SWR New Jazz Meeting: Elitäres Gedudel

Die »New Jazz Meetings« wurden einst von Jazz-Publizist Joachim-Ernst Berendt mit dem Ziel gegründet, Musiker unterschiedlicher Sparten aufeinander treffen zu lassen, dem Publikum die Ohren zu öffnen und es mit musikalisch Neuem zu konfrontieren.

Übrig geblieben, so jedenfalls das Fazit der langen und letztendlich gähnend langweiligen diesjährigen Ausgabe im Tübinger Sudhaus, ist offensichtlich ein hauptsächlich enorm elitärer Anspruch.

Zu hören gab es drei Trios, die zwar miteinander auf der Bühne standen, aber musikalisch betrachtet die meiste Zeit nur nebeneinander her spielten: »Free Jazz« der denkbar unfreundlichsten Art gab es von Saxophonist Steve Lacy, dem Bassisten Peter Herbert und dem Drummer Wolfgang Reisinger (die Jazz-Fraktion), dazu kamen die »Klassiker« (Tenorsaxophonist Marcus Weiss, Flötist Philippe Racine und Pianist Paulo Alvares) sowie die „Elektroniker“ Bernhard Lang, Christof Kurzmann (Computer) und Philip Jeck (Plattenspieler).

Jeder dudelte – Verzeihung, aber der Ausdruck trifft’s – vor sich hin, ohne auf den anderen zu hören. Die Vermeidung musikalischen Wohlklangs schien oberste Priorität zu haben, es ging anscheinend lediglich um puren Cluster-Overkill.

Rhythmische oder dynamische Strukturen waren innerhalb des Improvisations-Mülls, der »auf dem musikalischen Material von Bernhard Langs Komposition >Differenz/Wiederholung 1.2<, das sich durch inhärente Looptechniken hervorragend für einen Remix eignet« (Zitat aus der Ankündigung des veranstaltenden SWR) basierte, nur an ganz wenigen Stellen zu erkennen, Melodien kamen bestenfalls fragmentarisch verhackstückt vor, harmonisch war durchweg Dissonanz angesagt.

Das haben wir alles schon gehabt und gehört. Eigentlich ziemlich unverständlich, dass besonders in Zeiten knapper Kultur-Kassen ein öffentlich-rechtlicher Sender das vorhandene Geld für einen dermaßen elitären Egotrip von Musikern ausgibt.

Die wenigen (selbst anfangs kaum 80) Zuhörer schauten jedenfalls während der Veranstaltung ratlos bis gequält drein. In der Pause gab’s die erste Abwanderungs-Welle, nach dem letzten Stück nur ganz schwachen Applaus und ein deutlich sichtbar erleichtert flüchtendes Publikum zu erleben.

Was haben wir mitgenommen? Außer der Bestätigung der bereits vorhandenen Erkenntnis, dass in der totalen kollektiven Freiheit nur das Chaos zu finden ist, nichts. Schwamm drüber.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger