Trochtelfinger Festival am See ’96: Five Live und Midge Ure überzeugten

So eindimensional der erste, so vielseitig der zweite Trochtelfinger Tag. Los ging’s mit dem schrägen, trotzdem aber stellenweise ganz schön ohrwurm-verdächtigen Pop der Tübinger »Dead Poets«. Rainer Steinmann (Gesang, Gitarre), Thomas Maos (Gitarre), Bassist Jörg Honecker und Schlagzeuger Ralf Wettemann hatten das Pech aller Opener: Kaum jemand hörte zu.

Viel zu viele verpaßten auch den Auftritt von Midge Ure, dem ehemaligen »Ultravox«-Frontmann. Am Anfang wirkte sein Set, das mit »echter« akustischer Baß-Gitarre, Mandoline, Ziehharmonika und »Steel Guitar« fast »unplugged« aus den Boxen kam, ein wenig weinerlich. Dann aber fiel einem das hervorragende Zusammenspiel der Band um den schottischen Musik-Einzelgänger auf — und Midge Ures hervorragende Stimme. Dazu kamen eine intensive Ausstrahlung und wohl gute Laune. Die, die zuhörten, waren von der gänzlich veränderten Stimmung der neuen Arrangements von »Ultravox«-Superhits wie »Vienna« begeistert.

Am vielseitigsten am Freitag zeigten sich am Mägerkinger See die Hamburger Pop-Vokalartisten von »Five Live«. Die Festivalmacher hatten das Quintett — das eigentlich nach den »Dead Poets« hätte spielen sollen — extra nach hinten verlegt.
Zu Recht: Mit ihrer musikalisch trotz einiger Intonationsprobleme überaus überzeugenden, witzigen und kunterbunten Show zeigten die Nachwuchskünstler, daß man auch ohne viel Ausrüstung gut unterhalten kann. Die ausschließlich gesungenen Neu-Versionen von »Smile« und »Barbara Ann«, von Blues und klassischem Soul, kamen ebenso an wie das eigene, meist soulig gehaltene Material der Formation. Als rechte Witzbolde erwiesen sich die Stimmkünstler von der Waterkant obendrein. Ihre Techno-Parodien (»umpf umpf, umpf«) ohne Technik reizten ebenso zum Lachen wie die Darstellung eines durchgezappten TV-Abends samt akustischer »Samples« von Tina Turner bis »Queen«.

Und als »Five Live« ihren kollektiv begeistert mitrappenden Fans zeigten, daß deutscher Sprechgesang gar nicht so schwer ist, war’s wieder da, jenes besondere, familiär-intime Flair, das die Feste am idyllischen Alb-See berühmt gemacht hat.

Gestört hat bei dem »Five Live«-Konzert eigentlich nur der hartnäckig buhende »Runrig«-Fanpulk, dessen Begeisterung für die schottischen Folkrocker mit Intoleranz und Ignoranz einherging. Nach gebührender Wartepause — der Umbau war längst fertig — und dem teilweise ziemlich dämlichen Ausleben von Star-Macht »backstage« kamen Donnie Munro und Co. auf die effektvoll von acht Computer-Bewegungsscheinwerfern ausgeleuchtete Bühne.

Vorausgeeilt war den Stars (ihr Hit »Things That Are« zählte mehr als 18 Monate zu den meistverkauftesten Deutschlands) der Ruf, eine exzellente Live-Band zu sein. Und die Trochtelfinger hofften, daß die Schotten »in der Festival-Atmosphäre am Mägerkinger See die Luft zum Brodeln« (Ankündigung) bringen würden.

Nix da: Die Stars zeigten sich von ihrer unnahbaren Seite, spulten ziemlich lustlos und gleichförmig ihr Programm herunter: »In The City Of Lights«, »Rocket To The Moon« und andere Songs. In diesem Konzert war kaum nachzuvollziehen, was »Runrig« so viele Fans beschert hat. Die zwischen Folk und Rock pendelnde Musik basierte auf 70er-Klischees, die Musiker selber waren ohne Ausstrahlung. Schade. (mpg)