions-As Marcos Suzano.
Den halben Pop-Kosmos brachten Miyazawa und Co. in ihrer hochkomplexen, dabei für Live-Verhältnisse geradezu bahnbrechend gut klingenden Musik unter, jede Menge Brasil-Pop-Zitate noch dazu – und lieferten ein von vielen bejubeltes, dampfendes Rockkonzert.

Nimmt man noch die ebenfalls alles andere als abgestandenen Forro-Neudefinitionen der jungen Musiker von Falamansa dazu, die’s am frühen Samstagabend zu hören gab, kommt man auf vier alles andere als konventionell spielende Bands. Dieser erfreuliche Mut zum
Ungewohnten, Experimentellen hat aus unserer Sicht dem mittlerweile 18. AfroBrasil-Festival auf dem Tübinger Marktplatz nur gut getan.

Zumal die Fans ganz konventioneller Spielarten der brasilianischen Musik ja auch noch mit den Konzerten der Rodrigues-Musikerfamilie und Terra Samba aus Salvador de Bahia bedient wurden – und zwar alles andere als schlecht: Hier waren es vor allem die vielen Brasilianer im Publikum, die hemmungslos tanzten, schwärmten und bis zum Schluss mitfeierten. (mpg)

 

20 Jahre Nepomuk: Alt-Rock, Ska und Latin beim Open Air

Zwei Abende lang gab’s jetzt zum Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des »Cafe Nepomuk« ein Open-Air-Festival. Die vier Bands, die von abends um acht bis Mitternacht spielten, deckten zwar nicht das ganze stilistische Spektrum der  Konzerte ab, die es in den letzten zwei Dekaden im »Nep« – erst in der Burgstraße, jetzt
Unter den Linden – zu hören gab, aber sie brachten ganz wesentliche Elemente
der Nepomuk-Kulturarbeit: Da gab’s zwei Tage lang primär »unkommerzielle« Musik ohne viel Scheuklappen zu hören, freche, sinnliche Töne – und natürlich auch jede Menge politischen Anspruch aufzuschnappen.

Die gar nicht mal soo alten Herren von »Neues Glas aus alten Scherben«, die
sozusagen auf den Spuren der legendären deutschen Anarcho-Band »Ton Steine Scherben« wandeln, ohne eine reine Coverband zu sein, wurden mit Spannung erwartet, von 50 Härtefans direkt vor der Bühne auch einigermaßen frenetisch beklatscht – aber im Gesamtkontext hatten Dirk Schlömer, Michael Kiessling und Co. eher nur harmlos-beliebige Hippie-Kost mit plakativen ‚Texten, die oft ins Parolenhafte rutschten, zu bieten: Eine nostalgische Veranstaltung.

Definitiv im hier und jetzt musizierten – nach ihrem äußerst gelungenen Auftritt im Tübinger Epple-Haus vor einiger Zeit – die Hannoveraner von »Systemhysterie«: Auch auf dem Open-Air-Areal zwischen Foyer U 3 und Paketpost kamen der deftige Powerpoprock und die differenziert formulierten, ja stellenweise schon fast poetisch einzustufenden Texte der sehr routinierten Musiker wieder bestens an.

Am Samstag kamen die Tanzwütigen auf ihre Kosten: Gut 200 tummelten sich bei den Konzerten von Sona Diabate und Karemelo Santo vor der Bühne. Zugehört haben gut dreimal so viele: Weil nämlich der gastronomische Bereich direkt an das Open-Air-Areal anschloss, verzichteten viele auf den optischen Eindruck und darauf, Eintrittsgeld zu zahlen.

Zu hören gab es auch ohne »Gebühr« alles. Und was: Im Fall von Sona Diabate ein von der Band Argile begleitetes, hochenergetisches afrikanisch gelagertes Konzert, bei und mit den Argentiniern zum Festival-Abschluss ein praller, schneller und enorm vielseitiger Mix aus allen möglichen Stilen: Karemelo Santo brachten Ska, Latin, James-Brown-Funk, Punk und knallharten Crossover-Rock hochelegant und dabei packend und mitreißend.

Dieses Konzert – aus Sicht des Berichterstatters das musikalisch ergiebigs-
te des »Nepomuk«-Festivals – geriet von A bis Z zum spannenden Ereignis. Stillhalten hat unter den vielen Besuchern hier auch kaum einer können…
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Gleis 4: Vielgleisige Formation

Mit Scheuklappen ist die Tübinger Saxofonistin Dorothea Tübinger schon lange nicht mehr aufgetreten. Vor dem großen »Nepomuk«-Open-Air am nächsten Wochenende lieferte sie jetzt zusammen mit drei Sax-Kolleginnen dort vor rund hundert begeisterten Zuhörern kammermusikalisches zwischen »E« und »U«.
Wobei »Gleis 4« – so haben Tübinger (Sopran- und Alt-Sax), Silke Panknin (Alt), Annette Janle (Tenor) und Baritonsax-Spielerin Christina Schoch ihre Formation genannt – gleichermaßen die »klassischen« wie auch die »jazzigen« Musik-Teile des Abends mit großer Ernsthaftigkeit interpretierten und offensichtlich auch mit der gebotenen kunterbunten Mischung bestens unterhielten.

Von Bach bis zur Gegenwart reichte die Palette. Das »Dreigroschenoper«-Medley gelang den vieren, die durchweg sehr sauber, rhythmisch präzise akzentuiert und zusammen schön homogen spielten, besonders gut. Nach Satie waren später Jazz-Klassiker wie Thelonious Monks »Round Midnight« für die Musikerinnen wie auch die Zuhörer »Spaziergänge«.

Innerhalb des Gesamtklanges von »Gleis 4« war es immer wieder Doro Tübinger, die die anderen überstrahlte. Das lag nicht nur an hörpsychologischen Gegebenheiten – das hohe Sopransax setzt sich gegen tiefer klingendes immer leicht durch -, sondern an der musikalischen Klasse, die die Musikerin erreicht hat. Viel Beifall gab’s im Nepomuk für »Gleis 4«.

 
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

 

Yggdrasil: Stil-umfassend

»Yggdrasil« steht in der nordisch-skandinavischen Mythologie für einen Baum, der Himmel und Hölle verbindet.

Ganz so extreme Gegensätze brachte die Band Yggdrasil, die jetzt vor gut 180 Besuchern im Biergarten des Tübinger Sudhauses spielte, nicht zusammen. Aber die Musiker von den Färöer-Inseln, die seit mehr als 20 Jahren zusammen musizieren und in Tübingen ihr allererstes Konzert in ganz Süddeutschland absolvierten, kombinierten mit viel Gespür für Stil und musikalische Klein-Dramen Folklore des skandinavischen Raums mit »typisch nordisch« klingendem, harmonisch moll-lastigen Pop. Dazu gab’s eine gehörige Portion Jazz-Feeling.

Für die afroamerikanisch geprägte Sound-Abteilung war hauptsächlich der Amerikaner John Tchichai zuständig, der auch schon mal neben dem berühmten John Coltrane ins Sax geblasen hat: Er spielte gut und bodenständig, Bassmann Mikael Blak swingte richtig fein.

Mit dem ebenso elektrischen wie eklektizistischen Jazz-Pop des derzeitig zugkräftigsten Skandinaviers, Nils Petter Molväer, haben die sechs von Yggdrasil ohrenfällig wenig gemeinsam. Ihre stets kammermusikalisch angehauchten Stücke kommen längst nicht so plakativ daher und auf leiseren Sohlen sowieso.

Geht man von den Sudhaus-Besuchern aus, passte der seltsame Stilmischmasch von Yggdrasil wohl hervorragend zum Open-Air an einem lauschigen Sommerabend.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger