Gregor Lawatsch: Grotesk, witzig, anrührend

War das jetzt Kabarett oder klassisches Theater? Sicher ist: Gregor Lawatsch begeisterte mit seinem 90-Minuten-Stück »Der letzte Schrei« (Co-Autorin: Anne Schulz) die Besucher der Reutlinger Kleinkunsttage im (wieder) bis auf den letzten Platz ausverkauften Rappenkeller.

Die Vorstellung des 45jährigen ehemaligen Folkwang-Schülers und Gründungsmitglieds des »Mobilen RheinMain-Theaters« fesselte die Zuhörer von der ersten bis zur letzten Minute, verzichtet auf jegliche Debilen-Komik und hatte alles, was man gemeinhin von gutem Kabarett fordern kann: Sprachlichen wie mimischen Witz, präzises, detailgenaues Spiel, geschliffene Bösartigkeiten en masse — und jede Menge Spiegelchen, in den der geneigte Zuschauer zuerst schallend lachend sein Gegenüber, dann sich selber wiederfinden konnte.

Lawatsch zieht in der Rolle des Heinz Kalmus — ein ganz normal gestreßter Ehemann und Familienvater, der nach und nach immer mehr durchdreht — alle Register seines außerordentlichen schauspielerischen Könnens: Mit kleinsten Gesten verwandelt sich die Figur vom Gewinner zum Verlierer — und wieder zurück. Blitzschnell wechselt Lawatschs Gesicht von einem zutiefst angstvoll-depressiven Ausdruck zu einem saturierten Grinsen, das nicht mehr so ganz von dieser Welt zu sein scheint. Da war Herr Kalmus dann wieder auf diesen »klasse Blauen, die sind echt gut« — wo sich doch auch der Therapeut die Grins-Chemie »reinzieht«.

Lawatsch benutzt sein Kunstgeschöpf, um die Aufmerksamkeit auf unseren alltäglichen Wahn zu lenken — vom müden Massen-Trott in der U-Bahn über beruflich bedingte Falschheiten bis hin zu ehelicher Gefangenschaft in gemeinsamer Ignoranz.

Den Herrn Kalmus kotzt eigentlich alles an: Die Kinder (»Mein Gott, sind die häßlich«), der kreativ-stressige Job, und die Ehefrau sowieso. Wenn sie abends vor der Glotze Cracker ißt, dann »bin ich das«, meint Heinz verbittert zu erkennen. Nicht nur deswegen will der von inneren Krisen geschüttelte Besitzer einer »postmodernen Fresse« sterben.

Über allem steht plötzlich ein großes »Aber«, »wenn einen wirklich nichts mehr interessiert, dann hat man den höchstmöglichen Grad an Freiheit in dieser Gesellschaft erreicht«, läßt Lawatsch Kalmus sagen.

Aber das mit dem Suizid ist gar nicht so einfach: Aufhängen »geht bei den modernen Decken nicht. Die kommen gleich runter — und den Schaden bezahlt keine Versicherung«. Mit Chemie will sich Kalmus auch nicht — »wegen der Blauen, das ist die Frage wie sich das verträgt« — und auch »als Ausländer verkleiden« geht nicht: »Womöglich werd‘ ich abgeschoben, und da steh‘ ich dann in Gambia . . . «.

Nach der Pause findet Lawatsch über gesamtgesellschaftliche Defekte kalauernd (»Wenn man sich vorstellt, was sich da immer an der Wahlurne versammelt, dann ist das ungefähr so, wie wenn man in der Psychiatrie die Mitbestimmung einführt«) zum Stück zurück — und läßt die Szenerie in einem prall spielfreudigen schauspielerischen Kraftakt immer mehr ins Absurde, Wahnhafte abgleiten.

Kalmus hält sich für tot, aber die Probleme hören nicht auf: »Dauernd kommen hier welche an, weil sie die Schnauze voll haben«, mault der Sensenmann wie ein schwäbischer Pförtner, »glaubst Du, ich wär die Müllabfuhr, oder was?«. Und verhöhnt den sinnsuchenden Kalmus: »Aah — der Herr braucht einen Sinn. Kannst ja mal die letzten 2000 Jahre Geschichte durchgucken — wenn Du einen Sinn findest, dann kannst Du ihn behalten!«.

Gestorben wird also nicht, und in Kalmus‘ Hirn herrscht inzwischen synaptisches Chaos. »Auferstanden«, hält er sich für Lazarus, seine Umwelt ihn jetzt für komplett durchgedreht. Ein weiterer Suizidversuch scheitert, Heinz endet in der Zwangsjacke — und findet letztendlich nur Trost in der Natur, die ihm das lähmende Gefühl nimmt, wichtig zu sein.

Brillant, witzig, grotesk, anrührend und, dramaturgisch ohne jeden »Hänger« zeigte Gregor Lawatsch keine kleine, sondern sehr souverän ganz große Kunst: Einhellig lauter Beifall!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 14. November 1996