Backstreet Boys: Manche konnten nur noch weinen

Schon lange vor dem eigentlichen Konzertbeginn in der Eissporthalle sahen viele der blutjungen Fans aus, als hätten sie schon einen mehrstündigen Festivalmarathon hinter sich: Tomatenrote, überanstrengte und überhitzte Gesichter allerorten. »Das ist klar: Da haben viele die Nacht vorher nicht geschlafen, sind total im Psychostreß — und Popkonzerte überhaupt nicht gewohnt«, meinte einer vom Tour-»Bodenpersonal« der Backstreet Boys. »Daß die dann nach zwei Stunden in dem Gedränge‘ hyperventilieren, wundert keinen«.

Manche erlebten den pünktlichen Beginn der ersten Vorgruppe — das war das Duo »TNT« — da, wo sie gar nicht sein wollten: Außerhalb der Halle in freier Luft, ohne Sichtkontakt zur Bühne. Mit Passierschein durften sie später dann wieder rein in die Halle, die eigentlich ein Zelt ist.

Drinnen tobten und kreischten die teilweise kaum achtjährigen Fans schon bei »TNT« frenetisch: »Ihr seid ein Spitzen-Publikum«, wußte Tom, der eine der beiden tanzenden Sänger, die Reutlinger zu loben. Während die Masse dann immer mehr nach vorne drängte, installierten eifrige Hände der Feuerwehr im Ausgang an der Längsseite die grosse Windmaschine, die trotz grosser Leistung den Backofen nur wenig luftiger machen konnte. Die Eissporthalle hat nämlich nicht nur eine erbärmliche Akustik, es fehlen auch stabile Schutzgitter in Querrichtung sowie eine taugliche Belüftung.

Nach einer halben Stunde ging’s relativ nahtlos mit dem Technopop von »Casalla« weiter — und um 19.15 Uhr kam seitens der Tourneeleitung die Durchsage, die Feuerwehr möge doch bitte mit dem Bewässern der ersten Fanreihen aufhören — die Stromversorgung (die laut Angaben des Tourmanagers 70 000 Watt liefern mußte) sei in Gefahr. Zugelassene Stromverteiler sollten doch aber eigentlich spritzwasserfest sein.

Nicht genug des Chaos: Gut 20 Minuten lang bat ein Sprecher die Kids über Mikrofon mal sanft, mal bestimmender, zur Entzerrung des Gedränges doch »drei Schritte« zurückzugehen. Folgenlos. Erst als barsch und kategorisch das sofortige Konzert-Ende angedroht wurde, konnten die Fans ihre Begeisterung kurz drosseln.

Aber als Kevin, Brian, Nick, AJ und Howie — sie waren schon wochenlang vorher Gesprächsthema Nummer 1 in den Reutlinger Schulen — auf die spartanisch-futuristisch ausgestattete Bühne sprangen, war in der Halle wieder der Teufel los — und die unermüdlichen Einsatzkräfte des Roten Kreuzes zogen im Verbund mit der Polizei massenhaft Zusammengebrochene aus den Fanreihen.

Die fünf Shooting-Stars der Teenie-Popszene brachten im Verbund mit zwei Keyboardern. einem Schlagzeuger und einem Gitarristen eine exakt 80-minütige Show, die die Fans so begeisterte, daß manche nur noch weinen konnten. Und draussen um die Halle füllten sich die Krankenbahren, liessen immer mehr Lazarett-Atmosphäre aufkommen.

Adrett und frisch sahen die US-Boys in ihren modisch weiten Jeans und den satinierten, weissen Basketball-Hemden aus und sie sangen (fast) ohne Fehl und Tadel nonstop: Nach einem »Coolio«-Zitat zu Beginn kamen »I Wanna Be With You«, ein acapella-Teil, »If I Ever Fall In Love«, »Anywhere For You«, »At The Party«, »Boys Will Be Boys« — und dann ein Medley, bei dem die »Backstreet Boys« den Klassiker »How Deep Is Your Love« und das »Most Beautiful Girl« (von dem Mann, der früher mal als »Prince« bekannt war) recht ansprechend brachten. Mit Songs wie »I’ll Never Break Your Heart« gings weiter — und als die Gruppe gegen Ende ihre Megahits »Get Down« und »We’ve Got It Going On«, brachte, kannte die Fan-Ekstase kaum Grenzen.

Nach dem Konzert verschwanden die Teenie-Idole abgeschirmt sofort in ihren Bussen. Die waren, schnell umlagert — und den Fans wurden Autogrammkarten gereicht. Schnell waren die »Backstreet Boys« dann weg — »Thank You, Stuttgart«, riefen sie zum Abschied. Zurück blieb ein Verkehrschaos, das noch eine ganze Weile anhielt. Wie man hörte, sollen die Teenie-Idole danach im Maxodrom noch eine Weile Go-Kart gefahren sein. (mpg)