Die Tanten: Kabarett-Tanten kamen an

Eine Two-Women-Show mit Witz und Verve hatte die Reutlinger »Kleinkunstbühne im Rappen« anzubieten: Die in Bamberg beheimateten »Tanten« brachten im ausverkauften Kabarettkeller in wechselnden Szenen und 90 Minuten so ziemlich alles unter, was in die Schublade »Kleinkunst« fallen kann.

Zum Beispiel blödelten Heidi Friedrich und Anette Grabinger — die eine mit Kölner, die andere mit fränkischer Stimmfärbung — in Szenen mit dem »Tantenbesuch« hemmungslos herum. Mit viel Lust am überzeichnenden Mienenspiel skizzieren die beiden dabei aber — das Gekicher im Publikum zum Maßstab genommen — ein gut treffendes Bild der Wirklichkeit. »David Hasselhoff — das war doch ein Zeitgenosse Novalis«, sagt die Lehrerin, und ihre beziehungslos unglückliche Kollegin seufzt: »Coitus, ergo sum«.

Witziger da schon die Putzfimmel-Nummer (»Jetzt hab‘ ich doch schon seit drei Stunden nicht mehr die Klotürenklinke sagrotaniert«) oder die öffentliche Probe des Avantgarde-Stücks »Die Flasche — oder Macbeth trank nur Stilles Wasser« samt völlig überdrehter Regisseurin.

Zum Beispiel gab’s Bissiges zum Thema Kindsmisshandlung im harmlosen Gewand der Rotkäppchen-Story oder zum Organspende-Geschäft — und ätzend Scharfes: »Hier im Kölner Norden traut sich keiner mehr auf die Straße, seit ein Neger aus dem 5. Stock gefallen ist. Man könnte ja getroffen werden«, sagt eine Figur der »Tanten«.

Diese kunterbunte und nur selten bemüht wirkende Show kam auch mit viel Musik (»Mir san dia Nachtigallen vom Tellerjoch«), einer hinreißenden Tuchjonglage und sogar Steptanz daher. Die Zuschauer fühlten sich bestens unterhalten und erklatschten sich eine Zugabe.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 12. Oktober 1994