Szene RT-TÜ: Rückblick 1994

Was sich 1993 als Trend abzeichnete, ist in diesem Jahr überdeutlich geworden: Immer weniger Besucher gehen auf immer mehr Konzerte. Viele Dates in der Region Reutlingen/Tübingen waren schlecht besucht.

Und so manche Rockband sagte für immer ade. Im Januar verabschiedete sich die Reutlinger Band »Hocus Pocus«. Die Oldie-Spezialisten sagten in der Kemmlerhalle und im Meidelstetter »Adler« tschüs. Und »Steppin‘ out« stellte sich in reduzierter Triobesetzung wieder vor die Fans. Im Februar gastierten die Weltmusiker von »Embryo« im 25. Jahr nach der Bandgründung mal wieder im Reutlinger »Kulturschock zelle« — und die legendäre »Haage-Crash-Band« feierte einen ganzen Abend lang im »Hades« ein feuchtes Revival. Die Tübinger Blues-Spezialisten von »Black Cat Bone« veröffentlichten mit Unterstützung des Sängers Chris Farlowe eine neue CD. Der Gitarrist Gino Samele organisierte nicht nur das ganze Jahr über die Jamsessions in der Reutlinger »Mitte«, sondern hatte dort auch einen bejubelten Auftritt mit dem Frankfurter Saxophonisten Tony Lakatos.

Das Trio »Sax On My Piano« präsentierte sich im März erstmals der Öffentlichkeit. Und Peter Görz kehrte nach fünf Jahren bei den Stuttgarter »Long Riders« zu seinen alten Bandkumpels der »Midlife Buddies« zurück. »Jill On The Hill«, eine der wenigen Reutlinger Gitarrenpopbands von überregionalem Format, präsentierte im April auf einer Stadtbus-Rundfahrt durch Reutlingen ihre zweite CD: »Notcoolhappy« wurde von Alex Köberlein produziert. Das »Jazzcafe Nepomuk« machte zum ersten Mal in diesem Jahr mit einem hervorragenden Konzert auf sich aufmerksam: Das Konzert von Shirley Anne Hofman und Sandra Coutinho war ein ganz besonderes.

Joshua Redman, der neue Sax-Stern am Jazzhimmel, gastierte Anfang Mai im Tübinger »Sudhaus«. Und der Tübinger Jazzkeller feierte in diesem Monat den Auftakt zu einem grossen Jubiläumsprogramm: Zehn Jahre alt wurde diese Veranstalter-Institution der Unistadt.

Die geplante Riesen-Reggae-Fete mit Aswad, Gregory Isaacs und den Wailers fiel im Mai buchstäblich ins Wasser; ins Tübinger SV03-Stadion fand nur ein Drittel der erwarteten Besucherzahl. Zufriedene Gesichter gab’s dagegen Anfang Juni bei der »Musikoffensive Reutlingen«: Mehr als 1 000 Fans pilgerten zum vierten »Danke Reutlingen Festival« in die »zelle«. Die Top-Neuigkeit in diesem Monat lautete: »Suabian Kick« spielt beim Trochtelfinger Festival. Hubert von Goisern und seine Alpinkatzen gaben ein überfülltes und begeisterndes Konzert in der Tübinger Mensa auf der Morgenstelle.

Der Juli begann mit einer zweitägigen Brasil-Fete auf dem Tübinger Marktplatz. Der »Zoo« schaffte es, drei hochkarätige Vertreter der »Musica popular brasileira« zu ihren ersten Deutschlandauftritten überhaupt nach Tübingen zu holen — der Auftritt des Stimmwunders Edson Cordeiro bleibt den Hörern sicher unvergeßlich. Tief berührt zeigte sich das Publikum drei Wochen später auf dem Reutlinger Marktplatz von der Bluesstimme Marla Glen. Sie war der Höhepunkt im ansonsten eher glanzlosen Programm des ersten »Färberei«-Festivals. Die Schwoba-Rocker von »Grachmusikoff« präsentierten auf ihrer neuen Maxi-CD melodiösen HipHop.

Ein Highlight im veranstaltungsarmen August war der Auftritt der Tübinger Jazz-Folk-Rocker des »Hölderlin Express« im »Kulturlaub« der Stadt. Ein anderer der der »Rattles«, der »Lords« und der perfekt und gefühlvoll kopierenden »Beatles Revival Band« im Gönninger Festzelt.

Der September begann mit furiosen Konzerten von »Bap«, der »Hooters« und »Element Of Crime« beim »12. Trochtelfinger Festival am Mägerkinger See«. Das ehrenamtlich organisierte Festival war musikalisch ein voller Erfolg, organisatorisch klappte alles prima. In der zweiten Monatshälfte machten Kathrin Jehnert und Co. zum ersten Mal im »Nepomuk« mit »Jazz For Fun« den »Mitte«-Session erfolgreich Konkurrenz.

Die regionale Formation »Jazz ’n‘ Samba« stellte sich im Oktober vor, »Eternal Light« aus Mössingen veröffentlichte eine CD. Der November brachte eine dampfende »Rhythm ’n‘ Blues«-Party sowie ein Ausnahmekonzert mit Fred Früh im »Foyer« Tübingen. »Gypsy Moth« gab auf der Alb das letzte Konzert. Im Dezember zeigte Aziza Mustafa Zadeh ihr hervorragendes pianistisches Können in Tübingen. Vor drei Tagen das letzte, allerdings traurige Ereignis dieses Jahres: »Jill On The Hill« spielte zum allerletzten Mal. (mpg)