Stefan Rieger: „Tauben vergiften“ und andere Bosheiten

Klein, sehr fein — und ziemlich bösartig geriet der späte Silvesterabend in der Reutlinger »Tonne«. Zwischen den »Präsidentinnen« und einer Schlacht am kalten Büffett gab’s ein Brettl-Programm. Stefan Rieger präsentierte knapp 80 Minuten lang Lieder (und auch ein paar Texte) des Kabarettisten, Satirikers und politischen Liedermachers Georg Kreisler. Das zahlreich erschienene Publikum zeigte sich in der proppenvollen »Tonne« sehr angetan von diesem Liederabend der etwas giftigeren Art: Heftiger Beifall, nachdrückliche Zugabe-Forderungen.

Am Anfang stand das Kreisler-Lied überhaupt, »Tauben vergiften«. Mit diesem zynisch-giftigen Song, entstanden 1955, wurde der 1922 in Wien geborene Kreisler schlagartig bekannt. Noch heute muss es der »politische Liedermacher« (Kreisler über Kreisler) ständig auf Konzerten singen; der humanistische Spötter mit amerikanischem Pass war erst im Herbst zusammen mit seiner Lebens- und Bühnenpartnerin Barbara Peters selbst wieder auf Tournee.

Stefan Rieger — der ja auch schon mit seinem Brecht-Abend überzeugte — hatte mit Sicherheit keine Probleme bei der Zusammenstellung des Programms. Rund 20 Platten hat Kreisler besungen, fast alle sind noch (als CD) zu haben. In der »Tonne« gab’s — aus Sicht der Kreisler-Kenner die »Kracher« des Satirikers zu hören, der 1938 auf der Flucht vor den Nazis in die USA emigrieren mußte und erst in den fünfziger Jahren wieder nach Wien zurückkehrte.

Lieder wie »Der Musikkritiker«, »Zwei alte Tanten tanzen Tango«, »Das Triangel« oder »Gelsenkirchen« (»Wer zu lang dort lebt, bekommt beim Atmen leichte Krämpfe / aber wer lebt dort schon lang?«) wurden vom gut aufgelegtem »Tonne«-Publikum mit grosser Heiterkeit aufgenommen. Manchmal hörte sich das Lachen der Gäste verblüfft und überrascht an — so, als ob sie noch gar nicht gewußt hätten, was für ein hervorragend formulierender Chansonnier Kreisler ist.

Das Chaos, das der Musik-Kabarettist in »Als der Zirkus in Flammen stand« entwarf, brachte Stefan Rieger mit angemessen atemlosem Ausdruck, der — auch hin reißend interpretierte — »Opernboogie« von der 64er-Platte »Unheilbar gesund«, wo Kreisler sich über so manch hirnlose Bühnen-Handlung lustig machte, verschaffte so manchem Gast in der »Tonne« einen Dauer-Lachanfall.

Rieger, der im wesentlichen ohne Fehl und Tadel die oft rhytmisch komplizierte Kreisler-Musik auf dem »Tonne«-Klavier brachte, zeigte aber auch die melancholische, von tiefem Humanismus geprägte Seite des heute in der Schweiz lebenden Spötters. Besonders packend geriet dem 28jährigen Schauspieler (Organist in den »Präsidentinnen«) »Ihr wißt gar nichts.« Und Rieger artikulierte die Kreislerschen Sentenzen sehr deutlich — das ist fast schon der beste »Regieeinfall«, den man bei so einem Programm haben kann! Mit Sicherheit hat er — der einem oder dem anderen, der Kreisler noch gar nicht kannte — Lust auf mehr gemacht. (-mpg)