Dieter Ilg Trio: Souverän und begeisternd

Die Reutlinger Jazzfans hatten den richtigen Riecher: Bassist Dieter Ilg lieferte am Mittwochabend mit seinem Trio im »Jazzclub in der Mitte« ein souveränes und begeisterndes Konzert. Und der Jazzkeller in der Gartenstrasse war bei diesem durch Vermittlung des Reutlinger Bass-Freaks Tobias Festl zustandegekommenen Ereignis bereits vor Beginn ausverkauft.

Die Herren Ilg, Wolfgang Muthspiel und Steve Arguelles, die da auf der Bühne sehr intelligent und durchdacht, aber trotzdem immer locker swingend musizierten, sind eigentlich viel zu berühmt und bekannt, um noch in den Etat des Jazzclubs zu passen. Normalerweise kann man diese Musiker-Allianz nur auf wesentlich grösseren Festivals hören.

Aber weil der aus dem Badischen stammende Tieftöner (schon 1988 bekam er den Jazzpreis Baden-Württembergs verliehen) von seiner Persönlichkeit her keiner ist, der auf dem hohen Ross sitzt, macht er immer wieder Ausflüge zurück zur Basis der Szene, eben in solch kleine Clubs und Keller, wie auch die Reutlinger »Mitte« einer ist. Zum Glück und zur Freude der Zuschauer — trotz des allgemein recht hohen Programm-Niveaus der Jazzkeller-Programme gibt’s Livemusik dieser Kategorie nämlich immer noch selten in der Gegend zu hören.

Eine der ältesten Regeln des US-Showbiz lautet: »It’s the singer, not the song« — es ist nicht wichtig, was gespielt wird, sondern wie es gespielt wird. Die »Songs« am Mittwoch waren allesamt Volkslieder – kein volkstümelnder Pop-Kitsch, sondern alte, überlieferte Weisen: Nicht eben das, was man von einem Trio erwartet, dessen Mitgliedern immer mal wieder nachgesagt wird, sie gehörten zur Szeneavantgarde.

Den Ruf haben sie, auch wenn’s hier von aussen betrachtet paradox erscheinen mag, zu Recht: Ilg und seine effektiv miteinander kommunizierenden Kollegen nahmen – das hat hierzulande noch kein Jazzer so konzentriert und konsequent ausprobiert — die tradierten Melodie-Themen nämlich als Grundlage für völlig eigene Harmonisierungen und Improvisationen. Wer hätte gedacht, dass der »Frere Jacques« wie ein »funky Brother« aus dem Süden der USA klingen kann, dass ein sanfter Reggae-Beat prima mit (gesichert…) 350 Jahre alten Linien zusammengeht?

Beim »Dieter Ilg Trio« klappte das am Mittwochabend ganz hervorragend. Zur Überraschung über die programmatische Ausrichtung des Abends dürfte beim einen oder anderen Gast, der die Musiker vorher nicht kannte, noch das Erstaunen über die gebotene handwerkliche Qualität gekommen sein: Ilg lieferte, wie auch sein berühmter Gitarren-Kumpel Wolfgang Muthspiel, ein ums andere Mal wahrhaft wahnwitzig schnelle Läufe.

Und Steve Arquelles erwies sich einmal mehr als einfühlsamer Perkussionist. Völlig präzise, bescheiden und fast unauffällig unterstützte er die beiden anderen, um dann plötzlich rasend schnelle Stolper-Grooves abzufeuern. Also: Der Abstecher dieser drei Musiker nach Reutlingen hat das Prädikat »Sondergastspiel« wirklich verdient. (mpg)