Bremer Geist: Kunstfertige Krach-Romantik

Internationale Avantgarde-Musik mit Beteiligung von Lokalgrößen präsentierten die »Nürtinger Jazztage ’96« am Dienstagabend in der Kreuzkirche. Knapp halbvoll war’s, als der klavierspielende Komponist Michael Rayher, Drummer Stephen Schuchardt, der italienische Cellist Davide Zaccaria sowie der polnische Bassist Helmut Nadolski ihre »Triotricks« unter dem Projektnamen »Bremer Geist« zeigten.

Avantgarde, wie gesagt — grundsätzlich schwierige Fälle. Ganz besonders, wenn wie hier geschehen — zweifelsfrei versierte Musiker mit quälender Konstanz Wohlklang nur deswegen aufbauen, damit sie ihn gleich danach wieder kaputtmachen können.

Das hatte was von kindlichen Sandkastenspielchen — und genau wie die waren die einzelnen Stücke, hatte man das Prinzip erst mal kapiert, weitgehend nur für die Akteure lustig.

In leicht steifer Atmosphäre musizierte zunächst Rayher mit dem Cellisten und dem Schlagzeuger zusammen. Schuchardt spielte gut, deckte aber leider mit seinem metrisch nicht allzu schrägen Powerplay die beiden anderen Instrumente — obwohl verstärkt — zu. Später, als Piano und Cello im Duo ein artifizielles Romantik-Klischee nach dem anderen ertönen ließen, war die Balance besser — die Musik halt aber inhaltlich auch nicht spannender.

An der Substanzlosigkeit — egal, ob krachig oder romantisch — änderte sich bei dem langen Konzertabend auch nach der Pause nichts. Da spielte dann mit Nadolski  – eine anerkannte Avantgarde-Größe seines Landes – statt Schuchardt mit den beiden anderen — aber auch er verlor sich in Pseudo-Romantik und jener allzu freien Art der Improvisation, die laut dem Piano-Star Wolfgang Dauner »zu allen Zeiten wohl nur von den Musikern selbst gemocht« wurde. Schade. (mpg)