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JazzOpen Stuttgart 2000: Lahmer Swing und heißer Funk

Schlechte Zeiten für die Stuttgarter Jazz-Open: Nicht nur, dass der SWR schon im Vorfeld ankündigte, nächstes Jahr auszusteigen – bei der Eröffnungsveranstaltung blieb dann auch noch das Publikum weg. Ganz schlimm hatte es tags zuvor im »Zapata« ausgesehen: Die grosse Party fiel aus, weil nur drei (!) Gäste plus eine kleine Gruppe von Medienleuten Interesse zeigten.

Beim ersten Abend waren dann im Hegelsaal der Liederhalle mehr Reihen frei als besetzt; zwischen fünf- und sechshundert Jazzfans dürften trotzdem zugehört haben. Headliner bei der Eröffnung war Trompeter Wynton Marsalis samt seinem »Lincoln Center Jazz Orchestra«, einer 15köpfigen Bigband.

Nicht nur für den Rezensenten geriet das Konzert zu einer ziemlichen Enttäuschung. Das, was diese jungen Musiker da unter der Leitung eines der derzeit angesagtesten Jazz-Solisten spielten, hat nie und nimmer das Programm-Motto »The Sound Of The Century« verdient: So gelackt, gestriegelt und dermaßen stromlinienförmig klingt eigentlich nur ein ganz kleiner Teil der reichen Jazzentwicklung.

Bei Ellington und Basie mag die unterkühlte und auf Hochglanz polierte Präsentation der Bigbandmusiker ja noch halbwegs passen – bei Titeln, die Jazz-Querköpfe wie Charles Mingus oder Thelonious Monk geschrieben haben, war sie aber völlig fehl am Platz.

Dieses »Lincoln Jazz Orchestra« kann, wenn man die an und ab aufblitzende technische Brillanz seiner Mitglieder in Betracht zieht, sicherlich auch ganz anders: Bei den Jazz-Open klang die Bigband aber wie ein müder Altherrenclub, der sich mühsam durch die Arrangements zu schleppen schien.

All das, was man beim »Lincoln Center Jazz Orchestra« vermisste, bot der aus dem aserbaidschanischen Baku stammende Pianist David Gazarov zu Beginn des Abends im kleinen Format mit seinem Trio. Auch er ist ein brillanter Techniker, auch er greift gerne auf die Jazz-Tradition zurück.

Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen lässt er daraus aber neuen Ohrenkitzel entstehen. Und klingt dabei ungemein seelenvoll und berührend. Gazarov beeindruckt nicht mit vordergründigen Effekten, sondern mit einer leisen, dabei kraftvollen Sensibilität, einem grossen Verständnis für die Stille zwischen den Tönen noch dazu – seine Begleiter Chris Lachotta am Kontrabass sowie Keith Copeland an den Drums zogen da mit. Alleine schon Gazarovs Zugabe des von den Stuttgartern freundlich aufgenommenen Konzerts zeigte seine grosse Musikalität: Spannender gespielt (und trotzdem nicht zerpflückt) lässt sich »Take Five« eigentlich nicht vorstellen.

So mager die Publikumsresonanz beim Jazz-Open- Start geriet, so eindeutig war sie am zweiten Tag: 1 800 Besucher verwandelten den Hegelsaal in eine Hochburg der Funk- und Black-Music-Fans, als Posaunist Fred Wesley zusammen mit Saxofonist Pee Wee Ellis und seiner Jazz-Funk-Explosion sowie die Funk-Supergroup der 70er/80er »Tower Of Power« dort spielten.

Die Stimmung in der Liederhalle war so hitzig, ausgelassen, ja manchmal sogar überschäumend wie sonst selten beim als reserviert geltenden Stuttgarter Publikum. Das genoss die Show-Mätzchen des Posaunisten und seiner Band ebenso wie den stellenweise prügelnd harten Funk der Superstars von anno dazumals, liess sich bei »Tower Of Power« gar nicht erst lange zum Mitmachen, Mitsingen und Tanzen bitten.

Fred Wesleys Set unterschied sich nur marginal von dem letztjährigen Auftritt in der Tübinger »B 27«-Halle. Die Sängerin Lyn Collins war diesmal nicht dabei – aber ansonsten gab’s denselben gemütlichen, R&B-lastigen Funk wie dort zu hören.

»Tower Of Power« schafften es bei ihrem fast zweistündigen Konzert vom Start weg, eine Bombenstimmung in den Hegelsaal zu bringen: Die Mischung aus treibenden, schnellen Titeln mit nach wie vor messerscharfen Bläsersätzen und typisch amerikanischem Schmuse-Soul, bei dem dann die drei Vokalisten der Band vorrangig zum Zug kamen, schien genau den Geschmack der Fans zu treffen. Einziger Kritikpunkt: Bei diesem Konzert war’s ohrenbetäubend laut in der Liederhalle – hätte der Mischpult-Meister etwas weniger »Saft« auf die Boxen gegeben, wären die Feinheiten besser zu hören gewesen. (-mpg)

Jegor Wyzzoskij: Großartige Piano-Spielereien

»Das ist ein besonderer Moment, hier in diesen Katakomben zu spielen« – Jegor Wyzzoskij, der russische Hansdampf auf den schwarzweissen Tasten, war am Sonntag mal wieder im Reutlinger »Theater in der Tonne« zu hören.

»Wieder« deswegen, weil der Mann im Gefolge von Serena Sartori vor vier Jahren musikalischer Leiter der Tonne war. Hochintelligente, schräg verspielte und theatralisch dramatische Tastenspielereien zeichneten ihn schon damals aus, machten ihn zu einem der besten Theatermusiker, die es in der Region zu hören gab.

Jetzt kam Wyzzoskij auf Einladung des »Kiwanis-Clubs Reutlingen-Tübingen« also wieder in den Spitalhofkeller. Rund fünfzig Besucher hörten bei der Matinee zu – für diese Art von Veranstaltung ein gutes Resultat.

Der hoch gewachsene Pianomann machte nicht viele, aber dafür verschmitzt humorvolle Worte – der vermeintliche »Guten Abend«-Versprecher bei der Begrüssung war schon der erste (Insider-) Scherz von Wyzzoskij. Ausgeschlafen sah er nämlich nicht aus – aber sein Spiel war es umso mehr.

Er zeigte sich wieder mal als hochmusikalischer Meister der Improvisation, als begnadeter Techniker fast schon nebenbei auch noch. Dass er perfekt spielen kann, scheint nämlich für den Zwei-MeterMann selbstverständlich – er hat die Freiheit, so ziemlich alles problemlos umsetzen zu können, was ihm in den Kopf kommt.

Das Ausprobieren der richtigen Hockerposition gerät zum kleinen Rhythmusgefecht, scheinbar gedankenverloren schlägt Jegor ein paar Töne im Diskant an, wechselt dann für ein paar Takte zu russisch-folkloristischen Harmonien, die er plötzlich witzig mit Musette konterkariert. Auf dem mit Klebeband präparierten Klavier gelingen Wyzzoskj impressionistische, verhauchte Ton-Tupfer – und der Klang, den der Russe aus dem Theaterklavier herausholt, verblüfft alle. Wie eine Mischung aus afrikanischem Fingerklavier »Mbira« und einem kleinen Röhrenglockenspiel klingt das Instrument unter seinen Händen.

Eine gemeine Plastik-Fahrradpumpe hat er zur »Flötenposaune« umgebaut vorne bläst er in ein herkömmliches Mundstück, unten reguliert er die Tonhöhe, in dem er die Luftsäule mit dem Kolben verlängert oder verkürzt. Schauderhaft schön lässt er damit kitschig tremolierende Panflötensounds erklingen, die durch die Saiten-Resonanz noch romantisch verhallt klingen – und baut das Ganze mit geschickten Tasten-Kontrasten zu einem dramatischen und im Ausdruck »menschlich« klingenden Dialog aus.

Mit Kuhglocken, einem Kinder-Glockenspiel, kleinen Holzblöcken und allerlei Blasgerät garniert Wyzzoskj seine Piano-Eskapaden. Und zeigt sich mit allem, was ihm zwischen die Finger kommt, ungemein verspielt. Beiläufig kratzt er erst sich, dann ein paar Basssaiten, landet scheinbar unvermittelt bei einem zwingenden Groove.

Es ist eine kunterbunter, kein bisschen langweiliger Mix der Genres, Stile, Tempi und Rhythmen, den der Musiker im Tonne-Keller präsentiert, eine pianistische Tour de Force voller leichtfüssiger Einfälle, ein Wechselbad der Stimmungen: Dafür gibt’s von den Gästen staunende Gesichter. und überaus kräftigen Beifall – wie in seiner Zeit mit Sartori auch. Hoffentlich müssen die Reutlinger Musikfans nicht wieder vier Jahre warten, bis der
Mann wiederkommt. (-mpg)

Keith Smith: Traditioneller Jazz vom Feinsten

Er mischt seit fast 40 Jahren in der internationalen Jazz-Szene mit und gilt als exzellenter Instrumentalist. Am Samstag war der britische Trompeter Keith Smith in einem »Mitte«-Sondergastspiel samt Band in Reutlingen zu hören.

Die technischen Fähigkeiten Smiths, der einer der wenigen lebenden Musiker ist, die noch mit Begleitern des legendären Fats Waller zusammengearbeitet haben, sind in der Tat ausserordentlich, sein Ton und seine Phrasierung lassen den Begriff »Hot Jazz« zur Abwechslung mal keine leere Phrase sein: »Heiss«, »feurig«, überaus temperamentvoll und äusserst behende klingen die Linien des Engländers, seine Improvisationen hören sich frisch an und sind abwechslungsreich aufgebaut.

Seine Mitmusiker beherrschen das Oldtime-Repertoire ebenfalls sehr gut, die »Hefty Jazz All-Stars«, so der Name der Gruppe, machen einen bestens aufeinander eingespielten und abgestimm ten Eindruck. Besonders gefiel Pianomann Martin Litton, der die vielen Waller-Kompositionen im Geist des stilprägenden Meisters spielte – und sich dabei auch als glänzender, einfallsreicher lmprovisator erwies. (mpg)

Teatro Ingenuo: Bellissime!

Eine spritzige und witzige Show brachte das »Teatro Ingenuo« am Freitag Abend im Rahmen der »Kulturlaub Spezial«-Veranstaltungsreihe auf die Bühne des Reutlinger Foyer U 3. Die beiden italienischen Clowns Ferruccio und Giovanni mischten auf sehr eigene Weise Pantomime mit Improvisationstheater und Kabarettistisches mit purer Blödel-Komik.

Eigentlich sind die beiden ja gekommen, um den Reutlingern die perfekte Theatervorstellung zu liefern, teilen sie den vielleicht hundert sehr amüsierten Besuchern in einem Höllentempo und in bestem Trappatoni-Jargon jedenfalls mit. Aber schon die irrwitzige Aufwärm-Nummer lebt davon, dass einiges danebengeht.

Die beiden Figuren auf der Bühne wollen eine »superprofessionale originale geniale« Show geben und scheitern doch immer wieder an eigenen Empfindlichkeiten und Macken – und auch daran, dass sie nicht alleine auf der Bühne stehen. Moderierend fallen sie sich dauernd gegenseitig ins Wort, stolpern über das eigene Silben-Staccato im Dauerfeuer und zeigen sich gegenseitig tief betrübt, über die Unsensibilität des jeweiligen Gegenübers – weil das den anderen nicht solo spielen lässt.

Diese gnadenlos überzogene Zurschaustellung von Spieler-Eitelkeiten mitzuverfolgen macht ebenso Spass wie die wilden und oft um die Ecke gedachten Dialoge des vielseitigen Chaos-Duos anzuhören: »Warum kaust du auffe Nägel?« – »Muss kauen wegen Nägelproblemo« »Sprich mit deinem Freund wenn du hast Probleme« – »Du willst mir deine Nägel anbieten?«…

Mit solchen sketchartigen Szenen kommen Giovanni und Ferruccio bei den »Kulturlaub Spezial«gästen ebenso an wie mit der (leider nur angespielten) Idee, den Besuchern fürs Zuschauen Honorar zu zahlen, nur um damit »etwas völlig Neues im Theater zu zeigen.«
Viel Gelächter gab’s im Foyer U 3 – und satten Applaus für das Italo-Duo. (-mpg)

Gino Samele: Virtuoser Jazz-Funk

Ein Reutlinger bei den Nürtinger Jazztagen: Gitarrist Gino Samele, unter der Achalm seit Jahren bestens bekannt, bestritt das zweite Konzert in der Kreuzkirche. Die war natürlich beileibe nicht so voll wie beim Start mit Charlie Mariano und Daniel Humair tags zuvor: Rund zwei Drittel der Plätze blieben leer. Aber der Applaus für Gino und seine exzellente Band klang trotzdem ziemlich satt.

Wer Samele kennt, vielleicht schon einmal bei einer der »Mitte«—Jamsessions zugehört hat, die er organisiert, weiss um seine grosse stilistische Vorliebe für die Genres Fusion- und Funkjazz. Aus diesen Ecken kommen seine Vorbilder, in dieser Musik fühlt er sich besonders zu Hause. Das hat live zuletzt auch das Konzert mit US-Saxofonist Ernie Watts bei den Reutlinger Landes-Jazztagen ’98 gezeigt.

In Nürtingen präsentierte er sich mit einem italienischen Trio — und zusammen rnit dem Keyboarder Lilo Scrimali (»Expedicion« ). Und mit den Brüdern Sandro und Giovanni Gulino an E-Bass und Schlagzeug liess es Gino Samele auf gut Musikerdeutsch gesagt ganz schön »krachen«. Dabei waren besonders die Gulinos für ständige Überraschungen gut: Sandro überzeugte auf seinem — leider etwas dumpf abgemischten — Sechssaiter sowohl rhythmisch mit überaus präzisem, mal funkig-knackigem, mal brasilianisch swingenden Spiel, wie auch harmonisch mit intelligenten Soli. Er und sein Bruder waren traumhaft eingespielt.

Eine funktionierende Rhythmussektion ist im Jazz schon die halbe Miete. Aber weil auch Scrimali und Samele gut aufgelegt zu sein schienen, klang der Fusion-jazz zwar nicht immer ganz klischeefrei, aber dafür lustvoll und frisch. Besonders bei Sameles Eigenkomposition »Friends« und einem auch dynamisch abwechslungsreich angelegten »Blue & Green«von Meister Miles. (-mpg)

Mighty Sam McClain: Soul alter Schule

»Unbedingt machen« wollte »Färberei«-Geschäftsführer Erich Küster das ihm angebotene Gastspiel mit Mighty Sam McClain. Der Soul-Sänger — in den sechziger Jahren schon mal ganz oben – ist gerade auf Europatournee und hatte nur am Donnerstag Zeit.

Und so kam’s, dass Küster (weil die Reutlinger mal wieder partout Banausen spielen wollten) seine Gäste sozusagen alle persönlich einladen mußte. Schade.

Sehr bedauerlich auch, dass das mitreissende Soul- und Rhythm’n’Blues-Konzert von recht zahlreich anwesenden, reichlich respektlosen Dauer-Quatschern gestört wurde: Wer nicht direkt vor der Bühne, sondern weiter hinten in Richtung Bar zuhörte, bekam mehr irgendwelche Erlebnisse irgendwelcher Damen als Musik mit . . .

Die Sounds an diesem Abend waren von einer siebenköpfigen Profi-Band handgemacht; besonders die sehr »knakkig« spielende Horn-Section und der sehr gute Keyboarder George Papageorge überzeugten.

Zur hochkarätig vorgeführten, schön nostalgischen Soul-Musik kam Frontmann McClain mit seiner zwingenden Ausstrahlung. Und einer Stimme, die die Glanzzeiten des »Stax«-Labels, von Isaac Hayes und Solomon Burke, von Al Green oder »Booker T.« wiederaufleben liess: Sam McClain führt den Spitznamen »Mighty« heute zweifelsfrei wieder zu Recht. (-mpg)

Marimbao: Jazz geklöppelt

Marimba und Vibraphon — selbst im Jazz, wo ja weithin das Prinzip »alles geht« gilt, eine besondere und sehr ungewöhnliche Instrumentenkombination. Diese sehr reizvolle Melange war im Tübinger Jazzkeller in drei Sets zu erleben; das Duo »Marimbao« spielte.

In ihrem Gruppennamen haben die beiden Jazzer Franz Bauer und Rupert Stamm — beide studierten sie nach einem klassischen Schlagzeug-Studium noch bei David Friedman in Berlin Vibraphon und Marimba — nicht nur einen Hinweis auf ihre bevorzugten Klangerzeuger untergebracht: Wer das Konzert hörte, weiß, warum sich das Duo mit dem »bao« in der dritten Silbe einen brasilianischen Namens-Touch zulegte: Weite Teile des Abends bestritten die beiden (»Wir spielen heute abend nur Kompositionen zweier völlig unbekannter Zeitgenossen, über die wir hier nicht näher reden möchten«, frozzelte Bauer) mit Rhythmen aus dem reichen Brasil- und Latin-Fundus.

Und das überaus gekonnt: Bei so manchem Stück, das am Anfang als »simpler« Samba oder Bossa begann, schichteten die Musiker dann drei, vier völlig unterschiedliche Zählzeiten aufeinander, ohne sich – soweit vom Rezensenten überhaupt nachvollziehbar — da zu verzetteln.

Diese höchst komplexen Groove-Kollisionen waren oft, aber nicht immer ein Hochgenuss: Weil jeder der beiden auch dann, wenn er eigentlich Begleiter-Funktion übernommen hatte, doch wieder nach ein paar Takten in raffinierte Spielereien verfiel, ging manchmal die musikalische Spannung im Getümmel der Strukturen verloren.

Aber solche Kritik ist eher marginal: Viel mehr zählt, dass die beiden Schlagwerker das richtige Feeling, sei es jetzt zurückgelehnt funkig, eher afrikanisch, bluesig oder eben brasilianisch swingend, sehr gut trafen — und ausserdem verfielen die beiden in dem wohl über weite Strecken improvisierten Programm nur sehr selten in allzu gängige harmonische Klischees: Ein schöner Abend. (-mpg)