Ingo Börchers: Kunstvolle Worthülsen

Er kommt mit der geschult strahlenden Selbstsicherheit eines Motivationstrainers für angehende Fastfood-Verkäufer daher: Kabarettist Ingo Börchers, 28, mimt in seinem aktuellen Programm »newspeak«, das es auf der »Kleinkunstbühne im Rappen« in Reutlingen zu sehen gab, den seminargestählten Nachwuchs-Alleswisser.

»Newspeak« – ein feinsinniges und nettes Wortspiel – kann man sowohl mit »neuer Sprache« als auch mit »Nachrichtenflut« übersetzen. Beides waren zentrale Themen in der verbal fein gedrechselten Vorstellung: Ohne Laptop zum Zeitmanagement geht der Kabarettist von heute schon gar nicht mehr auf die Bühne, ohne den richtigen »Wellnesslevel an Milchressourcen« (mit zwei drei Joghurts dürfte man richtig liegen) geht gar nichts mehr.

Und Chefs schmeißen heute auch niemanden mehr raus, sie erklären einfach »unüberbrückbare Differenzen in der Zielsetzung«. New Speak, neue Sprache: Die Figur, die Ingo Börchers auch schauspielerisch differenziert und nuanciert zeigt, hat für jeden Fall die passende Worthülse.

Wie oft bei gutem Kabarett hält auch Börchers seinem Publikum (»Rentner, Zivis, Studenten und anderweitig Arbeitslose«) ein durchaus gesellschaftskritisches Spiegelchen vor – und wie so oft bei guten Kleinkünstlern kommt Börchers nicht mit dem mahnenden Zeigefinger daher, sondern überspitzt gängige Verhaltens- und Sprachmuster ins Absurde.

Dabei scheut der Bielefelder auch Kalauer nicht: »Motivationstrainer sein ist schon klasse, da kann man lauter Fruchtzwergen in Nadelstreifen das Gefühl geben, sie seien so wertvoll wie ein kleines Steak«, albert der Kabarettist vor dem beigeisterten »Rappen«-Publikum.

Aber letztendlich will der Aufsteiger unter den Nachwuchs-Kleinkünstlern wohl ein bisschen mahnend darauf aufmerksam machen, dass »aus KnowHow (wissen wie) längst Know-Where (wissen wo) geworden ist – und das ist manchmal halt von Nowhere (nirgendwo) nicht weit entfernt«.

Für solche und andere intelligente Sprachspielereien gab’s von den Reutlinger Brettl-Fans viel Applaus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger