Oscar D’Leon: Salsa-Attacke

Ein glanzvoller Abschluss des »13. Internationalen Tübingen Festival« hätte es werden können. Statt dessen gab’s für die vielleicht 750 Besucher des Konzerts mit Salsa-Star Oscar D’Leon nur kräftig was auf die Ohren.

In seiner Heimat Venezuela wie auch in der Latin-Szene überhaupt gilt der 55jährige Sänger — früher fuhr er Taxi und unterhielt seine Gäste mit Live-Belcanto zu den Radio-Hits — als Superstar. Dementsprechend gespannt zeigten sich vor allem die vielen Tübinger Konzertgäste aus spanischsprechenden Ländern.

Ein einziger hat Schuld daran, dass ziemlich vielen dann nach satter Wartezeit die Party gründlich vermasselt wurde: Der (offensichtlich von der Band mitgebrachte) Mann am Saalmischpult reduzierte mit wenigen Knopfbewegungen das mögliche Musik-Erlebnis zu einer nervigen, nicht eben eindeutigen Krach-Quelle.

Eineinhalb Dutzend fein gewandete Musiker standen mit D’Leon auf der Bühne — und mögen ja auch erstklassig gespielt haben. Von der umfangreichen Klopf- und Klapper-Abteilung drangen indes nur dumpfes Wummern und ein paar Grundschläge durch. Der fünfköpfige Bläsersatz hätte wahrscheinlich aus dem Billigsampler besser geklungen als in dieser gnadenlos lauten und (ohrschädigend) höhenlastigen Live-Abmischung. Von den Keyboards sowie den Saiteninstrumenten gab’s, wenn überhaupt, nur Klangmatsch zu hören. Die vielen jazznahen Zitate, die Oscar D’Leon in seine Rhythmusorgien querbeet durch den Latin-Katalog eingebaut hat, verursachen aufgrund ihrer akustischen Komplexität zusätzliches Chaos.

Den Tanzwütigen unter den Gästen machte das natürlich ebenso wenig etwas aus, wie die im Verhältnis viel zu laut abgemischte Stimme D’Leons. Auch das aufgesetzte (und leider kein bisschen selbstironische) Show-Theater, das Leon um sich macht und veranstalten läßt, gehört für Liebhaber offensichtlich dazu.

Viele Hörer ergriffen aber schon kurz nach Beginn die Flucht in ruhigere Mensa-Ecken. Am Mischpult häuften sich die Beschwerden, die von dem Mann mit Profi-Blick aber eisern ignoriert wurden. Ein Techniker der Verleihfirma (die szene-intern für höchst professionelle Arbeit bekannt ist) versuchte, sanft in die inkompetente Knöpfchendreherei des Bandmischers einzugreifen. Ohne Erfolg.

Wahrscheinlich war es so, daß der Verantwortliche für dieses Akustik-Desaster überhaupt nicht mit dem fremden, hochklassigen Arbeitsgerät zurecht kam. Und er hat offensichtlich schon in so vielen Konzerten die Frequenzgänge ohrschädigend verbogen, dass er ein reichlich kaputtes Gehör hat — so liesse sich auch der wirklich extreme, gefährliche Hochton-Pegel in der Mensa erklären. Sehr schade. »El Leon de la Salsa, der Löwe der Salsa« hat gebrüllt. Gehört hat man in Tübingen davon wenig Königliches. (-mpg)