Wolfgang Dauner: „In Rente gehe ich nie“

Wolfgang Dauner, 58, zählt zu den besten europäischen Jazzpianisten. Ob solo, im Duo mit seinem Freund Albert Mangelsdorff, als Koordinator des »United Jazz & Rock Ensembles«, das am Sonntag in der Reutlinger »Färberei« auftritt, oder auch Partner von Konstantin Wecker — Dauners Spiel begeistert Freunde aller Musiksparten. Martin Gerner unterhielt sich mit dem Stuttgarter.

Worin liegt für Sie der Reiz der Duokonzerte mit Albert Mangelsdorff?

Abgesehen davon, dass ich den Albert als ganz großartigen Musiker einschätze, verstehen wir uns auch menschlich gut. Das ist ein wichtiger Punkt, zusammenzuspielen, sich gegenseitig zu unterstützen, dem anderen zu dienen. Jemand gut begleiten, das können nur wenige Leute. Ausserdem arbeitet Albert auch heute noch ständig an sich. Ich finde das grossartig, wenn jemand bis ins hohe Alter diese Power hat.

Sie beide hätten sich schon längst auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen können.

Das kommt bei mir nicht in Frage, in Rente gehe ich nicht. Ich bin Musiker, Musik interessiert mich — und ich kann jedem jungen Menschen nur wünschen, dass er den Beruf findet, wo’s ihm dann so gut geht wie mir.

Sie haben mal für Kinder die »Glotzmusik«- TV-Serie gemacht und das Kindermusical »Blubberbum«. Haben Sie heute kein Interesse mehr, für junge Hörer zu produzieren?

Nee, eigentlich nicht, weil ich selber genug mit mir zu tun habe. Ich hab‘ sehr lange an meiner neuen Soloplatte gearheitet, mit Gershwin, Ravel und meinen eigenen Stücken. Ausserdem bin ich keine 25 mehr, ich muss gucken, was ich für mich selbst noch auf die Reihe krieg‘. Stimmt: Ich hatte mal einen grossen Drang, für Kinder zu produzieren. Das wurde beim Süddeutschen Rundfunk aber mehr oder weniger abgewürgt.

Wie denken Sie heute über ihre Freejazz-Zeit?

Als ich mich im Freejazz in den Sechzigern mitengagiert habe, hat das eine inhaltliche Funktion gehabt, es ging darum, die musikalischen Reglements zu durchbrechen, sich nicht von einem musikalischen Diktat einengen zu lassen. Heute ist es anders bei mir. Die meisten Leute wissen überhaupt nicht, was ich alles an vorhandenen Klavierstücken spielen kann. Mir ist eine strukturierte Musik heute unter Umständen viel lieber, weil man damit für eine bestimmte musikalische Qualität garantieren kann, die beim Freejazz nicht möglich ist, weil es da keine Kriterien gibt. Free finden alle wunderbar, aber keiner weiß, warum. Wenn ich ein Stück mit gültigen Harmonien spiele — es können ja auch sehr schwere sein — weiss ich genau, ob ich das gut gespielt hahe oder nicht. Albert Mangelsdorff hat mal gesagt, Free zu spielen sei am einfachsten. Ich seh‘ das auch so. Das macht dem, der spielt, am meisten Spass – wahrscheinlich mehr als den Zuhörern.

Wie sehen Sie die Situation des Jazz-Nachwuchses?

Die Ausbildung ist heute viel besser als zu meiner Zeit, es gibt wahnsinnig viele gute junge Musiker. Das einzige Problem, das die alle haben, ist, einen originellen Sound zu finden, individuell zu sein. Früher, als die Instrumenten-Technik noch nicht so im Vordergrund stand, hat sich jeder alles selber beigebracht — und da kam die Originalität von alleine. Heute übt jeder seine Skalen . . . wir wären in den Fünfzigern froh darum gewesen. So musste sich jeder die Noten von Schallplatten abschreiben. Das hat auch sein Gutes gehabt.

Wie gehen Sie mit dem oft geäußerten Vorwurf um, das von Ihnen geleitete »UJ & RE« würde auf der Stelle treten?

Diese Vorwürfe kenn‘ ich ja alle seit Jahren. Das sind Kritiker, die uns genauso kreativen Stillstand vorwerfen wie das Gegenteil. Die kritisieren immer — am meisten deshalb, weil die meisten überhaupt keine Ahnung von Musik haben. Mit der Situation leb‘ ich seit dreissig Jahren. Das UJ & RE hat viele überlebt, die behauptet haben, wir seien nicht innovativ. Ausserdem behaupten wir doch gar nicht, dass wir die letzte Spitze der Avantgarde sind. Wir machen gute Musik, die einen originellen Charakter hat. (mpg)