Chicago Gospel Spirit: Schwarze Stimmen pur

Tübingen ist Gospel-Town: Schon in der Vergangenheit strömten die Zuhörer in Scharen zu (nicht immer hörenswerten) Konzerten mit afroamerikanischer Sakralmusik – und jetzt, beim Konzert des Chores »The Chicago Gospel Spirit«, gab’s in der Stiftskirche wirklich keinen einzigen freien Sitzplatz mehr. Viele begehrten noch um Einlass, als das Konzert der 16 Sängerinnen und Sänger um Chorleiter – und Showman – Ricky Dilliard schon begonnen hatte.

Das, wofür sich Dilliard vor der Pause erklärend schon fast entschuldigte, war eigentlich der Hauptgrund dafür, dass der Gospel-Abend im ehrwürdigen Gemäuder zum Erlebnis wurde. »Wir wollten nicht wie in der Vergangenheit die Stimmen in dieser grossen Kirche durch viele Instrumente, Schlagzeug und viele Synthesizer zudecken. Deshalb haben wir diesmal nur eine Pianobegleitung.« ,

So gab’s diesmal schwarze Stimmen weitgehend pur zu hören, mit einer recht traditionalistischen Songauswahl und spartanischen, aber raffinierten Arrangements – und das klang, wie gesagt, sehr gut. Statt Basstrommelgedröhn und Beckengezischel konnte man ziemlich transparent 16 Sängerinnen und Sänger hören, von denen wohl jede und jeder einzelne solistisch für eine Soul-Performance gut genug wäre.

Nicht nur der individuelle Ausdruck der einzelnen Chormitglieder war immer wieder gut für den »Gänsehaut-Effekt« – auch der enorme Dynamikumfang des Ensembles liess einen immer wieder staunen. Gekonnt und oft kontrastierend nutzte ihn der »Gospel Spirit« und schuf so stellenweise enorme musikalische Dramatik. Und weil dazu noch alle rhythmisch absolut präzise und – im Soul-Sinn – »groovig« sangen, war’s ein rundum gelungenes Gastspiel. Diesen Stimmen mag der Gospel-Vielhörer sebst solch »olle Kamellen« wie »Amazing Grace« in der x-ten Version verzeihen. (-mpg)