Archiv der Kategorie: Film

Im Kino: Pauls Reise

Ein Road-Movie der etwas anderen Art hat Rene Heisig jetzt als Kinodebüt angeliefert. In »Pauls Reise« sind die beiden Protagonisten, der zehnjährige Paul (Niccolo Casagrande) und sein Vater Michael (Peter Lohmeyer)  in einer 460 PS starken Zugmaschine auf Achse aber das Vehikel spielt in dem 90- Minuten-Streif en keine besonders wesentliche Rolle.

Paul ist schwerkrank, dem aufgeweckten – und von Casagrande erstaunlich vielseitig gespielten – Kind steht eine grosse Untersuchung bevor. Der Versuch, seinen Vater zu treffen, schlägt fehl. Zunächst. Papa, ein Fuhrunternehmer, hat wie immer nur das Geschäft im Kopf.

Aber der Sohnemann ist – wohl auch, weil er den Ernst seiner Lage ahnt – hartnäckig. Einmal will er mit seinem Vater mitfahren, einmal das Meer sehen. Eines Morgens liegt Paul nicht in seinem Bett, und Michael ist zunächst stinksauer, als er den Kleinen im Cockpit seines LKW entdeckt.

Aber mit der Zeit verraucht die Wut und Michael lernt seinen Sohn und dessen Energie besser kennen. Mit der Wandlung vom proletenhaften Trucker zum empfindsamen Vater ist Lohmeyer in seinem Element. Als die Symptome der Krankheit deutlicher werden, muss sich Michael entscheiden: Bringt er seinen Sohn zum Arzt oder erfüllt er ihm seinen Wunsch?

Die beiden fahren ans Meer, verleben eine wunderbare Zeit, bis Paul zusammenbricht. Er wird von seiner Mutter abgeholt, sein weiteres Schicksal bleibt am Ende des Films offen…
Heisig erzählt diese nur unter der Oberfläche dramatische Geschichte in angemessen ruhigem Tempo; keine schnellen Schnitte, keine hektischen Schwenks. Die Musik von »Fury In The Slaughterhouse« unterstützt die Bilder an den richtigen Stellen mit Schwung. (-mpg)

Samm Bennett: Comic-Kunst vertont

Kein bißchen abgehoben, sondern witzig, kurzweilig und aufs beste unterhaltend: Der Auftaktabend der »Zentrum Zoo«-Reihe »Silent Movies, Loud Music« mit dem New Yorker Schlagwerker Samm Bennett brachte frühe Kino-Kunst, zeitgenössisch vertont, an ein viel zu kleines Häuflein Fans. Nur rund dreißig Besucher kamen ins »Foyer«, um sich die hinreißend gezeichneten Abenteuer von »Koko, dem Clown« anzuschauen. Kaum zu glauben, wie perfekt die produzierenden »Fleischer Brothers« schon in den zwanziger Jahren Figuren zeichneten, animierten und virtuos mit Uberblend- und Schnittechniken umgingen. Ein anfangs skeptischer, später begeisterter Zuschauer brachte es auf den Punkt: »Da ist bis heute nicht viel dazugekommen.«

Auf die laufenden Cartoon-Bilder ist der in den USA vielgerühmte, in Tübingen unprätentios und sehr bescheiden auftretende Samm Bennett über die Glotze gekommen: »Ich hab‘ mal zwei Kurzfilme im TV gesehen. Selbst bei uns kennt heute kaum einer noch die Filme. Es war ziemlich schwierig, die acht Episoden aufzutreiben. Und vertont hat sie meines Wissens bis heute keiner«, sagt Bennett im Gespräch.

Er erwies sich als überaus sorgfältiger und spannender Geräusche- und Musikmacher. Mit nur optisch kleiner, aber elektronisch hochkomplexer Schlagwerkausrüstung liefert er 50 Minuten lang die musikalische Begleitung zu den Kurzfilmen: Über Schlagflächen steuert er eine Vielzahl von »Samples« an; Tonband und Sequenzer sowie Melodiestimmen wurden ebenfalls via Schlagstock ausgelöst. »Ich brauch‘ allmählich einen guten Anwalt«,meinte Bennett grinsend, »ich hab‘ da ein tolles >Nirvana<-Sample . . .«

Nach der Pause ging er — mit dem Filmvorführer an der Mundharmonika ohne Bilder im Hintergrund ans Werk, spielte unter anderem einen schrägen Blues, dessen Harmonien aus ächzenden und seufzenden Geräuschen gebildet wurden. Bennett, der sich zum Dunstkreis der »Knitting Factory« rechnet, lieferte also einen furiosen Auftakt zur neuen Reihe des »Zoo«. Abwesende haben wirklich was verpaßt. (mpg)

Lebewohl meine Konkubine im Kino: Zart und schön

Ein Fest für Augen und Ohren, betörend und fesselnd: »Lebewohl meine Konkubine« vom chinesischen Regisseur Chen Kaige ist ein hinreißendes Stück Kino-Kunst ohne Konkurrenz. Drei Stunden dauert der ungemein sinnliche Farben- und Klangrausch — viel zu kurze Stunden, die den Zuschauer in eine atemberaubend schön und trotz vieler brutaler Szenen zart erzählte Geschichte entführt.

Kaige und sein Stab, die sämtliches Lob (einschließlich der »Goldenen Palme« in Cannes 1993) alleine schon für die traumhaften Bilder und Licht-Spielereien verdienten, erzählen virtuos gleich mehrere Geschichten. Die sind mit enorm geschickten dramatischen Kunstgriffen untereinander verwoben — und die Schauspieler, allen voran Leslie Cheung in der Rolle des Konkubinen-Spielers Cheng, fesseln mit sehr feinem, zurückgenommenem Spiel.

Da ist nichts von der platten, vordergründigen »Anmache« zu spüren, mit der Hollywood in den letzten Jahren die Zuschauer lockt, keine Sexszene zu sehen. Erotisch bis zur Gänsehaut ist »Lebewohl meine Konkubine« wahrscheinlich auch gerade deswegen.

Die berstende Sinnlichkeit des Films ist aber schon im Thema versteckt. Es geht um die weltberühmte, traditionsreiche Peking-Oper, es geht um zwei Schauspieler, um Schein und Wirklichkeit und die dünne Grenze dazwischen: Die Jungen Duan und Cheng wachsen in der knallharten Ausbildungszeit zum Spieler immer mehr zusmamen, sind nicht nur auf der Bühne — dort als Kaiser und Konkubine – ein Paar.

Cheng kann Fiktion und Realität nicht mehr trennen, sieht sich tatsächlich als bis in den Tod ergebene Konkubine seines Freundes Duan. Der heiratet, längst wie Cheng zum Star geworden, eine ehemalige Hure: die Konstellation der Protagonisten kommt Cineasten bekannt vor.

Eine andere bahnt sich an: Die Kulturrevolution wirft Tradiertes auf den Scheiterhaufen, macht das Oben zum Unten.

Kaige hat seine Geschichte von der Oper in der Oper in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet; der Film überstreicht von 1920 bis etwa 1970 ein halbes Jahrhundert politischer Stürme, die dem Reich der Mitte unendlich viel menschliches Leid gebracht haben.

Da kommentiert Kaige dann auch. Nicht überdeutlich, aber unmißverständlich nimmt er Stellung: Am Anfang agieren alle miteinander, gegen Ende gibt es nur noch Häme und Verrat und der großen Familie der Schauspieler, in der Duan aufgewachsen ist, steht eine shnapsgeschwängerte, ärmliche Ehe-Tristesse gegenüber.

Der Theaterfreak Cheng hat die Oper nie verraten, ließ sich lieber von der Volksbefreiungsarmee ins Gefängnis stecken, als Kompromisse zu machen. Wirklich ist für dieses geschlechts- und körperlos erscheinende Wesen nur die Phantasie — und in der ist Duan immer noch der König.

Als die beiden alt gewordenen Schauspieler noch einmal die Szene spielen, in der sich die von ihrem Herrn verstoßene Konkubine umbringt, verschmelzen Sein und Schein endgültig: Cheng ist tot.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. Dezember 1993