Trochtelfinger Festival am See ’98: Deutsch-Pop und Jamaica-Riddims

Am Anfang war der Regen — und am Samstag auf der Alb dann eine ziemlich ungemütliche Kälte. Und die war wohl auch einer der Hauptgründe, warum’s im Zelt und davor abends ziemlich trist aussah. Festival-Dauerbesucher suchten die bevölkerte Budenstadt, die in der sonnigeren Vergangenheit einen Gutteil des früher unvergleichlichen Flairs des Seefests ausmachte, vergebens. Ein paar verfroren aussehende Gestalten versuchten stattdessen, dem allgegenwärtigen Schlamm einigermassen auszuweichen — und Wärmequellen jeglicher Art, ob menschlich oder gasbetrieben, waren schwer angesagt. Kaum zu glauben: Nicht mal zwei Dutzend Zuhörer verloren sich beim ersten Konzert des Abends im so sehr trist wirkenden Grosszelt, das locker 3 000 Besucher verträgt.

Dabei hätten »Pornomat« mit ihrer spritzig-frechen Deutschpop-Show durchaus mehr Zuhörer verdient gehabt. Stephan Stoppok und seine Begleiter machten anschliessend aus der Not eine Tugend und schafften es, wenigstens einen Hauch von intimer, aber ausgelassener Clubstimmung nach Trochtelfingen zu bringen. Der Musiker und Liedermacher aus dem Kohlenpott katte sich kurzfristig entschieden, ohne
Schlagzeuger und »unplugged« aufzutreten. Das war gut so: Als Stoppok und seine beiden exzellent miteinander harmonierenden Mitmusiker Danny Dziuik (Akustikgitarre, E-Piano) und Reggie Worthy (Edelklasse an der Akustik-Bassgitarre!) sich in bester Session-Manier vor Lachen bogen, weil sie die Tonart eines lange nicht mehr gespielten Stücks partout nicht mehr finden konnten, schmunzelten auch die Fans.

Da gab’s von diesem hinreissend lockeren Trio natürlich »Liebeslieder, weil ihr hier alle so nett ausseht, irgendwie« satt — und die Zuhörer dankten es mit großer Begeisterung. »Du machst mich mein Herz am Klopfen«, singt »Stoppok« am Mägerkinger See, bringt »Tage wie dieser«, die bekannte Geschichte von der »Dumpfbacke« oder »Feine Idee« mit ungeheuer viel natürlich wirkendem Charme und sympathischer Direktheit. Bei den genannten Titeln singen viele im Publikum von A bis Z mit — und als die Show nach 80 Minuten vorbei ist, haben alle von der Lagerfeuer-Romantik, die Stoppok und Co. verbreiteten, noch nicht genug: Zugaben obligatorisch.

Auch beim nachfolgenden satten Programm mit Musik jamaikanischen Ursprungs bringen die »nur« rund 800 im Zelt wesentlich mehr Begeisterungsfähigkeit auf und gute Laune mit als das Publikum tags zuvor. Jamaica Papa Curvin, der ergraute Reggae-Sänger, und seine im Vergleich nur routiniert und glanzlos auftretende Band haben leichtes Spiel: Die meisten Zuhörer lassen sich vom soliden Roots-Reggae schnell auftauen und scheinen tanzend die Kälte vergessen zu haben.

Das Fest ist klein, aber fein. Und die Fans harren aus. Der Umbau für die zehn Mann starken »Busters« aus Wiesloch bei Heidelberg dauert trotz emsiger und professioneller Arbeit der Bühnencrew — und als die Show der auch international recht bekannten Ska-Spezialisten mit einem humorvollen Filmton-Intro beginnt, ist die Geisterstunde schon vorbei.

Mit ihrer temporeichen, spritzigen und höchst ansprechenden Two-Tone-Musik und der nicht minder dynamischen Bühnenshow schaffen die Musiker es aber noch bis nachts um halb drei, gute Laune im Zelt zu verbreiten. Und viele ihrer Zuhörer – nicht wenige davon sind nur wegen der »Busters« überhaupt nach Trochtelfingen gekommen – tanzen sich schweißnaß. (-mpg)