Trochtelfinger Festival am See ’94: Kunstvolle Tristesse

Geahnt hatten es die Festivalmacher vom »Verein für kulturelle Arbeit in Trochtelfingen« schon lange vorher, am Sonntag war’s mit einem Blick ins Zelt klar: Die Luft war beim Publikum raus. Nur knapp 300 wollten den schwäbischen Songwriter »Blindboy« hören, das Duo »Locust Fudge« spielte gar vor höchstens 100 Hörern — und selbst zu den gerechtfertigt hoch gelobten »Element Of Crime« kamen zum Festivalabschluß lediglich rund 700 Fans an den Mägerkinger See.

Die erlebten ein Konzert, das anders war als alle anderen des dreitägigen Musikspektakels. Sänger Sven Regener, Richard Pappik, Paul Lukas und Jakob Ilja traten ganz und gar nicht laut auf, sondern schickten die Gäste beim »12. Trochtelfinger Festival« mit chansonhaften, fein ziselierten Songs nach Hause.

Die Texte der aktuellen Platte (»An einem Sonntag im April«) sind noch poetischer, noch hintergründiger als das, was man von den Berlinern bisher kannte. In Verbindung mit den luftigen Arrangements entstehen Hör-Bilder einer zutiefst melancholischen Grossstadt-Tristesse; die rauchige Stimme Sven Regeners passt ideal dazu. Für den Auftritt ernteten »Element Of Crime« — in der Vergangenheit regelmäßige Gäste der Reutlinger »zelle« — viel verdienten Applaus.

Der fiel für das Bielefelder Duo »Locust Fudge«, viel geringer aus: »Schneider« und »Uhe« nölten wie zwei Dylans zusammen, auch ihr Spiel auf akustischen wie elektrischen Klampfen war entsprechend. Nur: Wo der große Meister geniales Songmaterial interpretiert, ist bei den beiden nur langweilige musikalische Inhaltslosigkeit angesagt.

Ganz anders »Blindboy«. Auch hier war eine gewisse Ähnlichkeit mit Dylan festzumachen — aber im Gegensatz zu »Locust Fudge« stilisierten er, eine exzellente Geigerin und drei Herren an Schlagzeug, Baß und Saxophon, nicht musikalisches Versagen zur Kunst, sondern hatten im Folkrock-Idiom tatsächlich viel zu sagen. Diese Band wird mit Sicherheit den großen Durchbruch demnächst schaffen. (mpg)