Andy Laster: Modern Jazz ohne Klischees

Jazzsaxophonisten gibt’s wie Sand am Meer, Avantgarde-Tuter, bei denen freier Ausdruck gleichzeitig mit dem Verlust jeglicher Kontrolle einhergeht, treten massiert auch in unseren Breiten auf.

Musiker, die wie der New Yorker Andy Laster intelligent und ohne grosse Klischees im Kopf gekonnt mit der Jazz-Historie und virtuos auf der eigenen Ausdruckspalette spielen, sind dagegen selten.

Umso grösser das Verdienst des Reutlingers Tobias Festl, den Star der »Contemporary Jazz Scene« im »Big Apple« jetzt in den »Jazzclub in der Mitte« geholt zu haben.

Saxmann Laster macht sich in der Region rar – das letzte Gastspiel vor dem in der »Mitte« ging Mitte der 90er im Jazzkeller Tübingen über die Bühne.

Wieder war der musikalisch universell interessierte und begabte Musiker mit seiner eigenen Formation »Hydra« unterwegs, wieder gab’s einen unvergleichlichen Gruppen-Sound und eins ums andere hervorragende Solo zu hören.

Das Besondere an den Kompositionen und Interpretationen Lasters ist die perfekte Ausgewogenheit zwischen improvisierten und arrangierten Teilen: Kurz bevor die wilden, hitzig-nervösen Spontan-Einfälle der vier – gleichberechtigten – Bandmitglieder nicht mehr zueinander passen scheinen, der »Absturz« in bedeutungsloses Gedudel droht, kriegen Laster und Co. wieder hochelegant die Kurve, sprich: Sie finden problemlos in ihre hochkomplexen Arrangements zurück.

In bunten Fetzen, manchmal nur fragmentarisch, reiht Laster, dessen Hauptinstrument das Altsaxofon ist, in der »Mitte« die Melodien und Themen aneinander, wechselt immer wieder unvermittelt Thempo, Takt und Rhythmen. Kompositorisch zeigen sich da im Ansatz Parallelen zur Arbeitsweise Frank Zappas – und wie die Rock-Legende guckt auch Laster mit wachen Sinnen über den eigenen Tellerrand hinaus. Rhythm’n’Blues findet sich in seinem Spiel genauso wie ironische Anklänge an moderne Klassik oder Folk.

Lasters kongenialer Partner innerhalb des »Hydra«-Gefüges ist der Trompeter Herb Robertson, der sicher weltweit zu den interessantesten Musikern der Szene gehört. Der Mann hat technisch alle Möglichkeiten- und offensichtlich endlos melodische Einfälle: Robertsons Improvisationen waren für sich alleine den Eintritt wert.

Aber da waren ja auch noch der Ausnahme-Schlagwerker Tom Rainey und Bassist Drew Gress. Speziell Rainey erwies sich als sehr einfühlsam um den eigentlichen Puls der Stücke herum spielender Drummer und bekam für seine polyrhythmischen Kunst-Stückchen viel Aufmerksamkeit.

Satten Applaus gab’s von den Zuhörern, die sich trotz des weit verbreiteten Vorurteils, Avandgardejazz »gehe« unter der Achalm nicht, doch vergleichsweise zahlreich in der »Mitte« bequem gemacht hatten. (-mpg)