Achim Braun: Grenzgänger

War das jetzt »E« oder »U« oder was? Keine Schubladen, bitteschön – der Tübinger Violinist Achim Braun macht ganz ernsthaft und höchst unterhaltend Musik, die sich herkömmlichen Einordnungsversuchen mit Macht entzieht.

Vor ein paar Jahren schon hat er mit den »Kleinen Geschichten für Violine solo« einen CD-Erstling vorgelegt, der in allen Lagern – sei es jetzt das der Neutöner, das jazzige oder bei der Noise-Fraktion – Beachtung fand.

Und jetzt »Atemlos«, der musikalisch pralle, überaus intelligent erdachte und produzierte Nachfolger, den Braun vor gut 60 Gästen (das sind sehr viele für solche Nischen-Sounds ) im »Sudhaus«-Theatersaal live vorstellte. Souverän ist der Umgang Achims mit den verschiedensten vermeintlichen Musikgegensätzen, gekonnt und präzise sein geigerisches Handwerk, erfinderisch verspielt sein Einsatz der High-Tech-Klangmaschinen.
Die sind übrigens nicht nur auf Platte kein Selbstzweck, sondern beherrschen auch im Derendinger Konzert selten denjenigen, der in ihnen höchst ungewöhnlich klingende Soundgeister weckt.

Auf einem sechssaitigen(!), mit elektoakustischen Tonabnehmern wie digitaler Steuerung ausgestatteten Instrument spielt Braun: Die futuristisch aussehende Kreuzung aus Geige und Gitarre ermöglicht ihm schon in der ersten Klangerzeugungs-Stufe ein stark erweitertes Tonspektrum. Wenn er dann noch seinen »Harmonizer« ein Gerät zur musikalisch sinnvollen Stimmen-Vervielfältigung – zuschaltet, dröhnt es wie auf der Zuschauerterrasse eines Flughafens.

Pure Sinus- und Rechteckschwingungen nutzt Braun als fliessende Skalen für expressive Klangsplitter im nervenzerfetzenden Diskant, mit Effekt-Schichtungen und Verzerrern gelingt ihm stellenweise astreiner Hendrix-Sound, in seiner kunterbunten Perfomance setzt er auch Samples und Loops ein, über die er kontrolliert improvisiert.

In seinen auch in dynamischer Hinsicht oft sehr dramatisch angelegten Kompositionen vereinen sich die Tristeza und der Blues, Jazzfeeling trifft auf kühle Konstruktionen, die in ihren flirrenden Klangclustern an Arbeiten von Ligeti erinnern. Das alles sind traumwandlerisch sichere Grenzgängereien zwischen Krach und »schönen« Harmonien, zwischen (fast) totaler Freiheit und (fast) mechanischer Konstruktion: Das Publikum geniesst – und spendet dem Ausnahmegeiger lauten Beifall. (-mpg)