Franz Hohler: Zurück in die Zukunft?

Es gibt keine preisverdächtigen Liedermacher mehr, zumindest keine der jüngeren Generation. Oder werden sie von den knapp zwei Dutzend Fach-Hörern, die allmonatlich die »Liederbestenliste« des SWF zusammenstellen und jedes Jahr den »Liederpreis« vergeben, vielleicht gar nicht gehört?

»Zurück in die Zukunft« war jedenfalls auch jetzt wieder bei Auswahl und Verleihung des mit 3 000 Mark und einem Kunstwerk (diesmal eine »Lichtskulptur« von Christiane Toewe) dotierten Preises das Motto. Der preisgekrönte »Weltuntergang« des Schweizer Musikkabarettisten und Satirikers Franz Hohler ist fast ein Vierteljahrhundert alt!

Die Jury, so Michael Laages in seiner Laudatio vor vollbesetzten LTT-Rängen, habe mit ihrer Entscheidung auch eine allgemeine »Rückkehr zu den Inhalten« bemerkt. Soso.

Sein ausgezeichnetes Sieben-Minuten-Drama, wo das Verschwinden eines Winz-Käfers eine Kette von Umwelt-Veränderungen bis hin zur Apokalypse auslöst, führte Hohler gutgelaunt natürlich auch auf. Aber er brachte in Tübingen, »in der Stadt, in der ein Wurstverkäufer durchaus mehr von Ernst Bloch versteht als von Ketchup«, noch viel stärkere Texte und Lieder: Etwa — in der »Schöpfung« — eine witzig ausufernd beredte Schilderung des »Nichts«, oder später eine sehr warmherzige Version eines jiddischen Lieds von Mordechaj Gebirtig in Schwyzerdütsch.

Nicht nur die rückschauende Auswahl der Preisträger hat beim SWF-Liederfest Tradition — wie diesmal die Rockgruppe »Hiss« erhielten auch in den letzten Jahren immer wieder junge, »laute« Bands einen Förderpreis.

Und auch am Dienstagabend beschwerten sich wieder (wie jedes Jahr) viele Freunde der wohlgesetzten Chanson-Töne über die — für ihr Empfinden — »brachiale Lautstärke«. Dabei war der swingende »Polka ’n‘ Roll« des Quintetts um Stefan Hiss — in der Region nach zahlreichen und regelmässigen Club-Gastspielen bestens bekannt — für Rock-Verhältnisse wirklich dezent abgemischt; der (gut arbeitende) Mann am Saalmischpult musste in der Pause trotzdem Beschwerden entgegennehmen . . .

Eine Überraschung war das »Duo Sonnenschein« aus den sogenannten neuen Ländern. Im »wilden Süden« sind Dieter Beckert und Jürgen Wolff noch nicht so bekannt — aber das könnte sich ändern. Mit selbstverständlich lockerer Musikalität klampften sich die beiden (im besten »Schobert und Black«-Stil) durch Ausschnitte ihres Programms »Adrenalin und Sauerampfer« — und erschütterten die Zuhörer-Zwerchfelle mit ihrer urkomischen, stets knapp am verbalen Super-Gau entlangschlingernden »romantischen Brachialkomik«. Besonders die überaus witzigen »Verkehrsmittelballaden« (»Zuversicht ist des Schiffers Uferlicht« hiess eine . . .) hatten es den Tübingern angetan. Nach der Juroren-Logik müsste das »Duo Sonnenschein« so etwa ums Jahr 2020 herum einen
Preis bekommen. (-mpg)