Anne Haigis: Mit viel Gefühl und Stimme

Unsicher und fast kleinmädchenhaft schüchtern wirkt die Sängerin Anne Hai-gis auf der »Sudhaus«-Bühne. »Ich freu‘ mich, nach so langer Zeit ‚mal wieder in Tübingen zu spielen«, sagt sie, und ist sichtlich angetan davon, »daß doch so viele Leute gekommen sind«, wie sie ein wenig verlegen lachend meint.

Rund 230 Zuhörer waren gekommen, grösstenteils zwischen 30 und 50 Jahre alt. In der Tat ist diese Resonanz erstaunlich bei einer Künstlerin, deren letztes grösseres Konzert in der Region mehr als zehn Jahre zurückliegt: In der Reutlinger Listhalle reagierte das spärlich erschienene Publikjum 1987 (»Lass‘ mich fallen wie Schnee«, sang die Haigis damals) zurückhaltender als jetzt im »Sudhaus«.

Es klingt wie eine Entschuldigung, wenn die gebürtige Rottweilerin darauf hinweist, dass »wir vier Jahre keine Platte mehr gemacht haben«. Nach schier endlosen Stil-, Produzenten- und Bandwechseln scheint die 41jährige Sängerin sich jetzt musikalisch emanzipiert zu haben. Mit so berühmten Szene-Cracks wie Toney Carey, David Hanselmann, Wolfgang Dauner, Wolf Mahn oder gar Nils Lofgren hat sie nach ihrem kommerziellen Durchbruch »For Here Where The Life Is« (1981 bei »mood« erschienen) zusammengearbeitet — und all diese bekannten Musiker haben Anne Haigis alle paar Jahre ein neues Image verpasst: Nach dem Jazzrock kam der Rock-Röhren-Versuch, deutsche Schlager und in Nashville produzierte, muffige Country-Songs folgten.

Auf der »Sudhaus«-Bühne bringt Anne Haigis diese Zeit der künstlerischen Fremdbestimmung in dem sehr persönlich getexteten Song »Um dich zu bewahren« auf den Punkt — ein Lied, das sich an »einen richtet, den ich verlassen musste und der heute nicht mehr mit mir spricht. . . mein Gott, wenn ich mir überlege, wie alt ich heute bin, und daß der schon damals doppelt so alt war. . .«

Als an dieser Stelle im Saal verständnisvolle Lacher zu hören sind — schliesslich wissen Kenner der Haigis’schen Vita, dass hier nur der Stuttgarter Jazzpiano-Star gemeint gewesen sein kann —, lacht die Sängerin mit: »Na ja — man muss die Leute halt provozieren, wenn sie nicht reagieren wollen.«

Im Tübinger Konzert hat sie die künstlerische Leitung — und im Vergleich zu früher wirkt die Musikerin sehr gereift und auch fast durchweg musikalisch souverän. Dass sie technisch mit den Stimmbändern so gut und vielseitig umgehen kann, wie kaum eine andere deutsche Vokalistin im U-Musik-Bereich, war schon bekannt.

Erfreulich ist, dass Anne Haigis heute ihre erstaunlichen Fähigkeiten noch bes-
ser dosiert. Klassische Rockballaden (»Better Without You«, heisst ihre aktuelle Single und auch einer der Höhepunkte im »Sudhaus«-Konzert) liegen ihr eindeutig am besten — aber auch in Uptempo-Nummern wie dem von Melissa Etheridge entliehenen — »Dancing In A Fire« oder in einem Chanson von Trude Herr überzeugt die Sängerin mit feinen Klangschattierungen und sehr kontrollierter Dynamik.

Nicht immer stimmig sind die Texte, die teilweise zu nah am Herz-Schmerz-Schema gereimt und auch oft — jedenfalls für den Geschmack des Rezensenten — ziemlich schmalzig formuliert sind. Aber der Beifall der Fans im Derendinger Kulturzentrum ist  kräftig, die entspannten Gesichter drücken Zustimmung aus.

Anne und ihre drei wirklich exzellenten Begleiter unter Leitung des ausnehmend guten Akustik-Gitarristen Frank Benton werden zunehmend lockerer. Die mit echten Kerzen sowieso schon auf heimelig getrimmte Atmosphäre nähert sich, wenn die vier auf der Bühne sich gerade mal wieder im denkbar harmonischsten Dur-Satzgesang ergehen, immer mehr einer Art Wandergitarren-Romantik an — und offensichtlich gefällt das den meisten dann noch mehr. Eins kann mit Sicherheit gesagt werden: In Tübingen hat Anne Hai-gis ihr Comeback geschafft. (-mpg)