Badesalz: Und der Marktplatz lacht

Die große Fan-Masse kam erst am Abschlußtag des »2. Reutlinger Marktplatz-Festivals« der »Färberei 4«. Und selbst da erwiesen sich die Gäste überaus wählerisch: Die Folk-Klassik-Rocker von »Farfarello« sowie die ausgezeichnet groovende »Mardi Gras Brass Band« — musikalisch mit ihrem zehnköpfigen, jazzig verzahnten Bläsersatz wohl die ambitionierteste Formation des dreitägigen Programms — bekamen vom Applaus nur vergleichsweise wenig ab.

Die eindeutigen Lieblinge in der Publikumsgunst waren die beiden Hessen von »Badesalz«. Die meisten kamen nur für den etwas mehr als 90minütigen Auftritt von Hendrik Nachtsheim (dem Dünnen) und Gerd Knebel (dem nicht ganz so Dünnen). Da tönten dann permanent kollektive Lachsalven über den dicht gefüllten Marktplatz.

Als Polizist wußte Nachtsheim im Intro von einer Anzeige der »Frau Batz« zu berichten. Sie habe sich schon Wochen vor dem Festival über den zu erwartenden Lärm aufgeregt, hänge jetzt mit gespitzten Ohren aus dem Fenster und höre nichts. Der Ordnungshüter — »hehe, ich war doch selber mal jung, ich hab‘ doch schon nackig auf dem Tisch getanzt und Hasch geraucht, da wart ihr noch Quark im Schaufenster« — empfiehlt dem begeistert mitgehenden Publikum, doch einfach kräftig Lärm zu machen.

Gerd Knebel zeigt als »Paco de Fango« stimmlich wieder mal exzellent seine Flamenco-Veralberung — und dann dürfen die Reutlinger über die Motorrad-Rocker-Figuren von »Badesalz« lachen. Auf dem Marktplatz gibt’s eine neue Nummer mit den unterbelichteten Bikern »Ritchie« und »Headbanger«: Jetzt haben sie vermeintlich günstig Videos ausgeliehen, und alle entscheidenden Szenen fehlen. Der weiße Hai taucht unter, »un um des Ämpeier Stät Bilding kreisen schon die Hubbschrauba, un alle frage sich: ei, wo isser denn, der Aff?«

Nachtsheim und Knebel wissen um den Erfolg der Publikumsbeteiligung. Die begeistert mitgehenden Fans dürfen lautstark Hendrik als Festival-Bratwurst »mit Verbrennungen zehnten Grades« bedauern, Filme live synchronisieren und sowieso dauernd irgendwo irgendwie irgendetwas zur Show beitragen.

Nur, sagt »Rotkreuzschwester Jutta Knebek«, dass da jemand eine »Samenspende im 25-Liter-Sammelkanister« abgegeben hat, das ist nicht in Ordnung…

Die Jungs von »Badesalz«, die in Reutlingen die letzte Station ihrer Festivaltournee in diesem Sommer absolvierten, brachten in ständig wechselnden Kostümierungen ein Wiedersehen und -hören mit fast allen ihren Figuren: Neben den schon erwähnten Szenen tauchten die Bodybuilder ohne Gehirnschmalz auf — und, sehr zur Gaudi der Reutlinger, Verkäuferin »Ridda« samt ihrem stocklangweiligen Chef »Herrn Seiler«.

Zu den reinen Wort-Sketchen kamen, das ist bei »Badesalz« Programm, die musikalischen: Die hinreißende‘ Italo-Pop-Satire »Sin kaa Breetsche da« — das hört sich ausgesprochen sehr italienisch an, heißt aber aus dem hessischen übersetzt »Es sind keine Brötchen da« — zum Beispiel, und eine für die Originale absolut vernichtende »Take That«-Parodie.

Ganz zum Schluss des regulären Programms besingt »Ridda« noch mit Publikumschor-Unterstützung die Vorzüge des »Bali-Mannes«.

Und dann kommen die Zugaben, natürlich. Die Marktplatz-Gäste sind hin und weg, und »Badesalz« freigiebig. Mit Hilfe einer echten Blaskapelle spielen sie ihre ureigene, sehr komische Version von »I Still Haven’t Found What I‘ m Looking For« von »U2« und ziehen mit dem bekannten »Black Or White«-Cover Michael Jackson durch den Kakao. Damit nicht genug: »Jawosammada«, dürfen die Reutlinger als afrikanisch klingender Chor noch durch die Nacht rufen — und als allerletzte Nummer bringen Nachtsheim und Knebel mit Unterstützung ihrer Blasmusikanten die Rap-Glosse »Jesu S.«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 13. August 1996