Reiner Kröhnert: Volker Rühes Suppenhuhn Berta ist tot

Es lag sicher nur am zeitgleich übertragenen Fußball-Süd-Derby, dass zum alljährlichen Kabarett-Termin des Bempflinger SPD-Ortsvereins »nur« rund 150 Gäste ins Dorfgemeinschaftshaus kamen. Der eingeladene Gast ist nämlich bekannt als einer der Besten seiner Zukunft — und machte seinem Ruf als glänzender Parodist alle Ehre.

Reiner Kröhnert hat sie alle drauf, die Bonner Politik-Größen — und legt ihnen in seinem dritten Soloprogramm dermassen wahnwitzige Sätze in den Mund, dass die Bempflinger stellenweise von kollektiven Lachanfällen durchgeschüttelt werden.

Norbert Blüm philosophiert mit Rita Süssmuth (»Gewiss ist nur der Tod als reales Ende eines irrealen Seins, Ridda«), Erich Böhme wedelt sich mit Brille und Asthma an den neuen Theaterautor Kohl heran. »Europa — ein Stück von mir«, heißt das Machwerk, »g’schribbn hats da Bedda Böhnisch.«

Boris Becker »findät däs mit däm klassischän Deadda iggendwie — äh, — ned so guht«, darf dafür später im Verbund mit Oberkommissar Hans-Jochen Vogel
nicht nur dessen Aktenlage klären, sondern auch noch einen Mord aufklären.

Volker Rühes Huhn ist nämlich tot. Der Bundesverteidigungsminister ist in der Kröhnertschen Parodie-Show ein nordisch-lockerer Federvieh-Züchter, der unter anderem natürlich »Blaukammhennen« besonders mag. Und jetzt liegt Berta, ein »wahres Frontschwein von Suppenhuhn«, tot vor Rühes Türe.

Lambsdorff kann’s nicht gewesen sein — »der hat noch Bewährung«. CDU-Hinze ebenfalls nicht, weil »da hab‘ ich Rezeptvorschläge auf Tütensuppen auswendig gelernt«. Björn Engholms Pfeife wird zwar beim Tatort gefunden (ebenso seltsame Spuren von Rollstuhlreifen . . .), aber der S-teife mit dem kornklaren Blick macht lieber mit seinem bei Kröhnert definiv nicht mehr ganz dichten Dichter-Kompagnon Stoltenberg in Sachen Lyrik. Daniel Cohn-Bendit (»Ich talke mit jedem — außer mit der PDS«) bleibt außen vor, ebenso Herzog.

Nach einem wahrhaft durchknallten Zwischenspiel, wo der Parodist Kröhnert in der Figur von Klaus Kinski eine wirkliche Glanznummer hinlegt, verdichten
sich beim ehemaligen SPD-»Oberlehrer der Nation« und seinem gewitzten Helfer »Bobbele« — Becker ist nebenbei sogar zum Hobby-Agit-Propper mutiert und »hat sich Sosebies erst jetzt die Original Guevara-Mütze ersteigert« — die Erkenntnisse.

Aber bevor der Täter dingfest gemacht wird und Krönert sein akustisches Wachsfigurenkabinett unter dem begeisterten Applaus der Bempflinger wieder einpackt, lachen die Kabarett-Gäste noch Tränen über Erich Honecker, der mit überschlagender Stimme die Massen im Himmel neu zum Klassenkampf formiert.

Wie alle seine Figuren trifft Kröhnert auch den Ex-DDR-Chef phonetisch schlichtweg perfekt. Und weil der Parodist nicht nur die Eigenheiten der Sprache, sondern auch Gestik und Mimik seiner »Opfer« genauestens beobachtet hat, ist der Wiedererkennungseffekt hoch und immer wieder verblüffend.

Ach so: Rühe war der Täter. Er wollte mit der »Affäre Huhn« intrigieren, der Kanzler-Clique die Geschichte anhängen und Kohl aus dem Weg räumen…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 03. Dezember 1996