Volker Illi: Die Form in der Form

»Ich bin heute wieder an einer Stelle, wo, ich schon einmal war — nur auf einer anderen Ebene«, sagt der vielseitig interessierte Reutlinger Künstler Volker Illi. In seiner Ausstellung »Zeichnung und andere Formen« bei Guth-Maas & Maas in der Planie gibt es in den unterschiedlichsten Arbeiten jede Menge Parallelen und Querbeziehungen zu entdecken.

Die Schau (noch bis 3. November zu sehen) zeigt Malerei, Collagen, Ready-Mades, Zeichnungen und Installationen des gebürtigen Heilbronners aus dem Zeitraum 1980 bis heute. Die frühesten Arbeiten — großformatige Landschaftsimpressionen in kräftigen Farben — stammen aus Illis Studienzeit an der Berliner Hochschule der Künste. Schon hier ist Illis Begeisterung fürs Medium Film, die Fotografie wie auch die Malerei zu spüren.

»Ich hab‘ irgendwann gemerkt, dass der Verzicht auf Farbe eine größere Konzentration auf die Form nach sich zieht«, sagt der 39jährige, der auch Lehraufträge an der Reutlinger Fachhochschule und der Nürtinger Jugendkunstschule hat. Als den »Endpunkt meiner Landschaftsmalerei« bezeichnet der Künstler die zunächst monumental wirkende Zeichnung »Totale«. Mit geringerem Abstand nimmt der Betrachter hier eine Vielzahl von Formen wahr — und innerhalb dieser Muster wieder neue Formen. Dem »Staudamm« liegt ein altes Foto vom Assuan-Staudamm zugrunde; im Wasser tummeln sich tausende minuziös aufgeklebter Kleinlebewesen.

Andere Arbeiten setzen sich mit der katholischen Kirche auseinander, mit der Differenz zwischen den »großartigen künstlerischen Leistungen und der schlimmen Geisteshaltung daneben«.

Eine Installation aus Küchenblechen, Kohlebehältern und Ofenrohren (»das hat alles mit Hitze und Feuer zu tun«) ist in einem dynamischen Bogen von tiefschwarz bis silbergrau angeordnet — und dient Illi, der immer wieder in der Galerie anzutreffen ist, als Sound-Maschine: Eine Vielzahl von ungewöhnlichen Klängen holt er aus dem Metall heraus.

»Mir entspricht es eher, mit kargem Material zu arbeiten, als zu klotzen«, meint Illi, der mit seinen Schülern in Performances so virtuos mit Licht und Schatten umgeht, »dass es einem das Hirn wegträgt«, wie Galerist Reinhold Maas meint. Den bisherigen Endpunkt der Entwicklung Illis zeigen drei auf den puren Schwarz-WeißKontrast reduzierte Kohlezeichnungen und die Installation der »Fraktalrechen«, bei der sich ebenfalls die Form in der Form findet: Der Stil des kleinen entspricht im Durchmesser den Zinken des nächstgrösseren.

»Auch in die Niederungen des Kunsthandwerks hab‘ ich mich herabgelassen«, meint Illi ironisch — und weist auf ungewöhnliche Arbeiten hin. Die Formen der »Scheiben« entstanden durch Pigmente, die sich durch die Spannung zwischen Wasser und Terpentin auf dem Papier in ungewöhnlichen Konstellationen angeordnet
haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 29. Oktober 1994