Deutsche Verleger: Schämen, Abtreten!

Ein Eigentor: Das geplante „Leistungsschutzrecht“ der Bundesregierung

Ein Kommentar von Martin Gerner

Liebe Zeitungsverleger, lieber BDZV!

Einen schönen Bockmist habt ihr da mit der Forderung nach einem „Leistungsschutzrecht“ gebaut. Ein Eigentor habt ihr geschossen, das euch zu großen Teilen vollends aus dem Internet und dem Geschäft kegeln wird.

Aber dass eure Forderung, nicht nur Google News und Co., sondern im Prinzip jeden, der aus irgendeinem Print-Erzeugnis eurer „Häuser“ – wir Journalisten wissen ja, dass die meisten nur schlecht und oft völlig planlos geführte Klitschen sind –  auch nur die Überschrift und zwei, drei Sätze online auf einer Seite mit ein paar Google-Anzeigen zitiert, eben dafür eine Abgabe an euch zahlen zu lassen, völliger Schwachsinn ist, merkt ihr wahrscheinlich wieder zu spät.

So, wie ihr in den späten 80ern und durch die 90er hindurch das Web völlig verpennt habt. Damals haben euch nicht nur „amtliche“ Fachleute – die ihr als spinnerte Freaks abgetan habt -, sondern viele eurer freien Mitarbeiter und auch manch hellsichtiger Redakteur, gesagt, dass das alte Prinzip bald nicht mehr funktionieren wird.

Welches Prinzip?, höre ich euch fragen. Na, eure fast durchweg geübte Praxis der Zeitungsproduktion…damals, – und fast genau gleich – heute noch: Die Kosten der Redaktion möglichst niedrig halten, die Anzeigenpreise möglichst hoch, den freien Mitarbeitern entweder nichts oder nur einen Hungerlohn zahlen, wirklichen Fachjournalismus dadurch gar nicht erst möglich zu machen.

„Die Redakteure sind blöd und nervig, die schreiben den ganzen Tag und nehmen mir nur den Platz für meine Anzeigen weg“ – diesen (hier nur aus Gründen des Allgemeinverständnisses aus derb-schwäbischem Idiom ins Schriftdeutsche übersetzten) Satz hat der (längst verstorbene) Verleger einer schwäbischen, typischen Lokalzeitung nicht etwa als ironisch gemeintes Bonmot verkündet, sondern abends in vollem Ernst quer über die hart rackernden Setzer gebrüllt.

Das war in analogen Zeiten, als noch mit Bleisatz gearbeitet wurde und das, was im „Generalverschweiger“ stand, noch gewissermassen „amtliche“ News waren. Die einzig erhältlichen Neuigkeiten waren es für viele mit Sicherheit.

Damals hatte seine Zeitung fast 60 Tsd. Auflage, heute werden noch etwas mehr als 40.000 Exemplare gedruckt, Tendenz fallend. Und die Altpapiercontainer mit den von den Pressegrossisten retournierten nicht verkauften Nachrichten von vorgestern (und vorvorgestern!) im Hof der Druckerei quellen Tag für Tag mehr über.

Dass das einzelne Beispiel für fast alle Verlage herhalten kann, daran ist nicht nur das Internet „schuld“ –  und schon gar nicht News-Sammler wie eben Google.

Das habt ihr, liebe Verleger, schon weitestgehend selbst vermasselt. Wenn auf 60 Prozent (und mehr) der täglich 48 Seiten, die ihr so raus haut, die Mitarbeiter „dpa“ und „ap“  schreiben, wenn eure Lokalredakteure immer weniger werden, aber pro Kopf immer mehr „füllen“ müssen, wenn ihr Berichterstattung über Mißstände in der Lokal- und Kommunalpolitik gezielt unter den Tisch fallen laßt, weil sonst eure Kumpels im Tennisclub oder sonstwo mit euch keinen Trollinger mehr saufen, dann wird eure Zeitung erst uninteressant – und spätestens dann, wenn eure Leser gemerkt haben, dass selbst die Site der Stadtverwaltung Neues schneller und besser bringt als ihr , auch entbehrlich.

Dass wir in einer Zeitenwende leben, inmitten von revolutionären Umwälzungen (die dieses mal eben nicht industrieller, sondern digitaler Natur sind), scheinen so ziemlich alle gemerkt zu haben, für die das World Wide Web über youTube und youPorn hinaus reicht.

Ihr dagegen glaubt, euch gegen die Entwicklung auflehnen zu können – fast so uneinsichtig und dumm, wie damals die Leute, die Zeter und Mordio schrieen, als der erste „Adler“ von Nürnberg nach Fürth dampfte.

Ihr glaubt, mit schlecht gemachten Neuigkeiten von vorvorgestern heute noch irgend jemand hinterm Ofen vorlocken zu können. Ihr glaubt doch wohl tatsächlich, ohne euch könne kein Journalismus statt finden!?

Leute: Das alte Geschäftsmodell eines Zeitungsverlegers (für die Buch-Branche gilt das genauso) hat längst ausgedient. Online-Anzeigenkampagnen sind billiger und zielgenauer, haben eine viel höhere Reichweite und Teffergenauigkeit, was die Zielgruppen anbelangt, als eure überteuerten Print-Ads.

(Lokal-) Redaktionen, die nur verlängerter Arm eurer Anzeigenabteilungen sind, haben schnell das letzte Quentchen Glaubwürdigkeit verspielt. Überbelastete Redakteure und unterbezahlte „Freie“ schwärzen vielleicht das Blatt – aber den „Qualitätsjournalismus“, den ihr einfordert, den schaffen sie nicht.

Und jetzt wollt ihr – ohne Ende scheinheilig – Geld von denen verlangen, die die längst abgewanderten Leser auf  die – von euch noch nicht einmal recherchierten und geschriebenen – Artikel hinweisen? Noch einmal, und in aller Deutlichkeit: Dümmer geht es nicht.

Alle News – ich rede hier ausdrücklich nicht von Essays, Kommentaren, Hintergrundberichten – sind in kürzester Zeit überall online zu finden und abzurufen. Wenn ihr nicht wollt, dass irgend jemand „snippets“ – kurze Zitate, „Anreißer“, wie’s in eurer antiquierten Sprache heißt – auf seinen eigenen Seiten zur Verfügung stellt, wenn ihr Google und anderen Aggregatoren das crawlen, das automatisierte Durchforsten neuer Seiten, verbieten wollt, dann ändert einfach eure robots.txt. Wie das geht, erzählt euch heute jeder 15jährige mit rudimentären Web-Programmierkenntnissen.

Glaubt doch nicht im Ernst, dass irgendjemand bereit ist, für „snippets“ zu zahlen, glaubt doch nicht, dass eure „News“ nicht verzichtbar wären. Google wird euch, sollte der jetzt vorgelegte, unsäglich realitätsferne Entwurf eines „Leistungsschutzrechtes“ tatsächlich einmal ratifiziert werden, in Nullkommanichts aus dem Index kegeln, andere „große“ Newsseiten werden gleich ziehen – und das Millionenheer kleiner Websites, die ihren Inhalt zum Teil auch mit euren snippets bestreiten, läßt’s dann einfach bleiben. So what?

Autoren, Journalisten und „ungelernte“ Blogger werden weiter publizieren und Neuigkeiten online veröffentlichen, was das Zeug hält. Immer mehr – und immer mehr ohne euch, liebe Verleger. Und dank Google oder anderen Suchmaschinen wird alles in Sekundenschnelle weltweit zu finden und abzurufen sein. Die Urheber werden auch im journalistischen Bereich ohne euch Wege finden, von ihrer Arbeit (mindestens!) so gut zu überleben, wie sie es mit euch jetzt oft kaum können. Wetten, daß?

Mein Rat an euch, liebe Verleger: Hört auf damit, die sauer verdienten Honorare eurer Redakteure und Mitarbeiter weiter zu „verlegen“, zahlt anständigen Lohn, damit was ausnehmend Gutes in euren Blättern und Online-Sites drinstehen kann.

Hört auf mit der Gewinnmaximierung und Inhaltsminimierung – ihr verkauft keine Kloschüsseln, sondern die kreative geistige Leistung anderer. Seid wieder das, was euch einst groß gemacht hat: Seid Verleger mit Herzblut und aus Passion, bei denen nicht der millionenteure Bunker in exklusiven Lagen die erste Bewusstseinsebene prägt, sondern der unbedingte Wille, ein gutes Blatt an die Leser zu bringen!

Das funktioniert, wenn ihr mit vielen, vielen kostenlosen „snippets“ für euer „Produkt“, eure Publikation, auf allen Kanälen werbt und den (dann weithin anerkannt guten) Volltext-Inhalt kostenpflichtig macht.Das funktioniert, wenn ihr euch – persönlich wie als Institution – unbestechlich, unabhängig, tendenzfrei und wahrheitsliebend erweist.Und:

Das funktioniert nur mit der Schützenhilfe von Google und Co.

Niemals mit dem geplanten Leistungsschutzrecht.

Liebe Verleger, lieber BDZV: Noch ist der Blödsinn nicht in Gesetzeslettern gegossen, ihr habt noch ein bißchen Zeit bis zum Aufstehen, auch wenn der Wecker längst geklingelt hat. Sagt aber bitte nicht in ein paar Jahren, wir – eure Autoren, eure Schreiber und Fotografen, eure Allround- und Fachredakteure, also: Alle die, auf deren Arbeit ihr euren Reichtum gründet – hätten euch nicht gewarnt. Ganz im Ernst: Es geht auch ohne euch.

 

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