Wiglaf Droste: Bissiger Charme

Einkaufen im Bioladen ist wie Konfirmationsunterricht: Man fühlt sich ständig ertappt. Ein Sünder ist man, und das kriegt man auch immer schön reingereicht. Der Alternative Protestantismus müffelt nach Geiz und Getreide; seine Protagonisten sind mürrisch, übellaunig, rechthaberisch und geschlechtsneutral aussehende Figuren, die eine Aura derart kieperiger Zugekniffenheit umgibt, gegen die selbst ein Zeuge Jehovas noch Hedonismus und Daseinsfreude verströmt.

Wiglaf Droste, Autor dieser und vieler anderer (zum Beispiel in »taz« und »Titanic«) ebenso spöttisch wie elegant formulierter Zeilen, machte jetzt mal wieder auf Lese-Tour in Reutlingen Station. Eingeladen ins Foyer U 3 hat — wieder — der »JuZeLi«-Verein, diesmal in Kooperation mit der »Musikoffensive«.

Rund 80 Besucher kamen zur erneuten Lesung Drostes. Und mussten im klammen Foyer lange warten, bis der Wahl-Berliner seine Jutetasche auspackte: »Ihr müsst schon entschuldigen, aber ich hab‘ noch ein trübes Weissbier zu mir nehmen müssen«.

Sein neues Buch »Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses« promotete der 36jährige Autor natürlich auch — aber wie fast immer, wenn Wiglaf mit Schlabberjeans und Sweatshirt auftritt, war der Abend keine »gewöhnliche« Lesung, sondern hätte problemlos in der Sparte »Kabarett« einen vorderen Platz verdient.

Das liegt an der Mehrfachbegabung des Autors. Zum einen erweist er sich immer wieder als sehr genauer Beobachter, zum anderen besitzt er offenbar reichlich skurrilen Humor, der ihn dann zu ebenso ungewöhnlichen Assoziationen treibt. Und er kann mit großer Coolness sehr pointiert überhöhen: Das vernichtende Urteil in einem feuilletonistischen Text über den Motor der Berliner »Love Parade« kommt fast beiläufig. »Jugend trainiert für Karneval  – das interessiert mich nicht so«, meinte Droste — und schreckt nicht zurück vor bösen Einlassungen wie dieser: »Schade, daß man nicht in China ist, dann könnte man die Leute erschießen. Eine Million Arschgeigen weniger — das ist cool!«.

Wiglaf macht sich höchst elegant Gedanken über »das Leben in der Viva-Demokratie« — und kriegt in »Wo ißt Gott« sehr geschickt die Kurve von Bioleks angesnobter Küche zu einer romantischen Lovestory.

Am besten gefallen an dem zweigeteilen Abend haben dem Rezensenten die »Ode an rauchende Frau« — »die nichtrauchende deutsche Frau riecht nach Turnhalle und Medizinball« —, sowie eine Konzertbetrachtung der besonderen Art.

»Missbrauch des Sommers« hat Wiglaf Droste seine Kritik eines Waldbühnenauftritts von Rock-Legende Neil Young genannt. Seine bitteren Notizen von den knielang behosten Fans, die die Protestsongs von anno dazumals »in die Leichenstarre klatschen«, treffen — so oder so — auf viele Großkonzerte zu. Und auch, daß der Autor jene Labertaschen, »die den Musiker hinter dem gesellschaftlichen Ereignis verblassen lassen, genau dafür haßt«, kann der Schreiber dieser Zeilen sehr gut verstehen.

Jeder wird die zu Beginn des Berichts zitierten gruseligen Schwingungen im Bioladen nachvollziehen können — diese Beobachtungen hat Droste womöglich gar in unserer pietistisch geprägten Ecke gemacht, ganz bestimmt . . . (-mpg)